EX LIBRIS
THE CooPrEr UnIoN
MUSEUM LIBRARY
THE GIFT OF
Wallerstein
HANDBÜCHER DER KÖNIG-
LICHEN MUSEEN ZU BERLIN
KUNSTGEWERBE-MUSEUM
ROBERT SCHMIDT
DAS GLAS
MIT 218 ABBILDUNGEN
BERLIN 1912 DRUCK UND VERLAG GEORG REIMER
A
Seite
Vorbemerkungen. were e a enera nen areas eenenane Be este ehe eine vu
I. Das Material und seine Bearbeitung.........rcccccueen I
Io Dası Glas ums Altertum ner en renden 7
Geschiehtlichernlüberbliek armer ae 7
lechnischersÜberblieke was ee. 10
Bearbeitung der Glasmasse in weichem, flüssigem Zustand IO
Plastische Gestaltung (Formen, Blasen, Pressen) .... IO
Farbige Dekoration in der Masse ................ IA
Dekoration des fertig geformten Glases .............. 18
BemalunsZunde Versoldunp rn 18
Plastische Verzierung der Oberfläche ............. 21
III. Das mittelalterliche Glas in Nordwesteuropa............. 29
IV as Wortentalisches Glaserei en: 35
Byzantinisches und sassanidisches Glas .............. 35
Neyptisches,, Glas 2. eg Seele Sata PAdlee ee 42
Fatimidische Kristall- und Glasschnittarbeiten. — Die
Hedwissgläsen er snemertes ante Selena 43
Das emaillierte Glas des 13. und 14. Jahrhunderts.... 47
Das orientalische Glas seit dem 15. Jahrhundeit...... 58
NARIDass;venezianischen Glas: 2. ee 61
Geschichtlicher Üperhlie era a 62
DiestonmalesRntwicklungg a en 66
Dies Riormengd ers Krilizeitee 66
DiiesKormenaderzBiütezeite en 71
DiiewHormenwders Spätzeiser 74
Dasstanbiger Glaser na. nl:
Einfarbieesu Glas sn an 7
Marmoriertes! Glas... vera re ne 79
Milehslassunde Opalslasısa ee 83
Nüllenerielase DT 85
PT ee 86
Die Emailgläser des ı5. und 16. Jahrhunderts........ 87
Eiinteralasmaleren.. 02 2. er Het e.. 97
Diamantgravierung........ ee een he 99
Radenslase sc ren Kanten a a a rer 100
Netzglas ....... ee a een 104
Dlasuschegkadenanflarene en en 106
Gekämmte Fadenauflagen.........2.2222.22.22.00 0. 107
Bislang ee gene ee ee 108
Zusammenstellung der wichtigsten älteren Quellen über
das venezianische, Glass. 2., . 220. ade nonanene 109
IV Inhalt.
Seite
VI Das Glas ne Venezianer Art. 2 15 de)
Italien... see ee ee 1Io
Altare 0... 0840.02 2 2er tee ee III
Die Niederlande... ......2... 22. see 112
ANEWEIDER See ee 112
Brüssel u... we Ne 113
Lüttich.) Ne... ee a 113
.. "Amsterdam wm. a. O. „2. ..2.2.222. 220222 116
Österreich und die Alpenländer .........ceeeneeeeeo 118
U ee oo oooc 118
Hall, in Wirol su. en een ae 118
Locamo nase ae ee RETTET 122
Deutschland und Skandinavien ...........2ccceec00n 122
Nürnberg: „eu see nee ee ee 122
Landshut... cs RT 123
München... es ve ee ee 124
Kassel a... ee ee ET 124
Köln ea ae ans ES 127
VERS RER 06000 128
Helsingör, Kopenhagen, Stockholm............... 128
Dessau. nn. 129
‚Berlin. o..n...n ee ee 129
VII. Das deutsche Glas 0 2. 00 ee ee 131
Die deutschen Glashütten vom Ende des Mittelalters an I31
Material und Sorten des deutschen Glases ........... 135
Die deutschen Fadengläser................o.o... 139
Die Formen des deutschen Glases vom 15.—17. Jahr-
hunderti.... Me N: 142
Einheimische@Rlonnenw re 142
Formen unter venezianischem Einfluß............. 154
Diendeutschena Emarlslasersr Sa 157
1.2 Dier Darstellungene 2.12 eg 158
2. Die Heimat der Emailgläser .................. 169
Bayrischer Wald... .2.2...222.2. 000 0 Se 170
Böhmen-Schlesien eg 172
Franken (Kreußen und Fichtelgebirge)......... 180
Thüringen... 22. ee 188
Hessen v.,.1.1..0.1:0u0leuensnet Arensenalene le EEE 189
SACHSEN). eich stechen ee ee ET EE 192
Brandenburg... .... 2. 2.00 ee ee see Perg gegegege 203
Gläser mit Schwarzlotmalerei (Schapergläser) ......... 208
Gläser mit durchsichtiger Emailmalerei (Mohngläser)... 212
Gläser mit kalter Malerei und Vergoldung ........... 213
Gerissene (mit dem Diamant gravierte) Gläser ........ 217
DEeraGlasschwittg gr SE 222
Der Kıistallschnitt als Vorläufer ................. 222
Caspar Lehmann und die Anfänge des Glasschnitts 223
Der Nürnberger Glasschnitt im 17. Jahrhundert ..... 227
Die Familie Schwanhardt ...............cee0. 227
Die übrigen Nürnberger Glasschneider......... 238
Der Frankfurter Glasschnitt im 17. Jahrhundert .... 243
Böhmengunds Schlesien ee re 246
Die frühen Arbeiten des 17. Jahrhunderts...... 246
Inhalt. V
Seite
Dies Blütezeitz(e3o 250
Denuschliiit zer een ee he 250
Der Hochschnitt in Schlesien.............. 250
Werslieischnittäes vs ee res 256
Erste Periode (ca. 1680— 1725). Vorherr-
schattaBöhmenseer re 256
Zweite Periode (ca. 1725—1750). Vorherr-
SchatteSchlestenser 272
Dritte Periode (ca. 1750—1775). Das
Rokoko 283
DiesSpätzeitgwonwr san 291
Banden Dumegege ne ea. 294
Geschichtlicher Überblick..................... 294
Grimnitz und Marienwalde................. 294
Botsdamery. nee are anhaneneeergledene ee 295
Rechner ee seen 299
Urkundliches über Glasschnitt und Glasschneider 300
Formen und Schnittdekor der Potsdam-Zechliner
Gläsern ee. ee een se ea 305
ı. Periode (bis zum Tode Friedrichs I., 1713) 305
2 Berioden (biszcaman 700) 314
a3Beriodes (von 17608an) ee 324
Das Rubinglas und andere Farbengläser ....... 324
Nürnberg und Thüringen im 18. Jahrhundert...... 328
SaICH SC TONER ee er ee ee enter 387
IESSEH ee rest Genen dlene ee 343
BILAUNSCHWEION “00 Assmann nennen 347
Belsiensumndg Hollandeprsg ee 350
Doppelsläsennn ne esse ee ee ehe ee che ee 352
Dyyischensoldsläsensey re 354
Nildwerslasch ee 356
Neliersoldsläsere. rn ee nee ehene 358
VIII. Das gerissene und punktierte holländische Glas.......... 360
BO D.asyspänische) Glas nn en ee eenereasgerennee 367
I Daswiranzasischen@laser ww een 371
IE Daseenplischer Glaseer nee ensure nee arnelee 377
RIP Daszchinesische Glas an ee ee nenne 381
SER ee a ee ee 385
Le a RER 392
REIN og N RE 394
lisa
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I
Vorbemerkung.
ies Buch will nicht nur ein Führer durch die Glassamm-
lung des Berliner Kunstgewerbemuseums sein, sondern
es will zugleich über das gesamte Gebiet des künstlerischen
Hohlglases nach dem heutigen Stand der Wissenschaft
orientieren. Ganz ausgeschlossen von der Betrachtung
sind die Glasgemälde, die in einer besonderen Publikation
des Museums eine Würdigung erfahren werden. Ein Anschluß
an den Bestand der Sammlung ist nur insofern beabsichtigt
und durchgeführt worden, als über das antike, frühmittel-
alterliche und orientalische Glas, ebenso wie über das Glas
von Spanien, Frankreich und England, das mit wenigen oder
keinen Proben im Museum vertreten ist, nur ein kurzer Über-
blick gegeben wurde, während das venezianische und be-
sonders das deutsche Glas eine ausführlichere Behandlung
fand, — der Reichhaltigkeit und hohen Qualität dieser
Teile der Sammlung entsprechend. Diese setzt sich in der
Hauptsache aus Beständen der Kgl. Kunstkammer sowie
aus den 1869 und 1872 angekauften Sammlungen Minutoli
(Liegnitz) und Guastalla (Venedig) zusammen und wurde
seitdem durch viele Neuerwerbungen bereichert. Daß das
brandenburgische Glas und seine Geschichte relativ ein-
gehend behandelt worden ist, wird durch den Charakter
des Buches als Handbuch gerade der Berliner Museen gerecht-
fertigt erscheinen.
Um ein möglichst klares Bild der Entwicklung zu geben,
mußten häufig Gläser anderer Sammlungen mit heran-
gezogen werden. Es sind dabei aber fast nur die allgemein
zugänglichen Sammlungen der deutschen und der bedeuten-
deren ausländischen Museen berücksichtigt worden; auf
Privatsammlungen wurde nur verwiesen, wo es unumgänglich
notwendig ‘erschien. So wird sich eine Nachprüfung der
Darstellung, die mit dem Ende der historischen Stilarten
schließt, leicht ermöglichen lassen.
VIII Vorbemerkung.
Besonderer Wert wurde auf ein reiches Abbildungs-
material gelegt. Außerdem nimmt der Text mehrfach Bezug
auf Abbildungen in Werken, die in jeder Fachbibliothek
einzusehen sind, wie die Werke von Dillon, Pazaurek, das
27. Vorbilderheft des Kgl. Künstgewerbemuseums und
mehrere Auktionskataloge. Im übrigen sei auf die S. 392
und in den Anmerkungen angeführte Literatur verwiesen.
Die Abrollungen geschnittener Gläser sind nach dem
von Dr. H. H. Josten in »Museumskunde« Bd. VI S. 180
publizierten Verfahren hergestellt worden. — Eine beträcht-
liche Menge von Abbildungen beruhen auf Aufnahmen von
Dr. F. Stödtner, Berlin.
I. Das Material und seine Bearbeitung.
as Glas besteht in der Hauptsache aus einer Ver-
DE@ngelumtsENo ne Raneisze lsänın es und Zeiniem
Alkali (Kali oder Natron). Diese Bestandteile ergeben, in
hoher Temperatur geschmolzen, eine dickflüssige Masse, die
beim Erkalten allmählich aus dem zähflüssigen in den starren
Zustand übergeht. Die Zusammensetzung der Rohstoffe war
von jeher großen Schwankungen unterworfen. Zur Be-
reitung der Kieselsäure wurde meist möglichst reiner, eisen-
freier Sand benutzt, der durch Kalzinieren und Abschrek-
ken in Wasser mürbe gemacht und zerstampft wurde; ferner
fand, je nach der Lage der Glashütte, Feuerstein (engl. flint)
und Quarz Verwendung. Das notwendige Kali besteht aus
Pottasche, d.h. aus ausgelaugter Holzasche; bevorzugt
wurde stets die Buchenasche. Das Natron wird, unter dem
Namen Soda, ausder Asche von Strandpflanzen gewonnen.
Je nach der Verwendung dieser beiden alkalischen Bestand-
teile sind zwei große Gebiete innerhalb der Glasfabrikation
zu unterscheiden; Während man in waldreichen Ländern,
also besonders in Deutschland, fast ausschließlich Kaliglas
hergestellt hat, herrschte in Küstenländern (Ägypten, Syrien,
Spanien und in Venedig) naturgemäß das Natronglas. Die
Soda (Rocchetta, Salicor) war, als kostbares, geheimgehalte-
nes Produkt, seit dem Mittelalter ein vielbegehrter Ausfuhr-
artikel besonders Äeyptens und Spaniens (Alicante). Ab-
gesehen von mehreren teils zufälligen, teils absichtlichen Zu-
sätzen wie Weinsteinsäure, Salpeter usw. waren die Kiesel-
säure und eins dieser beiden Alkalien die Hauptbestandteile
der bis zum 17. Jahrhundert verarbeiteten Glasmasse. Kalk,
besonders in Form von Kreide, wurde erst seit dieser Zeit
in erheblicher Menge zugesetzt; der Erfolg war eine größere
Klarheit und Reinheit der Masse, wie sie am besten in dem
böhmischen sogenannten Kristallglas zum Ausdruck kommt,
das um dieser Eigenschaften willen sehr rasch den Weltmarkt
eroberte. Der Zusatz von Blei, eine englische Erfindung des
17. Jahrhunderts, erhöht diese Vorzüge der Masse noch wesent-
Schmidt, Glas, I
2 Das Material und seine Bearbeitung.
lich, verbindet damit außerdem ein hohes Lichtbrechungs-
vermögen, starken Glanz sowie einen vollen Klang, hat aber
eine Gewichtsvermehrung und Härteverminderung zur Folge.
Eine große Rolle haben von jeherdie Entfärbungs-
mittel, diesogenannten Glasmacherseifen, gespielt. Selten
nämlich kommen die nötigen Substanzen in reinem Zustande
vor; besonders verhindern die gewöhnlich im Sande befind-
lichen Eisenbestandteile eine völlige Farblosigkeit der Masse.
Zur Entfärbung, d. h. zur Paralysierung derartiger Unreinlich-
keiten, haben sich am besten Braunstein und Arsenik bewährt.
Zur. Herstelluner Karbiızen GG lasssessdrenen
in der Hauptsache Metalloxyde. Kobaltoxyd ergibt blaues,
Kupferoxyd grünes und rotes, Chromoxyd gelbgrünes Glas;
Zinnoxyd macht das Glas undurchsichtig und weiß; durch
Goldzusatz wird das rote Rubinglas gewonnen usw. Je nach
der Quantität der Oxyde, ihrer Mischung, Temperatur und
Zeitdauer der Erhitzung fällt die Färbung verschieden aus,
so daß man mit einem Metall verschiedene Farben herstellen
kann. Den Hauptinhalt aller erhaltenen Glasmachertraktate
bis ins 18. Jahrhundert hinein bilden derartige Rezepte zur
Färbung des Glases, auf die schon deshalb ein besonderer
Wert gelegt wurde, weil die Erzielung möglichst guter Edel-
steinnachahmungen Gegenstand beständigen Strebens war.
Neben den genannten Rohmaterialien gehört schließlich
noch zur Herstellung einer guten, leichtschmelzenden Masse
ein starker Prozentsatz alter Glasbrocken. Antike Glas-
scherben waren bereits von den mittelalterlichen Glasarbeitern
sehr gesucht; ferner bildet die Einfuhr von Bruchglas schon
im 13. Jahrhundert Gegenstand eines Vertrages zwischen
Venedig und Antiochia (s. S. 62), und in der Geschichte
vieler Glashütten hat die Beschaffung dieses Altmaterials
eine wichtige Rolle gespielt.
Entscheidend für die Anlage jeder Hütte aber war die
Holzfrage. Neben der Pottaschenbereitung verschlang
die Feuerung eine gewaltige Holzmenge; daher sind wald-
reiche Gegenden immer von den Glasmachern bevorzugt
worden. So bestanden in Deutschland in den Waldgebirgen
des Spessart, im Bayrischen Wald, im Erz-, Fichtel- und
Riesengebirge die meisten Hütten; in andere holzreiche Ge-
biete, wie z. B. die Mark Brandenburg, wurden die Glas-
macher direkt aus volkswirtschaftlichen Gründen berufen,
um die Holzbestände industriell verwerten zu können. Aus
der mangelhaften Forstwirtschaft früherer Tage erklärt sich
dann aber auch das ewige Wandern der Ofen: war der Wald-
komplex in der Nähe der Hütte aufgebraucht, so wurde sie
weiter in noch unberührte Bestände verlegt. Im 18. Jahr-
hundert war jedoch der starke Holzverbrauch auch Grund
Die Glasöfen. Das Blasen. 3
zur behördlichen Niederlegung mancher Hütte. So mußte
die Potsdamer Glashütte die Arbeit einstellen, weil der Forst-
fiskus zur Lieferung des nötigen Brennholzes ohne allzu
sroße Verwüstung der Wälder nicht mehr imstande war. Ein
gewaltiger Umschwung trat erst ein, als man gelernt hatte,
die Steinkohle als Feuerungsmaterial zu verwenden. In
England schon seit Beginn des 17. Jahrhunderts in Gebrauch,
hat sich diese wichtige Neuerung in Deutschland erst spät
im 18. Jahrhundert eingebürgert, namentlich infolge der Be-
mühungen des preußischen Ministers v. Schlabrendorf.
Breiten Raum nehmen in allen alten Traktaten die Vor-
schriften über de Anlage der Öfen ein, deren Details
hier füglich übergangen werden können. Jede Hütte muß
mindestens zwei, am besten drei gemauerte Öfen besitzen.
Im ersten wird die Fritte bereitet, d.h. die Rohstoffe ge-
schmolzen und gereinigt. Der zweite ist der eigentliche Ar-
beits- oder Werkofen, in dem die gebrauchsfertige Glasmasse
in einzelnen Tonhäfen steht und durch Löcher in der Wandung
zur Bearbeitung herausgenommen wird. Der dritte Ofen ist
der Kühlofen, in dem bei mäßigerem Feuer die allmähliche
Abkühlung der fertigen Waren vor sich geht. Diese lang-
same Abkühlung ist notwendig, da ein schneller Temperatur-
wechsel das Glas spröde und deshalb zum Gebrauch un-
tauglich machen würde. Häufig jedoch war der Frittofen
mit einem der beiden anderenOfen vereinigt. Über das Aus-
sehen einer deutschen Glashütte des 16. Jahrhunderts orien-
tiert gut der in Abb. ı wiedergegebene Holzschnitt aus
Agricolas „De re metallica« (Basel 1556, S. 470).
Bei der Herstellung von Hohlglas kommt in erster Linie
das Blasen in Betracht. Man bedient sich dazu eines
etwa I, m langen Eisenrohres, der »Pfeife« Diese wird
mit dem einen, knopfförmigen Ende in die zähflüssige Glas-
masse getaucht, von der ein gewisses Quantum an ihr hängen
bleibt. Bläst man nun vom andern Ende her durch die Pfeife
gegen die daranhängende Glasmasse, so bildet sich in dieser
ein blasenförmiger Hohlraum, der sich erweitert, je mehr Luft
hineingeblasen wird. Naturgemäß wird die Wandung der
Blase dabei immer dünner. Durch Schwingen, durch Auf-
setzen undRollen auf dem »Marmor« (einer flachen Marmor-
platte) oder auch auf den Armen eines Armstuhles, in dem
der Glasbläser sitzt, sowie durch Behandeln mit mehreren
einfachen Instrumenten kann der Blase nun jede beliebige
Form gegeben werden. Will man etwa eine Flasche her-
stellen, so wird das untere Ende der langgezogenen Blase,
das den Boden bilden soll, »eingestochen«, d.h. der Boden
wird mittels eines stumpfen Eisens nach innen eingedrückt.
In der so entstandenen Vertiefung wird das »Hefteisen«
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Das Material und seine Bearbeitung.
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Abb. 1. Deutsche Glashütte des 16. Jahrh. — Nach Agricola: „De re metallica“.
(Basel 1556.)
Das Blasen. Der farbige Dekor. 5
durch einen Tropfen flüssigen Glases befestigt. Durch einen
Tropfen Wasser und einen kurzen Schlag wird sodann die
auf dem Hefteisen aufsitzende Flasche von der Pfeife los-
getrennt und der Flaschenhals durch Umschmelzen eines
Glasfadens oder auf andere Weise in die gewünschte Form
gebracht. Ein weiterer leichter Schlag genügt, um die fertige
Flasche auch von dem Hefteisen loszutrennen. — Zur Her-
stellung eines Stengelglases wird an das untere Ende einer
Blase eine QuantitätGlas angeschweißt, aus der unter fort-
währendem Rotieren der Pfeife vermittelst einer Zange der
Schaft ausgearbeitet wird. Inzwischen hat ein anderer Ar-
beiter eine kleine Blase gefertigt, die nun an das untere Ende
des Schaftes angeschweißt und von ihrer Pfeife abgesprengt
wird. Die Zentrifugalkraft sowie die Nachhilfe des »Auf-
treibeisens« bewirkt bei fortwährender Rotation, daß diese
kleine Blase sich aufweitet und zu einer mehr oder weniger
flachen Scheibe abplattet, deren Rand mit der Schere
nachgearbeitet wird. Unter dem so entstandenen Fuße wird
nun wiederum das Hefteisen befestigt, worauf die große, den
Glaskelch bildende Blase von der Pfeife abgesprengt wird.
Mit dem Auftreibeisen weitet man die Blase auf und formt
die Kelchwände nach Belieben mit dem »Plätteisen« Der
Lippenrand des Glases wird endlich mit der Schere beschnitten
und rund geschmolzen. Sodann sprengt man das Glas vom
Hefteisen ab. Bei all diesen Manipulationen ist ein häufig
wiederholtes Anwärmen der Arbeitsstücke notwendig.
Bestimmte Formen kann man dem Glas weiter dadurch
geben, daß man die Blasein Hohlformen aus Ton oder
Metall hineinbläst, oder z. B. bei dickwandigen Schalen da-
durch, daß man die Glasmasse von innen her gegen die Wan-
dungen derartiger Hohlformen preßt.
Bregrbioren Dieslgordart Korn ı na drerr Meansısre stellt
man her durch regelloses oder regelmäßiges Mischen ver-
schiedenfarbiger Glasmassen (laminiertes Glas, Fadenglas,
Millefioriglas; — genauere Beschreibung der Techniken in den
besonderen Abschnitten über diese Glasarten—) sowie durch
Einpressen farbiger Glasfäden in die noch weiche Oberfläche
eines Gefäßes. Nachträglicher farbiger Dekor der
Oberfläche wird erzielt durch Bemalen mit kalten
Farben, durch Einbrennen aufgemalter Emailfarben und
duzehaV/ezeolden- 1 ya bis: es plraysser sehte rn Dleikot
durch Aufschmelzen von Fäden, Knöpfen, Perlen usw.
Das Hauptgebiet der nachträglichen plastischen Ver-
zierung des fertigen Gefäßes endlich liegt in der Arbeit des
Schleifens und Schneidens, zu der man noch
das Reißen mit dem Diamanten und das Ein-
hämmern kleiner Punkte mittels einer spitzen Nadel, das
6 Das Material und seine Bearbeitung.
sogenannte » Punktieren« oder »Stippen«, rechnen
ag.
Schließlich können Verzierungen in das Glas auch ein -
geätzt werden.
Schleifen und Schneiden geschieht im Grunde
durch die gleiche Manipulation. Durch Anhalten des Glases
an eine in schneller Rotierung befindliche Metallscheibe
(»Rad«) werden Teile der Oberfläche abgearbeitet. Die
gröbere Arbeit, bei der nur größere Stücke von einfachem
Umriß entfernt werden, nennt man Schliff. Er wird an ver-
hältnismäßig großen eisernen Scheiben ausgeführt; die
Schleifmaschine heißt das »Zeug« (Abb. bei v. Czihak S. 137).
Die Arbeit des Schleifers besteht in der Hauptsache im
Glätten unebener Stellen, z. B. des Pfeifen- bzw. Hefteisen-
ansatzes (der »Kappe«) unter dem Fuß, ım Facettieren und
im Einschneiden kugeliger, oliv- oder lanzettförmiger und
anderer Verzierungen; also in ziemlich groben mechanischen
Arbeiten, die keine künstlerischen Qualitäten benötigen.
Dagegen verlangt die auf demselben technischen Prinzip
beruhende Arbeit des Glasschnitts eine gewisse künstlerische
Befähigung. Der Glasschneider oder Glasgraveur hat in
die Wandungen der Glasgefäße ornamentale und figürliche
Darstellungen, Schriften, Wappen, Landschaften und der-
gleichen einzuschneiden. Sein Handwerkszeug, die Schneid-
bank, ist nichts weiter wie ein verfeinertes Schleifzeug, an
dem nur, statt der großen eisernen, eine kleine kupferne
Scheibe sich dreht, gegen die das Glas angedrückt wird
(Abb. beiv. Czihak S. 138). Als Schleifpulver dient Schmirgel.
Für die verschiedene Größe der einzuschneidenden Stellen
werden verschieden große Scheiben gebraucht, und in deren
richtiger Verwendung besteht die technische Geschicklichkeit
des Arbeiters. Die Ausführung von Ornament und sonstigen
Darstellungen ist natürlich von seiner künstlerischen Be-
gabung abhängig. Schliff und Schnitt beläßt man entweder
in der durch das Schleifzeug hervorgerufenen Rauheit und
Mattheit der Oberfläche oder man poliert die Stellen unter
Verwendung von Blei-, Zinn- oder Holzscheibchen wieder
blank (»Blankschnitt«).
Alle hier nicht näher erörterten Techniken werden ın
den betreffenden Abschnitten der geschichtlichen Darstellung
eingehende Behandlung finden.
Il. Das Glas im Altertum.
Geschichtlicher Überblick.
eit und Ort der Erfindung des Glases sind nicht nachzu-
weisen. Mit hinreichender Sicherheit ist nur die aus dem
Altertum überlieferte Erzählung von der Erfindung des Glases
durch phönizische Kaufleute an der syrischen Küste als Anek-
dote abzulehnen und der Erfinderruhm den Ägyptern
zuzuerkennen. Die ältesten ägyptischen Glaserzeugnisse ent-
stammen dem vierten vorchristlichen Jahrtausend, und zwar
sind es noch keine Gefäße, sondern Pasten aus meist undurch-
sichtigem, farbigem Glase, die zu Perlen, Amuletten und
andern Schmuckstücken verarbeitet wurden. Die chemische
Zusammensetzung dieser Pasten ist die gleiche wie beim
heutigen Glase, nur erscheinen die Farben unrein, weil man
die metallischen Beimischungen noch nicht herauszuziehen
verstand.
Datierbare Glas gefäße tauchen seit etwa 1500 v. Chr.
(18. Dynastie) auf. Den Anfang machen zwei kleine Vasen
mit dem Namen des Königs Tutmosis III. (London und
München), die zugleich die Hauptverzierungsart der vor-
christlichen Gläser, die bunte Fadeneinlage auf opak-farbigem
Grunde, zeigen. Reste von Glaswerkstätten sind an ver-
schiedenen Orten (Tell el Amarna, Theben, El Kab, Ach-
munein) aufgedeckt worden, vor allem aber war von Bedeutung
die starke Glasindustrie von Alexandrien, das bis in die
römische Kaiserzeit hinein den Weltmarkt fast unumschränkt
beherrschte und seine Luxuswaren und Gebrauchsmassen -
artikel bis in die entferntesten Länder vertrieb. Assyrien
und Persien deckten ihren Bedarf durch ägyptischen
Imponsesde tes vzortidles ars rasen esschheesnu Ke üesitlemelr enge
der konnten keine wirksame Konkurrenz machen, waren
ganz von den alexandrinischen Vorbildern abhängig und be-
schränkten sich — wenigstens Phönizien — hauptsächlich
auf den überseeischen Handel. Mit Sicherheit sind für diese
Länder überhaupt erst seit der Kaiserzeit Glashütten nach-
zuweisen, die dann allerdings einen langen Bestand gehabt
g Das Glas im Altertum.
haben; so wurde in Tyrus noch im 12. Jahrhundert Glas
hergestellt.
In Griechenland, dem klassischen ande der
Tongefäßbildnerei, hat die Glasfabrikation keinen festen Fuß
gefaßt. In Mykene gefundene Wandeinlagen sind ägyptischen
Ursprungs; in der Blütezeit der griechischen Kunst wurden
zwar — jedenfalls im Lande gefertigte — Besatzstücke für
Architekturteile verwendet, Glasgefäße aber sınd in Griechen-
land nicht gearbeitet worden, abgesehen von Werkstätten
auf Lesbos und Rhodos, die vermutlich im 4. Jahrhundert
v. Chr. von Ägypten aus gegründet wurden. Erst in der
römischen Periode befaßten sich Griechen (oder gräzisierte
Orientalen) in Kleinasien und Alexandria mit der Glasbläserei.
Das war die Zeit, als die Vasenmalerei ihrem gänzlichen Ver-
fall entgegenging und der orientalische Einfluß sich auszu-
breiten begann.
In Italien waren es zuerst die Etrusker, die, dank
ihrer lebhaften Handelsverbindungen mit Ägypten, von dort
her das Glas bezogen. Die Römer scheinen es verhältnis-
mäßig spät kennen gelernt zu haben (die erste literarische
Erwähnung bei Cicero, Rede pro Rabiro Postumo, 54 v. Chr.),
wurden dann aber, nach der Eroberung Ägyptens, mit großen
Mengen der alexandrinischen Erzeugnisse überschwemmt,
so daß die Preise der bis dahin sehr geschätzten Waren er-
heblich sanken. Dann aber wurde in augusteischer Zeit, als
man an der Mündung des Volturnus ein brauchbares Sand-
lager entdeckt hatte, hier, an der Küste zwischen Cumae
und Liternum, mit Hilfe alexandrinischer Arbeiter die Glas-
fabrikation begonnen. In Puteoli entstand ein eigenes Glas-
macherquartier (der »clivus vitrearius«), und in Rom, wo
14 n. Chr. an der Porta Cassena Glaswerkstätten gegründet
wurden, war wenige Jahrzehnte später der Betrieb bereits
zunftmäßig ausgestaltet. Die Namen mehrerer römischer
und pompejanischer Glasmacher sind auf uns gekommen.
Zur Zeit des Plinius waren gläserne Trinkgeschirre im allge-
meinen Gebrauch; die campanischen Hütten lieferten neben
den einfachsten Sorten auch wertvolle Luxusgläser, aber
immer noch standen die alexandrinischen Arbeiten im Kurs
am höchsten. Unter Alexander Severus (222—235), als die
römischen Glasmacher ihre Werkstätten auf dem Mons
Coelius hatten, wurde das Glas mit einer hohen Steuer belegt,
die erst im 4. Jahrhundert durch Konstantin den Großen
wieder aufgehoben wurde, der zugleich die Glasbläser (vitri-
arıi) und die Glasschleifer und -schneider (diatretarii) den
Künstlern und Goldschmieden gleichstellte.
Nach Plinius wurden in den ersten Jahrzehnten der
Kaiserzeit auch in Spanien und Portugal Gas-
Geschichtlicher Überblick, 9
hütten angelegt, wahrscheinlich von Campanien aus. Der
Hauptplatz scheint, nach den Funden zu schließen, Taracco
gewesen zu sein. Die Industrie war jedoch nicht sehr in-
tensiv; am Ende des Mittelalters waren orientalische An-
regungen nötig, um die Werkstätten im Lande zu neuer
Leistungsfähigkeit zu erheben.
Im I. Jahrhundert n. Chr. wird die Glasfabrikation auch
in Gallien eingeführt; sie macht sich bald selbständig
und entwickelt sich sehr rasch zu solcher Blüte, daß sie am
Ende des 2. und im 3. Jahrh. die italische überflügelt, ja sogar
in schärfste Konkurrenz zu Alexandrien und Syrien tritt.
Die Hauptbetriebe bestanden im nördlichen Gallien und
Belgien, so in Boulogne, Amiens, Rheims, Vermand und
Namur; das Schwergewicht der Fabrikation lag in der Ge-
brauchsware. Auch in England wurden seit dem
Ende des I. Jahrhundert Hütten errichtet, deren Erzeug-
nisse von gleicher Art wie die gallischen waren. Von
viel größerer Bedeutung war die Verpflanzung der In-
dustrie nach dm Rheinlande. Die Vermittlung
von Gallien her scheint Trier übernommen zu haben,
und während des 2. Jahrh. bleiben die rheinischen
Glashütten stets in enger Fühlung mit den gallischen und
belgischen. Dann aber beginnt im 2. und 3. Jahrh. ein großer
Aufschwung, wobei Köln an die Spitze trıtt und die un-
bestrittene Führung während der beiden folgenden Jahr-
hunderte behält. Der Boden Kölns ist der ergiebigste an
Glasfunden diesseits der Alpen; in ausgedehnten Grabiteldern,
die die alten Heerstraßen vor den Toren der Stadt begleiteten,
sind sehr große Mengen von Gläsern zum Vorschein gekommen,
die der Zeit der Römerherrschaft bis etwa zum Ende des
4. Jahrh. angehören. Außer den kölnischen haben auch die
Gräberfelder von Andernach, Xanten, Gelsdorf, Remagen,
u.a. reiche Funde geliefert; Reste von Werkstätten sind in
Köln, in der Hochmark (Eifel), bei Trier, bei Worms und
an der Nahe aufgedeckt worden.
Im 5. Jahrh. setzt — auf der ganzen Linie — der Verfall
ein; die Formen der Gläser werden schlecht, die Farben unrein,
die Verzierung roh und derb. Der durch die Völkerwanderung
verursachte Zusammenbruch des römischen Reiches hatte
eine Zertrümmerung der gesamten Kultur zur Folge; mit
allen andern gewerblichen Künsten wurde auch die Glaskunst
auf ein denkbar niedriges Niveau herabgedrückt.
Io Das Glas im Altertum.
Abb. 2. Ägyptische Balsamarien mit gekämmten bunten Fadeneinlagen. (Berlin,
; Antiquarium.)
Technischer Überblick.
Die Bearbeitung der Glasmasse in weichem, flüssigem
Zustand.
Plastische Gestaltung (Formen, Blasen, Pressen).
Zwei Perioden sind in der Geschichte der antiken Glas-
kunst zu unterscheiden, die ziemlich genau zu Beginn der
christlichen Zeitrechnung zusammenstoßen. Den Markstein
bildet die epochemachende Erfindung der Glas-
bläserei, die etwa in der Regierungszeit des Augustus,
und zwar vermutlich in Sidon, gemacht wurde. Bis dahin
ging die Herstellung von Gefäßen nur in der Weise vor sich,
daß man die zähflüssige Glasmasse, die Paste, aus freier Hand
über einem Tonkern modellierte. Die Mehrzahl dieser frei-
händig geformten ‚fast ausschließlich ägyptischen Ge-
fäße war von sehr kleinen Dimensionen, da sie zum größten
Teile nur als Behälter von Salben und wohlriechenden Es-
senzen dienten. Die Formen dieser Balsamarien sind nicht
sehr mannigfaltig und meist in Nachahmung älterer Gefäße
aus Stein und glasiertem Ton entstanden. So deutet ihr
Name »Alabastron« direkt auf die Ableitung von älteren
Alabastergefäßen hin. Die beliebtesten Arten sind röhren-
förmige oder kugelbauchige Fläschchen sowie Amphoren mit
kleiner Fußplatte oder spitzer Endigung. Am Halse wurden
ein oder zwei kleine Henkel zum Durchziehen einer Schnur
angebracht. Die typische Verzierung dieser Salbenfläschchen,
Plastische Gestaltung. 11
die als Totenbeigaben in unzähligen Exemplaren erhalten
sind, besteht in Einlagen bunter Fäden (Abb. 2). Dieser
Schmuck war um 1400 v.Chr. bereits voll ausgebildet. —
Sehr bedeutend war daneben die Fabrikation farbiger Perlen
mit gleichen Einlagen, als Handelsartikel für die ganze be-
kannte antike Welt.
Charakteristisch für alle diese Arbeiten ist die intensive
Farbigkeit der meist undurchsichtigen Masse. Der Wunsch,
das Glas zu entfärben, wurde erst dringend, als man nach
Erfindung der Pfeife ganz dünnwandige Gefäße herzustellen
vermochte Diessimühestene geb | asenren Gefäße, die
sogenannten sidonischen Reliefgläser, sind noch aus farbi-
ger Masse hergestellt; dann aber lernte man, vermutlich
in Alexandrien, die färbenden Eisenoxyde durch Bei-
mischung von Braunstein mit Frfolg zu paralysieren.
Die Formen der geblasenen Gläser sind von großer
Mannigfaltigkeit. Zum Teil sind sie abhängig von den klassi-
schen Formen der bis dahin fast allein verwendeten Ton-
gefäße, zum Teil aber haben auch die Technik und die Eigen-
schaften des Stoffes zu neuen, eigenartigen Bildungen geführt.
Im Gebiete der antiken Vasenkunde gibt es kaum eine Form-
bezeichnung, die nicht auch auf analoge Bildungen aus Glas
anzuwenden wäre; eine Aufzählung und Charakterisierung
der einzelnen Formen würde jedoch zu weit führen. (Einen
guten Überblick bieten die 7 Formentafeln bei Kisa.)
Auch die Henkel der Gefäße sind sehr verschieden ge-
staltet, besitzen aber doch bestimmte, fast immer wieder-
kehrende Eigenschaften. Typisch ist der Ansatz am Halse
und der Ablauf am Bauche des Gefäßes: der den Henkel
formende Glasfaden wird beim Ansatze durch Bildung mehre-
rer sich aneinanderschmiegender Schlingen verstärkt und ver-
breitert sich zum selben Zwecke beim Ablauf an die Fläche
des Gefäßmantels. Hier werden auch gern gepreßte Medusen-
oder Löwenköpfe aufgesetzt. Dann aber besteht der Henkel
sehr oft aus mehreren dicht aneinandergereihten Glasfäden,
deren Gesamtheit wiederum zum Schmuckmotiv ausgestaltet
ist dadurch, daß sie entweder in scharfen Graten oder Kanten
mit zwischenliegenden Hohlkehlen zusammenstoßen (soge-
nannte Selleriehenkel) oder zu einer glatten, von zwei hoch-
stehenden Rundstäben eingefaßten Fläche ausgebildet sind.
Während diese Gefäßformen durchweg mit alleiniger
Hilfe der Pfeife und der formgebenden Zange hergestellt
werden konnten, treten weiter Bildungen auf, die nur durch
das Einblasen der Glasmasse in Hohlformen entstehen können,
so viereckige oder mehrseitige Kannen und besonders Gefäße
mit reliefierten Wandungen. Vor der Erfindung der Pfeife
hatte man Reliefglas hergestellt durch freihändiges Model-
12 Das Glas im Altertum.
lieren, durch Gießen in Hohlfor-
men oder durch Aufpressen 'eines
Models. So wurden flache Gegen-
stände, wie Schmuckstücke, Amu-
lette, Wandeinlagen usw. in mehr-
teiliger Gußform gearbeitet, aber
auch kleine Büsten und Statuet-
ten, sowie gerundete Gefäße. Durch
das neuerfundene Blasen wurden
zwei Haupteigenschaften des Glases,
die Dünnwandigkeit und die Leich-
tigkeit, entwickelt, zugleich aber
begann auch der Übergang von der
Einzelarbeit zur Massenfabrikation.
Die .‚Relier alfasessıyzor
Sidon (Abb. 3) sind die ersten
in Hohlformen geblasenen Gläser,
Abb. 3. Sidonisches Reliefglas. gleichzeitig aber auch die ältesten,
(Berlin, Museum für Völker-- wirklich beglaubigten Arbeiten phö-
kunde.) nizischer Hütten, die nach den
auf ihnen vorkommenden Stem-
peln (»Artas Sidon«, »Neikon Sidon«, »Eirenaios«, »Ariston«) im
Besitze von Griechen oder gräzisierten Orientalen gewesen
sind. Es sind gewöhnlich kleine, sechseckige Flaschen mit
Friesen aus Eierstab und Blattwerk, oder achteckige Henkel-
kannen mit gewölbter Schulter und Standfläche. Ihre Relief-
verzierungen bestehen in Rosetten, Früchten, Gefäßen, bac-
chischen Symbolen usw.; die Namenstempel der Fabrikanten
und andere griechische Aufschriften sind in den Seitenfeldern
oder auf der Daumenplatte des Henkels angebracht. Die
bedeutendste und bekannteste Hütte war die des Ennion,
dessen durchweg farbige Gläser an vielen Orten Italiens, in
Sizilien, Cypern und am Bosporus gefunden worden sind.
Aus Sıdon und namentlich aus Alexandrien stammen
die sogenannten Siegesbecher der ersten Kaiserzeit, einfache,
zylindrische Becher mit Kränzen und Inschriften, die sich
auf Wettrennen und andere Kampfspiele beziehen: Adße
TNv veiknv u.a.
In Anlehnung an die Form der niedrigen, zylindrischen
Sigillatabecher sind in Gallien um die Wende des I. und des
2. Jahrhunderts die sogenannten gallischen Zirkus-
becher entstanden, deren steif und archaisch gehaltene
Reliefs Wettrennen und Gladiatorenkämpfe darstellen, mit
den Namen berühmter Gladiatoren. Ihre Masse ist farbig
oder farblos, aber stets durchsichtig.
Großer Beliebtheit haben sich im Altertume die Gläser
von phantastischer und srortesker Mora
Plastische Gestaltung. 12
erfreut. Den Übergang bilden
prismatische oder plattbauchi-
ge Fläschchen mit Medusen-
masken in Hochrelief, dann
nehmen die Gefäße selbst die
Gestalt von Köpfen (Abb. 4)
an, oder von Körperteilen;
dazu gesellt sich die große
Schar von Gläsern in Form von
Trinkhörnern, Pilgermuscheln,
Eischen, Früchten, Schiffen,
Körben, Gladiatorenhelmen u.
v.a. Daneben kommen auch
frei geblasene Figuren von En-
ten, Tauben, Fischen, ja von
Schweinenund Bulldoggen vor.
Die Hauptmassenerzeug-
nisse der alexandrinisch -syri-
schen sowie später der gallisch-
rheinischen Werkstätten waren
natürlich einfachere Ge -
DEgekuneshesger laser DE Diese
inunzähligen Exemplaren er-
haltenen schlichten Gefäße, Zy- Abb. 4. Flasche in Form eines Neger-
lindrische Stamnien, vier- und kopies. (Berlin, Antiquarium.)
sechseckige Flaschen und Kan-
nen, deren Höhe zwischen etwa 6und 45 cm schwankt, besitzen
im Boden oft Fabrikmarken. Entweder einfache geometrische
Formen (Ringe, Sterne usw.) oder die Initialen, auch den
vollen Namen des Fabrikanten. Am bekanntesten sind die
meist in Form von Faßkannen vorkommenden Gefäße der
»officina frontiniana«, einer seit dem Ende des 2. Jahrh.
wahrscheinlich in Boulogne arbeitenden Hütte.
Eine Gattung von Schalen des 4. bis 6. Jahrh. mit auf
den christlichen Kult bezüglichen Reliefs (Monogramm Christi,
Weinblätter, Trauben, Fische) wurde hergestellt durch Auf-
pressen auf eine Tonform, die das Relief negativ enthielt.
Auch die über den ganzen Bereich der Römerherrschaft ver-
breiteten sogenannten Merkurfläschchen, die unter dem Boden
die Reliefhigur eines Gottes, meist des Merkur, tragen, wurden
in eine Negativform hineingepreßt.
Eine freie, plastische Formgebung geschah durch Be-
arbeiten der noch weichen Paste oder Blase mit Instrumenten
von innen oder außen. So wurden Vertiefungen und Er-
höhungen (Kanelluren, Falten, Riefen sowie Warzen, Buckel
und Stacheln) erzielt. Dies Verfahren, bereits den alten
Asyptern bekannt, blühte in Gallien und am Rhein vom 2.
14 Das Glas im Altertum.
bis 4. Jahrh. Am häufigsten war das Herausziehen von
Spitzen, Zacken und Nasen aus den Gefäßwandungen mit
der Zange, das seinen Höhepunkt in den fränkischen Rüssel-
gläsern (s. S. 31) erreicht hat.
Neben den bisher erwähnten Gefäßen stellten die antiken
Glashütten eine große Zahl anderer Gegenstände aus Glas
her. Teller, Schüsseln (bis zu I m Durchmesser), allerlei
Speisegeschirr — dieses meist in Nachahmung der Geschirre
aus Metall und Terra sigillata —, Lampen, Trichter, Glocken,
ferner Schröpfköpfe, Spielgeräte (Würfel), Tesserae (Marken)
gehörten zum Repertoir des antiken Glasarbeiters; die Nach-
bildungen von Edelsteinen, von Gemmen und Kameen er-
freuten sich großer Beliebtheit. Wie den Römern bereits
Vergrößerungsgläser und gläserne Spiegel bekannt waren,
so haben sie auch von der Fensterverglasung Gebrauch ge-
macht, deren Kenntnis später wieder verloren ging. Fenster-
scheiben gab es schon unter Caligula; Funde in Pompeji und
in den römischen Niederlassungen am Rhein und an der Mosel
beweisen ihre weite Verbreitung. Einzelne Stücke sind bis
zu 30 x 60cm groß. Das Berliner Antiquarium besitzt einige
große rechteckige Scheiben, die in der Mitte etwa 4 cm stark
sind und nach den Kanten zu abflachen.
Farbige Dekoration in der Masse.
Das Prinzip der Farbigkeit beherrschte von Anfang an
die älteste Glasindustrie, weil, wie bereits erwähnt, die Ent-
färbung der von Natur fast stets farbigen Glasflüsse erst etwa
um Christi Geburt bekannt wurde. Durch Zusätze von me-
tallischen Farbstoffen bereicherte man die Skala der verwend-
baren Farben, deren gebräuchlichste Blau in mehreren Spiel-
arten, Rot — Hämatinum (»Blutglas«) und Lackrot —,
Violett, Smaragdgrün, zweierlei Gelb, opakes Weiß und
Schwarz waren.
Der farbigen Dekoration kam die Schmelzbarkeit des
Glases sehr entgegen, da man dadurch verschiedenfarbige
Glasflüsse zu einer einzigen unlöslichen Masse verbinden
konnte und nicht auf eine Oberflächendekoration beschränkt
war.
Eine regelmäßige farbige Musterung wurde am frühesten
bei den ägyptischen Balsamarien (s. o.) angewendet. Die
fertig geformten, aus einer einfarbigen, meist dunkelblauen
Masse bestehenden Gefäße wurden in der Weisemit Faden-
einlagen verziert, daß man bunte Glasfäden auf die noch
heiße, weiche Oberfläche auflegte und durch Rollen auf einer
Marmorplatte in die Grundmasse einpreßte. Die einfachsten.
Muster bestehen in umgelegten Horizontalreifen, die man
Farbige Dekoration. 15
Abb. 5. Schmuckplättchen und Gefäßscherben aus Mosaikglas. (Berlin, Antiguarium.)
durch Kämmen zu Wellenlinien und zu komplizierteren Muste-
rungen, wie Vogelfeder-, Schuppen- und Farrnkrautmuster,
ausbildete (vgl. Abb. 2). Diese Arbeitsweise hat ihre nächste
Analogie in gewissen Manipulationen beim Färben der Tunk-
Vorsatzpapiere.
In der Kaiserzeit treten dann noch stilisierte Blatt-
kränze, Mäander und Kymatien hinzu. Später, besonders
am Rhein und in Belgien, wandte man auch eine Surrogat-
technik an, indem man das Muster mit Emailfarbe auf die
Oberfläche dick aufmalte.
Neben dieser Art einer nur in der Oberfläche haftenden
Einlage stehen die Techniken, bei denen die verschiedenen
Farben sich voll in der Masse durchdringen, wobei aber das
Zusammenschmelzen vor dem Beginn des Gefäßformens
beendet ist.
Am einfachsten ist ds Zusammenschmelzen
verschiedenfarbiger, unregelmäßiger Glas-
stückchen; die daraus hergestellten Gläser zeigen natür-
lich eine völlig regellose Zufallsmusterung (Lamination).
Rhythmisch, aber ohne ein regelmäßig-symmetrisches
Muster ist die Anordnung der verschiedenen Farbschichten
bei den ihrer Aderung wegen sogenannten Onyxgläsern.
Während zu diesen Glasgattungen durchweg opake Glas-
flüsse verwendet wurden, zeigt dassogenannte Fadenglas
16 Das Glas im Altertum.
(ungenau Fili-
granglas ge-
nannt), dessen
Technik später
ausführlich be-
handelt werden
wird, Stäbe aus
farblos durch-
sichtiger Masse
mit eingebette-
ten opakweißen
Spiralen. Das
Fadenglas hat
aber im Altertum
keine große Ver-
breitung gefun-
den indessbe-
schränkt sich fast
ausschließlich auf
den Randab-
schluß von Mo-
saikglasschalen.
Die Herstel-
lung dieses ın
Agypten erfun-
denenMosaik-
IRasszess ge-
schieht folgen-
dermaßen: Ver-
schiedenfarbige
Glasfäden wer-
den so aneinan-
Abb. 6. Amphora aus Mosaikglas. (Berlin, Antiquarium.) dergeschweißt,
daß ihr Quer-
schnitt ein bestimmtes Muster zeigt, etwa eine Rosette, oder
geometrische Ornamente, oder figürliche Darstellungen (Affen,
Vögel, Masken, Blumen usw.). Diese Stabbündel werden
erhitzt und dann langgezogen, so daß ihr Durchmesser sich
zwar verringert, das Muster ım Querschnitt aber — wenn
auch verkleinert — dasselbe bleibt. Sodann zerschneidet
man das Stabbündel in kleine Scheibchen (Abb. 5). Diese
Scheibchen werden entweder für sich als Schmuckplättchen
verwendet, als Besatz von Mumiensärgen und Möbeln oder
als Schmucksachen tr), oder sie werden zu Gefäßen verarbeitet
(Abb. 6). Man legt sie nebeneinander auf eine eiserne Platte
und rollt eine farblos-durchsichtige Glasblase über sie hinweg,
in die sie einsinken, und die dann wie jede gewöhnliche Glas-
Mosaikglas. 17
blase weiterbe-
handelt wird. Et-
wa entstehende
Unregelmäßigkei-
ten an der Außen-
seite werden durch
Anwärmen oder
durch Schliff be-
seitigt; ein Über-
fang farblosen
Glasess ans der
Außenwandung
kommt nicht vor.
Ein besonderer
Reiz dieser Gefäße
liegt indem Wech-
sel von undurch-
sichtigen und
durchscheinenden
Stellen sowie da-
rin, daß dasMuster,
im Gegensatz zu
den Fadeneinlagen
der Balsamarien,
dieWandungvöllig
durchdringt. Man
hat sich gewöhnt, Abb. 7. Mosaikglasschale mit Bandmusterung. (Berlin,
den Namen »Mille- Antiquarium.)
horiglas« auf diese
ganze Gattung anzuwenden. Der Ausdruck Millefiori
ist aber der Antike unbekannt und erst in neuerer Zeit
für die ähnlichen Erzeugnisse Venedigs geprägt; außer-
dem bestehen die antiken Muster keineswegs bloß aus
blumenartigen Gebilden, sondern ebenso häufig, wenn
nicht überwiegend, findet man in den Wandungen rein
geometrische Muster oder auch Stababschnitte eingebettet,
die regelmäßige oder breit verdrückte Spiralwindungen zeigen.
Diese wurden dadurch erzielt, daß man eine flache farblose
Glasplatte auf beiden Seiten mit mehreren verschiedenfarbi-
gen Schichten überfing, in heißem Zustande spiralig aufrollte
und dann ebenso wie die Mosaikstabbündel quer oder schräg
durchschnitt. Die verdrückten Formen bilden sich durch
Verschiebung der Masse bei der Erhitzung. Auch unregel-
mäßig gewellte Bandmusterungen entstehen in ähnlicher
Weise (Abb. 7).
Außer diesem koloristischen Schmuck konnte man den
Gefäßen — gewöhnlich henkellosen Schalen — noch eine
Schmidt, Glas. 2
18 Das Glas im Altertum.
plastische Verzierung geben, indem man sie in eine Hohlform,
etwa mit vertieften Rippen, hineinblies oder -preßte.
Eine besondere Technik zeigen die schönsten antiken
Mosaikschalen. Bei ihnen liegen die Stäbchen sämtlich
horizontal und parallel zueinander, so daß die gegenüber-
liegenden Hälften der Wandung sich völlig gleichen. Die
ganze Schale ist hier aus einer vollen Masse herausgeschnitten,
und zwar aus einem gewaltigen, aus sehr vielen kleinen Stäb-
chen zusammengesetzten Stabbündel, dessen Durchmesser
die Größe des Querschnittes der ganzen Schale besitzt. Das
Herausschneiden der Schalen aus einem so kompliziert zu-
sammengesetzten Glaskörper ist naturgemäß sehr schwierig
und zeitraubend, so daß diese Stücke bereits im Altertum
äußerst geschätzt und teuer bezahlt waren.
Man wird gegen die von Kisa vorgeschlagene und be-
gründete Identifizierung der Mosaikgläser mit den von den
antiken Schriftstellern in ihrem eigentlichen Wesen nicht er-
kannten und meist für eine Art von Edelsteinen erklärten
Vasa murrına nichts einwenden können. Seit etwa
20 Jahren ist die Technik wiedergefunden und wird in Murano
nachgeahmt.
Der Hauptherstellungsort der Mosaikgläser war jeden-
falls Alexandria, später wurden sie auch in Süditalien und
Rom gearbeitet, wie ausgedehnte Scherbenfunde beweisen.
Fast alle größeren Antikenmuseen besitzen gute Exemplare
dieser prachtvollen Glasgattung; im Kunstgewerbemuseum
befindet sich nur eine große Seherbensammlung (Pultschr.
529), die die Mannigfaltigkeit der Muster gut zur Anschauung
bringt; das Antiquarium dagegen bewahrt eine ansehnliche
Zahl erstklassiger Schalen aus Funden in Südrußland.
Dieslerzue Art, mehrfarbige Glasmassen künstlerisch zu
verwerten, ist das sogenannte Überfangen, wobei ein dunkler
Kern durch Eintauchen in flüssige Glasmasse mit einer oder
mehreren andersfarbigen Schichten bedeckt wird. Dieses
Überfangglas ist jedoch in der Hauptsache nur Roh-
material für den veredeinden Schnitt. Es wird daher erst
später im Zusammenhang mit diesem behandelt werden.
Die Dekoration des fertig geformten Glases.
Bemalung und Vergoldung.
Zum Bemalen bediente man sich einfacher Erdfarben,
die zum Schutze einen Firnißüberzug bekamen, oder der
Emailfarben, die durch eine nochmalige Erhitzung in die
Glasoberfläche eingebrannt wurden. Die Erdfarben waren
trotz des Firnißüberzuges leicht der Zerstörung ausgesetzt,
Bemalung und Vergoldung. 19
so daß nur sehr wenige Exemplare mit dieser Technik sich
erhalten haben. Genannt sei ein Becher mit Weinranken
und Vögeln aus Khamissa in Algier (Sammlung Gustav
v. Rothschild in Paris), ein Becher mit Pygmäenkampf aus
Nimes (Louvre), eine rote Flasche mit Quadriga (Bonn,
Prov.-Mus.) sowie eine Schale mit Resten eines Frauen-
porträts, in der Art der Porträts aus dem Fajüm (Köln,
Museum). 2
Emailfarben wurden in Ägypten bereits in der römischen
Kaiserzeit verwendet; die syrischen und campanischen Hütten
übernahmen diese Dekorationsart, ebenso wie die gallischen
und rheinischen Werkstätten. Als rheinische Exportartikel
dieser Zeit dürfen u. a. die meist aus dänischen Funden stam-
menden Becher angesprochen werden, die in sehr gut erhalte-
ner Emailmalerei Tierhetzen und Gladiatorenkämpfe tragen.
Die später zu besprechenden, in Strichzeichnung gra-
vierten Gläser waren meist auf Vergoldung, zum Teil aber
auch auf Bemalung berechnet, so mehrere Scherben eines
wahrscheinlich campanischen Glases im Museum zu Trier,
das eine Stadtansicht zeigt, auf der die Häuser vergoldet sind,
während das Wasser durch blaue, weiß gehöhte Emailfarbe
angegeben ist. Auch die rheinischen Goldemailgläser des
4. Jahrh. (s. u.) verwenden diese Technik.
Die Vergoldung wurde auf kaltem Wege, d.h.
in der Weise aufgebracht, daß man Blattgold mit einem
Klebstoff auf der Oberfläche befestigte. (Eine Ausnahme
machen nur die goldgesprenkelten Gläser, bei denen das
Blattgold auf die noch heiße Blase aufgelegt wurde; beim
weiteren Ausblasen zerreißt das Gold und bleibt in unregel-
mäßigen Flecken stehen.) Das kalt aufgetragene Gold wurde
in den meisten Fällen mit einer Schutzschicht farblosen
Glases bedeckt, gewöhnlich durch Überfangen mit einer
farblos-durchsichtigen Glasblase.
Einen besonderen Schmuck erhielten die Goldgläser durch
Ausradieren von ÖOrnamenten, Inschriften und figürlichen
Darstellungen aus dem Blattgold.
Am bekanntesten sind die sogenannten fondid’oro,
von denen sich viele Hundert Exemplare erhalten haben.
Die große Mehrzahl wurde in den römischen Katakomben,
vereinzelte auch im übrigen Italien und am Rhein gefunden.
Es sind Schalen oder Kugelbecher; die ausradierten Gold-
bilder, die sich innerhalb des Fußringes unter dem flachen
Boden befinden, waren stets für Innenansicht berechnet und
wurden manchmal auf einen blauen, grünen oder roten Grund
aufgelegt. Gewöhnlich sind sie rund; ringsum zieht sich ein
Ornament- oder Inschriftband, während sich im Innern
Kultussymbole (z. B. das Monogramm Christi), Brustbilder,
2*F
20 Das Glas im Altertum.
Tiere oder figürliche Szenen befinden. Zu Beginn der Technik,
im 2. und 3. Jahrh., sind besonders häufig mythologische
Szenen und Figuren — auch auf christlichen Grabbeigaben;
beliebt waren ferner Zirkuskämpfe, Sittenbilder (Hirten,
Jäger, Geldwechsler, römische Weinschenke, Zimmermann,
Sterndeuter) und Bildnisse (Brustbilder von Ehepaaren u. a.).
Bei weitem überwiegen die im 3. und 4. Jahrh. von Christen
bestellten und verfertigten Schalen mit biblischen Dar-
stellungen (Opfer Abrahams, Daniel in der Löwengrube, die
Männer im feurigen Ofen und andere alttestamentliche Szenen,
ferner der gute Hirt, Apostelfiguren und Heilige). Gewöhn-
lich waren mit den Darstellungen fromme Trinksprüche ver-
bunden.
Der Ausgangspunkt der Technik war wohl wieder Alexan-
drien, von wo sie auch nach Rom verpflanzt wurde. Ihre
Blütezeit erlebte sie dort in der zweiten Hälfte des 4. Jahrh.
unter Bischof Damasus, auch im 5. Jahrh. sind noch vielerorts
ausgezeichnete Arbeiten hergestellt worden (s. Abb. 8); für
Byzanz läßt sich durch die Nachrichten bei Heraklius und
Theophilus (s. S. 33 und 36) ein langes Fortleben der
Technik konstatieren.
Besondere Erwähnung verdienen einige, wahrscheinlich
in Köln um die Mitte des 4. Jahrh. hergestellte Schalen, die
sogenannten rheinischen Goldemailgläser,
die sich von den üblichen fondi d’oro hauptsächlich dadurch
unterscheiden, daß bei ihnen außer Blattgold noch Email-
farben in den figür-
lichen Medaillons ver-
wendet sind. Das
größte und reichste
Exemplar dieser Gat-
tung ist die 1866 in
der Ursulagarten-
straße in Köln gefun-
dene, leider nur in
Scherben erhaltene
Schale der Slade Col-
lection (Brit. Mu-
seum), die technisch
und künstlerisch alle
Katakombenfunde
übertrifft.
Auch die Schale
von Sr FSevermsm
Köln, von der eben-
Abb. 8. Goldglas, Ani. 5. Jahrh. (Brescia, Museo falls nur einige Bruch-
Cristiano.) stücke ım Brit. Mu-
Fadenauflagen. 21
seum erhalten sind, ist mit medaillonartigen Goldbildern
biblischen Inhalts verziert, auf die zum Schutze farbiges
(blaues und grünes) Glas aufgetropft worden ist.
Die plastische Verzierung der Oberfläche
beruht auf zwei grundverschiedenen Verfahren. Erstlich
kann man auf den fertigen Glasgegenstand noch frei auf-
liegende Ornamente aus Glas aufschmelzen — also auf
warmem Wege —, und zweitens kann man die Oberfläche
auf kaltem Wege gleich Halbedelsteinen schneiden.
Die beliebteste Art der Verzierung auf warmem Wege
ist de Fadenauflage (Abb. 9). Man nimmt mit dem
Eisen eine kleine Portion flüssiger Glasmasse auf, tropft sie
als Kügelchen auf das angewärmte Gefäß auf und zieht aus
diesem Glaskügelchen (wie aus einem Honigtropfen) einen
Faden, den man beliebig über die
Oberfläche hinzieht, auf der er
anschmilzt und haftet. Diese
plastische Fadenauflage — die
übrigens mit der altägyptischen
Fadeneinlage bis auf das Ein-
pressen in die Oberfläche des Ge-
fäßes fast identisch ist — wird zu
Beginn der Kaiserzeit herrschend
und ist noch in den späten frän-
kischen Werkstätten beliebt. Man
begann mit dem spiraligen Über
spinnen des Halses mit meist opak-
weißen oder gelben Fäden. Wei-
terhin umspann man auch den
Körper oder Teile des Körpers und
Halses mit spiraligen oder paral-
lelen Fäden, mit Zickzackfäden,
Wellen- und Netzmustern sowie
mit freiphantastischen Formen (re-
gellosen Wellenranken, brillenför-
migen Doppelvoluten, triquetrum)
und sehr komplizierten naturalisti-
schen Bildungen (Blätter, Vögel
u. a., die mit so raffinierter
Technik ausgeführt sind, daß die
geschicktesten heutigen Arbeiter
sich vergeblich bemüht haben,
derartige Stücke nachzubilden.
Nach den häufig daran vorkom- auilage. (Köln, Museum Wallrai-
menden Schlangenbildungen hat Richartz.)
Abb. 9. Fläschchen mit Faden-
7
22 Das Glas im Altertum.
man diesen Gläsern den Namen »Schlangenfadengläser«
gegeben. Die oftmals höchst verwickelte Zeichnung mußte
fertig aufgelegt sein, solange der aus dem aufgesetzten
Glasklümpchen gezogene Faden noch bildungsfähie, d. h.
heiß war. Die Herstellung der Schlangengläser ist fast
ganz auf die Werkstätten von Köln beschränkt, wo sie be-
sonders im I. und 2. Jahrh. n. Chr. gearbeitet und weit-
hin exportiert wurden.
In diesem Zusammenhange mögen de Nuppen-
gläser erwähnt werden, die direkten Vorfahren der eben-
falls meist mit Nuppen verzierten deutschen »Waldgläser«
des späten Mittelalters. Die auf das fertige Gefäß aufge-
schmolzenen Nuppen oder Warzen haben sehr verschiedene
Gestalt; rund oder oval oder ganz unregelmäßig kommen sie
vor, am häufigsten als Tropfen, Dreiecke, Trauben, Rosetten
oder Sterne. Im Anfange gab man ihnen allerlei Farben,
im 3. Jahrh. sind sie fast stets weiß oder blau, vom 4. Jahrh.
an beschränken sie sich auf Goldbraun, Dunkelgrün, Dunkel-
blau undSchwarz. Das hängt mit der Verschlechterung der
Glastechnik zusammen; diese Farben sind fast die einzigen
Nuancen des nur unvollkommen entfärbten Glases der früh-
mittelalterlichen Hütten. Die Nuppenverzierung war be-
sonders am Rhein und in Belgien sehr beliebt und hat dort
die später noch zu besprechende Gattung der sogenannten
Rüsselbecher gezeitigt.
Die Schleif- und Schneidetechnik hat ebenfalls bereits
in der Antike vollwertige, zum Teil sogar in der virtuosen
Handhabung nicht wieder erreichte Werke hervorgebracht.
Der tiefausgründende Schliff kommt erst in relativ
später Zeit, etwa im Beginn des 3. Jahrh. n. Chr., auf. Neben
linsenförmigen, ovalen und runden Formen treten Ringe,
Rauten und rosettenartige Muster auf, die zum Teil ganz
modern anmuten. Selbst die Facettierung des ganzen Gefäß-
körpers gehört nicht zu den Seltenheiten; sie scheint be-
sonders in den Kölner und Trierer Werkstätten beliebt ge-
wesen zu sein.
Der Schnitt sieht auf ein beträchtlich höheres Alter
zurück, denn bereits altägyptische und assyrische Siegel-
zylinder, Skarabäen und Amulette aus Glas weisen geschnit-
tene Hieroglyphen auf, und in der Folgezeit ist er in großer
Mannigfaltigkeit verwendet worden. Die einfachsten, sehr
häufigen Motive des Schnittes sind Reifen, Bänder und
Striche, Sternrosetten, Gittermuster u. a.; weiter treten Wein-
ranken, Blätter und Inschriften auf.
Abgesehen von dieser schlichten Liniengravierung be-
gegnet man reicherer Anwendung des Schnittes auf drei
Flaschen des 4. Jahrh., die in derben Umrissen die hervor-
Der Schnitt. 23
Abb. 10. Geschnittene Schale mit Poseidon. (Berlin, Antiquarium.)
ragendsten Gebäude der Küste von Puteoli, des Hauptsitzes
der italienischen Glasindustrie, zeigen. Wahrscheinlich sind
sie in Analogie zu unseren Badebechern (als Reiseandenken)
entstanden, eine Annahme, die durch die weit auseinander-
liegenden Fundorte (Piombino, die römischen Katakomben
und Portugal) gestützt wird.
Das Gebiet des figürlichen Schnittes haben hauptsächlich
wieder die rheinischen Hütten gepflegt, aus denen neben
einer Gattung von Gläsern mit äußerst rohen und unge-
schickten Darstellungen von Reigentänzen auch bessere Ar-
beiten, besonders mit Zirkus- und Jagdszenen, sowie eine
Anzahl interessanter Gläser mit mythologischen Darstellungen
erhalten sind. Gute Exemplare dieser Art besitzen die Mu-
seen in Köln und Bonn, das Brit. Museum (Slade-Coll.) und
das Berliner Antiquarium. Hier befindet sich u. a. eine Schale
mit der figurenreichen Darstellung der Anthropogonia des
Prometheus und eine Schale mit Poseidon zwischen See-
löwen und Fischen (Abb. 10). Der oft sehr tiefe Schnitt der
Figuren, zum Teil unterstützt durch Diamantgravierung, ist
auf der Außenseite angebracht, so daß die Inschriften im
Innern — beim Trinken — lesbar sind.
Die häufigen griechischen Inschriften besagen nichts
gegen den rheinischen Ursprung der Arbeiten; griechische
24 Das Glas im Altertum.
Redewendungen
waren damals all-
gemein in Ge-
brauch, so beson-
ders dasTTIE ZHCEC
in christlicher Zeit.
Zu erstaun-
licher Höhe erhebt
sich dies amike
Glaschneidekunst
in der Technik des
Re rest sordzcHt
Eiocchisiechniite
te ss, KdShade ne
des Schnittes, bei
der die Ornamente
nicht vertieft in
der Fläche liegen,
sondern erhaben,
in positivemRelief, über der Fläche stehen, die rings um sie
herum abgearbeitet ist. Verhältnismäßig einfach ist die Arbeit
beiSchalen, aus deren gewölbter Unterseite etwa eine Rosette
mit erhabenen Strahlen herausgeschnitten ist, oder bei
Bechern mit plastisch aufliegenden Ornamenten (Blättern,
Lotosknospen usw.).
Man ging aber weiter und schnitt aus massiven Stücken
Glas ganze Vasen, Speiseschüsseln und Kelchbecher mit samt
ihren flachliegenden, an die Formen des antiken Silberzeuges
sich anlehnenden Henkeln. Das Museum in Köln besitzt
einige dieser seltenen Stücke; im Berliner Antiquarium be-
findet sich ein zweihenkeliger Becher, der analog den aus
Funden von Boscoreale u.a. O. bekannten Silberbechern
gebildet und mitsamt den Henkeln aus einem Stück geschnit-
ten ist (Abb. II). Der abgebrochene Schaft und Fuß (in der
Abb. fortgelassen; der Ring dient nur als Stütze) sind an
die Kuppa nachträglich angeschmolzen.
Die allersubtilste Arbeit aber bekunden die unter dem
Namen »Diatreta« bekannten Netzgläser. (Der von
Winckelmann aufgebrachte und seitdem allgemein angenom-
mene Ausdruck »Diatreton« ist eigentlich zu eng gefaßt, da
diatretarius im antiken Sinne ganz allgemein Glasschleifer
bzw. Glasschneider bedeutete, im Gegensatze zum vitrearius,
dem Glasschmelzer und Glasbläser. Die Vasa diatreta umfaßten
also alle geschliffenen und geschnittenen Gläser.) Nur
wenige Stücke dieser Gattung, die einen Triumph der Technik
über das zerbrechliche Material darstellt, sind erhalten,
keines davon unversehrt. Abgesehen von kleinen Bruch-
Abb. 11. Geschnittener doppelhenkeliger Glasbecher.
(Berlin, Antiquarium.)
Die Netzgläser, 25
stücken befinden sich Netzglä-
ser in der Mailänder Sammlung
eiyulzior im Schatzes der
Markuskirche zu Venedig so-
wie in den Museen von Wien,
Budapest, Bonn, München und
Berlin (Abb. ı2). Die beiden
letztgenannten Stücke sind
bis auf Größe und Inschrift
identisch und stammen aus
Kölner Grabfunden.
Die Netzgläser haben meist
die Gestalt von länglichen
Bechern mit kugelförmigem
Boden; ihre Außenseite ist zur Abb. 12. Netzglas, sog. Diätreton.
Hälfte oder zu zwei Dritteln (Berlin, Antiquarium.)
mit einem frei durchbrochenen
Netzwerke umgeben, das nur vermittelst dünner Stege mit
dem Körper des Bechers zusammenhängt. Unter dem Lippen-
rande zieht sich gewöhnlich eine Inschrift hin, deren Buch-
staben ebenfalls frei geschnitten und durch Stege oder Stifte
mit dem Becherkörper verbunden sind. Die Schnittpunkte
der Maschen des Netzwerkes (zugleich Ansatzpunkte der
Verbindungsstege) sind verstärkt durch kleine blatt- oder
rosettenartige Zierglieder oder durch Bünde. Das Material
ist gewöhnlich farblos durchsichtiges Glas; in einzelnen Fällen
besteht das äußere Netz aus farbiger Masse.
Das Erstaunliche an diesen Arbeiten ist, daß — abge-
sehen von wenigen Ausnahmen — das Netz nicht etwa auf-
geschmolzen ist, sondern mit Bohrer und Schleifrad aus dem
vollen, dicken Gefäßkörper ausgeschnitten wurde. Eine un-
sägliche Arbeitsleistung erforderte jedes Stück, und wenn
man bedenkt, daß im letzten Augenblick noch durch eine
ungeschickte Bewegung oder durch einen andern Zufall die
ganze mühselige Arbeit in Frage gestellt werden konnte, so
wird man die Wertschätzung, die diesen Werken stets ent-
gegengebracht worden ist, verstehen. Durch die starke
Ähnlichkeit der meisten Netzgläser wird ihre Entstehung in
derselben Werkstatt sehr wahrscheinlich, und da die große
Mehrzahl in rheinischen Gräbern, die übrigen in Gegenden
gefunden sind, die keine hervorragende eigene Glasindustrie,
wohl aber rege Beziehungen zum Rheinlande besaßen, so
wird man die Netzgläser als Produkte einer rheinischen Hütte
ansehen dürfen. Mit Ausnahme der sogenannten Situla von
S. Marco. Dieses eimerförmige Gefäß unterscheidet sich von
den übrigen durch eine ganz besondere Zeichnung des Netz-
werkes sowie durch die Anbringung figürlicher Reliefs, deren
26 Das Glas im Altertum.
Stil ganz entschieden auf den Orient hinweist, ebenso wie die
Zeichnung zweier anderer Arbeiten, die zwar kein Netzwerk,
wohl aber vollkommen unterschnittenen figürlichen und
ornamentalen Reliefschmuck aufweisen. Das ist ein Becher
in der Sammlung Cagnola, Mailand, und der herrliche soge-
nannte Lykurgosbecher beim Lord Lionel Rothschild in
London. Für die Figuren dieses olivgrünen, bei durchscheinen-
dem Lichte tief rubinroten Bechers finden sich die nächsten
Analogien in den Werken alexandrinischer Überfanggläser.
Als Zeit kommt für fast alle diese Netz- und Hohlschnitt-
gläser das 3. und 4. Jahrh. in Betracht; nur die Situla von
S. Marco und der Mailänder Becher dürften einer etwas
späteren Zeit angehören.
Wie der Glasschnitt sich aus der seit Alexanders d. Gr.
Zeit zur höchsten Blüte entfalteten Steinschneidekunst ent-
wickelt hat, so versuchte er auch besonders prächtige Effekte
dieser Kunstgattung, z. B. die farbige Wirkung der Onyx-
gemmen, nachzuahmen und zu übertreffen. "Aus diesem
Streben heraus entstanden die sogenannten Überfang-
gläser. Der Körper eines Gefäßes — gewöhnlich dunkel-
blau, aber auch goldbraun, dunkelgrün oder schwarz — wird
mit einer Schicht meist opakweißen Glases überfangen durch
Eintauchen in flüssige Glasmasse. Manchmal werden auch
mehrere verschiedenfarbige Schichten übereinander ge-
schmolzen. Bei der Bearbeitung mit dem Rade gibt die
unterste Schicht den dunklen Grund ab, von dem sich das
aus der hellen Überfangschicht geschnittene Relief abhebt.
Durch das mehr oder weniger kräftige Durchschimmern des
dunklen Grundes werden die feinsten Übergänge sowie eine
äußerst weiche Modellierung ermöglicht.
Neben größeren Reliefplatten zur Einlage in Wände,
Möbel und Geräte verfertigte man in dieser Technik haupt-
sächlich Prunkgefäße, von denen einige zu dem Köstlichsten
gehören, was das antike Kunstgewerbe geschaffen hat. Das
berühmteste Stück ist die sogenannte Portlandvase, die am
Ende des 16. Jahrh. in einem Marmorsarkophag bei Rom
gefunden wurde. Von Gavin Hamilton aus der barberinischen
Bibliothek gekauft, ging sie in den Besitz der Herzogin von
Portland über. 1786 kaufte sie der Herzog von Portland
für 1000 Guineen. Dann gelangte sie in das Britische Mu-
seum, wo sie 1845 zerschlagen und notdürftig wieder geflickt
wurde. Von den ausgezeichneten Nachbildungen, die Josiah
Wedgwood von 1790 an nach dem Original in seiner Steinzeug-
masse anfertigte, besitzt das Kunstgewerbe-Museum das
9. Exemplar (Abb. 13). Die tiefdunkelblaue Glasvase ist mit
einer opakweißen Schicht (5 mm dick an den stärksten Stellen)
überfangen. Die Deutung der in hellenistischem Stil gear-
Das Überfangglas. 27
beiteten Reliefs ist bis-
her noch nicht einwand-
frei gelungen; vielleicht
beziehen sie sich auf die
Sage von Ihetis und Pe-
eu Diez allein sieher
zu erkennende Figur des
Attys unter dem Boden
der Vase scheint zu be-
weisen, daß das Stück
für den Grabkult be-
stimmt war.
Außer der Portland-
vase verdienen noch be-
sondere Erwähnung drei
aus Pompeji stammende
Vasen im Museum von
Neapel; die schönste
davon ist eine etwa
30 cm hohe Amphora
mit kelternden und
schmausenden Amoret-
ten; ferner die soge- Abb. 13. Kopie der antiken Portlandvase von
nannte Vase Auldjo im Jos. Wedgwood um 1790. (Berlin,
Brit. Museum, mit Kunstgewerbe-Museum.)
Wein- und Ffeuranken
und Tauben (gefunden in der Casa di Goethe in Pompeji)
sowie das Balsamarium von Torrita im Antikenmuseum
von Florenz, mit bacchischer Opferszene. Die Vasen aus
geschnittenem Überfangglas gehören fast durchweg alexan-
drinischen Werkstätten der frühen Kaiserzeit an; später
beschränkte man sich mehr auf die Anfertigung von gläser-
nen Kameen und Intaglios, d.h. also auf die Nachahmung
von kleineren, geschnittenen Steinen.
Dieser Überblick über die antike Glaskunst mag genügen.
Sie schließt fast alle technischen Möglichkeiten in sich ein.
Einige Techniken sind zwar in späterer Zeit noch mit größerer
Vollkommenheit angewendet worden; andere aber, wie die
der Überfang- und der Netzgläser, sind bis auf unsere Tage
nie wieder mit der gleichen künstlerischen Vollendung ge-
handhabt worden.
Auf einen Punkt sei zum Schluß noch aufmerksam ge-
macht, der in der äußeren Erscheinung vieler, ja der meisten
antiken Gläser eine große Rolle spielt, der aber von dem
ursprünglichen Verfertiger absolut nicht beabsichtigt worden
28 Das Glas im Altertum.
ist. Das ist die Irisierung. Das wundervolle Farben-
spiel metallisch glänzender Regenbogenfarben gibt auch den
einfachsten antiken Gebrauchsgeräten aus Glas einen außer-
ordentlichen Reiz und wird ebenso wie die an sich krank-
hafte, weil auf Verbleichung beruhende Harmonie der Farben
alter Gobelins, oder wie die erst nachträglich durch chemische
Einwirkungen sich bildende Patina alter Bronzen, von kolo-
ristisch fein empfindenden Augen hochgeschätzt. Auch die
Irisierung ist eine nachträglich sich bildende Krankheits-
erscheinung, die jedoch, im Gegensatze zur Bronzepatina,
einen verderblichen Einfluß auf das mit ihr behaftete Objekt
ausübt. Sie entsteht durch Verbindung von Wasser und
Kohlensäure mit den alkalischen Bestandteilen des Glases,
wobei dessen Oberfläche vollständig zerstört wird und in
kleinen Schuppen abblättert. Besonders die oft angewendete
künstliche Entfärbung des Glases durch Braunstein begün-
stigt den Zersetzungsprozeß, während die durch Eisen- und
Kupferoxyde gefärbten Stücke widerstandsfähiger sind.
Großer Vorschub wird dieser Zersetzung geleistet durch das
jahrhundertelange Liegen der meisten antiken Gläser in Erd-
gräbern.
Nie ist die Irisierung von dem antiken Glasarbeiter beab-
sichtigt worden, und man muß daher völlig von ihr absehen,
wenn man sich den ursprünglichen Eindruck des Glases ver-
gegenwärtigen will.
Abb. 14. Fränkische Gläser mit farbigen Auflagen. 5. bis 8. Jahrh. (Berlin,
Völkerkunde-Museum.)
III. Das mittelalterliche Glas in Nordwest-
europa.
I: könnte scheinen, als ob der Ausdruck yantik«, unter dem
alle im vorigen Abschnitt behandelten Glasgattungen
zusammengefaßt wurden, etwas zu weit gegriffen sei. Bis
ins 5. Jahrh. hinein wurden dort die künstlerischen Außerun-
gen der Glasindustrie verfolgt, d.h. also bis in eine Zeit, die
man gewöhnlich nicht mehr für die Antike, sondern bereits
für das Mittelalter in Anspruch nimmt. Beim Glas aber ist
die Trennung der Epochen nicht eher möglich; abgesehen
von wenigen Ausnahmen, wird die Entwicklung des Glases
von einer derartigen Folgerichtigkeit beherrscht, sowohl in
der Formgebung wie in der Dekoration, daß man vor dem
5. Jahrh. keinen Schnitt machen darf. Die gallischen, die
west-(rheinisch)germanischen und britannischen Glashütten
stehen bis dahin völlig unter dem Einfluß der von Italien
ausgehenden Provinzialkultur und verleugnen bei geringer
selbständiger Einzelentwicklung den gemeinsamen Charakter
ihrer Abstammung.nicht. Daß die letzten Zeiten, vom 4. Jahr-
hundert an, eine gewisse Degeneration erkennen lassen, wurde
mehr als einmal betont. Die alten, auf römischen Grundlagen
beruhenden Werkstätten werden zwar fortgeführt, der Verfall
aber bekundet sichin demallgemeinen Sinken des Geschmacks
und der Technik. Man beherrscht das Entfärben der Masse
nicht mehr so wie früher, die Farbenskala wird sehr klein;
außer den verschiedenen Nuancen von Gelb und Grün hatesbei
dem trüben Manganviolett und einigen blauen Tönen sein Be-
wenden. Die bisherige Mannigfaltigkeit der Formen reduziert
sich auf einige wenige Becherformen; die eleganten Umrißlinien,
30 Das mittelalterliche Glas in Nordwesteuropa.
die edle Gliederung
machen derberen,
plumperen Formen
Platz. Die vielen
Verzierungsarten
auf kaltem Wege,
die bisins4. Jahrh.
hinein in höchster
Blüte standen,
hören ganz auf; es
bleibt allein das
primitive Bearbei-
ten der wieder er-
wärmten Ober-
fläche mit Werk-
zeugen und das
Abb. 15. Fränkische Gläser des 5. bis 8. Jahrh. Auflegen von Fä-
(Berlin, Völkerkunde-Museum.) den und Nuppen in
Übung (Abb. 14).
So bietet denn das Glas vom 5. bis zum 8. Jahrh., der
sogenannten fränkischen oder merowingischen Epoche, doch
ein ganz neues, von den »antiken« Erzeugnissen klar zu unter-
scheidendes Aussehen dar. Aus dieser Zeit ist durch die noch
immer bestehende Sitte der Grabbeigaben genügend Material
erhalten, um den ganzen Formenschatz genau kontrollieren
zu können. In allen, durch die Völkerwanderung zu einem
einheitlichen Kulturzustande zusammengeschmiedeten Län-
dern herrscht wie auf sämtlichen andern Gebieten des Kunst-
handwerks auch in der Fabrikation des Glases eine große
Gleichartigkeit. Die gewöhnliche Gebrauchsware ist an vielen
Orten hergestellt worden; die paar über dem Durchschnitt
stehenden, technisch bedeutenderen Prunkstücke, die soge-
nannten Rüsselbecher, sind nach den weit auseinanderliegenden
Fundorten bisher nicht sicher zu lokalisieren und gehören
jedenfalls auch verschiedenen Hütten des großen Gebietes an.
Ein fast stets zu beobachtendes Merkmal der meist kleinen
Becher dieser Zeit ist das Fehlen eines besonderen Fußes.
Wenn doch einmal eine Fußplatte vorkommt, ist sie so klein,
daß sie kaum eine praktische Bedeutung haben kann. Die
vielfach der Kugelform sich nähernden Becher balancieren
daher meist nur auf der Rundung des Bodens, während viele
andere nur umgekehrt, mit dem Mundrande nach unten,
hingestellt werden konnten, also vor dem Hinsetzen ausge-
trunken sein mußten. Neben den Kugelbechern kommen
am häufigsten unten ausladende Gefäße vor, oft mit einem
Knopf an Stelle des Fußes, sowie umgekehrt kegelförmige
Gläser (Abb. 15). Damit ist der Formenschatz der üblichen
Die Rüsselbecher., 31
Gebrauchsgläser erschöpft. Wenn
überhaupt eine Dekoration vor-
handen ist, so erstreckt sie sich oft
nur aufeine senkrechte oder schräge
Riffelung (Abb. 14, 2). Sonst wird
mit Fadenauflagen, vielfach in der
gleichen Farbe wie das Gefäß selbst,
gearbeitet; mehrsträhnige Girlan-
den, Wellenlinien oder gekreuzte
Striche sind die üblichen primitiven
Elemente dieser Verzierung. Der
altbekannte Nuppendekor bleibt
auch in Übung; bei den in Süd-
rußland gemachten Funden germa-
nischer Siedelungen ist er besonders
klar ausgebildet (Beispiele im Mu-
seum für Völkerkunde). Nur ver-
einzelt kommen zarte Auflagen
weißer Fäden in geschwungenen
Parallelreihen vor. Ein so verzier-
tes, in Weimar gefundenes Schäl-
chen im Berliner Völkerkunde-
Museum ist jedenfalls ein mero-
wingisches Importstück des 6. bis
7. Jahrh.
Eine von den Germanen be-
sonders geschätzte Form ist das
Trinkhorn aus Glas, oft in Art eines
‘ Kuhhornes gewunden und meist
mit Fadenauflagen geschmückt.
Solche Hörner sind in Deutschland,
Südrußland und in den germani-
schen Friedhöfen von Castel Tro-
sino und Nocera Umbra gefunden
worden.
Die technischen Meisterstücke dieser Epoche aber sind
die sogenannten Rüsselbecher (Abb. 16), die durchweg bereits
dem 7. und 8. Jahrh. angehören. Diese bis zu 30 cm hohen,
aus gelblichem, grünlichem, seltener aus blauem Glase her-
gestellten Becher erweitern sich von der kleinen Fußplatte
an beständig nach oben. Große Teile der Wandung sind mit
regelmäßigen Spiralfäden umwickelt. In zwei bis drei Reihen
übereinander sind je 5 bis 7 rüsselförmige, hohle Ösen ange-
setzt, die dadurch entstanden sind, daß die betreffenden
Stellen der Wandung zu Buckeln ausgezogen wurden, auf
die dann breite Fladen zähflüssigen Materials aufgebracht
und mit kurzem Ruck nach unten herabgezogen wurden.
Abb. 16. Rüsselbecher, 7. bis
8. Jahrh. (Berlin, Völkerkunde-
Museum.)
32 Das mittelalterliche Glas in Nordwesteuropa.
Jedenfalls gehörte eine große Geschicklichkeit zur Herstellung
dieser Gefäße. Die Rüssel laufen in einen Tropfen aus und
sind gewöhnlich noch mit einem gewellt gekniffenen Kamme
geschmückt. Rüsselbecher sind ım Rheinlande, in Frank-
reich, Belgien und England, aber auch in Skandinavien und
Dalmatien gefunden worden; das ausgezeichnete blaue Stück
im Berliner Völkerkunde-Museum (Abb. 16) stammt aus
Nettersheim in der Eifel. Gegen die Annahme einer englischen
Provenienz so komplizierter Arbeiten kann man die Tatsache
anführen, daß gerade im 8. Jahrh. der Abt Cuthbert von
Wearmouth den Bischof Lullo von Mainz um Zusendung
eines Mannes bittet, der gutes Hohlglas machen könne, denn
die Engländer seien unwissend und hilflos in dieser Kunst.
Die Rüssel haben sich aus kompakten, von runden Nuppen
herabhängenden »Tränen« entwickelt, die bereits im 3. bis
6. Jahrhundert hergestellt worden sind (vgl. Abb. 14, Mitte).
Als Vorläufer der Rüsselbecher könnte man weiter auch die
allerdings noch dem antiken Kunstkreis angehörenden Becher
ansehen, auf deren Wandung frei geblasene und geformte
Fische, Muscheln usw. aufgelegt sind (in Trier, Köln, Berlin
Ua OR)E
Von der karolingischen Zeit an hört unsere Kenntnis der
Hohlglasindustrie völlig auf; die Hauptschuld daran trägt
das Eindringen des Christentums, das mit der Sitte der Grab-
beigaben aufräumte. Damit schwinden die Denkmäler; daß
die Glasbläserei aber in gleicher Weise wie bisher fortlebte,
zeigt die um 1100 verfaßte Schedula des Theophilus (s. S. 34).
Erst im 15. Jahrh., mit Entfaltung der profanen Kunst-
betätigung, beginnt eine neue Entwicklung.
Die einzige Gefäßform, an deren Ausbildung die Kirche
Anteil nahm, der Kelch, läßt sich in erhaltenen Beispielen
einigermaßen verfolgen. Daß gläserne Meßkelche während
des frühen Mittelalters in Gebrauch gewesen sind, wird durch
viele literarische Erwähnungen vom 3. bis zum 9. Jahrh.
bewiesen. Dann aber wendet sich die Kirche mit energischen
Verboten gegen das zerbrechliche Material. — Die Form des
Kelches hat sich aus dem antiken profanen Trinkbecher ent-
wickelt; frühzeitig scheint schon die auf besonderem Fuße
sich erhebende Kuppa mit zwei Henkeln zum üblichen Schema
geworden zu sein, das auf christlichen Grabsteinen, Reliefs
und Mosaiken sehr häufig vorkommt. Unter den wenigen
erhaltenen Stücken (bei denen aber die kirchliche Benutzung
stets hypothetisch bleiben wird) seien erwähnt der vielleicht
noch dem 3. Jahrh. angehörige Kelch im Museo Cristiano in
Rom (Abb. bei Rohault de Fleury, La messe, Bd. 4, Tafel
CCLXX) und der bei Amiens gefundene prachtvolle Kelch
der Slade-Collection (Abb. 17), der vermutlich einer etwas
Kelche. Kunsttraktate. j 33
späteren Zeit an-
gehört. Beide
sind aus blauem
Glas hergestellt.
Die nächste Ana-
logie zu dem
KelchederSlade-
Collection bietet
der kleine gol-
dene Kelch aus
Gourdon (Paris
Bible mare) der
im 6. Jahrh. ge-
arbeitet ist. Daß
auch Byzanz den Abb. 17. Blauer Glaskelch des 4. Jahrh. Gefunden bei
doppelhenkeli- Amiens. (London, Brit. Museum.)
gen Becher als
kirchlichen Kelch benutzt hat, beweisen die vielen Bei-
spiele derartiger Gefäße aus Kristall und Halbedelstein im
Schatze von S. Marco zu Venedig.
Die mit der Karolingerzeit einsetzende, ausgesprochen
kirchliche Kultur ließ eine reichere Entwicklung profanen
Kunstgewerbes nicht zu; und da die Kirche selbst nun auch
keinen Bedarf an Hohlglas mehr hatte, sank Form und Tech-
nik auf ein recht niedriges Niveau herab.
Die hier klaffende Lücke wird auch nicht durch Ab-
bildungen ausgefüllt, da man bei den auf Miniaturen vor dem
15. Jahrh. vorkommenden Gefäßen fast nie mit Sicherheit
auf die Natur des Materials schließen kann.
Die Leistungsfähigkeit der französischen und deutschen
Glashütten tritt dafür auf einem andern Gebiete deutlich
hervor: bei der Herstellung der Scheiben für die Glasfenster.
Hier ging man mit einem tüchtigen Schatze technischer Er-
fahrungen zu Werke; während für das Hohlglas nur die
schlechte, nicht entfärbte Masse des sogenannten »Wald-
glases« verarbeitet wurde, hat man auf die Herstellung farbi-
ger Scheiben die höchste Sorgfalt verwendet. Die glänzenden
Leistungen der Glasmalerei in romanischer und gotischer Zeit
müssen für den Mangel an künstlerischem Hohlglas ent-
schädigen.
Wie großen Wert man auf das Färben der Glasscheiben
legte, kann man den ausführlichen Rezepten in den erhaltenen
mittelalterlichen Traktaten entnehmen. Diese Traktate sind
auch für die Hohlglasfabrikation der Zeit, aus der erhaltene
Denkmäler völlig fehlen, von größter Bedeutung. Der erste
Schriftsteller des Abendlandes, der einiges über die Glas-
macherkunst aufgezeichnet hat, ist Heraklius. Unter diesem
Schmidt, Glas. 3
34 Das mittelalterliche Glas in Nordwesteuropa.
Namen verbirgt sich jedenfalls ein römischer Mönch vom Ende
des Io. Jahrh. In seinem Werke »Von den Farben und
Künsten der Römer« ist die Rede von der Technik der antiken
Goldgläser, die er wieder entdeckt und angewendet haben
will. Wenn man von den Phantastereien auf andern Gebieten,
z. B. dem des Schneidens von Edelsteinen und Glas, Rück-
schlüsse ziehen will, so wird man an seiner praktischen Kennt-
nis der Goldglastechnik zweifeln dürfen; möglich wäre es
immerhin, daß er auf dem Wege über Byzanz, wo in jener
Zeit eine ähnliche Technik geübt wurde (vgl. S. 37), sich
diese Wissenschaft angeeignet hat; erhalten ist aber von
abendländischen Versuchen aus dieser Zeit nichts. Das
Glasschneiden wurde, wie wir sehen werden, auch in Byzanz
geübt; Heraklius selbst aber erzählt davon nur Märchen,
die auf älteren Traktaten, bis herab zu Plinius, beruhen. Das
einzige vernünftige Rezept, das er gibt, »quomodo cristallum
possit secari«, scheint sich nur aui das Polieren des Berg-
kristalls zu beziehen. Großes Interesse aber bringt er der
Imitation von Edelsteinen aus »römischem Glase«, d.h. aus
den farbigen Pasten antiker Mosaiken, entgegen. Diese Edel-
steinfälschungen nehmen auch in allen orientalischen —
früheren und gleichzeitigen — Traktaten den breitesten Raum
ein (vgl. Dillon S. 119 fi.). Die oft zitierte Stelle in der Enzy-
klopädie des Hrabanus Maurus (f 356), an der vom Blasen,
Schleifen und vom Reliefschnitt die Rede ist, darf als Zeugnis
für die Glastechnik jener Zeit nicht herangezogen werden,
da sie wörtlich aus Plinius (Buch 36, Kap. 26) abgeschrie-
ben ist.
In der wichtigsten Quelle mittelalterlicher Kunsttechnik,
der Schedula diversarum artium des westfälischen Mönches
Theophilus, ist ein ganzes Buch dem Glas gewidmet. Aller-
dings in der Hauptsache der Herstellung farbiger Scheiben
und ihrer Bemalung. Nur vier Kapitel beschäftigen sich
mit dem Hohlelas; zwei davon wiederum mit der Goldglas-
technik der Griechen. Im übrigen spricht Theophilus von
dem Blasen von Trinkgefäßen und langhalsigen Fläschchen
(Ampullen) sowie vom Ansetzen der Henkel und vom Schmuck
durch umgewickelte Glasfäden. Diese Fadenverzierung läßt
den Zusammenhang der Glasbläserei des ıI. Jahrh. mit den
fränkischen und durch diese mit den römischen Werken der
ersten nachchristlichen Jahrhunderte deutlich erkennen.
IV. Das orientalische Glas.
Byzantinisches und sassanidisches Glas.
Q° reichlich wir über die antike Glaskunst (durch erhal-
tene Denkmäler und auch durch literarische Notizen)
unterrichtet sind, so spärlich fließen die Quellen für ıhre
Fortsetzung im Orient bis zum I3. Jahrh. Sicherlich haben
viele der antiken östlichen Glasfabrikationsorte durch das
ganze Mittelalter hindurch weitergearbeitet; ihre Werke
jedoch sind verloren bis auf wenige Stücke, die durch Zufall,
und zwar fast durchweg in westeuropäischen Kirchenschätzen,
erhalten geblieben sind.
In den meisten älteren und modernen Schriften über
Glas wird der byzantinischen Industrie eine ungeheuer
wichtige Rolle in der Entwicklung der Glaskunst zudiktiert.
Byzanz soll die antike Tradition bewahrt, fortgesetzt und
schließlich an Venedig weitergegeben haben. Unbestritten
ist natürlich seine hohe Bedeutung für das Glasmosaik; für
das Hohlglas aber ist diese Frage nicht so einfach zu beant-
worten.
Das Wenige, was wir positiv darüber wissen, ist bald auf-
gezählt. Ein Dekret Konstantins d. Gr. vom Jahre 337
befreit die vitriarii und diatretarii mit noch verschiedenen
anderen Künstlern von allen Amtern. (Die Mosaikarbeiter
werden besonders aufgeführt.) 438 werden im Codex Theo-
dosianus unter den von persönlichen Abgaben befreiten
Handwerkern die »vitrearii, vasa vitrea conflantes« genannt;
im 6. Jahrhundert waren zahlreiche jüdische Glasmacher in
Konstantinopel ansässig. In einer Beschreibung der Sophien-
kirche vom Jahre 563 werden an Ketten hängende Lampen
erwähnt, die aus silbernen, durchbrochenen Scheiben oder
Kreuzen mit lanzenschaftförmigen Glaseinsätzen bestehen 2).
(Derartige, allerdings bronzene Scheiben sind noch mehrfach,
u.a. im Kaiser-Friedrich-Museum, erhalten.) Das ist alles.
Über das Aussehen der gläsernen Gebrauchs- und Luxus-
geräte in Byzanz erfährt man aus der Literatur des ersten
Bin
36 Das orientalische Glas.
Jahrtausends nichts. Die erste, sichere Nachricht findet sich
in der für so viele kunstgewerbliche Zweige wichtigen Schedula
des Theophilus. Der deutsche Mönch schreibt (Buch II,
Kap. 13 u. I4) »Von den gläsernen Bechern, welche die
Griechen mit Gold und Silber verzieren. Wegen ihrer
Wichtigkeit und der nicht genügend klaren Übersetzung Ilgs 3}
mögen die Abschnitte hier im Wortlaut folgen: »Die Griechen
machen ... aus diesen saphirfarbenen Steinen (das vorige
Kapitel handelte von den gläsernen Mosaikstiften des Alter-
tums, die man einschmolz und wieder zum Verfertigen von
Gefäßen gebrauchte) kostbare Trinkbecher, die sie auf fol-
gende Art mit Gold verzieren. Sie nehmen das früher be-
sprochene Blattgold, formen daraus Bilder von Menschen,
Vögeln, Tieren oder Blättern und befestigen diese mit Wasser
auf der gewünschten Stelle des Bechers; dies Blattgold muß
aber leidlich dick sein. Darauf nehmen sie möglichst helles,
kristallklares Glas, das sie selbst bereiten und das bei leichtem
Feuer bereits schmilzt. Das reiben sie sorgfältig mit Wasser
auf dem Porphyrstein und tragen es mit dem Pinsel möglichst
dünn überall auf das Gold auf. Wenn es trocken ist, setzen
sie es in den Ofen, in dem das bemalte Fensterglas, wovon
wir später reden werden, gebrannt wird und legen darunter
Feuer an aus in Rauch völlig getrocknetem Buchenholz. Und
wenn sie merken, daß die Flamme den Becher so lange um-
spielt hat, bis er eine leichte Röte annimmt, dann werfen sie
sofort das Holz hinaus und verstopfen den Ofen, bis er aus-
kühlt. Das Gold wird sich dann niemals lösen.«
»Dasselbe auf andere Art. Sie machen es auch auf andere
Art, indem sie gemahlenes Gold, wie man es zur Buchmalerei
gebraucht, mit Wasser mischen; ebenso das Silber. Damit
malen sie Kreise und in diesen mannigfaltige Bildnisse, Tiere
oder Vögel, und überziehen es mit dem obenerwähnten,
möglichst durchsichtigen Glas. Dann nehmen sie weißes,
kräftig rotes und grünes Glas, wie man es beim Zellenschmelz
(electron) braucht, reiben jedes für sich sorgfältig mit Wasser
auf dem Porphyrstein und malen damit nach Belieben kleine:
Blumen, Verschlingungen und andere Kleinigkeiten auf ver-
schiedene Art zwischen die Kreise und Bänder, und einen
Streifen um den Rand. Das tragen sie mäßig pastos auf und
brennen es im Ofen auf die oben angegebene Weise. Sie stellen
auch Becher aus purpurfarbenem oder leicht saphirblauem.
Glase her, sowie Flaschen mit mäßig langem Halse, um die
sie Fäden von weißem Glase herumlegen. Aus derselben Masse
setzen sie Henkel an. Auch aus andern Farben fertigen Sie:
verschiedene Glaswaren nach ihrem Geschmack.«
Es handelt sich also der Hauptsache nach um eine Art
Goldglastechnik mit dünnem Überfang und um buntes Email.
Byzantinisches Glas. 37
Abb. 18. Glasschale mit Emailmalerei. Byzanz 10. bis 11. Jahrh. (Venedig, Schatz
der Markuskirche.) — Nach Pasini.
Beides war bereits dem Altertum bekannt und scheint in
Byzanz weiter ausgebildet zu sein.
Nun befindet sich im Schatze der Markuskirche in Venedig
eine kleine Schale, die, mit Ausnahme des dünnen Über-
fanges, alle von Theophilus hier beschriebenen Merkmale
aufweist (Abb. 18. — Farbig abgeb. bei Pasini, Il Tesoro di
San Marco, Ven. 1885, Fig. 82). Die dunkle, weinrot-violette
Masse ist fast opak. Sieben runde Medaillons enthalten ın
hellem, fleischrarbenem Email, mit etwas Rot und Gold gehöht,
mytholegische Figuren und Gruppen. Ihre Umrahmung
besteht aus einer Zone von kleinen Kreisen, die mit Rosetten
aus mehrfarbigem Email gefüllt sind. Ebensolche Rosetten
schmücken den Hals, während in den Zwickeln Profilköpfe
in rötlichem Email angebracht sind. Alle begrenzenden Linien
und Füllornamente sind mit Gold aufgemalt. Die Dekoration
entspricht also im wesentlichen der von Theophilus beschriebe -
nen; nur der von ihm erwähnte Glasüberfang fehlt. Daß
das Gefäß eine sichere byzantinische Arbeit etwa des 10. bis
11. Jahrh. ist, wird durch die stilistische Übereinstimmung
mit ‘den Elfenbeinkästen dieser Zeit bewiesen, die alle die
Dekorationselemente der Glasschale aufweisen. Mehrere
dieser Kästen befinden sich u. a. in der Kollektion Basilewsky
im Bargello (Florenz) und im Cluny (Paris); auch das Kaiser-
Friedrich-Museum bewahrt ein Stück dieser Art mit Rosetten,
Profilköpfen und mythologischen Szenen.
Der Schatz von San Marco in Venedig enthält aber noch
mehrere andere Glasarbeiten, die schon immer für byzan-
38 Das orientalische Glas.
tinische Erzeugnisse gehalten worden sind (Abb. bei Pasini
a.a.O.). Die meisten dieser Gläser werden als Beutestücke
von der Eroberung Konstantinopels im Jahre 1204 nach Ve-
nedig gekommen sein, ebenso wie die große Anzahl der aus
kostbaren Steinen oder Bergkristall geschnittenen und mit
byzantinischer Fassung versehenen Kultgeräte dieses Schatzes.
Einzelne der Glasarbeiten, so die bereits erwähnte Situla
(vgl. S. 25), sind sicher noch spätantiken Ursprungs, während
mehrere andere Gefäße im Zusammenhang mit antiken Ar-
beiten nicht unterzubringen sind. Diese Gläser stellen durch
ihr gemeinsames Dekorationsprinzip eine geschlossene Gruppe
dar. Es sind 5 dickwandige, tassen- oder schalenförmige Ge-
fäße von heller, leicht ins Gelbliche spielender Masse; eins
davon ist als Hängeampel montiert. Anßerhalb von S. Marco
sind nur wenige solche Gefäße erhalten; eine Flasche im
S. Kensington Museum, ein becherförmiges Gefäß im Schatz -
haus zu Nara (Japan) und ein um 1280 am Rhein oder in
der Maaßgegend als Reliquienbehälter montierter Napf im
Halberstädter Domschatz (Abb. 19; die Bekrönung bildet
eine silberne Büste mit Heiligenschein und der Inschrift
»Sanctus Carolus Rex«; Karl der Große wurde nur in einem
kleinen Teile des westlichen Deutschland als Heiliger an-
erkannt).
Einfache oder doppelte Kreise, meist mit kegel- oder
knopfförmigen Mittelpunkten, liegen in regelmäßigen, kon-
zentrischen Reihen den Außenwandungen der Gefäße in
kräftigem Relief auf, und zwar handelt es sich nicht etwa
um Guß oder Blasen in die Form, sondern um Glasschnitt.
Die Frage nach der Herkunft dieser Gläsergruppe läßt
sich nicht ohne weiteres beantworten. Die Hypothese ihrer
byzantinischen Entstehung wird gestützt durch die Inschrift
auf der Fassung der als Ampel montierten Schale in Venedig:
»Heiliger Pantaleon, hilf deinem Diener Zaccharias, Erz-
bischof von Iberien. Amen.« Also ein Weihgeschenk dieses
Zaccharias; Iberien aber ist identisch mit Georgien, das lange
Zeit unter der Oberhoheit von Byzanz stand. Nun werden
in der oben angeführten Beschreibung der Sophienkirche
außer den erwähnten Ampeln noch einzelne Lampen als
silberne Gefäße in der Form von Wagschalen beschrieben,
in deren Mitte ein Behälter für die Ölflamme stand. Es liegt
nahe, in den Schalen von S. Marco gläserne Gegenstücke
dieser silbernen »W agschalen« zu vermuten. Die konzentri-
sche Anordnung von Kreisen, wie auch der Kreis mit einem
Mittelbuckel, ist außerdem ein beliebtes Motiv byzantinischer
Dekoration. Die Entstehungszeit der Gläser ist — ungefähr
wenigstens — durch das im Shösdin von Nara aufbewahrte
Stück gegeben: im Jahre 756, höchstens ein bis zwei Jahr-
Byzantinisches Glas.
Abb. 19. Karlsreliguiar im Domschatz zu Halberstadt. — Geschnittener
byzantinischer Glasbecher (mit Fassung des 13. Jahrh.)
39
40 Das orientalische Glas.
zehnte später, ist es mit mehreren anderen abendländischen
Glasarbeiten in den Schatz gekommen. Man wird also die
ganze Gruppe rund in das dritte Viertel des ersten Jahr-
tausends versetzen dürfen.
Einen sicheren Beweis des byzantinischen Ursprungs
gibt allerdings das Kreisornament an sich nicht. Es ist ein
seit der Antike allen kunsttreibenden Völkern am östlichen
Mittelmeer zu geläufiges Motiv, als daß man aus seiner An-
wendung sichere örtliche Schlüsse ziehen könnte. So wurde
z. B. ein den Schalen in S. Marco fast gleiches Bruchstück
in Susa ausgegraben (im Louvre), was zwar nichts für, aber
auch nichts gegen eine persische Provenienz des Stückes be-
weist. Aber auch das einzige frühmittelalterliche Denkmal
orientalischer Glasarbeit, das eine feste Datierung und
Lokalisierung ermöglicht, die Khosroesschale im Pariser Me-
daillenkabinett, zeigt das gleiche Ornamentprinzip der kon-
zentrischen Kreise. Auf dem in der Mitte der Schale einge-
lassenen Berekristallmedaillon ist Khosroes II., der 590 bis
628 das Sassanıdenreich beherrschte, in Reliefschnitt dar-
gestellt, wodurch die Entstehung der Arbeit um rund 600
n. Chr. und ihr persisch -sassanidischer Ursprung gesichert ist.
Der übrige Schmuck dieser Goldschale besteht aus runden
und rautenförmigen Stücken von Bergkristall sowie grünem
und purpurnem Glas mit geschnittenen Rosetten und Herz-
ornamenten. Zweifelhaft dagegen ist es, ob eine sassanıdische
Provenienz auch für die in Ägypten zutage gekommenen
runden Glasstempel (z. B. im Kaiser- Friedrich- -Museum) in
Anspruch zu nehmen ist, die die gepreßten Reliefs eines
Greifen und eines Hippokamp zeigen. Sie sind wohl eher
als Vorläufer der besonders von den fatimidischen Sultanen
in Ägypten im Io. bis 12. Jahrh. hergestellten gläsernen Ge-
wichtsstempel zu betrachten. Ein mit derartigen Stempeln
(Flügelpferde mit kufischer Beischrift) verzierter Becher des
8. bis 9. Jahrh. befindet sich im Kaiser-Friedrich-Museum
(Abb. 20).
Die kreisrunde Form als Ornament tritt in Gestalt ein-
geschliffener Kugelfacetten noch einmal in S. Marco auf an
einer mit Griff versehenen Schale (Pasini Nr. 107); bei einem
ganz ähnlichen Stück (Nr. 109) sind die Kugelfacetten so
dicht aneinandergesetzt, daß sie den Eindruck sechseckiger
Zellen machen. Da jedoch der Kugelschliff ein dem späten
Altertum wohlbekanntes Schmuckmotiv war, ist es nicht
möglich, zu entscheiden, ob die betreffenden Stücke noch
antiken oder schon mittelalterlichen Ursprungs sind. Ein
sehr ähnliches, mit Kugelfacetten geziertes Bruchstück einer
Schale aus ziemlich dickem, gelblichgrünem Glas, das in Ming
Oi bei Kisil (Ost- -Turkestan, "westlich von Kutscha) sefunden
Sassanidisches Glas. Der Gral. 41
wurde, befindet sich im Museum für Völkerkunde in Berlin.
Nach den Fundumständen gehört es in das 4. bis 6. Jahrh.
und ist sicherlich vom Westen her importiert. Auch hier
bleibt also, ebenso wie bei einem ganz ähnlichen Stück im
Shosdin von Nara, die Frage offen, ob es sich um byzantinische
oder sassanidische Glasarbeiten handelt.
Im Zusammenhange mit diesen mittelalterlichen Glas-
gefäßen mögen noch einige Stücke kurz gestreift werden,
deren Ursprung bisher viel umstritten war. Sicher nicht
mittelalterlich-byzantinisch, sondern antik-ägyptisch oder
syrisch ist der im Domschatz von Genua aufbewahrte soge-
nannte Becher des heiligen Gral, eine dickwandige, dunkel-
grüne Glasschale mit zwei wagerechten Henkeln und geo-
metrischen Gravierungen im Innern. Der bis ins IQ. Jahrh.
für einen Smaragd gehaltene Gral wurde 1102 von Kreuz-
fahrern aus Cäsarea mitgebracht. Fbenso gehören dem
antiken Kunstkreis mehrere Becher im Schatz von Castel
Trosino und der sogenannte Becher der Theodelinde im Dom-
schatz von Monza an, die wegen ihrer Zugehörigkeit zu mittel-
alterlichen Schätzen gewöhnlich auch als Produkte des Mittel-
alters betrachtet worden sind. Alle diese Becher sind aus
prachtvoll farbigem Glase hergestellt; den letztgenannten
hielt man wegen seiner durchsichtig-azurblauen Farbe lange
Zeit für einen Saphır.
Abb. 20. Ägyptischer(?) Glasbecher mit auigelegten Stempeln.
8. bis 9. Jahrh. (Berlin, Kaiser-Friedrich-Museum.)
42 Das orientalische Glas.
Abb. 21. Gläser mit aufgedrückten Ornamenten. Ägypten, Mittelalter. (Berlin, Kaiser-
Friedrich-Museum.)
Ägyptisches Glas.
Mit Sicherheit ist für das mittelalterliche Ägypten
eine Gruppe kleiner, dickwandiger Näpfe von gedrückter
Kugelform aus grünem, sehr verschieden nuanciertem
Glase in Anspruch zu nehmen, die in vielen Exemplaren
in Agypten zutage gekommen sind. (Das Kaiser-Friedrich-
Museum besitzt eine ganze Anzahl davon.) Ihr Schmuck
besteht aus kleinen, plastischen Ringen, die einen Knopf
oder mehrere als Rosette angeordnete Buckel einschließen
(Abb. 21, ı u. 5). Die Unregelmäßigkeit und das häu
fige Überschneiden der einzelnen Ornamente schließen
den Gedanken an eine Formung des Ganzen etwa durch Blasen
aus; die Ornamente sind vielmehr durch Aufdrücken kleiner
Model gewonnen und machen fast denselben Eindruck wie
die Nuppen auf den Römern der späteren rheinischen Industrie.
In der Sammlung Sarre befindet sich ein kleiner Becher, der
sogar mit der üblichen Form der deutschen Nuppenbecher
die größte Ähnlichkeit hat. Auch kugelige Fläschchen mit
kurzem Halse tragen das aufgepreßte Ornament, das bei
andern Stücken zu ineinandergeschachtelten Vierecken umge-
bildet ist.
In engem Zusammenhang mit dieser, sicherlich noch in
das erste nachchristliche Jahrtausend zu datierenden Gruppe
stehen einige Stücke mit ähnlichem Schmuck, aber anderer
Technik. Eine kleine Kanne der Sammlung Sarre (Abb. 22)
aus gelbgrünlichem Glase, mit einem ganz in antiker Art
hergestellten, gekniffenen Henkel, zeigt an der unteren
Leibung die erwähnten Knopfringe, während sich oben herum
ein Fries von Vogelfiiguren zieht, die von innen und außen
gleichmäßig eingepreßt sind, so daß einer Vertiefung außen
Ägyptisches Glas mit gepreßtem Dekor. 43
auch eine Vertiefung innen,
nicht — wie man ‘erwarten
sollte — eine Erhöhung ent-
spricht. Es muß ein waffel-
eisenähnliches Instrument,
das auf beiden Flächen das
gleiche Relief besaß, dazu
verwendet worden sein. Eben-
so sind, die ovalen Verzie-
rungen an einem stark ver-
witterten, trüben Henkel-
napf des Kaiser - Friedrich-
Museums hergestellt, der
drei zugleich als Füße die-
nende, an der Außenwan-
dung angeschmolzene Stege
besitzt. Ein kleiner, gelb-
licher. Glasnapf der Samm-
lung Martin, Stockholm, zeigt
eingepreßte Ovale mit Tierfiguren in Hochrelief.
Eine genauere Datierung als »frühes Mittelalter« ist für
diese Stücke ebensowenig möglich als für die kleine Kugel-
flasche (Abb. 21 rechts) und den auf bambusartig gekniffenem
Schaft stehenden Becher (Abb. 21 Mitte) des Kaiser-Friedrich-
Museums, von denen erstere über den üblichen Knopfkreisen
erhabene Stäbe und vertiefte Punkte, letzterer rundbogige
Arkaden mit darunterliegenden Knopfkreisen besitzt. Die
außerordentliche Regelmäßigkeit der Ornamente beweist,
daß beide Stücke in die Form geblasen sind.
Bndlicher ist in dem aecivpieischesyzrischen
Kunstbereich auch die Fadenauflage heimisch gewesen; das
Kunstgewerbe-Museum besitzt ein grünes Fläschchen mit
aufgeschmolzenen Punkten, verschlungenen Fäden und drei-
eckigen Ornamenten aus manganbraunem und grünlichem
Glase, das noch dem frühen Mittelalter angehört (Schr. 553;
ein ähnliches in der Sammlung Sarre); sehr viel später ist
wahrscheinlich eine aus südrussischen Funden stammende
Flasche des Kaiser-Friedrich-Museums entstanden, auf deren
Wandung Zickzackfäden sowie unregelmäßige, an kufische
Inschriften erinnernde Fadenzüge aufgeschmolzen sind.
Abb. 22. Kanne mit eingepreßten Orna-
menten, Agypten, Mittelalter. (Berlin,
Sammlung Sarre.)
Fatimidische Kristall- und Glasschnittarbeiten. —
Die Hedwigsgläser. +).
In Ägypten hat sich bis gegen Ende des ersten Jahr-
tausends eine Erinnerung an die im Altertum dort blühende
Glasschneidetechnik erhalten. Die häufig vorkommenden
44 Das orientalische Glas.
kleinen vierkantigen
Glasfläschechen mit
vier Spitzfüßen und
plumpen Querrillen
scheinen ın direkter
Anlehnung an bein-
geschnitzte koptische
Amulette des 7. bis 8.
Jahrh. hergestellt zu
sein. In derartigen
unscheinbaren Wer-
ken hat sich die an-
tike Tradition bis ins
ro. Jahrh. hinüber-
gerettet, das wiede-
rum hervorragende
Werke der Schneide-
technik gezeitigt hat.
Allerdings benutzte
man damals als Ma-
terial weniger dasGlas
als den Bergkristall.
Es hat sich, meist in
europäischen Kir-
chenschätzen, eine
große Zahl von Berg-
kristallarbeiten erhal-
ten, die ihre Überfüh-
rung ins Abendland
sicherlich zum größ-
Abb. 23. Bergkristallkanne. Ägypten Ende 10. Jahrh. ten Teil den Kreuz-
(Venedig, Schatz der Markuskirche.) — Nach Pasini. zügen verdanken.
Mehrere der Stücke
lassen sich fest datieren. So eine prächtige Kanne mit zwei
gegenständigen Löwenfiguren und Palmettenranken in S.
Marco, die in einer Inschrift den Namen des fatimidischen
Kalifen Aziz-Billah (975—996) nennt (Abb. 23). Ferner ein
als Reliquienmonstranz gefaßter mondsichelförmiger Ring
im Germanischen Museum (Nürnberg) mit dem Namen des
Kalifen Ez-Zahir (I021—1036). Dann ist für mehrere Stücke
(Tassen, Fläschchen usw.) durch Widmungen und andere
Indizien nachzuweisen, daß sie bereits im Io. und II. Jahrh.
aus dem Besitz deutscher Kaiser als Reliquienbehälter oder
als hochgeschätzte Schmuckstücke in kirchlichen Besitz über-
gegangen sind, Der Ornamentenschatz aller dieser Kristall-
arbeiten setzt sich in der Hauptsache zusammen aus Streng
stilisierten Tieriguren (Löwen, Adler usw.) und aus Ranken
Die Hedwigsgläser. 45
bzw. Friesen von Pal-
metten, dieambreiten
Ende in Voluten aus-
laufen: die typische
Ornamentik der Kai-
rener Holz- und
Stuckarbeiten des 8.
bis IOo. Jahrh.
Wie nun im Al-
tertumderGlasschnitt
aus der Steinschnei-
detechnik erwachsen
ist, so haben auch die-
se ägyptischen Kri-
stallarbeiten den An-
stoß gegeben zur An-
wendung des gleichen
Dekors auf das Glas,
das man in sehr guter
Qualität herzustellen
wußte. Mehrere er-
haltene Glasflaschen F
weisen sich als direk- Abb. 24. Sog. Hedwigsglas. Agypten 11. bis
te, wenn auch etwas 12. Jahrh. (Amsterdam, Ryksmuseum.)
plumpe Nachahmun-
gen jener Kristallarbeiten aus. Eine Schale mit drei Löwenfigu-
ren inS. Marco undein Becher (Ampeleinsatz ?) im Provinzial-
Museum zu Hannover (aus Lüneburg) bilden den klaren
Übergang zu einer Gruppe von Gläsern, die wegen des tra-
ditionellen Zusammenhanges einiger ihrer Exemplare mit der
hl. Hedwig (Landespatronin von Schlesien, f 1243) unter
dem Namen Hedwigsgläser allgemeiner bekannt sind.
Der früher mehrfach angenommene deutsche Ursprung der
Hedwigsgläser ist bereits durch v. Czihak endgültig widerlegt
worden; ihre von demselben Forscher behauptete orientalische
Provenienz wird bestätigt durch den engen Zusammenhang
mit den angeführten fatimidischen Glas- und Kristallarbeiten.
Bis jetzt sind 12 dieser dicken, leicht ins Gelbliche oder Grün-
liche spielenden Glasbecher bekannt geworden (Abb. 24 u. 25).
Sieben von ihnen zeigen in kräftigem Hochschnitt prachtvoll
stilisierte Tierfiguren, Löwen, Greifen und Adler, sowie in
zwei Fällen den stark stilisierten persischen Lebensbaum.
Einmal tritt noch eine sicher ägyptische Waffenfigur (Kelch,
Halbmond und Sterne) dazu, und mehrmals kommen kleinere
dreieckige, wappenartige Schildformen vor. Vier weitere
Gläser haben rein ornamentale Verzierung, teils Palmetten-
motive, teils schwer zu definierende Gebilde, stets mıt einem
46 Das orientalische Glas.
unterbroche-
nen Quader-
band unter
dem Lippen-
rande. Die
Innenzeich-
nung ist bei
allen Stücken
durch paral-
lele Strich-
lagen gege-
ben. Das letz-
te, zwölfte
Glas ist unde-
koriert, aber
wegen seiner
Form und
seines tradi-
tionellen Zu-
sammenhan-
ges mit einem
der :# andern
Abb. 25. Sog. Hedwigsglas. Ägypten 11. bis 12. Jahrh. Stücke sicher
(Feste Koburg.) hierher zu
rechnen,
Mehr als die Hälfte der Heawigsgläser haben in späterer
Zeit eine deutsche Fdelmetallfassung erhalten. Da die
älteste dieser Fassungen noch dem 13. Jahrh. angehört und
da andrerseits die geschnittenen Ornamente als Umbildungen
des Dekors jener Kristallarbeiten des Io. bis II. Jahrh. sich
erweisen, so wird man als Entstehungszeit der Hedwigsgläser
etwa das II. bis I2. Jahrh. annehmen müssen.
Im Anschluß an diese Gruppe seien noch zwei Stücke
des Schatzes von S. Marco erwähnt, obgleich sie beide sehr
viel roher gearbeitet sind als die Hedwigsgeläser. Eine als
Kelch gefaßte Schale aus grünem Glas (Pasini Nr. 99) zeigt
vier nicht klar zu deutende Vierfüßler in Relief; die andere —
türkisfarbene — Schale in byzantinischer Fassung (Pasini
Nr. 105) hat als Schmuck der äußeren Wandung die ge-
schnittenen Figuren von fünf Hasen und am Boden eine
arabische Inschrift. Der Streit, ob ihr Material wirklich Glas
oder ein großer Türkis sei, ist allerdings noch nicht endgültig
geschlichtet; bis dahin wird man jedenfalls mehr zu der ersten
Annahme hinneigen im Hinblick auf den lange verkannten
Gral und auf die leicht verständliche Vorliebe, alten kirch-
lichen Kostbarkeiten durch die Unterstellung auch rein mate-
riellen Wertes größeren Nimbus zu verleihen.
Die Emailgläser. 47
Mehrere Jahrhunderte vergingen nun, ehe man wieder an
die Bearbeitung desGlases mit dem Rade dachte. Der Orient
aber bleibt bei dieser Glastechnik von nun an ganz aus dem
Spiel.
Das emaillierte Glas des 13. und 14. Jahrhunderts.
Konnte man bei den geschnittenen Gläsern mit ihrer
plastischen Tendenz noch einen gewissen Zusammenhang mit
den Werken der antiken Glaskunst annehmen, so kommt die
Anregung zu den schönsten orientalischen Arbeiten des 13.
und 14. Jahrh., den vergoldeten und emaillierten Glasgefäßen,
aus einer ganz andern Richtung: aus dem Osten, aus Persien
und Mesopotamien. Hier war die Geburtsstätte der Lüster-
fayence, die uns in den Werken der Töpfer und Baukeramiker
von Rhages, Veramin u.a.O. seit dem 12. Jahrh. in hoher
Vollendung entgegentritt. Die auf den Fayencen erzielten
farbigen und goldenen Effekte übertrug man bald auch er-
folgreich auf das Glas; die frühen Gläser haben eine unver-
kennbare Verwandtschaft mit den keramischen Produkten
Persiens und Mesopotamiens, nicht nur in der Wahl der
Motive, sondern auch in der zeichnerischen Stilisierung des
figürlichen und ornamentalen Dekors.
Das Material dieser Gläser und Lampen ist nicht hervor-
ragend gut. Seine Färbung schwankt zwischen hellem Gelb
und tiefem Grün, vorwiegend ist ein bräunliches Gelb; sehr
selten — und nur bei den Lampen — kommt eine schöne tief-
blaue Farbe vor. Stets ist es mit sehr vielen Luftbläschen
durchsetzt, was auf einen primitiven Betrieb in den Hütten
hinweist. Charakteristisch ist ferner die blaue Emailfarbe,
die nicht, wie bei allen sonstigen Emails (also auch beim Blau
der modernen Fälschungen) aus Bleiglas besteht, das mit
Kobalt oder Kupfer gefärbt ist, sondern aus mit Glaspulver
verriebenem Lasurstein (Lapislazuli). Außer Blau treten
noch Rot, Grün, Gelb, Weiß und Schwarzbraun sowie ver-
schiedene Mischtöne auf.
Während die Moscheelampen mit verschwindenden Aus-
nahmen syrischen Werkstätten des 14. Jahrh. angehören,
stammt der größte Teil der zu profanem Gebrauch herge-
stellten Glasarbeiten noch aus dem 12. bis 13. Jahrh., und
zwar kommt als Heimat dieser Stücke in der Hauptsache
Mesopotamien und der Iräk in Betracht. Bis vor kurzem
war unsere Kenntnis dieser Gefäße von den sehr seltenen
Exemplaren abhängig, die meist schon seit dem Mittelalter
in europäischen Kirchenschätzen sich befinden und zum Teil
in den Besitz von Museen und Privatsammlungen über-
gegangen sind. — Man wird nicht fehlgehen, wenn man bei
48 Das orientalische Glas,
Abb. 26. Emaillierte Becher. Mesopotamien oder Syrien 13. Jahrh. (Berlin, Kaiser-
Friedrich-Museum.)
den meisten dieser Stücke einen Import durch die Kreuz-
fahrer annimmt, der jedoch durch die Erstürmung Akkas im
Jahre 1291 und die Vertreibung der Franken stark unter-
brochen zu sein scheint. — In jüngster Zeit hat sich aber
die Zahl der Gläser verdoppelt durch Funde aus Tartaren-
gräbern des 14. Jahrh. im nordwestlichen Kaukasusgebiet,
die vom Kaiser-Friedrich-Museum erworben wurden.
Der großen Mehrzahl nach handelt es sich bei diesen
profanen Gefäßen um Becher, deren Form entweder streng
zylindrisch aufsteigt, um sich am oberen Rande kurz und
energisch zu erweitern, oder aber einen von unten an schön
geschwungenen Kontur zeigt. Beide Formen kommen gleich -
zeitig vor und sind aus vielen Darstellungen von Zechgelagen
auf Miniaturen, Mosulbronzen, Fayencen und selbst auf
Emailgläsern zur Genüge bekannt. Der Dekor ist mannig-
faltig; seine Verteilung ziemlich feststehend. Fast immer läuft
ein breiter Fries, von schmaleren Bändern oben und unten
begleitet, horizontal um den Körper des Bechers. Bei einigen
frühen Stücken ist die breite Zone durch geometrische Muster
aus verschiedenfarbigen Emailperlen gebildet (Beispiele in
den Museen von Chartres und Douai sowie im Kaiser-Friedrich -
Museum; Abb. 26, I); häufig finden sich figürliche Darstel-
Formen und Darstellungen. 49
lungen ganz
menden Art
der persischen
Fayencen und
der Mosul-
bronzen(Abb.
2043). Sehr
beliebt sind
Jäger zu Pfer-
de, Polospieler
sowie zechen-
de und musi-
zierende Män-
ner. ( Bei-
spiele u. a. im
Grünen Ge-
wölbe in Dres-
den, inder Lö-
wenburg und
im Museum
von Kassel,
im Brit. Mu-
seum und
im Kaiser-
Friedrich-Mu- Abb. 27. Das sog. Glück von Edenhall. Mesopotamien
seum.) Ein- 13. Jahrh. (England, Privatbesitz.) — Nach Lyson.
zelne Exem-
plare zeigen einen mageren Dekor von kleinen roten Schnör-
keln (Breslau) oder von regellos verstreuten Fischen in
roter Umrißzeichnung (Brit. Museum und Louvre). Völlig
allein unter den Bechern steht mit seinem bunten Ranken-
dekor das sogenannte »Glück von Edenhall«, das — ent-
gegen der Uhlandschen Ballade — heute noch existiert
(Abb. 27, nach einer farbigen Reproduktion in Lysons Magna
Britannia, London 1816. Neben dem Glas steht das alte,
gepunzte und geschnittene Lederfutteral).
Sehr selten sind Inschriften (sogenannter Lutherbecher
im Museum zu Quedlinburg; Becher im Kaiser-Friedrich-
Museum); niemals kommt eine Bezeichnung vor, die eine
exakte Datierung ermöglichte.
An diese Becher reihen sich andere, ebenfalls zu pro-
fanem Gebrauch bestimmte Gefäße an: Kübel, Schalen,
Flaschen mit langem Hals, Henkelvasen usw., die in ähn-
licher Weise, oftmals jedoch mit viel größerer Pracht dekoriert
sind.
Die frühesten Emailgläser zeigen eine starke Vorliebe
für Vergoldung; die bunten Emails treten anfänglich noch
Schmidt, Glas. 4
50 Das orientalische Glas.
sehr in den Hinter-
grund. So weisen
einige Becherbruch-
stücke in der Samm-
lung Sarre und im
Kaiser-Friedrich-Mu-
seumin prachtvoli sti-
lisierter Zeichnung
Friese schreitender
Löwen und anderer
Tiere auf schön ge-
schwungenem Ran-
kengrund auf, bei
denen nur die Kon-
turen mit dünner
roter Emailfarbe auf-
gemalt sind, während
das Innere vergoldet
ist. Ganz schüchtern
Abb. 28. Emaillierter Eimer. Mesopotamien 1. Hälfte tritt zuweilen zu dem
13. Jahrh. (Paris, Sammlung A. von Rothschild.) — Gold und Rot eine
Nach Katal. Spitzer. türkisblaue Email-
farbe in Form kleiner
Perlen, die den Fries oben und unten begrenzen. Die reiche
Farbigkeit wurde erst im Laufe des 13. Jahrh. voll ausgebildet.
Der mesopotamische Ursprung einer ganzen Reihe der
Emailgläser läßt sich mit Sicherheit erweisen.
Mit der Sammlung Spitzer wurde ein eimerförmiges Glas-
gefäß versteigert (jetzt im Besitze des Barons Alphons von
Rothschild, Paris), das an der unteren Leibung zwischen
Medaillons mit schreitenden Löwen eigenartige Doppeladler
aufweist (Abb. 28). Die Köpfe der Adler haben große Ohren
und zwischen Schnabel und Hals breit herabhängende Fleisch -
lappen wie Hähne: die typischen Merkmale der altorien-
talischen Greifenstilisierung. Dieser Doppeladler mit Greifen-
köpfen war das Wappentier der Ortokiden von Kaifa und
Amida (Dijarbekr), wie es sowohl aus Münzen5) als auch
aus Skulpturen an Türmen der Residenzstadt Amida ®)
vom Jahre 1208—1209 bekannt ist. Die Ortokiden
regierten hier von IIS3 an bis zu ihrer Vertreibung durch
Timurleng. Der Doppeladler mit Greifenköpfen, der übrigens
auch auf Seidengeweben 7) und — als spätestes fest datiertes
Stück — auf einer tauschierten Messingkugel vom Jahre 1271
(Brit. Museum) ®) vorkommt, könnte allein also keine präzise
Datierung für das Glasgefäß abgeben. Hinzu kommt aber
ein zweites Ornamentmotiv im Hauptfries des Spitzerschen
Eimers: zwischen den großen blauen Buchstaben ziehen sich
Mesopotamische Arbeiten des 13. Jahrhunderts. 5I
Ranken hin, die in
Drachenköpfen mit
eroßen, hörnerartigen
Ansätzen endigen.
Das Vorbild für diese
Drachenköpfe, die
wieder auch auf einem
der Adlerstoffe (in
Siegburg) erscheinen,
ist zu finden in den
Ungeheuern, die in
den Zwickeln über
dem 1221 errichteten
Talismantor in Bag-
dad, andemAleppotor
in Amida 9), am Tor
eines Khan westlich
von Mosul, einem Bau
des Zengidensultans
Lu’ lu” von Mosul
(1234—1259) ?°) und
an einer Inschrift des
von demselben Herr- Abb. 29. Emaillierte Flasche. Mesopotamien 1. Hälite
scher gebauten Qara 13. Jahrh. (Paris, Sammlung A. v. Rothschild.) —
Seraiin Mosul 12) ein- Nach Schmoranz.
gemeißelt sind. Hier-
durch wird der Glaseimer mit Sicherheit in die erste Hälfte des
13. Jahrh. verwiesen!z). Obdie Werkstatt in Bagdad, Amida,
Mosul oder ineiner andern Stadt des Tigrisgebietes gelegen hat,
ist allerdings nicht zu bestimmen; sicher ist nur, daß der Iräk
oder Mesopotamien die Heimat dieses frühen Glases ist. Nach
dem Zeugnis mehrerer muslimischer Schriftsteller war das Glas
aus dem Iräk im Orient sehr berühmt, besonders das aus Ka-
desia (bei Samarra am Tigris)13). Ibn Batoutah sah in der ersten
Hälfte des 14. Jahrh. in Kleinasien und an der Westgrenze von
TurkestanLeuchter undFruchtschalen aus irakenischemGlas#).
An den Spitzerschen Eimer lassen sich mehrere ausge-
zeichnete Stücke anschließen. So die prachtvolle Flasche
des Brit. Museum (Schmoranz Taf. 20 u. 21), auf der wieder
die Ranken mit Drachenköpfen auftreten, und, wegen der
Analogie mit den blau grundierten Rankenfeldern und den
Figuren dieses Stückes, die kleine Henkelkanne der Samm-
lung Alphons v. Rothschild (Abb. 29). Weiter gehört hierher
das Glück von Edenhall und die einzige bekannte Moschee-
lampe mit figürlichen Darstellungen (Sammlung Myers,
London; abgeb. bei Schmoranz S. 7), die genau die gleiche
Randborte besitzt wie der Spitzersche Eimer. Ferner sind
4®
52 Das orientalische Glas.
dieser frühenGrup-
penochanzureihen
die Vase der Kol-
lektion Schefer
(Gerspaehn res
. 4A), derssskleme
Becher auf der Lö-
wenburg (Schmo-
ranz, Taf. 33) so-
wie die hervorra-
gende Flasche des
Grafen Pourtales
(Kaiser-Friedrich -
Museum; Leihga-
be). — Man beach-
ter dies beisseden
meisten dieser
Stücke auftreten-
den Palmettenran-
ken sowie die eigen-
artige Flechtband-
borte. —Beikeiner
dieser Arbeiten
sind Motive anzu-
treffen, die auf eine
spätere Zeit als
die erste Hälfte
des 13. Jahrh. mit
Sicherheit schlie-
ßen lassen. Dann
aber triep eine
Gruppe auf, die
zwar den Zusam-
Abb. 30. Emaillierte Flasche. Mesopotamien 2. Hälite menhang mit den
13. Jahrh. (Wien, Domschatz von St. Stephan.) frühen Stücken
nicht verleugnet,
sich in Einzelheiten sogar sehr eng an sie anschließt,
aber doch bereits andere, und zwar östliche Beeinflussung
verrät, besonders durch die Aufnahme der chinesischen
Päonie, der Drachen, Wolkenbänder, Phönixe usw. in den
Ornamentenschatz. Dieser Wechsel in der Ornamentik hat
sicherlich begonnen nach dem Einfall der Mongolen in Meso-
potamien und der Eroberung Bagdads im Jahre 1258; ge-
halten hat sich der Stil bis ins 14. Jahrh. Zahlreiche Stücke
sind sogar für den direkten Export nach China gearbeitet
worden. Zu dieser späteren mesopotamischen Gruppe sind
zu rechnen u. a. die schöne Kelchvase der Sammlung Sarre
Mesopotamien. Syrien. SE
(Berlin), der Pokal der ehem. Sammlung Lanna (Schmo-
ranz Taf. 31), die Flaschen in St. Stephan und im Hofmuseum
in Wien (Abb. 30 u.Schmoranz Taf. 4u. 6), die Flasche des Kens.
Museums (ebenda Taf. 25) und die Flasche der Sammlung
Vaperau (ebenda Taf. 29). Bei allen diesen Stücken findet
man neben den neuen — chinesierenden — Motiven die Ele-
mente der älteren Gruppe, die Ranken mit Tierköpfen, die
Flechtbänder, die laufenden Tierfiguren in Gold mit roten
Umrissen usw.; bei dem letztgenannten Exemplar tritt auch
noch eine Sphinxfigur in rein mesopotamischer Stilisierung
auf, die ihre nächsten Verwandten auf einem tauschierten
Becken des Atabeks Lu’ lu’ von Mosul hat 5).
Das eigenartige Motiv der in Tierköpfe auslaufenden
Ranken kommt ebenfalls auf tauschierten Mosulbronzen vor,
so auf einem Schreibzeug des Berliner Kunstgewerbe-Museums
(Schr. 241), wo allerdings nicht nur die Köpfe, sondern die
ganzen Vorderleiber der Tiere aus den Ranken herauswachsen.
Auch sonst kann man vielfach zwischen der Dekoration
der Emailgläser und der Mosulbronzen eine nahe Verwandt-
schaft konstatieren. Und wahrscheinlich haben, worauf Sarre
aufmerksam gemacht hat, die drei Techniken der Goldlüster-
fayencen, der gold- und silbertauschierten Metallgeräte und
der stark vergoldeten Emailgläser eine gemeinsame Quelle
in der Absicht, Ersatzstücke für reine Edelmetallarbeiten zu
schaffen, die durch den Koran verboten waren.
Während die große Menge der frühen Gläser in Meso-
potamien gearbeitet worden ist, liegt das Schwergewicht der
späteren Produktion in Syrien. Eine ganz präzise Abgren-
zung der beiden Gebiete läßt sich allerdings vorläufig noch
nicht vornehmen. Sicher nicht in Betracht aber kommt
Agypten, trotzdem die überwiegende Mehrzahl der erhaltenen
emaillierten Moscheelampen aus Kairo stammt. Alle diese
Lampen sind aus Syrien importiert, wie man auf das be-
stimmteste nachweisen kann. Abgesehen davon, daß die
Glasfabrikation in mehreren syrischen Städten, wie Damas-
kus 26), Aleppo ?7) und Antiochia "2), in verschiedenen gleich-
zeitigen Berichten erwähnt wird, für Ägypten aber solche
Bekundungen fehlen, ist sehr bemerkenswert das positive
Zeugnis des ägyptischen Staatssekretärs Al-‘’Umari vom
Jahre 1337/8, daß Ägypten, Syrien, der Iräk und Kleinasien
aus Damaskus neben andern Dingen die vergoldeten Glas-
waren bezogen. Hinzu kommt die Tatsache, daß aus dem
15. Jahrh. kein halbes Dutzend datierbarer Arbeiten sich
erhalten hat, was man — sicherlich mit Recht — mit der
Verwüstung Syriens und der Eroberung von Damaskus durch
Timurleng im Jahre 1402 in Verbindung gebracht hat. Der
Eroberer führte eine große Menge Kunsthandwerker, unter
54 Das orientalische Glas.
ihnen die Glasarbeiter, mit nach Samarkand fort. Damit
fand die Fabrikation in Syrien und der syrische Export nach
Ägypten sein Ende. Hätte Ägypten die Industrie selbst be-
sessen, so wäre für das gänzliche Fehlen der Emailgläser seit
Beginn des I5. Jahrh. kein Grund vorhanden, da dies Land
sich in jener Zeit der größten politischen Ruhe erfreute.
Eine Bestätigung des syrischen Ursprungs hat die chemische
Untersuchung gebracht, die Schmoranz mit dem Bruchstück
einer aus Ägypten stammenden Lampe hat anstellen lassen
und die einen starken Magnesiagehalt der Masse ergeben hat.
Das beweist die Verwendung verwitterten dolomitischen
Kalksteins, der nicht in Ägypten, wohl aber in Syrien auftritt.
Von dem profanen Luxusgerät hat sich im Orient selbst
so gut wie nichts erhalten; reich ist er dagegen noch heute
an emaillierten Moscheelampen. Etwa die Hälfte
der bekannten Stücke besitzt das Museum in Kairo, und zwar
stammen alle diese Arbeiten — wie auch die meisten in
Privatbesitz befindlichen — aus den alten Moscheen dieser
Stadt.
Das frühest datierbare Exemplar ist eine kleine, noch
sehr spärlich dekorierte Lampe, die laut Inschrift für das
Grabmal eines 1293 gestorbenen Sultans hergestellt worden
ist. Dann häufen sich die Aufträge, besonders der Mamluken-
und Rassulidensultane; während des ganzen I4. Jahrh. stand
die Industrie in höchster Blüte, um kurz nach 1400 fast völlig
zu versiegen.
Die syrische Lampe (richtiger wäre die Bezeichnung
»Ampel«, da in sie hinein erst die eigentliche Lampe, d.h.
der Ölbehälter mit dem brennenden Docht, hineingesetzt
wird) besteht aus einem kräftig ausgebauchten Mittelstück,
dem sich oben ein steilwandiger, trichterförmiger Hals, unten
ein konvex ablaufender Fuß anschließt (Abb. 31; bei einigen
Exemplaren fehlt der Fuß). Die Ampel hängt an drei bis
sechs Ketten, die mit Glasösen am Körper befestigt sind und
sich über der Ampel vereinigen. Sind die Ketten sehr lang,
so werden sie durch eingeschobene emaillierte Glaskugeln
unterbrochen.
Die Form der Ampel ist längst vor dem 13. Jahrh. nach-
zuweisen: auf arabischen Grabsteinen des II. Jahrh. kommt
sie bereits voll ausgebildet vor, nur ist es schr unwahrschein -
lich, daß dort wirklich schon gläserne Lampen gemeint sind.
Das Dekorationsprinzip ist im allgemeinen dasselbe wie
bei den Bechern: je ein breites Band um Hals, Bauch und
Fuß, dazwischen schmale Friese. Das mittlere "breite Band
wird durch die Kettenhenkel in einzelne Felder geteilt; dem-
entsprechend ordnet man in den Hals- und Fußstreifen runde
Medaillons mit Schriftzügen oder Wappenbildern an. Der
Die syrischen Moscheelampen. 55
Goldgrund der da-
zwischen liegenden
Felder wird mit —
meist blau —
emaillierter Schrift
auf Rankenge-
schlinge oder mit
Blumenmotiven
bemalt\ In den
kleinen Friesen
ziehen sich, viel-
fach auch durch
Medaillons unter-
brochen, leichte,
rot gemalte Ara-
besken auf Gold-
erund hin. Zuwei-
len aber gehen gro-
Re, dekorative In-
schriften über den
sanzen Körper hin-
weg; sehr selten be-
decken Blumen-
ranken gleichmä- ee en
Big allemal der Abb. 31. Emaillierte Moscheelampe. Syrien 14. Jahrh.
(Wien, Naturhistor. Hofmuseum.)
Lampe. Die In-
schriften geben ge-
wöhnlichKoransprüche wieder; zussneillen, enthalten sieWidmun-
gen sowie die Namen von Sultanen oder hohen Hofbeamten.
Künstlersignaturen sind bisher nur in zwei Fällen beobachtet
worden. Menschliche Figuren kommen — mit einer einzigen
Ausnahme — auf Moscheelampen nicht vor, im Gegensatze
zu den profanen Gefäßen, wo sie den üblichen Dekor bilden.
— Auf Einzelheiten hier einzugehen erübrigt sich im Hin-
blick auf die technisch mustergültige große Publikation von
Schmoranz.
Wie erwähnt, erlischt in Syrien die Emailglasfabrikation
im 15. Jahrh. gänzlich. Ob und in welchem Umfange Persien
sich damit befaßt hat, muß noch festgestellt werden; jeden-
falls scheint eine Schale des Brit. Museum (farbig abgeb. bei
Dillon, Pl. 27) mit einem knienden Engel im Fond unbedingt
einer persischen Werkstatt des 15. bis 16. Jahrh. anzugehören.
Später hat man für die Glaslampen Ersatzstücke aus Halb-
fayence geschaffen; inschriftlich datiert ist ein derartiges
Stück aus Damaskus vom Jahre 1549 im Brit. Museum; ein
undatiertes Stück besitzt das Kunstgewerbe-Museum (Schr.
277). Für Lampen aus Glas aber hat man in gleicher Zeit —
56 Das orientalische Glas.
wenigstensin Kon-
stantinopel —
fremde Hilfe in An-
spruch genommen.
Es ist eine Anwei-
sung des venezia-
nischen Gesandten
in Konstantinopel,
Marc Antonio Bar-
baro, vom Jahre
1569, erhalten, in
der auf Wunsch des
Großvezirs 900
Moscheelampen in
Venedigin Auftrag
gegeben werden.
Wie eine — bei
Gerspach, L’art de
la verrerie, S. 169,
reproduzierte —
Skizze beweist,
handelte es sich
um Lampen der
üblichen, nur et-
was breitgedrück-
ten Form und um
Abb. 32. Emaillierter Glasbecher, in Syrien auf euro- zylindrische Glas-
päische Bestellung gearbeitet. 2. Hälfte 13. Jahrh. einsätze. Von ir-
(Berlin, Kaiser-Friedrich-Museum.) gendwelchem
Emaildekor wird
nichts erwähnt; die Stücke sollten teils einfach glatt, teils mit
Fäden, »rediselli«, verziert sein. Was für eine Bewandtnis es
mit den I480 von dem venezianischen Kapitän Contarinivon
Jaffa nach Damaskus transportierten muranesischen Glas-
gefäßen hatte, ist nicht mehr festzustellen. (Vgl. M. van
Berchem, Corpus I, 679
Mehrere Jahrhunderte früher schon sind auf dem Gebiete
der Emailglasfabrikation Beziehungen zwischen Orient und
Okzident zu konstatieren, wobei aber der Orient der gebende
Teil war. Das Brit. Museum (Hope Coll.) bewahrt einen
Becher der typischen Form syrischer Gläser des 13. Jahrh.,
auf dem eine sitzende Madonna, flankiert von zwei leuchter-
tragenden Engeln, sowie Petrus und Paulus, emailliert sind
(Abb. bei Dillon, Pl. I). Darüber zieht sich ein Schriftband
mit gotischen Lettern hin. Darstellung und Schrift deuten
also unzweifelhaft auf Europa, während das Glas und die
Emails alle sicheren Kennzeichen orientalischer Herkunft
Syrische Arbeiten für Europa. 57
tragen. In dieselbe Kategorie gehört ein Becher des Kaiser-
Friedrich-Museums (Abb. 32; Grabfund aus dem Kaukasus-
gebiet), dessen Hauptfries gelbe, efeuartige Blätter und
rote Ranken aufweist, während der darüber befindliche
Streifen die Inschrift: NON .DETVR. PETE + (wohl
»macht’s nicht entzwei«s, von deturpare = verunstalten)
enthält. Bei beiden Bechern muß man annehmen, daß sie
in der zweiten Hälfte des 13. Jahrh. in Syrien, wo bis zur
Einnahme von Akka (1291) ein reger Handelsverkehr mit
dem Abendlande herrschte, von einheimischen Arbeitern auf
europäische Bestellung gearbeitet sind 79). (Man denke auch
an die nicht seltenen Mosulbronzen mit christlichen Dar-
stellungen!)
In dem dritten der hier in Frage kommenden Becher
(Brit. Museum; früher Sammlung Gedon, München; Abb.
bei Dillon, Pl. 28) aber liegt sicher das Versuchsstück eines
Italieners, vielleicht eines Venezianers vor. Der kübelartig
breite Becher von leidlich hellem Glas weist dieselbe dekora-
tive Anordnung auf wie der Berliner Becher: um die Mitte
zieht sich ein breiter Fries von bunten, steifen Blattranken,
zwischen denen drei Wappenschilde eingefügt sind. Auf
einem schmalen Fries darüber befindet sich die Inschrift:
MAGISTER - ALDREVANDIN - ME. FECI +.
Der Emailauitrag zeigt eine enge Anlehnung an die
syrischen Vorbilder; auch der Umstand, daß die Emails teil-
weise von innen aufgetragen sind, weist auf orientalische
Technik, wie sie u.a. auf einem Becher des Brit. Museum
angewendet ist (farbig publiziert von Read in Archaeologia
Vol. 58, Taf. 14). Jedenfalls hat also dieser Magister Al-
drevandini in einer syrischen Werkstatt gearbeitet. Schwer-
lich aber hat er die dort erworbenen Kenntnisse auch in seiner
italienischen Heimat verwendet: sehr viel — etwa Iı/2 Jahr-
hunderte — später erst kommt die Emailtechnik in Venedig
in Aufnahme, und zwar unter gänzlich veränderten techni-
schen und künstlerischen Voraussetzungen.
Die emaillierten Gläser und Lampen des 13. und 14.
Jahrh. sind die hervorragendsten künstlerischen Erzeugnisse
der orientalischen Glasfabrikation aller Zeiten gewesen.
Farbig sind sie wohl überhaupt das Schönste, jedenfalls das
Wirksamste, was je in Hohlglas geschaffen ist. Das Abend-
land konnte diesen morgenländischen Herrlichkeiten in der
Hohlglasfabrikation nichts auch nur annähernd Gleich-
wertiges zur Seite stellen; seine künstlerischen Kräfte wurden
in jener Zeit vollauf durch die Herstellung von Glas-
gemälden für die Kirchenfenster absorbiert.
58 Das orientalische Glas.
Das orientalische Glas seit dem 15. Jahrhundert.
Neben den mit Emailmalereien geschmückten Luxus-
gläsern wurden im Orient natürlich auch einfachere Ge-
brauchsglaswaren: hergestellt, für die die Tradition seit der
Antike nicht abgerissen war. (Einige Proben aus Syrien in
Schr. 553.! Persien und der Iräk haben das Verdienst, neben
derartigen aus der Antike abgeleiteten Formen ihren Glas-
waren eine eigene, noch heute gültige Formensprache ge-
schaffen zuhaben. Und zwar muß das ziemlich früh geschehen
sein, wenn auch keine Arbeiten erhalten sind, denen man mit
Sicherheit eine ältere Entstehungszeit als das 16. Jahrh. zu-
schreiben kann. Das Kunstgewerbe-Museum besitzt eine
Reihe dieser persischen Gläser, die zum Teil noch dem 17.
bis IS. Jahrh. angehören, zum Teil aber auch neuzeitige Ar-
beiten nach altem Muster sind. Die Haupttypen sind aus
den Abb. 33 u. 34 zu ersehen.
Als Farben der Gläser kommen verschiedene Nuancen
Grün, tiefes Blau und Goldgelb neben völliger Farblosiekeit vor.
Daß die kugelige
Flaschenform mit spitz
zulaufendem Hals be-
reits dem. ns uDısBn:
Jahrh. geläufig war, wird
bewiesen durch die (S.
55) erwähnte emaillierte
Schale von gelbem Glas
im Brit. Museum, die
wohl sicher persischen
Ursprungs ist. Der auf
ihr dargestellte Engel
hält eine solche Flasche
aus blauem Glas in der
Hand.
In der Kathedrale
von Cordova befindet
sich ein 1475 von Pedro
de Cordoba gemaltes Ver-
kündigungsbild, auf dem
mehrere Gläser darge-
stelltsind, u.a. cine Kan-
ne mit Ausgußrohr ty-
pisch orientalischen Cha-
rakters. Auch die große
Mehrzahl der späte-
Abb. 33. Blaue persische Flasche. 16. bis gen südspanischen Glä-
17. Jahrh. (Sammlung Sarre, Berlin.) ser zeugt von naher Ver-
Die persischen Gläser. 59
Abb, 34. Persische Glasgefäße des 17. bis 19. Jahrh. (Berlin,
Kunstgewerbe-Museum.)
wandtschaft mit den mesopotamisch-persischen Arbeiten,
so daß man diese spanische Glasindustrie für einen Ableger
der orientalischen Glaskunst halten muß. Etymologisch wird
das dadurch bestätigt, daß in älteren spanischen Dokumenten
den Gläsern häufig das Beiwort irake oder iraga beigefügt
ist 22), was natürlich auf den Iräk hindeutet.
Es wurde bereits erwähnt, daß das Glas aus dem Iräk,
besonders das aus Kadesia in der Nähe von Samarra am Tigris
(oberhalb von Bagdad) sehr berühmt war. Man hat also nicht
nötig, die Entwicklung der persischen Glasindustrie einge-
wanderten venezianischen Arbeitern in die Schuhe zu schieben,
wie es bisher stets unter Berufung auf Chardin 2"), der sich
zwischen 1664 und 1667 in Persien aufhielt, geschehen ist.
Man muß vielmehr umgekehrt bei manchen venezianischen
Glasarten, wie bei so vielen andern venezianischen Erzeug-
nissen, mit einem orientalischen Einschlag rechnen.
Das künstlerisch Wertvollste, was die persische Glas-
industrie des 17. Jahrh. geschaffen hat, wird repräsentiert
durch eine kleine Gruppe blauer, vergoldeter Kannen und
Schalen. Das Kunstgewerbe-Museum besitzt zwei ausge-
zeichnete Vertreter dieser Gattung in einem Napf mit dazu-
gehöriger Unterschale (Abb. 35). Auf der reich vergoldeten
Oberfläche sind in großen, geschweift konturierten Feldern
aus dem Gold blaue Blüten (Schwertlilien) ausgespart, deren
Staubfäden als Rosetten stilisiert und zum Teil mit weißer
Emailfarbe aufgetragen sind. Ebenso die Rippen der Blüten-
60 Das orientalische Glas.
blätter. Allesübrige,
Behangmuster, Zwik-
kelfüllungen USW.,
liegt inGold auf dem
tiefblauenGrunde auf.
Eine mit silbernen
Blumen dekorierte
Flasche (in Schr. 553)
dürfte bereits dem 18.
bis 19. Jahrh. ange-
hören.
Eine besondere
persische Spezialität
sind kleine, vierkan-
tige Flaschen mit er-
habenem Reliefdekor
auf den Flächen.
Abb. 35. Blaue Schale, vergoldet. Persien Anfang Dieser "Reliersus sind
17. Jahrh. (Berlin, Kunstgewerbe-Museum.) aber nıcht durch Bla-
sen in eine Hohlform
entstanden, sondern, worauf Brinckmann 2?) aufmerksam ge-
macht hat, aus geschmolzener Glasmasse auf die Flasche auf-
gelegt. Ein Exemplar des Hamburgischen Museums zeigt
als Dekor vergoldete Blumenstauden auf allen Seiten, während
das F ragment einer solchen Flasche bei Dr. List (Magdeburg)
auch bunt emaillierte Reiterfiguren aufweist. An der persi-
schen Herkunft und an der Entstehung im 17. Jahrh. ist nicht
zu zweifeln.
Dagegen sind die in mehreren Sammlungen vorkommen-
den emaillierten Fläschchen mit sehr buntem Blumendekor
böhmische (oder spanische?), für den türkischen und persi-
schen Markt gearbeitete Exportartikel des IS. Jahrh. (Ein
Exemplar in Schr. 532.)
V. Das venezianische Glas.
der alexandrinischen Glashütten im Altertum steht seit
dem 15. Jahrh. der Ruhm des Glases von Venedig. Als am
Ende des Mittelalters die Glaskunst des Orients ihrem Nieder-
gang sich zuneigte, als die europäischen Kulturländer sich
noch mit den wenig kunstvollen Erzeugnissen aus der schlech-
ten, grünen Masse des sogenannten Waldglases begnügen
mußten, wurde in Venedig die Hohlglasfabrikation zur Kunst
erhoben, wurden Gläser in einer Mannigfaltigkeit der Form
und Farbe hergestellt, die seit dem Altertum unerhört war.
Vom Aufschwunge der venezianischen Industrie an datiert
der Beginn des modernen Glases, und bis weit ins 17. Jahrh.
hinein haben sich die zarten Erzeugnisse der venezianischen
Glasbläsereien die Herrschaft über die Produkte sämtlicher
übrigen europäischen Hütten zu bewahren gewußt.
Auch über das venezianische Glas fließen die urkund-
lichen Quellen spärlicher, als man erwarten sollte. In den
bisherigen Publikationen ist man über eine Zusammenstellung
zufällig ans Licht gekommener Dokumente nicht hinaus-
gegangen, die sicher sehr zahlreichen Schätze des Archivs in
Venedig sind noch nicht gehoben; die auf Aktenmaterial
gegründete Geschichte des venezianischen Glases bleibt noch
zu schreiben. Selbst das wenige bisher Veröffentlichte kann
bei zahllosen Widersprüchen in den zitierten Daten keinen
Anspruch auf wissenschaftliche Zuverlässigkeit machen.
Daher sind in der folgenden Darstellung nur solche literarische
Notizen berücksichtigt, die einigermaßen tatsächlichen Wert
zu besitzen scheinen und von besonderer Wichtigkeit für die
künstlerische und ökonomische Entwicklung der veneziani-
schen Glasindustrie sind. In erster Linie aber muß auch
hier von den erhaltenen Gegenständen selbst ausgegangen
werden. Es wird sich zeigen, daß wegen der zahllosen Nach-
ahmungen im 16. und besonders im 17. Jahrh. auch auf
diesem Wege die Rechnung nicht restlos aufgeht, daß noch
viele Rätsel zu lösen bleiben. Eine völlig klare Aufteilung
des Materials wird überhaupt unmöglich sein.
an gleicher oder vielleicht noch größerer Höhe wie der Ruf
62 Das venezianische Glas.
Geschichtlicher Überblick.
Im »liber plegiorum communis« sind im Mai 1224 bereits
29 Glasarbeiter notiert, die sich gegen die behördlichen Be-
stimmungen der »ars friolaria« vergangen haben; daß die
Glasmacherei aber schon viel früher in Venedig heimisch war,
geht aus der Erwähnung eines »fiolarius« im Jahre 1090,
besonders aber aus dem Umstande hervor, daß schon im
Jahre 1072 die Einfuhr von Alaun aus Alexandria erwähnt
wird. Dies Faktum weist auf einen Zusammenhang der
frühen venezianischen Glaskunst mit dem Orient hin; daß
solche Beziehungen auch weiter bestanden, wird durch den
am I. Juni 1277 zwischen dem Dogen I. Contarini und dem
Fürsten Bohemund VI. von Antiochia geschlossenen Vertrag
bewiesen, in dem es heißt: »Et sı Venicien trait verre brize
de la vile, ıl est tenuz de payer le dhime.« — Hingewiesen
wurde bereits auf ein emailliertes Glas, das als das Produkt
eines in Syrien arbeitenden Italieners anzusprechen ist.
Dagegen ist es nicht möglich, in Dokumenten oder in
erhaltenen Arbeiten auch nur den geringsten Zusammenhang
mit Byzanz nachzuweisen. Bestanden mag er haben — für
das Gebiet des Glasmosaiks steht er fest —; jedenfalls zeigt
aber die vermutlich nach 1204 (der Eroberung von Kon-
stantinopel) erfolgte Aufnahme so vieler byzantinischer Glas-
geräte in den Schatz von S. Marco, daß man diese Erzeugnisse
des Ostens als Kostbarkeiten sehr hoch einschätzte und daß
sie künstlerisch über den in Venedig selbst hergestellten Ar-
beiten gestanden haben. Man wird annehmen dürfen, daß
die venezianische Glasbläserei sich bis zu dieser Zeit in
künstlerischer Beziehung auf demselben relativ niedrigen
Niveau wie die der übrigen westeuropäischen Hütten be-
wegte, und daß nur technische Rezepte, besonders für das
Reinigen der Masse und für das Färben des Glases — zur
Herstellung von Edelsteinimitationen und bunten Perlen —
sowohl aus Byzanz wie aus dem syrisch-ägyptischen Orient
übernommen wurden. Das abendländische Mittelalter war,
aus bereits angezeigten Gründen, einer Veredlung des pro-
fanen Zwecken dienenden Hohlglases nicht günstig; daher
setzte die künstlerische Formbildung in Venedig erst mit der
beginnenden Renaissance, also gegen Mitte des I5. Jahrh.
ein, und zwar, wie die Formen und der Dekor beweisen, völlig
unbeeinflußt von orientalischen Erzeugnissen, die erst in
späterer Zeit für gewisse venezianische Glasarten das Vorbild
abgegeben haben.
In der Chronik des Martino da Canale sind die Gegen-
stände aufgezählt, die bei Gelegenheit der Dogenwahl des
Lorenzo Tiepolo, am 23. Juli 1268, von den Muraneser Glas-
Geschichtlicher Überblick. 63
meistern ausgestellt wurden. Es werden genannt: »ricche
girlande di perle, guastade, e oricanni, ed altrettali vetrami
gentili« (reiche Perlenketten, Karaffen, Parfümflaschen und
andere derartige hübsche Glaswaren). Über die künstlerische
Qualität dieser Gegenstände kann man daraus nichts ent-
nehmen; wohl aber beweist die Stelle, daß damals bereits in
Murano Glashütten existierten. Sie bestanden daselbst
sicher schon seit längerer Zeit. Nachdem dann 1279 die
Glasmacher sich zu einer Innung zusammengeschlossen hatten,
wurde 1291 das vielzitierte Gesetz publiziert, welches die
Konzentration der Glasöfen ausschließlich in Murano vor-
schrieb. Die Insel sei dazu am geeignetsten, nicht nur wegen
der alten Tradition der Bevölkerung, die sich fast aus-
schließlich der Glaskunst widme, sondern auch »per motivi
di sanita«. Der Hauptgrund dieser Verweisung der Werk-
stätten aus der Stadt nach der Nachbarinsel lag sicher in der
Feuergefährlichkeit der Anlagen, ein Grund, der auch anders-
wo (z.B. inBarcelona und Köln) und bei andern Gewerken (z.B.
den Töpfern) häufig zu ähnlichen Maßnahmen geführt hat.
Ein Jahr später aber wird die rigorose Bestimmung wenig-
stens teilweise zurückgenommen, indem die Herstellung
kleinerer Objekte (»conterie«) auch in Venedig selbst wie-
der gestattet wird, jedoch nur unter der Bedingung, daß
die Glasöfen mindestens 15 Schritt von den Häusern ent-
fernt liegen.
Die Mitglieder der Innung, die durch genaue Bestimmun-
gen über Arbeitszeit, Abgaben, Meisterstücke u.a. in ganz
ähnlicher Weise wie die deutschen Zünfte beengt war, waren
schon früh in mehrere Zweige eingeteilt, von denen die der
Hohlglasbläser, Spiegelmacher, Linsenverfertiger und Perlen-
macher die bedeutendsten waren. Große Sorge machte den
überwachenden Staatsbehörden die unerlaubte Ausfuhr der
Rohmaterialien und die Auswanderung von Arbeitern. Der
eminente Geschäftssinn, der die Venezianer von jeher aus-
zeichnete, kommt in diesem Falle darin zum Ausdruck, daß
man die blühende Glasindustrie als Monopol der Republik
und als bedeutende Geldquelle sich unter allen Umständen
sichern wollte. »Ut ars tam nobilis semper stet et permaneat
in loco Muriani« heißt es am Schluß eines Dekrets vom
Jahre 1383. Schon 1275 und 1282 wurde die Ausfuhr von
Glasscherben, von Alaun und Sand verboten. 1295 wird
das Verbot erneut, zugleich mit Erhöhung der Strafe, der die
ins Ausland abgewanderten Glasarbeiter verfielen, wenn sie
nach Venedig heimkehrten. Der Grund für diese Maßnahme
lag darin, daß bereits in Treviso, Vicenza, Padua, Mantua,
Ferrara, Ravenna und Bologna von desertierten Arbeitern
Glasöfen errichtet waren. Die Maßregel scheint aber nicht
64 Das venezianische Glas.
die gewünschte Wirkung gehabt zu haben, da schon 1306
und 1315 zurückwandernden Glasarbeitern Straffreiheit zu-
gesichert wurde, weil sie sonst nicht zurückkamen. 1454
und 1547 dagegen wurde wieder bestimmt, daß, wenn ein
zur Rückkehr aufgeforderter Deserteur nicht gehorche, seine
nächsten Verwandten ins Gefängnis geworfen werden sollten.
Wenn er auch dann nicht zurückkäme, solle man Maßregeln
ergreifen, um ıhn zu töten, wo er auch sei. Wir wissen, daß
dies drakonische Gesetz, das bis ins 18. Jahrh. hinein ver-
schiedentlich erneuert wurde, mehrmals zur Anwendung ge-
kommen ist, so daß die entflohenen Arbeiter in beständiger
Angst lebten. Aber die Aussicht auf reichen Gewinn hat
immer wieder einzelne Muranesen zur Flucht verleitet, und
der große Schaden, den die von ihnen geleiteten ausländischen
Glashütten dem Umsatze der venezianischen Waren zufügten,
rechtfertigt in gewisser Weise die strengen Verordnungen der
Signoria. Anderseits wieder suchte man durch besondere
Bevorzugungen die Glasarbeiter an Venedig zu fesseln, so
durch den Erlaß von 1376, nach dem Ehen zwischen Patriziern
und Töchtern von Glasmachern als standesgemäß angesehen
wurden, so daß die aus ihnen entsprossenen Kinder Nobili
blieben. — Auch die unmittelbare Stellung der Glasmacher-
zunft unter die Oberaufsicht des Rates der Zehn, die 1490
erfolgte, zeugt von der Wertschätzung des Gewerbes.
Die Nachrichten über die Spiegelfabrikation von 1317
und 1507, aus denen eine Überlegenheit der deutschen Glas-
hütten hervorzugehen scheint, die Notizen über Glasfenster
(»rui«), Brillen, Edelsteinimitationen, Perlen usw. mögen hier,
wo es sich lediglich um eine Geschichte des Hohlglases handelt,
unerwähnt bleiben. Natürlich bildeten diese mehr industriel-
len Produkte, besonders die Perlen, deren gewöhnliche Arten
unter dem Namen »Conterien« auf den Markt kamen, einen
sehr bedeutenden Teil des venezianischen Glashandels.
Der auswärtige Handel mit Hohlglas begann sehr früh.
Die erste Nachricht darüber, die erhalten ist, stammt aus
dem Jahre 1282 und besagt, daß den deutschen Hausierern,
»qui portant vitra ad dorsum«, bis zum Werte von IO Lire
Abgabefreiheit gewährt wurde. 1364 prozessieren zwei Nürn-
berger, Conrad und Marcus, in Venedig wegen einer Quantität
Gläser; 1387 wird ein deutscher Kaufmann Bernardus de
Langem als Glasexporteur genannt. Auch in Krakau ist
schon im 14. Jahrh. von venezianischem Glas im Gegensatze
zum gewöhnlichen grünen Glas die Rede, ebenso in Wien 1354;
und 1394 hören wir vom Glasexport durch venezianische
Galeeren nach Flandern. Da Flandern von Alters her eigene
Glashütten besaß, so muß es sich hier um bessere Sorten
gehandelt haben.
Geschichtlicher Überblick. 65
Im 15. und namentlich im 16. Jahrh. nahm die Bedeutung
und das Ansehen der venezianischen Hütten gewaltig zu; es
erübrigt sich vollkommen, hier noch Zitate anzuführen. Die
Gläser gingen als kostbare Luxuswaren in alle Welt und er-
weckten überall den Wunsch, durch Nachahmung in eigener
Fabrikation vom venezianischen Import unabhängig zu
werden. Vielfach glückte dies, immer aber blieb Venedig,
was die Formgebung und Dekoration betrifft, tonangebend.
Erst im 17. Jahrh. änderte sich der Geschmack vollständig,
und die schweren, kristallklaren, mit dem Rade geschnittenen
Gläser Böhmens und Schlesiens liefen den zarten, dünn-
wandigen Erzeugnissen Muranos den Rang ab, so daß die
venezianische Fabrikation, der Konkurrenz nicht gewachsen,
einem rapiden Verfall entgegeneilte. Ein unbeholfener Ver-
such, den Schnitt auf das venezianische Glas zu übertragen,
liegt in einer großen, flachen Schale der Lanna-Sammlung
des Prager Kunstgewerbe-Museums vor, auf deren Rande
das Brustbild und Wappen des Franc. Morosini mit der Jahr-
zahl 1688 eingeschnitten ist. Ein Sanierungsversuch ging
von einem intelligenten Glasmacher, Giuseppe Briati, aus,
der sich in Böhmen Kenntnisse der »modernen« Glasfabrika-
tion verschaffte und nach seiner Rückkehr 1736 ein zehn-
jähriges Privileg für Glas auf böhmische Fagon erhielt.
Eine Arbeit dieses G. Briati ist jedenfalls die im Museo
Civico in Venedig aufbewahrte Flasche mit dem auf böhmische
Art geschnittenen Wappen und Monogramm des von 1735
bis 1741 regierenden Dogen Alvise Foscari. Dann soll um
1770 in Venedig ein I. Ant. Caraffa aus Brescia große Glas-
gefäße mit Figuren in Schnitt, z. B. für das Zimmer der Ad-
vokaten im Dogenpalast, hergestellt haben 23).
Derartige Versuche aber hatten nicht mehr als episodi-
schen Wert; der Venezianer war eben nur Glasbläser und
nicht Glasschneider, und vor allem war das leichte Natronglas
Venedigs untauglich für den Schnitt. Beim Zusammenbruch
der Republik war die Glaskunst auf ein klägliches Niveau
herabgesunken Erst im Ig. Jahrh. nahm sie wieder einen
nicht unbeträchtlichen Aufschwung. Seit 1838 wurden die
alten Techniken durch D. Bupolin wieder belebt und durch
Pietro Bigaglia, Lorenzo Radi u.a. weiter entwickelt; und
schließlich erstand seit 1859 der venezianischen Glasbläserei
ein Reformator in Antonio Salviati. Aber man beschränkte
sich fast ganz auf das Kopieren der alten Formen, die man
mit staunenswerter Geschicklichkeit nachahmte; wo man
darüber hinausging, kam es fast stets zu überladenen Ge-
schmacklosigkeiten. Die heutigen Hohlglaserzeugnisse sind
kaum etwas anderes als auf "den Fremdenverkehr zuge -
schnittene Luxusfabrikate.
Schmidt, Glas. 5
66 Das venezianische Glas.
Es ist häufig sehr schwer, die modernen Nachbildungen
von den alten Originalen zu unterscheiden; die besten Merk-
male sind, abgesehen von den fehlenden äußeren Spuren des
Alters, die verhältnismäßig größere Reinheit des Materials
und die pedantisch durchgeführte Exaktheit der Form, die
im Gegensatze steht zu dem Reiz der Zufälligkeiten, die an
den alten Exemplaren meist zu beobachten ist.
Die formale Entwicklung des venezianischen Glases.
Die Formen der Frühzeit.
Über das Aussehen der venezianischen Gläser bis etwa
zur Mitte des 15. Jahrh. wissen wir sehr wenig. Erhalten ist
nichts, was mit Sicherheit dieser frühen Zeit zugewiesen
werden könnte, Darstellungen von Hohlglas auf italienischen
Bildern beschränken sich ausnahmslos auf Trinkbecher in
Form unserer gewöhnlichen Wassergläser und auf Flaschen
mit rundem Körper und langem, schmalem Hals. Also ein-
fache, kunstlose Gebrauchswaren, für die bei gänzlichem Aus-
fall venezianischer Bildquellen nicht einmal die speziell vene-
zianische Herkunft fest zu beweisen ist. Zu erkennen ist
nur, daß sie meist aus farblos-durchsichtigem Glase her-
gestellt sind. Dieses — in bewußtem Gegensatze zum unent-
färbten Waldglas und wegen seiner relativen Ähnlichkeit mit
dem Bergkristall — »Cristallo« genannte Glas war die viel-
bewunderte Haupterrungenschaft der venezianischen Glas-
hütten. (Nicht zu verwechseln ist es mit dem schweren
Kristallglas des 17. und 18. Jahrh.)
Wirkliche Kunstformen scheint erst die zweite Hälfte
des 15. Jahrhunderts hervorgebracht zu haben. Es ist be-
merkenswert, daß ein großer Teil der durch den Stil des
Dekors oder aus andern Gründen fest zu datierenden Gläser
des ausgehenden Jahrhunderts, ja noch der drei folgenden
Dezennien, im Aufbau rein gotischen Charakter aufweisen.
Das kommt besonders klar bei der Form des Pokals zum
Ausdruck, die im wesentlichen die Silhouette des profanen
gotischen Silberpokals wiederholt (Abb. 36 links). Der steil
trichterförmig aufsteigende Fuß besitzt keine Spur einer
Horizontalprofilierung und ist mit dem eigentlichen Becher
ohne jeden organischen Abschluß oder Übergang verbunden.
Die Kuppa ruht mit flachem Boden auf dem Fußschaft auf
und hat eine steil ansteigende oder eine leicht geschweifte,
nach oben sich erweiternde Umrißlinie. Vielfach ziehen sich
kräftige, nach oben zu breiter werdende Rippen am unteren
Teile der Kuppa hinauf, die die Vertikaltendenz unterstützen.
Seltener kommen breit ausladende Pokalformen vor, die, an
Die Formen der Frühzeit. 67
Abb. 36. Pokale und Kanne. Venedig Ende 15. und Anfang 16. Jahrh.
(Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
die Form des kirchlichen Kelches erinnernd, oftmals auch
dessen Mittelglied, den Knauf, übernehmen (Abb. 36 rechts).
Dieser wird dann folgerichtig auch vertikal gerippt. Zu den
Seltenheiten gehören Pokale in Form der besonders in Deutsch -
land während des 15. Jahrh. beliebten Maserbecher (Beispiel
in Millefioriglas s. Abb. 50 links).
Die breiten Rippen (auch Schrägbuckel, die ebenfalls
aus der Goldschmiedekunst übernommen sind und u.a. ein
Hauptschmuckmotiv der gleichzeitigen venezianischen Kupfer-
emailarbeiten sind) erscheinen häufig auch auf den Schalen
und Becken dieser Zeit, die meist einen niedrigen, straff ge-
gliederten Fuß besitzen. (Mehrere Beispiele in Schr. 538;
vgl. Abb. 57.)
Die Anlehnung der Gläserformen an die der gleichzeitigen
Goldschmiedewerke beweist, daß diese Formen die frühesten,
noch unselbständisen Kunst formen des Glases waren, daß
ein eigener Stil für das Glas noch nicht gefunden war — etwa
analog der Entwicklung der europäischen Porzellanformen
im 18. Jahrh., die sich ebenfalls zuerst vielfach an Vorbilder
aus Edelmetall hielten, bis ein den technischen Bedingungen
und ästhetischen Besonderheiten des Porzellans adäquater
Stil gefunden wurde.
Eine besondere Art von Deckelgläsern besteht aus einem
zylindrischen Becher, der auf dem üblichen steil aufsteigenden
Fuße mit geriffelter Knaufbilduns aufsteht. Auf dem Deckel
*
5:
68 Das venezianische Glas,
erhebt sich auf
einem kleinen
Rundknopf ein
Kreuz. Der un-
tere © Terlsgudes
Fußes, derKnauf,
der Deckelknopf
und Teile des
Kreuzessind häu-
fig aus blauer
Masse hergestellt
und vergoldet;
zuweilen weist
die Kuppa eine
vergoldeteRanke
oder eine email-
lierte Punktborte
auf. Gute Exem-
Abb. 37. Flaschen und Glasform der gewöhnlichen Ge- pla re dieser Gat-
brauchsware im 15. Jahrh. — Ausschnitt aus Ghirlandaios tune besitzt das
Geburt Joh. d. T., um 1490. (Florenz, S. M. Novella.) Be Mae
und die Feste Ko-
burg; eine größere Anzahl steht im Museum von Murano, und
zwar als Leihgabe der Fabricieria vonS. Pietro Martire in Mu-
rano. Die fast immer wiederholte Kreuzform auf dem Deckel
sowie die kirchliche Herkunft der Gläser in Murano lassen es
wahrscheinlich erscheinen, daß sie zu kirchlichem Gebrauch —
vielleicht als Hostienbehälter — gedient haben.
Ein in der Frühzeit selten vorkommendes Requisit ist
der Henkel. Zuweilen weisen die kelchartigen Pokale Doppel-
henkel auf, auch bei Blumenvasen finden sie sich in ge-
schwungener S-Form. Eine solche doppelhenkelige Vase von
breiter, an einen Flaschenkürbis erinnernder Form befindet
sich z. B. auf dem Verkündigungsbilde von Fra Filippo Lippi
(T 1469) in München, ein ähnliches, schlankeres Exemplar
auf einer dem Jacopo Bellini zugeschriebenen, um I460 ge-
malten Verkündigung der Sammlung I. Wernher (London).
Eine sehr schöne Henkelvase mit eingeschnürtem Körper und
Längsrippen zeigt ein Madonnenbild von Francia (Rom,
Kapitol).
Als Oberflächendekor treten vielfach Zickzackmuster,
aufgeschmolzene Glasbrocken (Pokal in Schr. 538) und spi-
ralige Riffelungen auf. Mit derartigen Spiralwindungen
geziert ist z. B. der lange, trichterförmige Hals einer Blumen -
vase auf dem 1468 von Niccolo da Foligno gemalten Ma-
donnenbilde in San Severino (Chiesa del Castello), die auf Bil-
dern von Crivelli, Catena u. a. ihre nächsten Verwandten hat.
Die Formen der Frühzeit. 69
Die auf kurzem, steilem
Fuße stehende rundbauchi-
ge Vase zeigt außerdem den
steil im |Innern sich erhe-
benden,* kegelförmigen Ein-
stich der Bodenfläche, der
für alle Flaschenformen der
Frühzeit charakteristisch
ist (Abb. 37). Der Fußrand
ist stets umgeschlagen.
Ein an Rautenmuster
oder Pfauenfederformen er-
innernder, teils gekniffener,
teils durch Blasen in die Abb.38. Salziaß. Venedig Anfang 16. Jahrh.
Form hergestellter Relief- (Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
dekor schmückt in andern
Fällen die ansteigenden Flächen des Fußes, so bei dem kleinen
Gefäß in Abb. 38, dessen Kelch mit kräftigen Längsrippen und
einem tellerartigsich erweiternden horizontalen Rand versehen
ist. Dies Gefäß, das Gegenstückein Paris(Musee desArts decor.),
in Prag (Kunstgewerbe-Museum) und, mit drei Köpfen in Un-
terglasmalerei, in München (Nat.- Museum) besitzt und das
man jedenfalls als einen Salzbehälter ansprechen muß, ist durch
sein Vorkommen auf Romaninos Gastmahl des Simon in S.
Giov. Evang. zu Brescia (etwa 1520) auf das erste Drittel
des 16. Jahrh. festgelegt. Kleine Rautenmusterung in der
Art der deutschen Maigelein zeigt u. a. auch ein fast zylindri-
scher Becher auf dem Emmausbilde des Marziale im Kaiser-
Friedrich-Museum (Berlin).
Die elegante Form der Kanne mit Kleeblattausguß und
hochgeschweiftem Henkel, die auf
Bildern der venezianischen Hochre-
naissance, z. B. bei Tizian, Bordone
und Veronese mehrfach erscheint, ist
auch bereits bald nach 1500 ausge-
bildet worden, wie ein Exemplar mit
der typischen Vertikalrippung dieser
Zeit in der Berliner Sammlung (Abb.
36 Mitte) sowie die schön geformte
Kanne beweist, die auf Tizians um
1518 bis 1519 gemaltem Bacchanal
im Prado vorkommt. i
Ebenfalls noch der Übergangs-
zeit von derfrühen Periode zur vollen
ne an emernamer Nenaissaneeepocher gehört, an idıe
Altar von M. Grünewald in bauchige, mit langem, geschwunge-
Kolmar. Um 1515. nem Ausguß versehene Henkelkanne
Abb. 39. Venezianische Glas-
70 Das venezianische Glas,
auf dem Isenheimer Altar
von M. Grünewald in Kol-
mar, der um I5Io bis I516
entstanden ist (Abb. 39).
Der aus kurzen Zacken ge-
bildete Fuß wäre in späte-
rer Zeit kaum möglich,
ebenso der eckig gebroche-
ne Henkel.” Daß in dem
Stück eine venezianische
Arbeit wiedergegeben ist,
unterliegt keinem Zweifel;
keine andere Glashütte jener
Zeit wäre imstande gewesen,
ein so delikates Gefäß aus
klarem Glase zu liefern.
Auf dem 1504 datierten
weiblichen Porträt eines vlä-
mischen Malers in der
Brüsseler Galerie (Nr. 573)
steht eine kugelbauchige
Blumenvase mit umge-
schlagenem Fuß und ver-
goldetem Knauf; um den
Abb. 40. Venezianische Glasvase auf dem kurzen Hals und die Schul-
Gisze-Portrait von H. Holbein. 1532. tersind Ringe gelegt, an de-
nen die beiden oben spiralig
gerollten, unten ineine Nuppenplatte auslaufenden Henkelbe-
festigtsind. Diese Art der Henkelvase findet endlich ihre klas-
sische Ausbildung in dem prächtigen Exemplar auf dem Gisze -
Porträt Holbeins (Berlin, Kaiser-Friedrich-Museum) von 1532
(Abb. 40).
Um 1500 ist ebenfalls bereits voll ausgebildet das trichter-
förmig sich erweiternde Kelchglas auf kurzem, konischem
Fuße. Diese mit oder ohne zwischengesetzten Knauf ge-
bildete Form begegnet häufig mit Grottesken- und Wappen-
malerei in bunten Emailfarben (s. Abb. 59) und ist noch bis
gegen 1550 auf Bildern zu verfolgen, so bei Romanino: Magda -
lena, Christi Füße salbend (Brescia, Gal. Martinengo, um
1520), und auf Tizians Emmausbild im Louvre (um 1543
bis 1547), wo das knauflose Kelchglas mit und ohne Rauten-
muster erscheint. Häufig wurde diese Form noch bis gegen
1600 für den Export nach Deutschland hergestellt.
Im ganzen also zeichnen sich die Gläser der veneziani-
schen Frühzeit durch kräftige, straffe Formen bei teilweise
noch gotischem Aufbau aus. Die Wandungen sind ziemlich
dick, das Gewicht verhältnismäßig schwer und die Masse bei
Die Formen der Blütezeit. 7ı
aller Klarheit noch stark mit länglichen und punktförmigen
Luftbläschen, wie auch häufig mit winzigen schwarzen Aschen-
körnchen durchsetzt.
Eine kurze Aufzählung der am Ende des 15. Jahrh. in
Venedig hergestellten Glaswaren gibt M. A. Sabellicus um
1490: ». .. in mille varios colores, innumerasque formas coepe-
runt (hominum ingenia) materiam inflectere: hinc calices,
phialae, canthari, lebetes, cadi, candelabra (Pokale, Schalen
Henkelbecher, Becken, Krüge, Leuchter), omnis generis ani-
malia, cornua, segmenta, monilia (alle Arten Tiere, Hörner,
Kleidbesatzstücke, Halsbänder); hine omnes humanae
delitiae; hine quicquid potest mortalium oculos oblectare,
et quod vix vita ausa esset sperare. Nullum est pretiosi
lapidis genus, quod non sit vitraria industria imitatum. Suave
hominis et naturae certamen!« —
Die Formen der Blütezeit.
Im ersten Viertel des 16. Jahrh. ist vielfach bereits eine
neue Tendenz zu verspüren, die nach und nach die steilen,
gotisierenden Bildungen verdrängt und dafür weicher ge-
schwungene Formen einführt. Hiermit ist der dem allge-
meinen Formgefühl der Hochrenaissance entsprechende Aus-
druck, zugleich aber auch der wahre, lediglich aus der Blas-
technik heraus sich ergebende Glasstil gefunden. Denn die
Formen sind die einfachsten und natürlichsten, die sich aus
dem primitivsten Produkte des Glasbläsers, der Glasblase,
am ungezwungensten entwickeln. Also sämtliche Kugel-
abschnitte, die durch Langziehen der Blase entstehenden
länglichrunden sowie die durch Ausweiten der geöffneten
Blase hergestellten glocken- und kelchförmigen Bildungen
jeder Art. Der Formwille der neuen Kunstanschauung kam
diesen einfachsten Forderungen stilgemäßer Technik ent-
gegen, und so vollzog sich die Umwandlung der straffen,
kantig-steilen, eckig gebrochenen Bildungen des 15. Jahr-
hunderts zu den schwungvoll-graziösen Gefäßformen der voll-
ausgebildeten Renaissance. Um 1530 ist dieser Umschwung
so gut wie vollendet.
Die venezianischen Gläser des 16. Jahrh. sind das Sub-
tilste, Eleganteste, was überhaupt je in Glas hergestellt
worden ist. Ihre Wandungen wurden im Gegensatze zu den
kräftigen Quattrocentogläsern so dünn ausgeblasen, wie es
das klare, immer noch verbesserte Material irgend zuließ;
das Gewicht dieser zarten Gebilde ist so gering, daß man es
kaum in der Hand spürt, die mit Vorsicht zufassen muß, um
den leichten Stoff nicht zu zerdrücken.
Die typische Form des venezianischen Renaissanceglases
72 Das venezianische Glas,
Abb. 41. Venezianische Gläser des 16. Jahrh. (Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
kann mit kurzen Worten folgendermaßen beschrieben werden:
Die Kuppa in Schalen-, Kelch- oder Glockenform wird ge-
tragen von einem balusterförmigen Schaft, der aus einem
flachen Scheibenfuß aufwächst. Ebenso wie die Form der
Kuppa läßt auch die Bildung des Balusterschaftes unzählige
Varianten zu. Er kann aus einem oder mehreren Gliedern
bestehen; über einem langgezogenen Hohlstabe können ein
oder mehrere Kugeln sitzen, scheibenartige Platten können
die einzelnen Teile voneinander trennen usf. Fast durchweg
sind die Schaftglieder hohl, aus der Blase entstanden. Die
scheibenförmige, in der Mitte nur wenig erhobene Fußplatte
hat einen glatten oder umgeschlagenen Rand (Abb. 41).
Klassische Beispiele dieser schlicht-eleganten Gläser-
formen finden sich auf den venezianischen Bildern des 16. Jahr-
hunderts, besonders auf den großen Gastmälern Veroneses,
ferner auf Bildern von Gaud. Ferrari, Aless. Allorı u.a;
aber auch die Stiche der deutschen Kleinmeister (H. S.
Beham, Jost Amman u.a.) geben eine gute Ausbeute der-
artiger wvenezianischer Glasformen. Deutschland selbst
kommt in dieser Zeit für deren Herstellung noch nicht in
Betracht.
Die eleganten Kelche der dünngeblasenen, farblosen Re-
naissancegläser bleiben fast durchweg ohne weiteren Schmuck;
am Schaft dagegen werden gern Verzierungen angebracht.
So wurde es bald — vornehmlich in der zweiten Hälfte des
16. Jahrh. — beliebt, dem Schaft durch Blasen in die Form
einen Reliefschmuck aus Löwenköpfen oder Masken mit da-
zwischengesetzten Fruchtgirlanden oder Rollwerkkartuschen
zu geben (Abb. 42, I. u. 5). Ferner wurden dem Schaft oft
kleine gekniffene Ansätze an zwei gegenüberliegenden Stellen
symmetrisch angeschmolzen (Abb. 42, 2—4). Diese soge-
nannten »Flügel« bestehen aus einem dicken, blauen Faden,
der oben volutenförmig ansetzt und unten in eine Zickzack-
Die Formen der Blütezeit. 3
Abb. 42. Venezianische Gläser des 16. Jahrh. (Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
linie verläuft; auf diesen blauen Faden ist ein farbloser auf-
gelegt, der hahnenkammartig gekniffen ist und zur Ergänzung
und Verlängerung des blauen Fadens dient. Diese »Flügel-
gläser« sind kaum vor der zweiten Hälfte des 16. Jahrh. her-
gestellt worden (in keinem italienischen Gemälde sind sie
nachzuweisen), und im 17. Jahrh. werden sie vielfach durch
schwerfälligere, barockere Formen verdrängt. Ähnliche An-
sätze werden auch als Henkelformen an Vasen und andern
Gefäßen beliebt, und zwar wird als einzige Farbe ein durch-
sichtiges Blau dafür verwendet. Blau ist überhaupt die
einzige, im I6. Jahrh. zum Dekor farblosen Glases in größerem
Maßstab benutzte Farbe.
Vergoldung wird sehr spärlich angebracht und beschränkt
sich auf die geformten Schäfte sowie auf die kleinen, als
Nuppen, Maskarons usw. gebildeten Verzierungen, die ab und
zu auf die Gefäßwandungen aufgeschmolzen werden.
Neben den Trinkgläsern bildeten Vasen und Kannen,
Flaschen, Schalen, Becken und anderes Gerät ein unerschöpf-
liches Repertoir für das erfinderische Formgefühl des Glas-
bläsers. Das Berliner Kunstgewerbe-Museum besitzt eine
ganze Reihe derartiger Glasarbeiten, die noch dem 16. Jahrh.
zugeschrieben werden dürfen, wenn auch bei vielen Stücken
eine spätere Entstehung nicht ausgeschlossen ist. Formen
wie z. B. die kleinen Gußkännchen mit offenem, trichter-
förmigem Hals und langem, gebogenem Ausgußrohr, die in
allen Arten Glas vorkommen und wohl auch als Abendmahls-
kännchen gedient haben (Beisp. in Schr. 527 u. 537: vgl. Abb.
67), sind sicher bis ins 18. Jahrh. hinein angefertigt; dagegen
gehört z. B. ein Teil der Blumenvasen mit mehreren steilen
74 Das venezianische Glas.
Abb. 43. Venezianische Gläser des 17. Jahrh. (Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
Tüllen an der Schulter — eine jedenfalls vom Orient her
beeinflußte Form — einer relativ frühen Zeit an.
Die Formen der Spätzeit.
Über das Aussehen des venezianischen Glases im 17. Jahr-
hundert sind wir sehr gut unterrichtet durch ein gewaltiges
Bildmaterial, das in den Stilleben der niederiändischen
Maler erhalten ist. Allerdings ist etwas Zurückhaltung
dabei geboten, da man die venezianische Herkunft der dort
abgebildeten Gläser niemals fest beweisen kann, sondern in
ihnen vielfach Produkte der vlämischen und holländischen
Hütten a la facon de Venise vermuten muß. Da aber der
echt venezianische Import auch in diesen Ländern nie auf-
gehört hat und da die venezianischen Arbeiten stets das Vor-
bild für die nordischen Nachahmungen abgegeben haben, so
darf man unbedenklich die niederländischen Bilder als Quellen
zum Studium des damaligen venezianischen (Glases heran-
ziehen.
Man ersieht aus ihnen, daß neben den klassischen Formen
des 16. Jahrh., deren Herstellung nicht unterbrochen worden
ist, eine neue Gattung Gläser aufkommt, deren Formgebung
einen ausgesprochen barocken, oft direkt phantastisch bi-
zarren Charakter hat. Die Profile verlieren die schlichte
Feinheit, ein Überfluß an Schmuckzutaten macht sich be-
merkbar. Während die Renaissancegläser eine einfache, klare
Balusterbildung des Schaftes bevorzugten, tritt jetzt eine
Komplizierung der Form und Häufung der Details ein, die
dem Geiste des Barock entspricht (Abb.43, 1 u. 5). In
andern Fällen werden die Docken, Kugeln und Scheiben der
Die Formen der Spätzeit. 75
Schäfte völlig er-
setzt oder ver-
deckt durch große,
bunte Blumenge-
bilde oder andere
phantastische Din-
ge (Abb. 43, 3).
Die Kelche selbst
erhalten ebenfalls
entweder eine un-
ruhige Silhouette
(Abb. 43, 2; viele
dieserGläser haben
keinen Gebrauchs-
wert mehr, son-
dern sind lediglich
alsZierobjekte an-
zusprechen), oder
ihre Außenwan-
dungen werden mit
Rippen versehen.
Aber nicht mit den
straffen Rippender
gotisierenden Epo-
che, sondern mit
Auflagen, die aus
aneinandergereih-
ten Punkten oder Abb. 44. Glas in Form eines Schiffes. Venedig 16. bis
Ihe opfen bestehen 17. Jahrh. (Sammlung Simonetti, Rom.)
bprA3, nu).
Das durch das Intermittieren dieser Linien hervorgerufene
Spiel von Lichtern und Schatten ist ein typischer Effekt der
Barockkunst. Auch figürlicher oder geometrischer Relief-
dekor durch Blasen in die Form 24) war besonders im 17. Jahr-
hundert sehr beliebt. (S. Abb. 68 rechts; weitere Beispiele
in Schr. 526 und 527.)
Eine ähnliche Formentwicklung wie die Kelchgläser
haben natürlich auch die Kannen, Vasen, Schalen usw.
durchgemacht.
Die unzähligen Varianten der Venezianer Barockgläser
im einzelnen zu analysieren, ist unmöglich; einen ausge-
zeichneten Überblick über die Mannigfaltigkeit der Formen
bietet der Katalog der Slade Collection.
Es muß aber hier noch darauf hingewiesen werden, daß
die häufig vorkommende Art von Flügelgläsern, deren meist
bunte Schäfte mit ihren seitlichen Ansätzen eine gewisse
Ähnlichkeit mit einem Doppeladler zeigen (Abb. 69), nicht
76 Das venezianische Glas,
venezianischen Ursprungs ist, sondern vıelmehr eine seit dem
Ende des 16. Jahrh. in vlämischen und besonders in deut-
schen Hütten hergestellte Bildung.
Die Leichtigkeit, mit der die Glasblase in jede beliebige
Form gebracht und mit gekniffenen Auflagen verziert werden
kann, hat natürlich schon früh die Glasbläser dazu verführt,
alle möglichen seltsamen Gefäße und Geräte herzustellen.
Viele drollige oder groteske Formen von Tieren (Löwen,
Vögel u. a.) und von Menschen wurden zu Trinkgefäßen oder
Vasen verarbeitet. Ein ausgezeichnetes Beispiel des 17. Jahr-
hunderts, bei dem ein Narr mit einem Sack auf dem Rücken
den Kelch trägt, besitzt das Brit. Museum (Waddesdon
Bequest); ein anderes steht im Städtischen Museum zu
Halle a. S. (aus der Sammlung Lanna). Sehr beliebt waren
voll getakelte Schiffe als Trinkgefäße, von denen noch eine
ganze Anzahl erhalten ist (Abb. 44). — Ein solches Schiff
spielt in den Memoiren des Ritters Hans von Schweinichen
auf einem Bankett bei Marx Fugger in Augsburg (1575) eine
lustige Rolle.
Die sonstigen phantastischen Gebilde 25), besonders auch
die vielen geblasenen oder aus kompakter farbiger Glasmasse
geformten kleinen nlastischen Arbeiten — Reliefs und voll-
runde Figuren aller Art —- können hier nicht ausführlich
behandelt werden. Sie sind auch nicht nur in Venedig, son-
dern auch an vielen andern Orten, so in den Niederlanden, in
Nürnberg (durch Abraham Fino aus Amsterdam, um 1650),
besonders aber in Nevers hergestellt worden (s. unten),
und es kann ihnen daher nur in den seltensten Fällen eine
sichere Provenienz zugewiesen werden. Die umfangreichste
Arbeit dieser Art ist ein Spinett (Virginal) im S. Kensington
Museum, das in Murano am Ende des 16. Jahrh. für Elisabeth
von Böhmen, eine Tochter James’ I., gemacht sein soll und
dessen innerer Deckel in IS Feldern aus Glas gebildete mytho-
logische Szenen in Landschaft mit vollrunden Figürchen,
Bäumen, Gebäuden usw. zeigt.
Auch die Kronleuchter mit ihren wirkungsvollen geblase -
nen und gekniffenen Zieraten sind hier zu erwähnen.
Das IS. Jahrh. hat kaum noch besondere Formen für das
Glas geschaffen. Die neuen, absolut die Mode beherrschenden
Dekorationsarten, der Schliff und Schnitt, eigneten sich nicht
für das dünne, leichte Sodaglas Venedigs; dadurch waren die
Hütten Muranos dem Verfall geweiht und fristeten mit der
Herstellung der altgewohnten, unmodern gewordenen Gläser
ein klägliches Dasein. Schon um 1670 hatte man sich in
Venedig dazu verstanden, völlig fremde Glasformen, wie den
deutschen Römer, für den Export ins Ausland zu arbeiten 2°),
in der Mitte des 18. Jahrh. griff man teilweise auch wieder
Das farbige Glas. |
auf die alten Renaissanceformen zurück (vgl. S. 101), aber
alle Anstrengungen waren vergebens: die Vorherrschaft Vene-
digs war endgültig dahin.
Das farbige Glas *).
Sehr früh schon hat man in Venedig farbiges Glas her-
gestellt. Die große Bedeutung, die man dem Färben der
Masse beilegte, geht aus allen erhaltenen Rezeptbüchern des
Mittelalters hervor, in denen derartige Angaben stets die
Hauptsache bilden; ja bis zum Ende des 17 Jahrh., wo
Kunckel den Traktat des Neri übersetzt und glossiert, sind
diese Rezepte noch ein integrierender Bestandteil der Glas-
wissenschaft. Erst die unumschränkte Herrschaft des
Kristallglases im 18. Jahrh. hat die Farbigkeit aus der
Gefäßbildnerei verdrängt und auf untergeordnete Arbeiten
sowie auf die Perlenfabrikation beschränkt. Venedig aber
hat die mittelalterlichen Traditionen bis zuletzt gewahrt und
neben der Bearbeitung seiner feinen, farblosen Masse der
Ausbildung einer möglichst reichen Skala von Farbtönen auch
für die Glasgefäße stets die größte Aufmerksamkeit geschenkt.
Einfarbiges Glas.
Gleich zu Beginn der historisch greifbaren Periode des
venezianischen Glases, also in der zweiten Hälfte des I5. Jahr-
hunderts, treten uns zahlreiche einfarbig-bunte Arbeiten
entgegen. Es sind Becher, Pokale usw. in den am farblosen
Glas beobachteten gotisierenden Formen. Die meisten er-
haltenen Stücke dieser Frühzeit tragen allerdings noch einen
besonderen Dekor von Emailfarben (s. S. 87); die undeko-
rierten Arbeiten sind mit wenig Ausnahmen untergegangen,
ebenso wie das schlichte Gebrauchsgerät aus farbloser Masse.
Die vorherrschenden Farben sind Blau, Grün und Rotbraun,
alle in leuchtenden, tiefen Tönen. Die zwei »lyttyli Ewers
of blew glasses powdered withe golde« im Inventar des Sir
John Fastolf von 1459 (»Archäologia« Bd. 21, S. 269) werden
zu derartigen venezianischen Erzeugnissen zu rechnen sein.
Die durchsichtige blaue Farbe (azurro) ist auch in
den folgenden Jahrhunderten sehr beliebt gewesen. (Auf die
häufige Verwendung von blauem Glas bei den Flügelansätzen
und andern Verzierungen farbloser Gefäße wurde bereits hin-
gewiesen.) Die schöngeformte, doppelhenkelige Vase in
*) Bei diesen Ausführungen muß der Übersichtlichkeit wegen ge-
legentlich über die Grenzen der rein venezianischen Glasarbeit hinaus-
gegangen werden.
78 Das venezianische Glas.
Schr. 537 (Abb. 45) gehört
sicher noch dem I6. Jahrh.
an; späteren Datums mögen
die mit Bronzefassung ver-
sehenen Vasen in Schr. 535
sein.
Sehr selten ist opak -
trürrskei0s bilarıfess Glas;
zwei frühe Stücke befinden
sich in den Londoner Samm-
lungen (7 S%92)}
Abgesehen von mehreren
emaillierten Pokalen ist das
schönste tiefgrüneGlas-
gefäß ein Deckelpokal von
gotischer Form mit dicken,
geschweiften Rippen im Brit.
Museum (Franks Coll.). Eine
auf der Spitze des Deckels
Abb. 45. Blaue Glasvase. Venedig 16. beweglich angebrachte Spott-
Jahrh. (Berlin, Kunstgewerbe-Museum.) münze auf Alexander VI.
(1492 bis 1503) sowie die
Form selbst beweisen den frühen Ursprung des Stückes. Eine
ganze Reihe von grünen Bechern, Vasen und spiralig gemuster-
ten Schalen späterer Zeit in der Dresdner Porzellansamm-
lung besitzen ein sehr hohes Gewicht, wahrscheinlich in-
folge des Zusatzes von Blei, den z. B. Neri (1612) in
Form von Mennige dazu vorschreibt (Kap. 35).
“© Das durch Mangan gefärbte violette Glas, im
15. Jahrh. »pavonazzo« genannt, ist ebenfalls viel zu Gefäßen
verarbeitet worden. (Proben in Schr. 535 und 537.)
Auch Gläser von einer satten goldgelben Farbe
kommen vor. So in Schr. 535 eine Schale, sowie ein wohl
noch dem 16. Jahrh. angehöriger Deckelpokal, dessen Wandung
vollkommen mit einer flachen Rautenmusterung bedeckt ist.
Das Glas ist verhältnismäßig sehr schwer und wird mit dem
von Neri (Kap. 7I) erwähnten »Vetro di piombo colore di
giallo d’oro« zu identifizieren sein.
Daß das gelbe venezianische Glas bereits im 15. Jahrh.
geschätzt wurde, beweist die Anführung eines »pot de voire
de Venise, jaune, garni d’or« im Inventar des Herzogs von
Burgund vom Jahre 1470; vielleicht ist es dasselbe Stück,
das 1480 Maximilian von Österreich als Garantie für ein
Darlehen in Brügge hingab.
Eine kräftig blutrote, gegen das Licht durch-
scheinende Färbung besitzt eine Henkelkanne von etwas
plumper Form in Schr. 535. Die Farbe hat nichts mit dem
Einfarbiges Glas. Marmoriertes Glas. 79
von Kunckel erfundenen, völlig durchsichtigen Goldrubin zu
tun, sondern geht auf ältere Rezepte zurück. Nach Kap. 73
eines von Milanesi veröffentlichten Traktats von 1443 wird
Eisen, nach Neri (Kap. 58) u. a. Kupfer zugesetzt, um eine
rote Farbe zu erzielen.
Mit dieser Aufzählung ist natürlich die Mannigfaltigkeit
der Glasfarben bei weitem nicht erschöpft; die Traktate ent-
halten Rezepte für eine viel größere Menge von Farben, und
vor allem für eine sehr große Zahl verschiedener Nuancen. —
Es muß übrigens davor gewarnt werden, alle erhaltenen
Farbengläser für venezianisch zu halten; sicherlich sind viele
davon in deutschen, französischen und andern Hütten ent-
standen, wo man sich, wie das Beispiel Kunckels lehrt, mit
Begier gerade den Farbenexperimenten widmete,
Marmoriertes Glas.
Sehr häufig wird in der älteren Literatur das » Jaspisglas«
erwähnt. So kommt schon im Inventar des Herzogs von
Anjou (1360 bis 1368) »un pichier de voirre vermeil semblable
a jaspe« vor, im Inventar Karls des Kühnen (7 1477) »ung
hanap. de jaspre garny d’or, a auvre de Venise«, wobei die
venezianische Arbeit jedenfalls auf den Becher selbst, nicht
auf die Fassung zu beziehen ist. Endlich wird in dem auch
für die Formen und Sorten des damaligen Glases hochinter-
essanten Inventar Heinrichs VIII. von England vom Jahre
1542 27) eine große Anzahl jaspisfarbener Glasarbeiten auf-
gezählt.
Wenn nach dem Traktat von 1443 (Kap. 18, »a fare
diaspro«) die Jaspisfarbe durch Zusatz von Zinnober erzielt
wird, so kann es sich dabei nur um die Imitation des ge-
meinen, roten Jaspis handeln. Aber auch die Nachahmung des
gestreiften, gebänderten Jaspis (von der Mineralogie mit dem
Chalcedon und Bandachat zu einer Gruppe gerechnet) war
dem Verfasser des Traktats bereits bekannt. Er gibt in
Kap. 4 und 5 eine Vorschrift zur Bereitung des chalcedon-
farbigen Glases durch rote, blaue, gelbe und grüne Farb-
zusätze. Sehr viel komplizierter sind die drei Rezepte, die
Neri (Buch II, Kap. 42—44) notiert, »a fare il Calcidonio in
vetro«. Dabei beschreibt er das Aussehen dieses Glases sehr
anschaulich. Er sagt: Wenn man das Licht darauf fallen
läßt, so spielt das Glas ins Blaue, Grüne, Aquamarinfarbene,
Rote, Gelbe und in allen Farben »con scherzi ed onde bel-
lissime« (»striemichtspielende und schöne Farben« nach
Kunckels Übersetzung), wie es der Chalcedon, der Jaspis und
der orientalische Achat tut; im Innern aber, gegen das Licht
gehalten, scheint es rot wie Feuer. Er fügt hinzu: Man
8o Das venezianische Glas.
bläst allerhand
Gläser, Tassen,
Salzbehälter,
Blumenvasen
und ähnliche
»capricci« dar-
aus, nur muß
derMeister stets
sorgfältig dar-
aufachten, daß
er während der
Arbeit das Glas
wit der Zange
ordentlich kne-
Abb. 46. Schale aus Achatglas. Venedig um 1500. tet »pizzicare«)
(Berlin, Kunstgewerbe-Museum.) und immer
wieder erhitzt,
damit die »marezzi, ondate e scherzi di colore« — »Flüsse
und meerströmichtspielende Farben« (Kunckel) — ent-
stehen. — Also ein in vielen Farben gewölktes oder marmo-
riertes Glas, in dem die einzelnen Farbschichten in unregel-
mäßigem Verlaufe durch- und nebeneinander herziehen.
Nach unserem Sprachgebrauch liegt dafür der Vergleich mit
dem Achat am nächsten. Nun kommt der Ausdruck »Achat-
glas« auch in der alten Literatur vor, so im Inventar des
Herzogs von Berry vom Jahre 1416: »Une aiguiere de voirre
tainte en maniere d’agathe« und im Inventar Heinrichs II.
von 1560: »Deux .. vases de voerre retirans a agathe«. Da
nun auch Neri den Chalcedon und den Jaspis mit dem Achat
zusammenwirft, wird es zur Vermeidung von Irrtümern das
beste sein, den nach unserer mineralogischen Terminologie
uns geläufigssten Ausdruck Achatglas für sämtliche
Nuancen dieser Glassorte anzuwenden.
Die Vorliebe für das Achatglas scheint von jeher groß
gewesen zu sein, denn es ist eine ganze Anzahl ausgezeichneter,
zum Teil früher Glasgefäße erhalten, die dessen wellige, mehr -
farbige Struktur besitzen. Ein sehr gutes Beispiel aus der
zweiten Hälfte des 15. Jahrh. bietet eine Vase im Besitz des
Fürsten Salm-Reifferscheid auf Schloß Dyck, die durch eine
gotische, silbervergoldete Fassung zur Kanne umgebildet
ist 22). Ein Pendant dazu — ohne Fassung — steht im Bar-
gello zu Florenz (Coll. Carrand). Das Berliner Kunstgewerbe -
Museum besitzt eine breit ausladende, oben ziemlich steil-
wandige Schale dieser Art, mit kräftigen Vertikalrippen und
niedrigem Fuß (Abb. 46), die noch der Zeit um I500 ange-
hört. Beweis dafür ist die frühe Form, sowie die Darstellung
einer fast identischen Schale auf einem dem Alvise Vivarini
u ”
Achatglas, 81
zugeschriebenen
Madonnenbilde
im. Kaiser-Frie-
drich-Museum
(Nr. 40), das sei-
nem Stilnach um
1500 entstanden
ist. Aus dersel-
ben Zeit stammt
eine albarelloför-
mige Vase in
Köln (Kunstge-
werbe - Museum)
und ein Pokal in
der Wallace Col-
lection. Gemein-
sam ist allen die-
sen Gläsern, daß
der untere, mit
dicken Vertikal-
rippen versehene
Teil des Körpers
eine anders lau-
fende Aderung
und meist eine
dunklere Fär-
bung besitzt wie
der glatte obere
Teil. Das ist da-
durch bewirkt,
daß man eine [Apb,47. Kanne aus Achatglas mit Goldmalerei. Venedig
zweite Blase von 1. Hälfte 16. Jahrh. (Sigmaringen, Museum.)
abweichender
Färbung und Struktur über die erste gestülpt hat. Der Rand
dieser zweiten Blase verläuft in Wellenlinien zwischen den
oberen Enden der Rippen.
Eine Sonderstellung nimmt eine Schale des S. Kensington
Museums ein, bei der über den unteren Teil einer farblosen
Grundblase eine Achatglasschicht gezogen ist. Der farblose
obere Teil der Wandung ist mit Goldranken und Emailtropfen
verziert, und innen in der Mitte befindet sich das emaillierte
Allianzwappen der Visconti und Riario von Savona. Des
letzteren Wappens wegen wäre zu erwägen, ob die gegen 1500
entstandene Schale nicht etwa in Altare (s. u.) hergestellt
worden ist.
Der Zeit vor 1550 gehören ferner an eine schöne Deckel -
kanne im Brit. Museum (Slade Coll.), eine Kanne mit inter-
Schmidt, Glas. 6
82 Das venezianische Glas,
essanter Henkelbildung im Musee des Arts decoratils (Paris),
eine Schale und ein Pokal im Musee de Cluny und eine mit
vergoldetem Kupfer montierte Vase im S. Kensington Museum
(aus der Coll. Castellani). Endlich, vielleicht das schönste
Stück der ganzen Gruppe, eine prachtvoll geformte Henkel-
kanne mit hohem, schlankem Ausguß im Museum zu Sigma-
ringen (Abb. 47). Bauch, Fuß und Ausguß der Kanne weisen
stark verwischte, maureskenartige Goldornamente auf. Die
Berliner Sammlung ist ferner im Besitz zweier wohl schon
in der zweiten Hälfte des 16. Jahrh. entstandener platt-
bauchiger Flaschen, deren eine so dünn ausgeblasen ist, daß
der Körper gegen das Licht gehalten völlig rot (mit einem
Stich ins Orangefarbene) erscheint, und daß die bunten, auf
der Oberfläche hin- und hergezogenen Wolkenbildungen nur
wie wesenlose Schleier durch den roten Glanz zu schwimmen
scheinen. Die Hauptfarbe, gewissermaßen die Dominante,
auf der Oberfläche aller dieser Gläser ist ein zartes, weißliches
Grün.
In späterer Zeit hat man beim Achatglas, das sicherlich
auch in deutschen und andern Hütten nachgeahmt worden
ist, auf eine kräftige Marmorierung mit ausgesprocheneren
Farbdifferenzen Wert gelegt, wobei trotzdem die volle rote
Durchsichtigkeit des Glases bestehen blieb. Das Grüne Ge-
wölbe in Dresden, das Brit. Museum, die Coll. Dutuit in Paris
und andere Sammlungen weisen gute Proben dieser späteren
Gattung auf; das National-Museum in München besitzt einen
vasenförmigen Pokal der ehemaligen Passauer Nagelschmiede-
zunft. — Einige kleine Schälchen und Tassen in Schr. 535,
zum Teil mit eingestreutem Aventuringold (vgl. S. 86).
Die Innenseite dieser späteren Gefäße ist gewöhnlich
nicht marmoriert, sondern einfarbig rot oder graugrün.
Eine andere braunrote, ebenfalls meist streifig geäderte,
aber undurchsichtige Farbe, die etwa dem Aussehen des
Karneols gleicht, wurde häufig, und nicht nur in Venedig,
hergestellt. Dies Karneolglas wurde, wie auch andere
halbedelsteinartige oder marmorimitierende Glassorten be-
sonders im 18. Jahrh. gern zu Gefäßen, Dosen, Stockgriffen
u.a. verarbeitet. (Derartige späte Stücke in Schr. 535 und
auch in der Dosensammlung auf Gal. 45, Schr. 624.) Ein
Teil dieser karneolfarbigen Arbeiten wird traditionell dem
Physiker E. W. von Tschirnhaus (s. unten) zugeschrieben.
Viele andere aber weisen sich durch ihre Form als Werke der
ersten Hälfte des 19. Jahrh. aus, wo sie, dekoriert mit Facetten -
schliff usw., hauptsächlich in Böhmen hergestellt wurden.
Die direkte Nachahmung von schwarzem, weiß
und rötlich geädertem Marmor zeigt eine dem 17. Jahrh.
angehörige große Deckelvase und zwei Kannen in Schr. 535;
Karneolglas. Milchglas. 83
Abb. 48. Michglasarbeiten mit Marmorierung und Emailmalerei. Venedig und
Deutschland 18. Jahrh. (Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
die Adern sind hier auf die opak-schwarze Grundmasse auf-
gelegt und nur oberflächlich eingedrückt. Ahnliche Stücke
stehen im Kunstgewerbe-Museum zu Köln und im Brit. Mu-
seum, wo als Herstellungsland Frankreich vermutet wird,
was, bei der Vorliebe Frankreichs für farbiges Glas, nicht
unwahrscheinlich ist.
Milchglas und Opalglas.
Ein wichtiges Farbenglas, dessen Herstellung bereits in
Traktaten aus der ersten Hälfte des I5. Jahrh. beschrieben
wird, ist das »lattimo« oder »latticino«, das Milchglas.
Die opak-weiße Färbung entsteht durch Zusatz von Zinn-
oxyd zur Glasmasse.
Aus dem I5. und 16. Jahrh. sind nur wenige Gefäße aus
Milchglas erhalten, die Hauptstücke mit Emaildekor, zum
Teil als Nachahmungen von Majolika und Porzellan (s. S. 90);
auch mit Goldornamenten, wie ein kugeliges Gefäß mit
Ranken und Sirenen der Slade Coll. (Abb. Dillon, Pl. 32).
Man benutzte damals das Zinnweiß hauptsächlich zur Färbung
von Mosaiksteinchen, zum Millefioriglas und, als Schmelzfarbe,
zum Bemalen der Gläser; im 16. Jahrh. dann auch zur Her-
stellung des Fadenglases.
Im 17. und besonders im IS. Jahrh. aber wurde das
Milchglas sehr beliebt und ist in unzähligen Hütten des ge-
samten Abendlandes verarbeitet worden (Abb. 48). Natür-
lich tritt in dieser Zeit immer mehr die Absicht zutage, einen
Ersatz für das teure, vielbegehrte Porzellan zu schaffen. Der
6*
84 Das venezianische Glas.
Emaildekor ahmt denn
auch vielfach die Porzel-
lanmalerei nach. Einige
der in Schr. 535 _verei-
nigten Stücke mögen in
Venedig selbst hergestellt
sein, die Mehrzahl ist
wohl sicher in Deutsch-
land entstanden. Vor
allem hat sich Böhmen
mit dem Dekor von
Milchglas im Porzellan-
charakter viel befaßt;
Watteaumalereien und
andere figürliche Szenen
sind nicht selten. Ahn-
Abb. 49 Milchglasteller mit eisenroter An- liche Dinge waren eine
sicht des al grande. Venedig um 1740. Spezialität der Hütten
(Berlin, Kunstgewerbe-Museum.) on Bleistol Auch am!
das Schwindelunternehmen der Gebr. Schackert in Basdorf
(Mark) ist hier hinzuweisen (s. u.).
Die künstlerisch besten Exemplare bemalten Milchglases
aus dem 18. Jahrh. und von sicher venezianischer Provenienz
sind einige Teller mit roten venezianischen Veduten in den
Londoner Sammlungen, die nachweisbar zwischen 1738 und
1741 entstanden sind. Zugehörige Stücke befanden sich in
der Sammlung Emden (Aukt.-Kat. Nr. 1048) mit Ansichten
des Rialto und von S. Giovanni e Paolo, ein anderer Teller
mit der Ansicht von S. Maria della Salute im Berliner Kunst -
gewerbe-Museum (aus Sammlung Lanna; s. Abb. 49).
Verzierung anderer Art erzielte man durch unregelmäßiges
Auftropfen eines oder mehrerer farbiger Glasflüsse auf die heiße
Blase, wodurch allerlei Marmorierungen entstanden, oder durch
»Kämmen« von aufgelegten Fäden. Besonders gern hat man da-
zu Blau verwendet (Beispiele in Abb. 48 rechts und links.)
Eine dem Milchglas ähnliche Farbe stellt das Opalglas
dar, das, halbdurchsichtig, einen »pfirsichblütenfarbenen«
(Neri), opalisierenden Schein besitzt. Nach dem Rezepte,
das Kunckel in seinen Anmerkungen zum I. Buch des Neri
mitteilt, wird es durch Zusatz von gebrannten Knochen oder
Hirschhorn hergestellt. Ist der Prozentsatz der Knochen-
asche sehr groß und wird es beim Verarbeiten stark dem
Feuer ausgesetzt, so wird das Glas ganz undurchsichtig und
fast dem Milchelas gleich.
Mehrere derartige Arbeiten vom 17. bis zum Beginn des
19. Jahrh., deren Herkunft mit Sicherheit nicht festzustellen
ist, stehen im Schr. 535.
Opalglas. Millefioriglas. 85
Abb. 50. Pokale aus Millefioriglas. Venedig um 1500. (Berlin,
Kunstgewerbe-Museum.)
Millefioriglas.
Ebenso wie die venezianische Perlenfabrikation sich als
Neubelebung der antiken Perlenindustrie darstellt, wird auch
die Bildung von Gefäßen aus Millehioriglas im 15. Jahrh. durch
Funde antiker Arbeiten dieser Technik inspiriert worden sein,
Die mehrfarbigen sogenannten Aggriperlen, die bereits seit
Jahrhunderten einen bedeutsamen Exportartikel der vene-
zianischen Glashütten bildeten, zeigen die technischen Vor-
bedingungen in vollendeter Ausbildung. Die Herstellung der
Millefioristäbchen ging ebenso vor sich wie im Altertum
(s. S. 16). Auch die weitere Behandlung — das Rollen
einer farblos-durchsichtigen Glasblase über die unregelmäßi-
gen Stababschnitte — war dieselbe. Zu beachten ist auch
hier, daß kein Überfang von außen her stattfand, was mit
bloßem Auge nicht leicht festzustellen ist, aber durch folgen-
den Umstand klar erwiesen wird: Die farblose Blase hat
man häufig mit Goldschaum belegt, der beim weiteren Aus-
dehnen der Blase zu kleinen Schüppchen zerreißt. Von der
Innenseite der fertigen Gläser her sieht man nun diese Schüpp-
chen unter den bunten Abschnitten liegen, während sie an
der Außenseite nur in den farblosen Lücken zwischen den
Millefioriplättchen zu bemerken sind, und außerdem hier leicht
abzukratzen, ja meist schon im Gebrauch fast ganz abge-
rieben sind. Hätte ein Überfang von außen her stattge-
funden, so wäre eine Zerstörung der Goldschüppchen aus-
geschlossen. (Dieses Gold ist nicht mit dem auf chem-
86 Das venezianische Glas.
ischem Wege hergestellten Aventurin (s. unten) zu ver-
wechseln.)
War die Millehoriblase so fertiggestellt (die sehr um-
ständliche Beschreibung Labartes ist mit dem tatsächlichen
Befunde nicht in Einklang zu bringen), so wurde sie in eine
Form hineingeblasen — das Kelchglas in Abb. 50 zeigt z. B.
ein häufig vorkommendes Flechtmuster — oder sonst wie jede
andere Glasblase behandelt. Äußere Zutaten, wie umgelegte,
gekniffene Bänder oder Ringe, wurden aus dem einfarbigen
Grundmaterial der Blase, also meist aus farblosem, seltener
aus dunkelblauem oder andersfarbigem Glase hergestellt.
Die erhaltenen Millefiorigläser sind ausschließlich Ar-
beiten der ersten Periode des venezianischen Kunstglases.
Etwa seit dem zweiten Drittel des 16. Jahrh. scheint die
Technik lediglich für Schmucksachen, Perlen, Stockknöpfe,
Kugeln usw. verwendet worden zu sein. Eine genauere Da-
tierung dieser kleinen Arbeiten (mehrere Beispiele in Schr. 535)
ist unmöglich, da die Herstellungsweise die gleiche geblieben
und auch ın das Arbeitsprogramm der modernen veneziani-
schen Glashütten unverändert aufgenommen ist. Dagegen
sind die seltenen Gefäße aus “Millefioriglas durch ihre
Formgebung sämtlich der Zeit kurz vor und nach 1500 zu-
zuweisen. Das Kunstgewerbe -Museum besitzt einige charak-
teristische Proben dieser Technik in einem Pokal der üblichen
frühen Form und in einem bauchigen Becher mit Fuß und
offenem, oben zu einer breiten Spirale zusammengedrehtem
Henkel, wie ihn gotische Maserholz- und Silberbecher häufig
aufweisen (Abb. 50). Beide Gefäße haben als Grundmaterial
farbloses Glas, ebenso mehrere Fläschchen, Kannen und Po-
kale aus Millefioriglas in den Londoner Sammlungen. — Vgl.
auch die emaillierte Kugel in > ame lagen (S. 90). — Bei
zwei Gefäßbruchstücken in Schr. 538 sind dagegen die Stab-
abschnitte in eine tiefblaue Blase eingebettet.
Wann der Name »Millefiori« entstanden ist, ist nicht
genau anzugeben; in der zeitgenössischen Literatur kommt
er nicht vor. Sabellicus (etwa 1490) hat dafür den antiken
Ausdruck »Vasa murina«, bringt aber bereits den Vergleich
mit den Blumen bei in den Worten: »Age vero cui primo
venit in mentem brevi pila includere omnia florum genera,
quibus vernantia vestiuntur prata!« Garzoni (1589) erwähnt
das Millefioriglas nicht.
Aventurin.
Abgesehen von der durch Aufbringen von Blattgold her-
gestellten Oberflächenvergoldung, die bereits im I5. Jahrh.
geübt wurde, verstand man — etwa seit dem Beginn des
17. Jahrh. — einen Goldeffekt auf chemischem Wege herzu-
Aventurin. Die Emailgläser. 87
stellen, das sogenannte Aventurin. Kupferoxydul und
Hammerschlag werden auf die Glasblase aufgebracht; beim
Schmelzen bildet sich metallisches Kupfer, das sich in gold-
glänzenden Kristallflitterchen ausscheidet.
Nach Zanetti soll das Verfahren von einem Mitgliede der
Familie Miotti erfunden und als Geheimnis der Familie be-
wahrt worden sein; nach M. de la Lande wurde es 1772 nur in
einer Glashütte hergestellt. Heute ist es, nach Wiederauf-
findung des Verfahrens durch Pettenkofer, in Venedig allge -
mein in Übung.
Mehrere Avcenturinglasarbeiten des 17. und 18. Jahrh.
in Schr. 535. —
Auch beim chinesischen Glas ist der Aventurineffekt sehr
beliebt geworden.
Die Emailgläser des 15. und 16. Jahrhunderts 9).
Die interessanteste und künstlerisch wertvollste Gruppe
venezianischen Glases bilden die mit Emailmalerei verzierten
Arbeiten, die — abgesehen von einigen späten Nachläufern —
von etwa 1460 an bis ungefähr 1530 hergestellt worden sind.
Die Anregung dazu haben wohl die gemalten Gläser des
Orients gegeben; deren Blüte aber war längst erloschen, als
man in Venedig mit dieser Dekorationsweise begann, und
da auch technisch wie rein künstlerisch absolut keine Ab-
hängigkeit konstatiert werden kann, muß man die Email-
malerei als eine selbständige Neuerfindung der Venezianer
Botegen ansehen. Diese Erfindung wird traditionell, aber
ohne jeden Grund, dem Angelo Beroviero (Barovieri) zuge-
schrieben, der sich im 15. Jahrh. eines großen Rufes als Glas -
macher erfreute; seine Künstlerschaft als Emailmaler läßt
sich durch nichts Tatsächliches beweisen.
Die Entwicklung der Emailmalerei ging Hand in Hand
mit dem ersten großen Aufschwung des venezianischen Glases
in formaler Beziehung. Die Mehrzahl der emaillierten Gläser
aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrh. weisen die bereits
charakterisierte hohe, gotische Pokalform auf. Typisch ist
der steil ansteigende Fuß, zuweilen mit vertikal geripptem
Knauf, und die geradlinige oder birnförmig geschweifte Kuppa.
Daneben erscheinen gerippte Schalen mit und ohne Fuß,
Feldflaschen, breitbauchige Henkelkannen und, gegen Ende
des Jahrhunderts, schlichte, konisch erweiterte Becher, ent-
weder mit schmalem Fußreif oder mit aus der Kugel aufge-
triebenem Fuß. Selten sind einige andere Formen, wie
orientalisierend -spitzhalsige Parfümfläschchen, Ampeleinsätze
und für den Export nach Deutschland hergestellte Walzen -
humpen.
883 Das venezianische Glas.
Die große Men-
ge der emaillier-
ten Quattrocento-
gläser zeigt eine
farbige, durchsich-
tige Grundmasse,
"meist blau, grün,
rotbraun oder vio-
lett in tiefen Tö-
nen. Weiter tritt
hinzu das Milch-
glas sowie einopak-
türkisblaues Glas;
endlich, gegen
1490, die farblos-
durchsichtige Mas-
se, die ‚sich im
16. Jahrh. dann
ganz der Herr-
schaft bemächtigt.
Die frühesten
Gläser besitzen den
reichsten, künstle-
risch interessante-
sten Emaildekor,
meist figurenreiche
Darstellungen, Tri-
umphzüge, Hoch-
zeitszüge, eroti-
Abb. 51. Blauer Pokal mit biblischen Darstellungen. sche und mytholo-
Venedig um 1465. (Bologna, Museo civico.) gische Szenen, die
sich rings um den
Körper des Pokals oder der Schale hinziehen, gewöhnlich
begleitet von goldunterlegten bunten Perlfriesen.
Das älteste Stück, ein blauer Pokal im Museo civico zu
Bologna (Abb. 51), ist eine der sehr seltenen Arbeiten mit
religiösen Motiven. Es zeigt die Flucht nach Agypten, die
Anbetung der Könige und zwei Prophetenbrustbilder und
weist die nächste Verwandtschaft mit Werken des Gentile da
Fabriano und des Antonio Vivarini auf, der als Muranese
sicherlich starken Einfluß auf die Emailmalerei seiner Heimat -
insel ausgeübt hat. Der Tradition nach soll der Pokal für
die Hochzeit der Ginevra Sforza mit Giovanni Il. Bentivoglio
im Jahre 1465 gearbeitet worden sein. Alle übrigen Gläser
sind später, etwa von 1475 an, entstanden und sind zum Teil
derseiben Werkstatt, ja der gleichen Hand zuzuweisen. So
die beiden ausgezeichneten Pokale in Florenz (Bargello)
an tr:
Die Emailgläser. 89
(Abb. 52) und
in London (Brit.
Museum, Slade
Gola dies breit
ausgesponnene
Triumphzüge —
Justitia sowie
Venus und Cas-
titas — zeigen.
Solche Trıumph-
züge (ein ähn-
licher auf einer
Schale der frü-
heren Sammlung
Ze Barpart)
waren in der
italienischen
Kunst des Quat-
trocento sehr
beliebt; sie sind
jedenfalls auf die
Trionfi des Pe-
trarca zurückzu-
führen. Die ve-
nezianische Holz-
schnittillustra-
tion des ausge-
henden Jahrhun-
derts hat derar-
tige Darstellun -
gen mit Vorliebe
behandelt; und Abb. 52. Blauer Pokal mit Triumph der Justitia. Venedig
Holzscehnitte in um 1475. (Florenz, Bargello.)
der Art der Hyp-
nerotomachia des Polifilus wie auch Kupferstiche und Niello-
abdrücke haben die Emailmalerei dieser Zeit mehr beeinflußt
wie die vorwiegend religiöse Tafelmalerei.
Eng an die Triumphe schließt sich an ein Hochzeitszug
auf einem grünen Pokal des Kölner Kunstgewerbe -Museums,
dem weiter eine blaue Schale in Venedig (Museo Civico) mit
Brustbildern, einer Kavalkade von Damen und einem Frauen-
bad sehr nahesteht, sowie ein Pokal im S. Kensington Museum
(Morgan-Leihgabe), auf dem eine der beliebten Sagen vom
Zauberer Virgil dargestellt ist. Mythologische Bilder treten
auf an einem Pokal des Cluny-Museums; tanzende und musi-
zierende Putten besitzt eine Schale der Sammlung M. de
Rothschild (Paris), und religiöse Vorwürfe weist eine Kanne
Tales ö
....o....,,,
..
90 Das venezianische Glas.
der Sammlung Du-
tuit (Paris) auf in
zwei Medaillons
mit den Figuren
der Maria und des
Verkündigungsen -
gels, sowie eine in
ihrer komplizierten
Technik völlig al-
leinstehende Glas-
kugel im Museum
zu Sigmaringen
(Abb. 53). Diese
in ein gotisches Re-
liquiar eingelas-
sene Kugel ist hohl
und besteht aus
Millehioriabschnit-
Abb. 53. Millefioriglaskugel mit Emailmalerei. Venedig ten, die von Innen
Ende 15. Jahrh. (Sigmaringen, Museum.) her mit Blattgold
hinterlegt sind.
Zwischen der Millehiorischicht und einer farblos-durch-
sichtigen Überfangschicht sind sehr feine Schmelzmale-
reien (Maria mit dem Kind auf dem Esel reitend, der
Kruzifixus, weibliche Heilige) aufgemalt, die in Stil und
Technik die nächste Verwandtschaft haben mit gleichzeitigen,
meist in der Lombardei hergestellten Silberschmelzarbeiten.
Ebenfalls eine Besonderheit bildet eine Milchglasteld -
flasche schon vom Beginn des 16. Jahrh. in Venedig (Museo
Civico), mit allegorisch-mythologischen Darstellungen und
blauen Ranken und Blättern an Fuß und Hals. In den
Bildern sind Majoliken, in den Ranken chinesische Porzellane
oder deren persische Fayencenachbildungen nachgeahmt.
Die künstlerisch bedeutendsten Stücke der ganzen Gruppe
sınd eine lache Schale im Besitz des Barons Maurice de Roth-
schild (Paris) und ein Becher im Berliner Kunstgewerbe -
Museum, beide im letzten Jahrzehnt des Iı5. Jahrh. ent-
standen. Die dunkelgrüne Schale besitzt innerhalb zweier
weißemaillierter Ornamentzonen ein rundes Mittelbild, auf
dem vor einem architektonischen Hintergrund echt vene-
zianischen Charakters eine vielfigurige Huldigung der Venus
dargestellt ist. Für dieses Bild ist das direkte Vorbild nach -
zuweisen in einem nur noch in Abdrücken und Schwefel-
abgüssen existierenden Niello, das der sogenannten Pax des
Maso da Finiguerra sehr nahesteht. Allerdings hat der Email -
maler sehr starke Änderungen an der Vorlage vorgenommen;
denn das Niello zeigt eine Madonna in trono mit weiblichen
Die Emailgläser. gI
Abb. 54. Blauer Becher mit allegor.-mythologischen Malereien. Venedig
Ende 15. Jahrh. (Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
Heiligen und musizierenden Engeln, auch der ganze Hinter-
grund ist mit Engeln und Cherubimköpfen gefüllt. Auf der
Glasschale ist die Madonna zu einer Venus umgewandelt,
die Heiligen sind ihrer Attribute beraubt und zu profanen
Frauen bzw. heidnischen Göttinnen umgestaltet worden; die
Engelassistenz ist fortgelassen und an ihrer Stelle die vene-
zianische Vedute eingesetzt worden. Die Komposition jedoch
wie auch die Details lassen die direkte Abhängigkeit der Glas-
malerei von dem Niello zweifellos erkennen.
Den Höhepunkt der venezianischen Emailmalerei endlich
bezeichnet der blaue Becher des Berliner Kunstgewerbe-
92 Das venezianische Glas.
Museums (Abb.
54). Am Lippen-
rande sind rings-
um aus einer
Goldborte die
Worte: SOLI
DEO GLORIA
LAVSETONOR
BRE=< ausra -
diert. Umsden
Mantel herum
reihen sich einzel-
ne vorzüglich ge-
malte Szenen
ohne festen Zu-
sammenhang an-
einander: Judith
mit dem Haupte
des Holofernes:
eine kniende, ge-
fesselte Frau vor
einer sitzenden
nackten Frau,
die in der Rechten ein Spruchband hält mit den Worten:
IRE AMANTIVM REINTEGRATIO AMORIS EST; zwei
kämpfende Reiter vor einer Portikusarchitektur; endlich ein
kniender Mann mit gefalteten Händen vor einer Frau, die
eine Vase hochhält. Auf der Vase kniet Amor mit verbunde-
nen Augen, in der Rechten einen Pieil, in der Linken ein Glas
mit rötlicher Flüssigkeit (Liebestrank?) haltend. Ein Spruch-
band am Halse der Vase besagt: SICFATA JUBENT. Durch
florentinische Kupferstiche ähnlichen Inhalts ist diese Szene
mit ziemlicher Gewißheit auf Jason und Medea zu deuten.
Eine besondere Gruppe bilden neben den Arbeiten mit
Darstellungen erzählenden Inhalts Gläser mit den emaillierten
Brustbildern eines jungen Paares. Diese »Coppe nuziali«
waren sehr beliebt; mehrfach kommen die Medaillons mit
flankierenden Putten (Slade Coll.) oder mit Ranken (S. Ken-
sington Museum; Coll. Spitzer) vor; besonders gern aber sind
die Medaillons ausgespart aus einer fast den ganzen Gefäß-
mantel überziehenden Zone aus bunten Schuppen. So bei
einem opak-türkisblauen Pokal im Brit. Museum (Waddesdon
Bequest) sowie bei einer Gruppe von Milchglasarbeiten in
der Sammlung M. de Rothschild (Paris), Sammlung Parpart
und im Böhmischen Landesmuseum in Prag (Abb. 55), die
von derselben Hand gemalt sind und im Typus der Figuren
die größte Ähnlichkeit mit den Arbeiten des Carpaccio zeigen.
soiste,
n
=
®
Abb. 55. Milchglaspokal mit Brustbildern und Schuppen-
dekor. Venedig Ende 15. Jahrh. (Prag, Böhm. Landes-
Museum.)
Die Emailgläser. 93
RR PR
Abb. 56. Grüner Becher mit Grotteskenmalerei. Venedig um 1500.
(Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
Um die Wende des Jahrhunderts werden die figuren-
reichen Darstellungen und die Brustbilder seltener. Sie
werden abgelöst durch Grotteskenmalereien, d.h. durch ein
dekoratives Gemisch von geschwungenen Ranken und Phanta -
siegebilden, Meerungeheuern, Kentauren, Sphinxen usw.
Neben dunkelfarbigen Gläsern werden jetzt hauptsächlich
farblos durchsichtige Gefäße beliebt.
Zu den vorzüglichsten Stücken dieser ziemlich häufigen
Gattung gehört der kleine grüne Becher des Berliner Kunst-
gewerbe-Museums (Abb. 56) mit Sphinxen, Cherubsköpfen
und Putten.
Weiter wurden in dieser Zeit aufgemalt kleine Rund-
medaillons mit Tierfiguren und Puttenköpfen, ferner an
94 Das venezianische Glas.
Bändern hän-
sende Wap-
penschilde so-
wie umlaufen-
de Emailran -
ken in sehr
verschiedener
Ausführung.
Die einfachste
Verzierungs
art, dieinbun-
ten Punktbor-
ten (Berlrei-
Abb. 57. Schale mit Goldschuppen nnd Emailpunkten. Venedig hen, Roset-
um 1500. (Berlin, Kunstgewerbe-Museum.) ten, Schuppen
u. ao) ol:
Goldgrund besteht, ist natürlich in sehr vielen Fällen ange-
wendet worden (Abb. 57).
Gegen 1530 etwa lkamen die emaillierten Gläser in Venedig
aus der Mode. E
Nur für den Export, namentlich nach Deutschland, wurde
die Emailmalerei noch weiterhin, und zwar bis zum Beginn
des 17. Jahrh., fortgeführt.
Bereits aus dem 15. Jahrh. sind solche für den Export
bestimmte Emailgläser bekannt, so besonders der schöne
Pokal mit den Wappen von Ungarn und Böhmen im Bres-
lauer Museum, der jedenfalls für Mathias Corvinus (T 1490)
gearbeitet worden ist. Aus dem Anfang des I6. Jahrh.
stammt der Pokal des Jörg von Kopidlnansky von I5II im
Stadt-Museum in Dresden (Abb. 58); ferner zwei übereinstim -
mendeHenkelpokale inSigmaringen und im Brit. Museum (Slade
Coll.) mit Tiroler Familienwappen, sowie eine Doppelscheuer
von 1518 mit den Wappen der Augsburger Hörlin und der
Nürnberger Scharffen im Brit. Museum (Waddesdon
Bequest).
Ein kleiner blauer Becher von 1529 im Sigmaringer Mu-
seum besitzt in drei Ovalmedaillons die Brustbilder Ferdi-
nands I., seiner Gemahlin Anna von Ungarn und eines alten
Herrschers (Friedrich III. oder Maximilian).
Analog den Bestellungen, die von deutschen Patrizier-
familien auf Majolikageschirr mit den Geschlechterwappen
häufig in Italien gemacht wurden, sind im 16. Jahrh. auch
gläserne Pokale, Schalen, Kannen usw. in Venedig mit deut-
schen Wappen bemalt worden. Erhalten sind derartige Stücke
z. B. mit den Wappen der Augsburger Fugger, der Nürnberger
Ebner, Führer, Imhof, Stark, Schlauderbach, Held, Pfinzing
u. a. (vgl. Abb. 59).
Die Emailgläser. 95
Das 1531 in Nürn-
berg gegründete Unter-
nehmen zur Herstellung
»der venedischen Arbeit
mit dem Schmelzen und
Glaswerk«, an dem die
beiden Töpfer Nickel und
Reinhart sowie als Nach-
folger des letzteren Au-
gustin Hirschvogel be-
teiligt waren, kommt hier
nicht in Betracht, da es
sich dabei lediglich um
Nachahmungen venezi-
anischer Majoliken mit
Zinnglasur gehandelt hat
(vgl. S. 122). Außerdeme
aber haben die Gläser
mit deutschen Wappen
aus der ersten Hälfte des
16. Jahrh. eine stilistisch
und technisch so nahe
Verwandtschaft mit den
entsprechenden sicher
venezianischen Arbeiten,
daß man sie unbedenk-
lich als Werke der Bote-
gen von Murano an-
sprechen kann.
Es istallerdingsauch
vorgekommen, daß deut-
sche Maler Wappen auf
venezianische Gläser
emailliert haben, wie das
bei den beiden Bechern
von 1553 mıt Pfalz -Lüt- Abb. 58. Emaillierter Pokal des Jörg von
zelsteiner Wappen in Kopidinansky. Venedig 1511. (Dresden, Stadt-
Berlin (Abb. 83) und in Museum.)
Stuttgart (Sammlung
vaterländischer Altertümer) der Fall ist. Derartige — sehr
seltene — Stücke mag man für Arbeiten Hirschvogels, Albr.
Glockentons (der 1553 für den kaiserlichen Hof Wappen
auf Glas geschmelzt hat) und anderer deutscher Maler in An-
spruch nehmen.
In der zweiten Hälfte des I6. Jahrh. beginnt dann die
einheimisch-deutsche Glas-Emailmalerei und nimmt rasch
einen solchen Umfang an, daß man glauben sollte, man hätte
96 Das venezianische Glas.
in Deutschland den Bedarf
an derartigen Gläsern nun
auch vollkommen in den
deutschen Hütten gedeckt.
Gewöhnlich ist das natürlich
auch der Fall gewesen; be-
sondere Gründe aber haben
Abb. 59. Becher mit Wappen der Abb. 60. Stangenglas mit Wappen
Nürnberger Imhof und Stark. Venedig des Jacob Praun. Venedig Ende 16.
um 1530. (Berlin, Kunstgew.-Mus.) Jahrh. (Feste Koburg.)
auch in dieser späten Zeit noch zu Bestellungen in Venedig
geführt. So haben Mitglieder der nürnbergischen Handels-
familie Praun, die ihr Hauptgeschäft in Bologna besaß,
in den I5sgoer Jahren hohe Stangengläser in Venedig
machen lassen, auf denen außer dem Wappen noch die Fi-
guren der Besteller und ihrer Ehefrauen in Schmelzfarben
aufgemalt sind, und zwar in dem typisch venezianischen
Kostüm von der Wende des Jahrhunderts. Derartige Gläser
befinden sich im Brit. Museum (Slade Coll. und in Koburg
[Abb. 60] ). Die Slade Collection besitzt noch mehrere Gläser
von völlig übereinstimmendem Charakter, mit Wappen von
Ulmer und andern Familien, ferner solche mit der Figur
einer Dame und mit italienischen Komödianten. Hierher ge-
hören weiter zwei Stangengläser mit Hausmarken und den
Beischriften »Michiel Merz« (Augsburg, Fugger-Museum) und
Hinterglasmalerei. 97
»Roccho Grasl 1603« (S. Kensington Museum), die mit den
Gläsern der Praungruppe in Material, in den Farben (beson -
ders dem lichten Gelbgrün) und in Details (Art der Punkt-
borte und Goldinschrift) absolut übereinstimmen. Sicherlich
sind diese Gläser in Venedig von daselbst ansässigen Deut-
schen bestellt worden. Bei andern Arbeiten dieser Zeit ist
eine klare Zuweisung an Venedig oder Deutschland schwer
durchzuführen; das beste, wenn auch nicht untrügliche Merk-
mal der venezianischen Gläser ist ihre im Verhältnis zu den
deutschen Erzeugnissen meist größere Leichtigkeit und Rein-
heit. Hinzu kommt die starke Verwendung” von Gold, das
in Deutschland meist durch gelbes Email ersetzt wird, sowie
die eigentümlich lichte Färbung des grünen Emails, das in den
deutschen Hütten einen viel dunkleren Ton hat.
Immerhin gehören diese venezianischen Emailgläser vom
Ausgang des 16. Jahrh. zu den größten Seltenheiten: die
Schmelzmalerei war, wie gesagt, in Italien schon gegen 1530
absolut aus der Mode gekommen und hatte, wo überhaupt
noch zu einem malerischen Schmuck gegriffen wurde, der
Malerei mit Gold und mit Ölfarben Platz gemacht. Diese
Hinterglasmalerei
kommt fast nur auf Schüsseln und Schalen vor, wo sie unter
dem leicht gewölbten Boden angebracht wurde und dadurch
wenigstens einigermaßen vor Abnutzung geschützt war.
Die im Anfang neben goldenen Ranken noch verwendeten
bunten Emailperlen werden bald ganz fortgelassen. Aber
auch die Vergoldung selbst nimmt jetzt einen ganz andern
Charakter an: bisher wurden die goldenen Ornamente aus
einem Streifen aufgelegten Blattgoldes ausradiert; jetzt wird
mit dem Golde direkt wie mit jeder andern Farbe gemalt.
Sehr schöne, fast nur mit Gold dekorierte Schalen dieser Art
besitzt die Dresdner Porzellansammlung und das Berliner
Kunstgewerbe-Museum. Bei den beiden Dresdner Stücken
zieht sich um ein buntes Mittelbild (Venus, Amor mit Gans)
ringsum ein Zug von Tieren: Hirsche, Löwen, Kamele, Ele-
fanten usw. zu je zwei hintereinander. Das Berliner Exem-
plar zeigt auf Rand und Boden zwei sehr feine goldene Ranken-
friese; in der Mitte, zart grün und rot hinterlegt, einen golde-
nen Greif und darüber eine Sonne, von der radiale Strahlen
ausgehen, die auch bei vielen emaillierten Gläsern, vor allem
bei denen mit Tiermedaillons, zu beobachten sind. Die sehr
minutiöse Goldmalerei wird später breiter und verbindet sich
mit oft sehr ausgedehnten buntfarbigen Bildern, die entweder
medaillonartig auf dem Rand und in der Mitte des Bodens
Schmidt, Glas. 7
98 Das venezianische Glas.
Abb. 61. ide Glasschale mit Hinterglasmalerei. Venedig um 1550. (Berlin,
Kunstgewerbe-Museum.)
angebracht sind oder als einheitliche Darstellung den ganzen
Spiegel der Schale bedecken.
Am häufigsten sind derartige Gemälde nach Stichen der
Raffaelschule: Apoll und die Musen (Venedig, Mus. Civico),
Parisurteil (Prag, Kunstgewerbe-Museum), Geburt des Bac-
chus (Paris, Cluny), Puttentänze (Paris, Coll. Dutuit) u.a.
kommen vor. Das Berliner Kunstgewerbe-Museum besitzt
eine große, gebuckelte Schale, in deren Mitte zwei Propheten
(?) vor einer Architektur gemalt sind. Ringsum zieht sich
ein breiter, goldener Rankenfries; ebenso auf dem Rande,
der außerdem bunte Medaillons mit Putten und Figuren auf
Meerdrachen zeigt. Eine zweite Schale mit kräftigem Gold-
rankendekor hat in der Mitte ein großes Rundbild (zwei Jüng-
linge in Landschaft) und auf dem Rande sechs unregelmäßige
Medaillons mit männlichen Brustbildern (Abb. 61).
Endlich ist ein weibliches Brustbild unter dem Boden
einer Schale zu erwähnen, deren Wandungen aus Fadenglas
Hinterglasmalerei. Diamantgravierung. 99
Abb. 62. Diamantgerissene Schale mit Wappen der Maria Madalena
Chieregata. Venedig um 1600. (Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
bestehen (Schr. 527). Alle diese Hinterglasmalereien gehören
der Zeit von etwa 1530 bis 1570 an.
Nicht allzu häufig ist in Venedig zum Schmuck der
Gläser die
Diamantgravierung
angewendet worden. Das schönste Beispiel aus dem I6. Jahr-
hundert enthält die Slade Collection (abgeb. im Katalog Fig.
184) in einer Schale mit Grotteskenmotiven, Adlern usw. Die
meisten Venezianer Arbeiten dieser Art sind später und sehr
viel roher gezeichnet. Relativ gut ist ein flacher Teller des
Berliner Kunstgewerbe-Museums (Schr. 540) mit liegenden
mythologischen Figuren in Kartuschen zwischen Ranken und
mit einem Wappenschild in der Mitte. Ebenda befindet sich
eine Schale mit Wappen und Inschrift »Maria Madalena
Chieregata« [Vicentiner Familie) sowie kleinen Ranken, in
denen ein Pferd, Hirsch und ein Lautenspieler eingraviert
sind (Abb. 62). Ebenfalls als venezianisch weist sich durch
die Inschrift »Signora Angela Gariboldi« ein Schalenglas mit
Flügelansätzen auf der Feste Koburg aus; sein übriger Schmuck
ist der bei den einfachen Stücken dieser Gattung übliche:
un
Ioo Das venezianische Glas.
eingeritzte Ranken mit rund umgerollten Blättern, leicht
angedeuteten Sternblüten und größeren Blumen. Die Innen-
zeichnung ist stets durch parallele Strichlagen gegeben.
Flügelgläser und Schalen mit diesem primitiven Ritz -
dekor finden sich in vielen Sammlungen, mehrfach auf Kelch-
gläsern mit violetter Kuppa. (Einige Beispiele in Schr. 540.)
Im übrigen ist es schwer zu entscheiden, ob Gläser mit
Diamantritzung in Venedig oder anderswo hergestellt sind.
So war das Diamantreißen eine Spezialität der Glashütte von
Hall in Tirol (s. S. 118); auch Holland hat die Technik sehr
häufig verwendet, und hier wie dort sind den venezianischen
Motiven sehr ähnliche Ornamente beliebt gewesen. Die in
Deutschland geübte Diamantritzung ist dagegen absolut klar
von der venezianischen zu unterscheiden (s. unten).
Der nur schwach geglückte Versuch, im 18. Jahrh. den
Schliff und Schnitt nach deutschem Vorbilde in
Venedig einzuführen, ist bereits S. 65 erwähnt worden.
Fadenglas.
Die epochemachendste Erfindung der Venezianer Glas-
bläser des I6. Jahrh. ist zweifellos die des Fadenglases. Es
mag sein, daß auch hierzu, wie zum Millefioriglas, Funde
antiker Gefäße die Anregung gegeben haben; während aber
in der Antike das Fadenglas nur eine sehr bescheidene Rolle
spielt, ist es im 16. Jahrh. zu einem staunenswerten Grade
der Vollendung gediehen.
Urkundlich ist über den Zeitpunkt dieser Erfindung
nichts bekannt geworden; auf Grund der erhaltenen Denk-
mäler aber darf man annehmen, daß die Anfänge des Faden-
glases zeitlich mit der Entwicklung der vollen Renaissance -
formen in der venezianischen Glaskunst zusammenfallen.
1540 ıst das Fadenglas jedenfalls schon bekannt, denn in
Biringuccios 1540 erschienenem Werke wird es ausdrücklich
erwähnt. Er spricht von »vasi da bere, ne quali intrinsicha-
mente di ruschi e altre tarsie traverse e commıiessi che mostrano
alla vista esser rilevi e son pianissimi« und von »cose... di
vetro biancho o daltri colori che paiano intessuti di vimine
con questa equalita e giustezza di termini son conloro eparii
locatie. — Auch der Ausdruck »rowid with white«, der für
ein kleines Glas im Inventar Heinrichs VIII. von 1542 vor-
kommt, scheint sich auf Fadenglas zu beziehen, und ebenso
das »a cordeline«, das sich mehrfach in einem Inventar des
Schlosses von Trient vom Jahre 1536 findet 3°).
Sehr selten sind Fadengläser, die noch Anklänge an goti-
sche Formen aufweisen; ebenso aber halten sich diese Er-
zeugnisse von den bizarr-phantastischen Gestaltungen der
Fadenglas. IoI
späteren Zeit des 17. und IS. Jahrh. frei, so daß in der Haupt-
sache das 16. Jahrh. als ihre Entstehungszeit anzusprechen
ist. Allerdings ist die Technik immer in Mode geblieben; so
besitzt das Brit. Museum (Slade Coll.) ein Glas, in dessen
hohlem Knauf eine halbe Zechine des Dogen Francesco Molino
eingelassen ist, der 1647 regierte. Und um die Mitte des
18. Jahrh. stellte auch der bereits erwähnte Giuseppe Briati
Fadenglas her, aber — retrospektiv — ganz in der Art der
Renaissancegläser, von denen sich seine Arbeiten nur durch
die reinere und leuchtendere Masse unterschieden haben sollen.
Merkwürdigerweise kommt in der ganzen älteren italieni-
schen Malerei nur eine einzige Darstellung von Fadenglas vor;
das ist eine Vase auf einem männlichen Porträt von Jacopo
da Pentr /1510 bis 1592) in der National-Gallery, London (Nr.
173); im Katalog fälschlich als Silbervase bezeichnet.
Die Technik dieser Gläser ist eine sehr komplizierte.
Die zum Fadenglas notwendigen Fäden werden in folgen-
der Weise hergestellt: Man nimmt mit einem Eisenstab eine
bestimmte Menge farbiger Glasmasse — nehmen wir an, es
sei das durch Zinnoxyd weiß gefärbte Milchglas, »lattimo«
oder »latticino« (die jetzt allgemein gebräuchliche Form
latticinio kommt in der älteren italienischen Literatur nicht
vor) — aus dem Schmelztiegel und rollt sie auf dem »Marmorg,
der Werkplatte, hin und her, bis sie rings an der Außenseite
des Eisens als dünne Röhre festhaftet. Darauf taucht man
das Eisen in farblose Glasmasse, welche nun die Milchglas-
röhre mantelartig umschließt. Der so entstandene, innen
weiße, außen farblose Zylinder wird erhitzt und so lange ausge -
zogen, bis er zu einem langen Faden von etwa 3 bis 6 mm
Durchmesser geworden ist.
Anus derartig zubereiteten Fäden werden nun die in kunst-
vollster Weise mannigfaltig gesponnenen Fadenbündel (anne
ritorte«) gebildet, die man — was bereits Brinckmann gerügt
hat — unzutreffend Filigranglas genannt hat. Es fehlen die
»grani«, die Körner, um dem Namen Berechtigung zu geben;
man sollte sich durchaus mit dem Ausdruck Fadenglas be-
genügen. Labarte hat eine ausgezeichnete schriftliche Er-
läuterung und bildliche Darstellung der komplizierten Vor-
gänge gegeben; hier sei kurz das Wesentliche wiederholt. An
der Innenseite eines niedrigen irdenen Zylinders werden rings-
um in bestimmter symmetrischer Reihenfolge Milchglasfäden
von der oben beschriebenen Art abwechselnd mit farblosen
Glasstäbchen angeordnet. Der in der Mitte verbleibende
Hohlraum wird mit flüssiger farbloser Glasmasse ausgefüllt,
wodurch das Ganze zu einem kompakten Glasstab zusammen -
schmilzt. Dieser Glasstab, an dessen Peripherie sich nun
also parallele weiße Fäden in gleichen Abständen befinden,
1o2 Das venezianische Glas.
Abb. 63. Pokale und Schale aus Fadenglas. Venedig 16. Jahrh. (Berlin, Kunst-
gewerbe-Museum.)
wird lang ausgezogen, bis sein Durchmesser zu einer ganz
minimalen. Größe zusammengeschrumpft ist. Bei dem Aus-
ziehen aber wird der Stab zugleich um sich selbst gedreht.
Die Folge davon ist, daß die bisher parallelen weißen Glas-
fäden sich nun in spiraligen Windungen wie die Fäden eines
Taues umeinanderschlingen.
Unzählige Variationen kann man durch andere Anord-
nung der weißen Fäden erzielen. Legt man z. B. fünf solche
Fädchen dicht nebeneinander an die Wandung des irdenen
Zylinders an und füllt allen übrigen Raum mit farbloser Glas-
masse, so erhält man beim Ausziehen und Drehen eine breite,
aus fünf parallelen Fäden bestehende Spirale; ordnet man
an zwei sich gegenüberliegenden Stellen des Zylinders je drei
weiße Fäden an, so werden sich zwei dreisträhnige Spiralen
in dem fertigen Stabe kreuzen. Bringt man außerdem noch
einen Faden in der Mitte des Zylinders an, so bildet er eine
weiße Achse, um die die Spiralen sich schlingen; entfernt
man diesen Achsenfaden etwas aus der Mitte, so wird er sich
selbst im Innern der Spiralen korkzieherartig winden.
Durch andere, komplizierte Anordnung der weißen Fäden
ist es möglich, eine große Zahl der reizvollsten Verschlingun-
gen zu erzielen. Die aus ihnen gebildeten Gefäße hießen
»vasi a ritorti«.
Zur Herstellung eines solchen vaso a ritorti benutzt man
wiederum eine zylindrische Form. Wieder ordnet man die
Stäbchen in beliebiger Reihenfolge mit oder ohne dazwischen -
gesetzte farblose Stäbe an der Innenwandung des Zylinders
an. Dann erwärmt man sie und bläst von oben in den durch
sie gebildeten Hohlzylinder eine Blase farblosen Glases hinein,
Fadenglas. 103
an der sie fest haften und mit
. deren Oberfläche sie sich bei “eS:; >=:
weiterer Erwärmung und Aus- N N, 0
dehnung völlig verbinden. Kurz
über dem Ende der Blase
werden sie dann zusammenge- «X )
kniffen, so daß sie hier alle in «an
einem Punkte zusammenlaufen,
während ihre Abstände auf
der Wandung der kugelig erwei-
terten Blase immer breiter wer-
den. Bei weiterer Ausdehnung
der Blase und dem dadurch
verursachten Dünnerwerden
ihrer Wandung müssen die
Stäbchen natürlich platt ge-
drückt und die in ihnen einge-
schlossenen Muster breitge-
quetscht erscheinen. Die Glas-
blase wird nun in der gewöhn-
lichen Weise weiterbearbeitet.
Wird die Blase nicht gedreht,
so laufen die einzelnen Faden-
stäbchen wie die Längengrade
auf einem Globus nebeneinander
her; läßt man jedoch die Blase
bei der Arbeit rotieren, so bilden
SL A un le Spiralen, eis dais Abb. 64. Doppelpokal aus Faden-
ganze Gefäß mitihrenschwung- gas. Venedig 16. Jahrh. (Berlin,
voll-gleichmäßigen Kurven be- eh naar)
decken.
Eine einfachere, neuerdings in Murano meist angewendete
Art, die Fadenstäbchen mit der Glasblase zu vereinigen,
besteht darin, daß man die Stäbchen in der gewünschten
Reihenfolge auf eine Metallplatte legt, sie erhitzt und dann
die heiße Glasblase über sie hinwegrollt, wobei die Stäbchen
daran haften bleiben.
In der Sammlung des Kunstgewerbe-Museums ist das
Fadenglas hervorragend vertreten (Schr. 527 und 536). Trink-
gefäße und Schalen, Vasen, Kannen, Kännchen und Flaschen
weisen alle erdenklichen Muster und Kombinationen auf
(Abb. 63). Am häufigsten ist der Wechsel eines dicken
weißen Fadens mit einem kompliziert gestrickten Stäbchen,
aber auch mehrere Muster treten in bestimmter Reihenfolge
auf. Fuß, Knauf und Kuppa eines jeden Gefäßes zeigen
das gleiche Fadenmuster; die Verbindungsstellen sind durch
umgelegtes farbloses Glas verstärkt.
1o4 Das venezianische Glas.
Als Form beachtenswert ist der Doppelpokal (Abb. 64),
der aus zwei gleichen Hälften besteht, deren eine zugleich
den Deckel der andern bildet; er ist der Form der silbernen
deutschen »Doppelscheuer« nachgebildet und vermutlich wohl
auch für den Export nach Deutschland angefertigt. Das
Exemplar des Kunstgewerbe-Museums ist das einzige, voll-
ständig erhaltene Stück dieser Gattung. (Die Hälfte einer
solchen Doppelscheuer ebenfalls in Schr. 536.)
Auf farbigen Schmuck, Bemalung und Vergoldung ist
beim Fadenglas der guten Zeit meist verzichtet; nichts sollte
den Blick von dem rhythmischen Spiel der weißen Fäden
ablenken.
Selten ist die Verwendung mehrfarbiger Fäden (eine
Schale mit blauen, grünen und weißen Fäden in Schr. 536;
zwei Deckelschalen und ein Kännchen mitrosafarbenen, sowie
einige Gefäße mit blauen Fäden in Schr. 527). Vielleicht
sind diese Stücke schon dem 17. Jahrh. zuzuschreiben, in dem
auch die Mehrzahl der — allerdings nordischen — Flügel-
gläser entstanden ist, deren verschlungene Schäfte aus dicken
Stäben mit mehrfarbigen Fadeneinlagen gebildet sind (s.
SERTATE)
Auch auf Reliefverzierung durch Blasen in die Form
ist beim Fadenglas bis auf wenige Ausnahmen verzichtet.
Das Relief, das die einheitlich glatten Wandungsflächen zer-
stört, macht auch die Wirkung der Fadenmuster unruhig
und verwirrt; umgekehrt wieder ist das Relief durch die ge-
brochenen Linien der Fäden nicht in der wünschenswerten
Klarheit zu erkennen.
Eine kleine Gruppe in Schr. 527 vertritt diese geformten
Fadengläser: eine Kanne mit Kleeblattausguß, deren Körper
vier an den Hälsen und Schwänzen zusammengekoppelte
Drachen in hohem Relief zeigt, eine kleinere Kanne (mit drei
eingelassenen blauen Fäden) und ein Fläschchen, beide mit
Reliefs schreitender Löwen und doppeladlerähnlicher Gebilde
geschmückt. Endlich einige Kelchgläser mit mehreren Reihen
ineinandergeschobener, tropfenförmiger Buckel.
Netzglas.
Als besondere, durch die Eigenart ihrer Herstellung und
ihres Aussehens vom üblichen Fadenglas abweichende Gattung
sind die vasi a reticelli, die Netzgläser, zu behandeln (Abb. 65).
Sie werden folgendermaßen gearbeitet: Eine größere Anzahl
Stäbe mit nur einem Milchglasfaden wird in gleichmäßigen
Abständen auf die Glasblase so aufgeschweißt, daß die Stäbe
sich nicht völlig mit ihr vereinigen, sondern als leicht erhabene
Rippen stehen bleiben. Die Blase wird ausgedehnt und dabei
Fadenglas. Netzglas. 105
Abb. 65. Pokale aus Netzglas. Venedig 16. Jahrh. (Berlin, Kunstgewerbe-
Museum.)
gedreht, so daß die Fäden nun in spiraliger Windung um
die Blase laufen. In derselben Weise wird eine zweite Blase
hergestellt, die jedoch beim Ausdehnen im Gegensinn gedreht
wird, so daß die Spiralwindungen nach der andern Richtung
laufen wie bei der ersten Blase. Beide Blasen werden auf-
geschnitten, in der Form von offenen Zylindern ineinander-
gesetzt und durch Hitze vereinigt. Die spiralig verlaufenden
Fäden müssen sich nunmehr netzförmig kreuzen, und da
zwischen den einzelnen erhaben stehenden Fadenstäbchen
kleine, muldenförmig vertiefte Rillen liegen, bleiben in den
»Maschen« des durch die gekreuzten Fäden gebildeten Netzes
lauter kleine Luftbläschen eingeschlossen.
Dies die von Labarte (nach einer 1845 von Bontemps
geschriebenen Darstellung) geschilderte Technik; mit geringen
Abweichungen ist sie schon mehrere Jahre vorher von Franz
Pohl, dem Inspektor der Josephinenhütte bei Schreiberhau,
wieder erfunden und beschrieben worden 3t).
Der gleiche Erfolg kann auch dadurch erzielt werden,
daß man nur eine einzige Blase anfertigt und diese, etwa
wie einen Gummiball, in "sich selbst einstülpt, bis die beiden
Pole, in denen die Fäden zusammenlaufen, sich berühren.
106 Das venezianische Glas.
Die so entstandene gleichsam doppelwandige Schale wird
dann wieder zur Blase umgeformt und weiterverarbeitet.
So zeigen die Netzgläser ein wundervolles Gefüge rhyth-
misch sich kreuzender Spiralfäden mit dazwischen eingebefte-
ten Luftbläschen.
Das Netzglas erfreute sich einer außerordentlichen Be-
liebtheit; Gefäße aller Art, Pokale, Kannen, Schüsseln usw.
wurden daraus hergestellt. (Viele zum Teil hervorragende
Beispiele in Schr. 527 und 536; u.a. eine große, 65 cm im
Durchmesser haltende Schüssel.)
Höchst selten hat man Stäbe mit komplizierten (ge-
strickten) Fadenmustern zu Netzglas verarbeitet; ein pracht-
volles Beispiel — eine Pilgerflasche — in der Bibliotheque
Nationale in Paris; ein Kelchglas in Schr. 536 (Abb. 65 rechts).
Als Unikum mag hier noch eine große Schale ım Brit.
Museum Erwähnung finden, die eine ganze Musterkarte von
in verschiedenen Richtungen verlaufenden Faden- und Netz -
mustern in sich vereinigt.
Plastische Fadenauflagen.
Eine Gruppe von Gläsern und Flaschen zeigt einfache
Fäden sowie canne ritorte, die nicht, wie üblich, völlig mit
der Blase verschmolzen sind, sondern als plastische Rippen
auf der Oberfläche der Gefäße aufliegen (Abb. 66; weitere
Beispiele in Schr. 527 unten
rechts). Diese Gruppe scheint
am Anfang der ganzen Gattung
zu stehen. Die Formen der
meisten Stücke weisen darauf
hin, ebenso die kurzen Rippen,
die noch die gotische Tendenz
zeigen. Auf dem Porträt des
Erhart Svetzer von Georg Pencz
aus dem Jahre 1544 (Berlin, Kai-
ser-Friedrich-Museum) kommt
ein solches Glas bereits vor.
Übrigens ist eine deutsche
Provenienz für einzelne Stücke
dieser Art, deren Form teilweise
nicht unbeträchtlich von der
üblichen venezianischen ab-
weıcht, nicht ausgeschlossen.
1562 war einigen deutschen
Hütten jedenfalls die Technik
des Fadenglases schon bekannt
Abb. 66. Vase mit plastischen Faden-
auflagen. Venedig 16. Jahrh. (Berlin,
Kunstgewerbe-Museum.) (s. unten).
Plastische und gekämmte Fadenauflagen. 107
Abb. 67. Gefäße mit gekämmten Fadenauflagen. Venedig 16. bis 17. Jahrh.
(Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
Gekämmte Fadenauflagen.
Ferner muß hier eine im Effekt dem Fadenglas ver-
wandte Technik erwähnt werden, die eine gewisse Ähnlich -
keit mit den Fadeneinlagen der altägyptischen Balsamarien
oder besser noch mit deren späteren gemalten Nachahmungen
(5. S. 15) besitzt. Die Verzierung besteht in Vogelfeder-
oder Farrnkrautmustern, ähnlich den Musterungen gewisser
Tunkpapiere; auch die Herstellung ist der Tunkpapiertechnik
analog, indem ein spiralig um die ganze Glasblase gewickelter
weißer Faden »gekämmt« wird. Diese weiße Auflage ver-
bindet sich fest mit der Oberfläche der Blase, die dann weiter
geformt wird, wobei, besonders bei umfangreichen Gefäßen
und in den Fällen, wo die Blase während der Arbeit gedreht
wird, die ursprüngliche, spiralige Anordnung fast ganz un-
kenntlich wird. Bei einiger Aufmerksamkeit ist sie aber
stets zu verfolgen (Abb. 67). Im Gegensatze zu den eigent-
lichen Fadengläsern, deren Fäden eine beträchtliche Körper-
lichkeit innerhalb der Masse des Gefäßes besitzen, liegen hier
die Fäden nur oberflächlich, wie mit dem Pinsel aufgestrichen,
auf. Diese Technik ist hauptsächlich den spanischen Faden -
gläsern eigen (s. unten), die als besonderes Kennzeichen
einen etwas trüben, graulichen Ton der weißen Farbe haben;
sie kommt aber auch in Venedig vor, wie eine reiche Auswahl
solcher Gläser der verschiedensten Qualität im Museum von
Murano beweist. (Beispiele in Schr. 527 unten links und in
Schr. 536.)
108 Das venezianische Glas.
Abb. 68. Deckelvasen aus Eisglas und mit Quaderdekor. Venedig
16. bis 17. Jahrh. (Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
Das Eisglas
ist eine Erfindung des 16. Jahrh. und wurde bis ins IS. Jahrh.
hinein mit Vorliebe gearbeitet. Es wird dadurch hergestellt,
daß man die noch warme Blase einen Augenblick in kaltes
Wasser eintaucht. Durch diesen plötzlichen Temperatur-
wechsel wird das Glas »geschreckt«, d.h. es springt, und auf
seiner Oberfläche bilden sich unzählige unregelmäßige Risse,
ähnlich dem Craquel@ der chinesischen Töpferwaren. Die
Sprödigkeit und Scharfkantigkeit dieser Risse wird durch
nochmaliges Anwärmen und leichtes Ausblasen gemildert. —
Eine ähnliche Wirkung erzielte man dadurch, daß man die
Blase über eine Unzahl sehr kleiner Glassplitter hinrollte,
die mit der Oberfläche leicht verschmolzen und durch Ein-
wirkung der Hitze stumpf gemacht wurden (Abb. 68 links;
weitere Beispiele in Schr. 526).
Eisglas. Ältere Literatur, 109
Zusammenstellung der wichtigsten älteren Quellen
über das venezianische Glas.
Filarete, Trattato dell’ Architettura (etwa 1460 bis
1464). Quellenschr. f. Kunstgeschichte. N. F. Bd. III,
Wien 1890. S. 302 ft.
M. A. Sabellicus, De Venetae urbis situ. Venedig um
1490: Buch IN, "Bol. 26 ff.
Biringuccio, De la Pirotechnia. Venedig 1540. Buch
IIaRapz 12.
F. Leandro Alberti, Descrittione di tutta Italia.
Venedig 1551. S. 423—424.
Thomaso Garzoni da Bagnacavallo, La Piazza uni-
versale di tutte le professioni del Mondo. Venedig 1589.
Discorso 64.
Leonardo Fioravanti (Bolognese), Dello Specchio
di scientia universale. Venedig 1603. Buch I, S. 75 ff.
(Zum größten Teil wörtlich von Garzoni abgeschrieben.)
Anr&omo) Nerı, arte vetraria. Florenz 1612. '(Ver-
deutscht und kommentiert von Joh. Kunckel, 1679.)
Rene Frangois (Etienne Binet), Essay des Merveilles
de Nature... 2. Edit., Besangon 1622. S. 358.
Cicogna, Delle Inscrizioni veneziane. Venedig 1853.
Vol. VI, S. 466 ff.
Gaet. Milanesi, Dell’ Arte del Vetro per Musaico tre
Trattatelli dei Secoli XIV eXV. (Aus dem Staatsarchiv
von Florenz; publiziert in den Curiosita Letterarie 51.)
Bologna 1864.
VI. Das Glas in Venezianer Art.
»\/ enezianisches Glas« ist ein Gattungsname geworden für
alle Glaswaren, die sich durch Klarheit der Masse, Leich-
tigkeit und durch Eleganz der Form auszeichnen, im Gegensatze
zu dem schlecht entfärbten, plumperen Waldglas und zu den
kristallklaren, aber dickeren und schwereren Produkten der
böhmischen Hütten und ihrer weitverzweigten Gefolgschaft
seit dem 17. Jahrh.
Aber wohl kaum die Hälfte der in unseren Sammlungen
aufbewahrten »venezianischen« Gläser sind wirklich in Ve-
nedig entstanden; die Nachahmung bemächtigte sich schon
frühzeitig der überall hochgeschätzten Werke der Muraneser
Glaskünstler, und diese selbst haben oft genug den ver-
lockenden Angeboten nicht widerstanden, die ihnen von aus-
wärts gemacht wurden. Von den drakonischen Strafbestim -
mungen, die in Venedig für derartige Deserteure aufgestellt
waren, ist schon die Rede gewesen; sie haben aber nicht ver-
hindern können, daß trotzdem in aller Welt Glashütten ein-
gerichtet wurden, die teils direkt mit venezianischen Ar-
beitern, teils nach deren Rezepten der Stammindustrie eine
scharfe Konkurrenz bereiteten.
Immerhin bleibt Venedig der unbestrittene Ruhm der
Priorität, und es blieb, wenn auch hier und da besondere
Spezialitäten sich ausgebildet haben, für den Geschmack im
allgemeinen stets vorbildlich. Ja, die Konkurrenzhütten
legten besonderen Wert darauf, daß ihre Produkte »a la facon
de Venise« hergestellt seien.
Am frühesten natürlich hat sich das übrige
Italien
an der Glasfabrikation auf Venezianer Art beteiligt. Bereits
1295 bestanden Hütten in Treviso, Padua, Mantua, Ferrara,
Ravenna und Bologna, die sämtlich von Muranesen einge -
richtet waren. Die drei erstgenannten wurden 1587 auf
Befehl des Rates der X niedergelegt, ebenso 1653 eine Hütte
Glashütte in Italien. Altare. III
in Bergamo. Vermutlich sind derartige Maßregeln in dem
zu Venedig gehörenden Hinterlande häufiger und auch schon
früher getroffen worden zum Schutze der Industrie in Murano,
aber es gab genug andere Plätze, wohin der Arm der veneziani-
schen Behörde nicht reichte. So sollen am Ende des 16. Jahrh.
die Luna (aus Venedig) in Florenz eine Glashütte etabliert
haben; Neri erzählt von seiner Arbeit in der Hütte des Nicolo
Landi in Florenz (nel casino) in den Jahren 160I und 1602;
gleichzeitig hat in Pisa eine Hütte bestanden, in der Kunstglas
hergestellt wurde. Ferner sind dokumentarisch für das
16. und 17. Jahrh. beglaubigt Hütten in Rom, Neapel, Mai-
land, Verona, Parma, Brescia, Trient, Turin, Genua und in
der Romagna, die alle nach Venezianer Art gearbeitet haben.
Die größte Konkurrenz aber wurde Venedig vonA ltare,
einem kleinen, fast unbekannten Orte bei Genua, im
Herzogtum Montferrat, bereitet. Die Altaristen sind wahr-
scheinlich seit dem 12. Jahrh. aus der Normandie, wo von
alters her die Glasfabrikation heimisch war, nach Italien
abgewandert. Sie schlossen sich frühzeitig zu einer Korpora-
tion, der »Universitäa dell’arte vitrea«, zusammen, deren Be-
vollmächtigte Konsuln genannt wurden. Bereits 1495 wurden
ihre Statuten vom Landesherrn bestätigt. Es wird darin
die Arbeitszeit (von St. Martin bis St. Johannes) festgelegt,
die Aufnahme von Ausländern in den Verband sowie die
Strafen für Übertretung der von den sechs jährlich neu zu
wählenden Konsuln festgesetzten Bestimmungen. Neu hinzu -
kommende Mitglieder müssen eine Kaution von 300 Lire oder
gleichen Werten in Immobilien stellen, sind zu vier Jahren
Arbeit als Schürer und zu weiteren vier Lehrjahren ver-
pflichtet usw. Man sieht: eine feste Organisation, deren
eigentümlichstes Wesen aber in dem jährlichen Ausschwärmen
ihrer Mitglieder in aller Herren Länder bestand. Die näm-
lichen Personen trifft man innerhalb weniger Jahre in Nevers,
Lyon, Flandern, Lüttich, Paris usw. an; sie waren aber ver-
pflichtet, von Zeit zu Zeit, manchmal auch in jedem Jahre,
nach Altare zurückzukehren, wo die meisten auch ihre Familien
hatten. Die Altaristen bildeten im Ausland immer feste Ge-
meinschaften, die stets in Konnex mit den heimischen Kon-
suln standen. Also eine Art Sachsengängerei, die im strikte-
sten Gegensatze steht zu der ängstlichen Geheimniskrämerei
in Venedig. Was den Muranesen als Verbrechen angerechnet
wurde, das Auswandern, das war den Altaristen zur Pflicht
gemacht.
Altaristen und Muranesen arbeiteten an vielen Orten,
besonders in Frankreich und den Niederlanden, zusammen,
und wir dürfen annehmen, daß, obgleich mehrfach von einer
besonderen facon d’Altare neben der von Murano gesprochen
I1l2 Das Glas in Venezianer Art.
wird, trotzdem die Erzeugnisse sich nicht allzu sehr von-
einander unterschieden haben. In Italien war ihre gegen-
seitige Berührung zu nah, als daß eine fundamentale Dif-
ferenz in der Arbeitsweise hätte bestehen können. Und daß
es sich bei den Werken der Altaristen keineswegs nur um
Gebrauchsglas gewöhnlicher Art gehandelt hat, wird aus
vielen der besonders von H. Schuermans 3) gesammelten
Dokumente klar. }
Die Niederlande.
Die erste transalpine Venezianerhütte von Bedeutung
wurde kurz vor I550o in Antwerpen eingerichtet. Die
Niederlande hingen in kommerzieller Beziehung seit Jahr-
hunderten eng mit den großen italienischen Handelsstädten
zusammen; der Glasimport aus Venedig verschlang ungeheure
Summen; so war es natürlich, daß man durch eigene Anlagen
versuchte, das für diese Luxusartikel verausgabte Geld nach
Möglichkeit dem Lande zu erhalten. Nachdem seit 1537
mehrere Versuche gescheitert waren, erhielt 1549 der Händler
Jean de Lame aus Cremona eine Konzession, die er 1557 auf
einen Venezianer Jacomo di Francisco übertrug, der seine
Rechte 1565 dem Jacomo Pasquetti aus Brescia zedierte.
Von diesem ging die Hütte 1580 an Ambrosio Mongarda über,
der 1595 starb. Seine Witwe, Sara Vincx, heiratete 1598
Philippe de Gridolphi, der nach einem am 14. März 1600
von der Infantin Isabella ausgestellten Privileg der einzige
war, der in den Niederlanden »cristal & la faschon de Venise«
machen durfte. Die Einfuhr anderer Nachahmungen vene-
zianischen Glases wurde verboten, wohingegen die »voirres
simples ou ordinaires de Boh&me, Allemagne, France et
Lorraine« weiterhin eingeführt werden durften. 1607 aber
klagt Gridolphi, daß mehrere Kaufleute unter der Flagge echt
venezianischen Glases Nachahmungen aus Mezieres und
Lüttich vertrieben, wo man die Erzeugnisse Venedigs so
ausgezeichnet kopiere, daß die Meister selbst nur mit Mühe
die Unterschiede entdecken könnten. Gridolphi und ein
Jehan Bruyninck, mit dem er von 1607 bis 1618 assoziiert
war, erhielten nun auch die alleinige Berechtigung zum Bezug
und Verkauf echten venezianischen Glases in den Nieder-
landen. Nachdem, wie die beiden I61I berichten, die Kon-
kurrenzhütten, unter denen jetzt auch noch Köln genannt
wird, die Arbeit haben einstellen müssen, scheint die Ant-
werpener Hütte bessere Geschäfte gemacht zu haben, denn
ihre Abgabe wurde 1615 stark erhöht. Nachfolger Gridolphis
wurde 1625 sein Schwiegersohn, ein Italiener Ferrante Morron
(Moroni); unter ihm ging die Hütte zurück, befand sich 1629
Antwerpen. Brüssel. Lüttich. 10182
bereits wieder in andern Händen und ist 1642 ganz ein-
gegangen.
1622 hatte in Brüssel ein venezianischer Edelmann,
der Kapıtän Antonio Miotti, eine Glashütte angelegt. Es ging
hier ähnlich wie in Antwerpen; nach mehreren mißglücktenVer-
suchen gelang erst dem Muranesen Jean Savonetti von 1642
an eine stetige Produktion unter dem Schutze der üblichen
Privilegien. Sein Bruder und, von 1653 an, Nachfolger
Francesco Savonetti führte die Hütte bis 1657 weiter. Sie
ging 1658 in den Besitz der Familie Bonhomme über.
Die Bonhommes besaßen bereits seit 1638 die Glashütte
in Lüttich, die unter ihrem Regime zu großer Leistungs-
fähigkeit sich aufschwang. Auch Lüttich hatte seit 1569
schon mehrfache Versuche zur Anlage von Hütten »& la fagon
de Venise« gesehen; von nun an stand es an der Spitze der
gesamten benachbarten Fabriken. Die überaus rührige Fa-
milie Bonhomme gründete oder übernahm in den nächsten
Jahrzehnten außerdem Hütten in Huy, Maestricht, Neuville,
Bois-le-Duc und Verdun.
Über die Lütticher Verhältnisse sind wir durch die Arbeit
Pholiens besonders gut unterrichtet. Seit der zweiten Hälfte
des 17. Jahrh. hatten die Bonhommes dort drei Hütten, »La
verrerie de gros verre*), des Venitiens, des Allemands«; und
für die drei Teile waren einheimische, italienische und deutsche
Arbeiter angestellt. Die Mehrzahl der Deutschen gehörte
hessischen Glasmacherfamilien (Gundelach, Engelhart, Went-
zell, Kaufelt) an, während von den Italienern die meisten
aus Altare stammten (im Gegensatze zu Antwerpen, wo mehr
Muranesen beschäftigt waren). Die in der »verrerie des Ve-
nitiens« angestellten Altaristen mußten sich hier zum Teil
verpflichten, auch »a la fagon d’Altare« zu arbeiten, woraus
hervorgeht, daß zwischen den Produkten von Murano und
Altare immerhin ein gewisser Unterschied existiert haben
muß. Wenn man aber wieder hört, daß in Nevers ein Ar-
beiter gleichzeitig A la fagon de Lille, a la fagon des sieurs
Altaristes und A la fagon de Venise arbeitet, so muß man an-
nehmen, daß es sich nicht um prinzipielle Unterschiede, son-
dern wohl nur um bestimmte »Muster« gehandelt hat.
Von der Art der Lütticher Glasproduktion kann man
sich durch die von Schuermans (Bulletin 1884, S. 317) zu-
sammengestellte Liste der Sorten und Preise vom Jahre 1655
einen guten Begriff machen. Nur einiges sei hier angeführt:
Neben gewöhnlichen Gläsern (100 Stück zu 3 bis 13 fl.) werden
»Reumers verts, verres verts au vin, verres de cristal« (13, 14,
*) »verrerie grosse« heißt eine Hütte, die nur Scheibenglas und
gewöhnliche Flaschen herstellt.
Schmidt, Glas. 8
114 Das Glas. in Venezianer Art.
15 fl.) genannt. »Verres a la venitienne« kosten 20 fl. pro
100 Stück, »flütes ordinaires« (25 und 60 fl.). »Verres, &
boutons A la fagon de Lille«, große Becken, glatte Becher und
solche aus Eisglas kosten 30 bis 4I fl. Die teureren Sorten
beginnen mit den »verres a serpent« und den »coupes toumas-
sines« (70 fl.); es folgen »coupes A trois piliers« (80), »verres
a betes« (105), »verres A fleurs« (140), »bocaux A deux cols«
(240) und endlich als teuerste Waren die »coupes toumassines
ä un serpent«, von denen Ioo Stück 250 fl. kosten.
Wie gesagt, wird es in den meisten Fällen nicht möglich
sein, festzustellen, ob ein Glas in Venedig selbst oder nur
ä la fagon de Venise gearbeitet ist. Höchstens könnte die
Versuchung nahe liegen, die besseren Exemplare den Mura-
neser Werkstätten zuzuweisen und die schwereren, in der
Masse und Form schlechteren als Nachahmungen anzusehen.
Schon 1603 behauptet Leonardo Fioravanti, daß die ausge-
wanderten Venezianer trotz Verwendung derselben Materialien
an keinem Orte der Welt Glas hätten machen können, »in
quella perfettione et bellezza, che. si fa in Murano«. (Er
wie auch Garzoni schreiben das der besonders günstigen Lage
der Insel, ihrer salzigen Atmosphäre und ihrer Staubfreiheit
zu.) Wieweit das zutrifft, läßt sich heute nicht mehr ent-
scheiden. Wohl aber kann man annehmen, daß sich im
Norden gewisse Spezialitäten ausgebildet haben, die ursprüng-
lich zwar auf venezianische Anregungen zurückgehen, aber
doch in besonderer Weise entwickelt wurden. Das dürfte
der Fall sein bei den in den Lütticher Verzeichnissen als
»verres A serpent«bezeichneten Gläsern. Sie werden von den
verres & la venitienne gesondert aufgeführt, ebenso in Brüssel,
wo in einer Aufstellung der verkauften Waren aus den Jahren
1659 bis 1663 stets die Rubriken »verres ordinaires«, »verres
Ala venitienne« und »Serpents« nebeneinander geführt werden.
Um das Verhältnis der einzelnen Sorten zueinander klarzu-
machen, seien die Ziffern von 1660 genannt: 134 420 verres
ordinaires, 12 985 verres A la venitienne, 2714 Serpents. Diese
Schlangengläser sind sicherlich identisch mit den in sehr
vielen Exemplaren erhaltenen Flügelgläsern, deren Schaft
aus schlangenartig verschlungenen, massiven Glasstangen mit
bunten Fadeneinlagen, gekniffenen Ansätzen und zwei vogel-
kopfartigen Gebilden besteht (Abb. 69).
Gerade in Belgien haben sich große Mengen dieser Gläser
erhalten, aber auch in Deutschland, vornehmlich an Orten,
wo Hütten auf Venezianer Art gestanden haben. Dagegen
ist diese spezielle Form, deren Schaftbildung mit den beiden
Köpfen wohl auch mit einem — sehr deformierten — Doppel-
adler zu vergleichen ist, im Museum von Murano mit keinem
einzigen Exemplar vertreten. In der reichen Kollektion dieser
Die Niederlande. 115
Abb. 69. Niederländische oder deutsche Flügelgläser. 17. Jahrh.
(Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
Flügelgläser im Mus&ee Cinquantenaire zu Brüssel überwiegt
ein Typ, bei dem die Adlerköpfe und die außen angeschmolze -
nen, waffelartig gemusterten Zacken oder Kämme aus blauem
Glase bestehen; die verschlungenen Stangen, die das Mittelteil
des Schaftes bilden, haben gewöhnlich neben einem Milchglas -
faden noch einen hellblauen, roten, gelben oder violetten
Faden in sich. Der Fußrand ist umgeschlagen. (Einige der-
artige Stücke in Schr. 539.) Der zugehörige, analog dem
Schaft gebildete Deckel ist nur höchst selten erhalten. (Ein
Exemplar mit Deckel abgeb. bei Pholien, S. 126.)
Weiter darf eine in niederländischen Sammlungen häufige
Gattung einfacher Kelchgläser, deren Wandungen vielfach
mit Spiral-, Nuppen- oder Rautenornament versehen sind,
den Hütten des Landes zugeschrieben werden. Sie haben
fast durchweg, im Gegensatze zu den echten venezianischen
Gläsern, einen massiven Schaft und sind infolgedessen auch
schwerer. Allerdings gibt es auch da wieder Ausnahmen,
besonders bei einer Gattung kleiner Gläschen, deren Kelche
rautenartig gemustert sind (im Brüsseler Museum als »Lütti-
cher Arbeit« bezeichnet); diese kommen auch mit hohlem
Balusterschaft vor.
Auch der aufsteigende Zackendekor am Kelche vieler als
niederländisch anzusehender Gläser ist, wie bereits erwähnt,
den echt venezianischen Erzeugnissen des 17. Jahrh. nicht
fremd. Wohl aber ist noch eine Schaftform für die nieder-
g*+
II6 Das Glas in Venezianer Art.
ländische Fabrikation speziell
in Anspruch zu nehmen: das
ist der vierpassige Honlknauf,
der einfach an schlichten Kelch-
gläsern, doppelt an hohen
Gläsern mit Fadenansätzen zu
beobachten ist. Derartige
Gläser kommen in belgischen
Sammlungen häufig vor, u.a.
im Steen zu Antwerpen, wo
auch ein zugehöriger (kranker)
Deckel mit diamantgerissenen
Ranken, Vögeln und Hunden
bewahrt wird; ein besonders
gutes Stück mit Kalligraphen-
inschrift von Heemskerk_(s.
u.) vom Jahre 1683 steht im
Brit. Museum; auch das Ber-
liner Kunstgewerbe - Museum
besitzt ein gleiches, aber un-
dekoriertesExemplar (Abb. 70).
Die große Menge von Glä-
sern, die auf den unzähligen
Stilleben und Genrebildern der
holländischen und vlämischen
Abb. z Keichziaz mit vierpassigen WMaler des 17 Jahrke abgebil-
enge Niederlande 17. Jahrh. det ist, beweist nicht mit apo-
Se diktischer Sicherheit den nie-
derländischen Ursprung dieser
Erzeugnisse; denn da notorisch der venezianische Import,
trotz der einheimischen Nachbildungen, das ganze 17. Jahrh.
hindurch nicht aufgehört hat, wird man vermuten müssen,
daß die eleganten, hochgeschätzten Arbeiten ven Murano
gerade in den Augen der Künstler einen gewissen Vorrang
vor den billigeren Inlandsfabrikaten gehabt haben.
Als Quelle für das Studium der ganzen Gattung sind
trotzdem diese Bilder von großem Wert, ebenso aber auch
für die einheimischen Arten, wie die Flöte und den Römer
mit seinen vielen Varianten, die durch die venezianischen Ein -
dringlinge niemals in den Niederlanden verdrängt worden
sind, sondern stets einen integrierenden Teil der dortigen
Glasfabrikation gebildet haben, bis im 18. Jahrh. das neue
englische Bleiglas beiden Arten den Todesstoß versetzte.
(Von diesen Gläsern wird später noch zu sprechen sein.)
In Holland kommt für die Glasbläserei »a la facon de
Venise« neben Middelburg, wo mindestens von 158I bis 1597
gearbeitet wurde, besonders Amsterdam in Betracht.
Amsterdam. 117
Hier errichtete 1597 ein Italiener, Antonio Obisii, eine Hütte,
die aber nicht rentierte und schon 160I von Jan Janszoon
Karel neu begonnen wurde. Kurz darauf gründete auch der
Amsterdamer Bürger Jan Henrikszoon Soop eine Glas-
bläserei 33), in der neben Spiegeln sehr schöne »Cristalline«
Gläser, gemacht wurden, die den venezianischen in keiner
Weise nachstanden 34). Zu Beginn des 17. Jahrh. hatte auch
ein Abraham van Tongerlo eine Hütte an der Reguliers-
Poort 35). Das alles aber war nicht von langem Bestand.
Noch etwas später wurde eine Glasbläserei, in der Flaschen,
Bier- und Weingläser gemacht wurden, an der Keizersgracht
angelegt und um 1660 nach der Roosengracht verlegt. Von
diesem »Glashaus« heißt es bei F. von Zesen 3%): »Alda siehet
man die allerfeinesten und klähresten Kristalgläser, welche
den Venedischen mit nichten weichen. Alda siehet man
gläserne flöhten, röhre, pokähle, krüge, schüsselen, schahlen,
und was man sonsten erdenken kan, teils gantz weis, eben
als Porzelein, teils von andern Farben, bald blau, bald roth,
bald mit vielfärbigen strichen durchzogen ... und ... unter
anderen ... allerhand kleine bildlein nach der gestalt der
menschen, der tiere, der bluhmen, der kreuter, und beume,
ja anderer Dinge aus manchfärbigem glase gebildet.«
Also auch hier wieder die Verquickung der venezianischen
Nachahmungen mit der einheimischen Fabrikation. (1653
arbeitet ein Castellano aus Altare, und 1669 ein Ferro aus
Murano, der vorher in Lüttich tätig war, in Amsterdam.)
Beachtenswert ist ferner die Herstellung von farbigem und
Milchelas; farbige Gläser, besonders bauchige Flaschen, werden
später noch erwähnt werden; das Hamburgische Museum
für Kunst und Gewerbe besitzt eine Flasche mit Zinn-
schraubenverschluß und blauweißem Federmuster, ganz in
der Form der breitbauchigen, langhalsigen Flaschen der
Heemskerkgruppe (s. unten), die man wohl mit derartigen,
»mit vielfärbigen Strichen durchzogenen« Erzeugnissen der
Amsterdamer Hütte identifizieren darf.
In Bois-le-Duc bestand seit 1656 eine Glasmanu-
faktur der Lütticher Familie Bonhomme, die »a la fagon des
Altaristes et Muranistes« arbeitete. Auch Haarlem besaß
1667 eine Hütte; im Haag erhält 1668 ein Glasmacher aus
Hamburg ein Privileg auf 15 Jahre zur Herstellung von
weißem und farbigem Glas. Auch im 18. Jahrh. bestand
dort eine Glashütte, ebenso wie in Amsterdam in dieser Spät-
zeit mehrere Glashäuser etabliert waren, in denen wahrschein-
lich aber schon das neue englische Bleiglas gearbeitet wurde.
118 Das Glas in Venezianer Art.
Osterreich und die Alpenländer.
Die früheste mit Venedig in Verbindung stehende Grün -
dung einer Glashütte, von der uns Nachricht erhalten ist,
ist die des Muranesen Onossorius (Onofrius) de Blondio in
Wien im Jahre 1428. Weiter wissen wir, daß 1486 Nicolas
der Welche (Welsche) Leiter einer in der Nähe des Prater
belegenen venezianischen Fabrik war, die noch 1563 bestand.
Dann ließ Leopold I. im Jahre 1679 den Glasmacher Berardo
Marinelli aus Venedig nach Wien kommen, der jedenfalls mit
dem Bernardo Marinetti identisch ist, der im selben Jahre in
Gesellschaft eines Ludovico Savonetti {vgl. die Brüder
gleichen Namens in Brüssel, S. 113) von dort weiter nach
Dessau wanderte. Unter Ferdinand I. soll auch in Weid-
lingen bei Wien eine venezianische Glashütte bestanden
haben. Die Namen von nicht weniger als I4 Muranesen sind
bekannt, die zwischen 1526 und 1547 in Laibach arbeiteten;
ferner von solchen, die in Trient und Villach (bereits 14681),
in Ala (1552) und in Graz (1650) beschäftigt waren. Im
18. Jahrh. ist weiter von Glasfabriken in Wien, Graz und
Innsbruck die Rede.
Während alle diese Hütten für uns nur noch auf dem
Papier existieren, sind wir in der glücklichen Lage, die Pro-
duktion einer andern Fabrik mit erhaltenen Stücken be-
legen zu. können. "Das, ist Fra] Einsuliiriolszubeeee
schichte dieser Glashütte ist von D. von Schönherr 37) nach
den Urkunden der Statthaltereıi Innsbruck ausführlich ge-
schrieben worden. Ein kurzer Überblick mag hier genügen.
Die Gründung der Hütte gehtzurück auf den Augsburger
Wolfgang Vitl, dem am I. Juni 1534 von König Ferdinand
ein 2ojähriges Privileg erteilt wurde. Zur Herstellung des
Glases ließ Vıtl Glasmacher aus Italien kommen; neben der
Produktion von Hohl- und Scheibenglas beschäftigte er sich
auch mit Glasmalerei. Das Werk aber wollte nicht florieren;
die Asche, d.h. die Soda, mußte mit großen Kosten heran-
geschafft werden, Unzuträglichkeiten mit der Laibacher Kon-
kurrenz stellten sich ein, Vitl geriet inSchulden, und 1538 stockte
der Betrieb. Nach Vitls Tode übernahm Sebastian Hoch -
stetter, Faktor des Augsburger Handelshauses Hörwardt in
Schwaz, die Hütte und führte sie, mit Unterstützung der
Regierung, weiter. Die kaufmännische Leitung brachte das
Unternehmen in Gang, der Absatz steigerte sich und die
Qualität der Ware wurde vervollkommnet. 1554 heißt es
von der Haller Hütte, daß »darin dem Venedigischen gleich -
messige schöne und gute scheiben und gläser gemacht wer-
den« 3%). Diesem Lob stehen allerdings auch gegenteilige
Zeugnisse aus den Jahren 1561 und 1569 gegenüber, in denen
Hall in Tirol. IIQ
gesagt wird, das Haller Glas könne mit dem venetianischen
hinsichtlich der Schönheit nicht konkurrieren, und es sei auch
nicht so billig 39). Hochstetter starb 1573, und seine Söhne
übernahmen die Fabrik. Gegen Ende des Jahrhunderts ging
es mit der Leistungsfähigkeit der Hütte wieder bergab. 1602
stand sie zeitweilig ganz still und fristete nach mehreren
Sanierungsversuchen ein trauriges Dasein. 1635 wurde sie
den Franziskanern geschenkt, muß aber immerhin noch einige
Zeit weitergeführt worden sein, da noch 1639 in München
vom Verkauf der »venedischen und hallischen Gläser« im
Gegensatze zu den »unzuverlässigen« ordinären Glassorten
die Rede ist (Vopelius S. 83). Der kommerzielle und künst-
lerische Hochstand der Hütte fällt in die Zeit Sebastian Hoch -
stetters und wohl noch einige Jahrzehnte nach seinem Tode.
Mit ziemlicher Sicherheit ist eine durch die Eigenart des
Dekors fest umrissene Gruppe von Glasgefäßen der Haller
Glashütte zuzuschreiben. Die Hauptmenge wird im Wiener
Hofmuseum bewahrt, wohin sie aus Schloß Ambras gekommen
ist. - Diese Provenienz — die Stücke sind zum Teil sicherlich
identisch mit den kleinen und großen Kelchgläsern, »jedes
mit seinem luckh (Deckel) und mit vergoltem zugwerch ziert«,
die 1596 in der Paradeisstuben zu Ambras standen — sowie
das mehrmals vorkommende Wappen des Erzherzogs Ferdi-
nand, des Protektors der Hütte, machen die Entstehung
der Gläser in Hall mehr als wahrscheinlich, zumal auch die
Formen, bei aller Anlehnung an venezianische Vorbilder,
teilweise durchaus unvenezianisch sind. Es sind in der Haupt-
sache Pokale von ansehnlicher Größe 4%).: walzenförmige
Humpen, zum Teil nach oben verbreitert, breite, niedrige
Becher auf dünnem Fuße sowie vasen- und eiförmige Gefäße
(Abb. 71). Die Formen sind durchweg kräftig und schwer,
die Knäufe entweder glatt rund oder nach venezianischer Art
in die Form geblasen, mit barocken Löwenmasken und Frucht -
gehängen. Die Färbung des Glases variiert stark; neben klar
farblosen Pokalen stehen Exemplare aus grünlicher Masse;
auch intensiv tiefgrünes Glas kommt vor. Charakteristisch
ist vor allem der Dekor, der aus abwechselnd kalt bemalten
und diamantgeritzten Feldern sich zusammensetzt. (Das
»vergolte zugwerch« des Ambraser Inventars.) Als Farben
werden — abgesehen von Wappenmalereien, die mit bunten
Olfarben aufgetragen sind — ausschließlich Gold sowie ein
roter und grüner Lack verwendet. Am häufigsten sind Gir-
landen und hängende Fruchtbüschel aus Apfeln und Birnen,
die meist zu je drei vereinigt auf spitzen, grüngoldenen
Blättern aufliegen; ferner Köpfe von Kriegern in Gold auf
rotem Grunde, vielfach in Volutenumrahmung. Ranken-
bordüren und kleine Buketts vervollständigen den farbigen
120 Das Glas in Venezianer Art.
Abb. 71. Pokal mit kalter Bemalung und
Diamantgravierung. Hall i. Tirol, 2. Hälite
16. Jahrh. (Wien, Hoimuseum.) — Nach
Schlosser.
Schmuck. Die Diamant-
ritzung beschränkt sich
meist auf Bogenstellungen,
Ranken- und Spitzenbor-
düren sowie auf Felderfül-
lungen durch symmetrisch
angeordnetes Rankenwerk.
DoppeladlerkommeninGold
gemalt und gerissen vor.
Datiert wird die Gruppe
durch das mehrmals auf-
tretende Wappen des FErz-
herzogs Ferdinand (f 1595),
zwei Stücke noch genauer
auf die Zeit zwischen 1582
und 1595 durch die damit
vereinigten Wappen seiner
beiden Gemahlinnen. We-
gen ihrer Übereinstimmung
mit den Wiener Pokalen
läßt sich noch eine ganze
Reihe von. Gläsern der
tiroler Hütte zuweisen.
So im Prager Museum zwei
bauchige Deckelpokale und
zwei walzenförmige Gläser
auf Fuß (der eine tiefgrün)
mit diamantgerissenen Dop-
peladlern. Im Bayrischen
Nationalmuseum eine Vase
mit Nuppen und Masken
und einige Stangengläser,
deren eines, mit bunten
Kostümfiguren, ungeheuer-
liche Dimensionen besitzt.
Eine tiefblaue Henkelvase
im S. Kensington Museum
zeigt den typischen Dekor
ebenso wie mehrere farblose Stücke in der Wallace Collection
und auf der Feste Koburg; blaue Vasen mit drei steilen
Blumentüllen stehen im S. Kensington und im Brit. Museum.
Die ältere Form der Kanne mit Kleeblattmündune zeigt ein
Exemplar der Sammlung P. Morgan (S. Kensington Museum).
Das Kunstgewerbe -Museum in Berlin besitzt außer einem
hohen, orob g gemalten Stangenglas zwei Blumenvasen mit dre
Tüllen, deren eine genau den eleichen Ritzdekor wie me
der Wiener Stücke aufweist (auch Reste der gemalten Frucht-
Hall in Tirol, 121
girlande); ferner ein in Form und Knauf mit dem größten
der Wiener Exemplare identisches Glas (mit verwaschenem
Golddekor) sowie eine bauchige Vase derselben Art (Schr. 540).
Wenn wirklich die beiden schön geformten und reich
bemalten Kannen und die 1536 datierte flache Schale mit
bayrischem Wappen im National-Museum zu München der
Haller Hütte entstammen, so hat diese bereits in den ersten
Jahren ihres Bestehens Arbeiten hervorgebracht, die sich in
der Qualität mit den besten Venezianer Erzeugnissen messen
können. Es bleibt aber die Frage, ob diese Stücke nicht doch
den Werkstätten von Murano selbst zuzuweisen sind. Mit
größter Wahrscheinlichkeit ist dagegen die prächtige Kanne
des Reichenberger Museums (mit bunter Malerei nach Enea
Vico; Abb. bei Pazaurek, Taf. 2) für Hall in Anspruch zu
nehmen, die ebenso wie ihr unbemaltes Pendant in der Slade
Coilection sich im Dekor den Wiener Stücken anschließt und
daher auch bereits der zweiten Hälfte des I6. Jahrh. zuzu-
weisen ist. Haller Arbeiten sind sicherlich auch eine Schale
und ein Deckelpokal von venezianischer Form (Museum Prag,
Sammlung Lanna), die neben anderer kalter, sehr verwaschener
Malerei die Wappen der tiroler Familien Füeger von Hirsch-
berg und Klebelsberg tragen; die Füeger sind eine alte Familie
aus Hall, die durch Gewerkschaft reich und mächtig geworden
war (Siebmacher IV, 5, Taf. 21). Erwähnt sei endlich noch
der etwa 80 cm hohe, unten kräftig ausgebauchte Glasbehälter
aus ziemlich unreinem, blasigem Glase im Fugger-Museum
zu Augsburg, der als Windschutz für eine Laterne gedient hat.
Er besitzt Friese und Kränze in den üblichen Farben Gold,
Rot undGrün. Die Vermutung seiner Haller Provenienz wird
dadurch gestützt, daß die Besitzer der Hütte Augsburger
waren und daß im Jahre 1602 ausdrücklich betont wird, die
Hochstetter hätten immer ihren Hauptabsatz in Augsburg
und Nürnberg gehabt.
Was sonst noch — an kleineren sowie undekorierten
Trinkgläsern — aus Hall stammt, läßt sich kaum feststellen.
Viele der Gläser im Schr. 538 z. B. haben Knäufe, die mit
denen der sicheren Haller Stücke identisch sind. Möglich,
daß auch sie dort entstanden sind, zumal die Kelche häufig
gröbere Formen und größere Dimensionen besitzen als man
für Venedig erwartet. Dieselben Knaufbildungen kommen
aber auch auf sicher venezianischen Arbeiten vor. Ob Hall
an der opaken FEmailmalerei Anteil gehabt hat, muß ebenfalls
dahingestellt bleiben. Ein im Besitz der Stubengesellschaft
in Hall befindlicher und traditionell der dortigen Hütte zu-
geschriebener Adlerhumpen von 1589 ist, da er keine besonde-
ren Merkmale trägt, kein vollgültiger Beweis dafür. Man
darf vielmehr annehmen, daß in einer Hütte, die bei so vielen
122 Das Glas in Venezianer Art.
und guten Arbeiten die wenig beständige kalte Malerei ver-
wendet hat, die Emailmalerei nicht gepflegt wurde. Die
Fensterglasmalerei aber, die zeitweilig wenigstens in Hall
geübt wurde, hat mit den opaken Emailfarben nichts zu fun.
Für Locarno (Kanton Tessin) wurde auf Antrag des
Landammanns Johannes Waser 1569 dem Joh. Peter de Badis
und seinen »Mitthafiten« ein I5 jähriges Privileg zur Her-
stellung von Venezianer Glas erteilt. Über die Hütte, in der
Scheiben, Trink- und andere Geschirre, gefärbte und unge-
färbte Gläser gemacht werden sollten, ist jedoch weiter nichts
bekannt 4").
Deutschland und Skandinavien.
Lange Zeit hindurch hat man, auf Grund zweifelhafter
literarischer Überlieferungen, Nürnberg für die Stadt
gehalten, die am frühesten venezianische Glaskunst nach
Deutschland verpflanzt habe.
Am ı. März 1531 lieh der Rat der Stadt Nürnberg den
beiden Hafnern Hanns Nickel und Oswald Reinhard 50 fi.
»zu Treibung und Machung ıhrer Kunst der Venedischen
Arbeit mit dem Schmelzen und Glaswerk«. Beide waren in
Venedig gewesen; als Hafnern lag ihnen naturgemäß die Her-
stellung von majolıkaartiger Töpferware am nächsten, und
darauf wird auch der Ausdruck »Schmelzen und Glaswerk«
d.h. Glasur, zu beziehen sein, zumal der Chronist Neudörffer
nur von »welschen Ofen, Krügen und Bildern auf antiquiteti-
sche Art« als den Erzeugnissen des Unternehmens spricht.
Oswald Reinhard löste die Verbindung noch im selben Jahre,
und an seiner Stelle trat der vielseitige Augustin Hirschvogel
in das Geschäft ein, nachdem Reinhard sich bereit erklärt
hatte, ihm und dem H. Nickel seine Kenntnisse » dieser Arbeit«
zu übermitteln. Was unter dieser Arbeit gemeint war, ist
nicht ganz klar. Wenn die neuesten Zuweisungen sich als
berechtigt herausstellen, so hat Reinhard als Töpfer recht
Gutes geleistet; ob seine Glaserfahrungen groß waren, ob er
überhaupt solche besessen hat, bleibt die Frage. Sicherlich
auf Nickel bezieht sich die Notiz Neudörffers: »der zog gen
Venedig, ward hie ehelich und ein Burger, mußte darinnen
das Handwerk und das Schmelzen von neuem lernen, kam
wieder hierher, brachte viel Kunst in Hafners Werken mit
sich«. Das aber beweist auch wieder nur seine Tätigkeit als
Hafner. Aus einem Vertrage von 1532 geht hervor, daß
Hirschvogel die künstlerische, Nickel die technische Arbeit
des Kompagniegeschäftes übernommen hatte. Nun hat
Hirschvogel allerdings wirklich einmal Schmelzmalereien auf
Nürnberg. Landshut. 123
Hohlglas ausgeführt; das geschah aber sehr viel später (1548),
und zwar in Wien, nicht in Nürnberg. Auf jeden Fall ist die
ganze Angelegenheit bei der unklaren Ausdrucksweise der
literarischen Quellen bisher nicht spruchreif, und man muß,
solange nicht sicherere urkundliche Beweise beigebracht
werden, diese Reinhard -Nickel-Hirschvogel-Episode aus der
Geschichte des deutschen Glases ausschalten.
Zehn Jahre später wird Nürnberg neuerdings, und dies-
mal unzweifelhaft im Zusammenhange mit Glasarbeitern,
genannt. 154I hatte Jean Michael Cornachini in Antwerpen
die Gründung einer Glashütte versucht (vgl. S. 112), nachdem
er vorher in Deutschland gearbeitet hatte. 1542 reiste er
fort, um in Venedig und Deutschland Glasmacher anzuwerben.
In Nürnberg mußte er Halt machen und dort »mit großen
Kosten« bleiben mit seinem neuen Personal, das er schließlich
zum Teil entließ, zum Teil doch noch nach Antwerpen schickte,
wohin er dann selbst nachfolgte #). Die Hypothese ist nicht
ganz von der Hand zu weisen, daß von den in Nürnberg ent-
lassenen Arbeitern einige dort geblieben sind, zumal (nach
Zanetti) in venezianischen Akten Nürnberg unter den Städten
genannt wird, in denen muranesische Überläufer sich befanden.
Daß später, im 17. und 18. Jahrh., Glasbläsereien, wenn
auch nicht in Nürnberg selbst, so doch in der Nähe bestanden
haben müssen, ist unzweifelhaft, denn die Hohlgläser mit
typisch nürnbergischem Schnittdekor unterscheiden sich so
stark von allen übrigen deutschen Fabrikaten, daß man keinen
weit entfernten Ursprungsort für sie annehmen kann (e. u.).
In Bayern sind während des 16. Jahrh. zweimal Versuche
zur Anlage venezianischer Hütten gemacht worden.
Dem Herzog Albrecht V. (1550 bis 1579) proponierte
Bernhard Schwarz aus Antwerpen (sicherlich identisch mit
einem Bernhard Swerts, dessen 1538 dort angelegte Hütte
keinen Bestand hatte) einen Vertrag über die Errichtung einer
Glashütte in Landshut. Er erbot sich, »Kristallglas auf
allerlei Sorg, dazu aus dem reinsten und besten Zeug samt
anderen vielen künstlichen Sachen zu machen, so zu Murano
bei Venedig gemacht werden, es sei von was Farben es wolle«.
Hauptsächlich scheint es ihm auf Herstellung von Conterien
angekommen zu sein, die bisher als »Zogen Werk«, d.h. als
Rohmaterial in Form von Glasstäben von Venedig nach Ant-
werpen verfrachtet und von dort nach Schwäbisch -Gmünd
weitergeschickt wurden. Hier wurden sie in Schleifmühlen
raffiniert, d.h. zu Perlen usw. verarbeitet und dann über
Antwerpen nach Indien exportiert. (Dieser Bericht stimmt
überein mit der Nachricht, daß bereits 1510 in Venedig Klage
darüber geführt wurde, daß die Deutschen seit etwa 20 Jahren
sich Stäbe von farblosem und gefärbtem Glase schicken ließen,
124 Das Glas in Venezianer Art.
diese zu Perlen verarbeiteten und sie dann wieder nach Ve-
nedig brachten, um sie nach der Levante zu verfrachten
(GeeehetagS er):
Der Herzog, der dem Niederländer wohl nicht recht
traute, schlug ihm vor, er solle einen andern in der gesamten
Glaskunst genau unterweisen und die Hütte gegen einen Lohn
von 1000 fl. einrichten. Nach anfänglichem Zögern ging
Schwarz darauf ein; ein Kontrakt über diesen »Kristallen -
Handel« wurde vom Herzog unterschrieben. Die Hütte soll
in Landshut dann wirklich errichtet und bis 1580 betrieben
worden sein.
In München arbeitete im Jahre 1584 ein Venezianer
Giovanni Scarpoggiato. Mit diesem schloß am 5. November
desselben Jahres Herzog Wilhelm V. einen Vertrag, nach dem
Scarpoggiato von Venedig noch etliche Meister, »Jes Schmelz -
werks- Glasscheiben- und Spiegelmachens kundig«, herbei-
holen und an einem vom Herzog zu bestimmenden Platze die
Hütte errichten sollte. 3 Prozent vom Umsatze hatte er ab-
zugeben. Der Betrieb wurde wirklich aufgenommen und muß
recht umfangreich gewesen sein, wie aus Rechnungen und
Inventaren vom Jahre 1586 hervorgeht. Es werden da an-
geführt u.a.: Moriseti (Tischgläser?), Caliseti (Kelchgläser),
Opfer-Khänndl (Abendmahlkännchen), Glasglocken, Pokale,
Willkommen, Angster, hohe Tischgläser (Canoniceni), grüne
Krügl, Schreibzeuge, Weihkessel sowie Schalen und Trink-
gläser mit »weißen Streimen«, d.h. Fadenglas. Also auch
hier, wie in den Niederlanden, die gleichzeitige Fabrikation
der einheimischen und der feinen venezianischen Sorten.
Allein auch hier kam man nicht auf die Kosten, und 1606
riet die Hofkammer dem Herzog Maximilian dringend von
jeder Neuerrichtung einer Hütte ab, nachdem bereits zwei
1596 von Maximilian auf 50 Jahre privilegierte Italiener,
Peranda und Lissana, nach kurzen Versuchen in der Her-
stellung von »christallinen gleser« den Wanderstab wieder er-
griffen hatten.
Von den Erzeugnissen dieser bayrischen Glashütten ist
nichts mit Sicherheit nachzuweisen.
Etwa gleichzeitig mit der Münchner Gründung wurde
an einem westdeutschen Hofe, in Kassel, eine Glashütte
»auf Venedische Art« ins Leben gerufen #3). Anfang 1583
berief Landgraf Wilhelm IV. von Hessen-Kassel den vene-
zianischen Glasmacher Franciscus Warisco, der vorher in
Dänemark gearbeitet hatte und jedenfalls identisch ist mit
einem Franciscus Glazbrender, von dem Nyrop 44) erzählt,
daß er 1579 neben Tonnis Wind und dem deutschen Glas-
puster Niels in der bereits 1576 erwähnten Hütte Sten Bille’s
München. Kassel, 125
in Herrisvad in
der Provinz Scho-
nenttätiggewesen
sei 45). Warisco,
der noch einen
Gesellen Pompe-
jus mitbringt,
richtet die Hütte
im Weißen Hot
asaRKasseln zen:
Weitere Glas-
macher werden
in den Niederlan-
den angeworben,
u. a. ein Meister
Tiberius Frizer
(Frizelius), derin
Middelburg ar-
beitete, und des-
sen Bruder Gre-
gorio, der bereits
inAntwerpenund
in England tätig gewesen war. Auch die notwendigen
Materialien werden aus den Niederlanden geholt, wie Soda
(»spanische Asche«), Blattgold, Zinn, kupferne Formen
»kraus Glas zu machen«, »Stampfen, aufs Glas die Wapffen
zu drucken«, Pfeifen, zerbrochenes »Cristallynenglas«, ein
Adamant, Sand u.a.
Am 15. Juni 1583 wurden dem Landgrafen die ersten
Proben vorgeblasen, und am 22. Juni beginnt die eigentliche
Arbeit. Das erste verfertigte Glas, ein Deckelglas, »uff Vene-
dische Ahrtt weiss gestreifft«, wird in die Silberkammer gestellt
zu den Kleinodien, die »stetigs beim Hause Hessenn, und bey
dem Fursten, der Cassell Innen hat, pleiben« sollen. Möglich,
daß eins der im Kasseler Museum noch vorhandenen Faden -
gläser (Abb. 72), die sicher nicht venezianisch sind, mit jenem
ersten Stück identisch ist.
In den ersten fünf Wochen wurden 13 390 Gläser und
3249 Scheiben hergestellt, 804 Gläser und 2000 Scheiben ver-
kauft. Vom 4. August bis I4. Dezember sind 8158 Gläser
gemacht und 1582 Stück verkauft. Also ein Rückgang, der
in materiellen und persönlichen Schwierigkeiten seinen Grund
hatte. Es wird mit großer Unterbilanz gearbeitet, der Land-
graf sucht sich deshalb der Hütte zu entledigen und ver-
pachtet sie im Mai 1584. Aber bereits im August werden dem
Warisco, der nach Venedig zurück will, und dem Tiberius
Frizer die Reisepässe ausgestellt; die Hütte hat aufgehört
Abb. 72. Fadengläser in Venezianer Art. Erzeugnisse
der Kasseler Hütte von 1583. (Kassel, Museum.)
126 Das Glas in Venezianer Art.
zu arbeiten, nachdem der Pächter
noch eine Sanierung durch Herstel-
lung grünen Glases versucht hatte.
Tiberius Frizer soll im September
1584, vom Pfalzgrafen Reichart be-
rufen, in Simmern eine Hütte an-
gelegt haben. |
So kurz der Betrieb in Kassel
auch gewesen ist, es wurde, wie aus
obigen Zahlen hervorgeht, eifrig
gearbeitet. Aus einer im Februar
1584 gemachten Zusammenstellung
der Erzeugnisse läßt sich die Mannig-
faltıgkeit der Formen und Ver-
zierungen ersehen. Es werden da
u. a. genannt: Schüsseln, Teller,
Konfektschalen, Leuchter, Salz-
fässer; weiße Becher »von Doppel-
trot«, »mit rauttechten streiffen«,
»mit blauen und weißen streifien«,
was sicherlich alles Faden- bzw.
Netzglas bedeutet. Ferner »Giss-
kendlein, inwendig mit Eisszacken«,
»verdeckte Kopff mit Quaderstein«
(Deckelpokale mit Quadermuste-
rung), »Glas inwendig mit einem
appel«, »Kopfflein vergultt Im
Wasser zersprengt« (Eisglas), »Ge-
schnittene Glass« (nicht mit dem
Rad geschnitten, sondern mit
dem Diamant gerissen), sowie
»Imperialgläser«e mit und ohne
Deckel.
Im Kasseler Museum und auf der Löwenburg steht eine
große Menge von Flügelgläsern, die man unzweifelhaft mit
der Kasseler Hütte in Verbindung bringen darf. Im Museum
ist besonders gut die Gattung mit den doppeladlerförmig
gestalteten Flügelansätzen vertreten (Abb. 73), ganz in der-
selben Art wie die »verres a serpent« in den Niederlanden
(s. S. I14), mit verschiedenen Varianten in den Farben und
in der Riefelung der Kämme; der Doppeladlerform wegen
könnte man in ihnen vielleicht die »Imperialgläser« wieder-
erkennen. — Absolut klar ausgebildete Doppeladlerform des
Schaftes besitzt nur ein Kelchglas und das Bruchstück eines
ähnlichen Glases im Bayrischen National-Museum (München).
Irgendwelche besondere Merkmale zur Unterscheidung
der Erzeugnisse der niederländischen Fabriken von denen
Abb. 73. Flügelglas der Kasseler
Hütte von 1583. (Kassel,
Museum.)
Kassel. Köln, 127
der Kasseler oder der andern deutschen Hütten festzustellen
ist bisher aber nicht gelungen und wird wohl auch kaum
möglich sein.
Fast 100 Jahre später, 1680, wird von einem Italiener
Guagnini berichtet, der in der Müllergasse in Kassel wohnte
und venezianisches Kristallglas fertigte 4°).
Im Mai 1607 wurde vom Rate der Stadt Köln über
das Anerbieten zweier Venezianer verhandelt, die eine Fabrik
venezianischer Gläser anlegen wollten 47). Sie erhielten die
Konzession; die Hütte wurde in der Severinsstraße errichtet
und muß bald in Betrieb gekommen sein, da schon im Sep-
tember und Oktober desselben Jahres die Nachbarn wegen
der Feuergefährlichkeit der Anlage Beschwerde führten.
Allein das Unternehmen war von kurzer Dauer: bereits am
22. Oktober 1608 waren die »Venezianer« — wir erfahren nur
den Namen des einen, Joanne Baptista Calvart (ein Nieder-
länder?) — mit Hinterlassung beträchtlicher Schulden ent-
wichen. Schon 5 Tage später erboten sich Antonio Sarroda
und Silvio Tensino, die jedenfalls bisher unter Calvart ge-
arbeitet hatten, die Hütte mitsamt den Schulden ihrer Vor-
gänger zu übernehmen. Trotz mancher Bedenken wurde
ihnen — als Unternehmer stand ein Kölner Bürger hinter
ihnen — die Konzession erteilt, und schon im Januar 1609
hört man wieder von Beschwerden der Anlieger, ja von einem
nächtlichen bewaffneten Überfall der Nachbarn auf die Werk-
statt. Das Spiel wiederholte sich: seit dem August 1609
scheint der Betrieb ins Wanken gekommen zu sein, Ende 1609
ganz aufgehört zu haben.
Jedenfalls stellt Gridoiphi in Antwerpen (s. S. II2) im
Februar 1611 fest, daß die Kölner italienische Glashütte in
Rauch aufgegangen sei. Daß immerhin die Hütte, in der seit
1608 auch Scheibenglas hergestellt wurde, nicht ohne Bedeu-
tung war, geht aus den Klagen eben dieses Gridolphi über die
Konkurrenz sowie aus der Nachricht hervor, daß im Jahre
1609 für 12000 Taler Vorräte lagerten.
Die Fabrikate der Hütte werden sich kaum von denen
der andern Werkstätten »auf Venedische Art« in den Nieder-
landen und Deutschland unterschieden haben; die ersten
Besitzer kamen wohl, wie ihre bei den Verhandlungen zutage -
tretende Bekanntschaft mit den Konzessionen der Ant-
werpener und Amsterdamer Hütten beweist, aus den Nieder-
landen, und der Familie Saroldi, der natürlich auch der Sar-
roda der Kölner Hütte entstammt, begegnet man in den
Akten fast aller französischen und niederländischen Fabriken
der Zeit. Abgesehen von einigen bunten Fadenglasstäben,
wie sie zur Herstellung der üblichen Flügelgläser gebraucht
wurden und die 1894 in der Bischofsgartenstraße gefunden
128 Das Glas in Venezianer Art.
wurden, befinden sich im Kölner Kunstgewerbe -Museum
mehrere solche Flügelgläser der typischen Form mit den
Adleransätzen, die wohl mit Berechtigung als einheimische
Erzeugnisse angesehen werden.
Die Stücke haben alle blaue, rautenförmig gekniffene
Ansatzzacken. Bei einem Exemplar wird die Vermutung der
einheimischen Provenienz noch gestützt durch mehrere mit
dem Diamant eingerissene Kölner Wappen.
Ob späterhin in Köln noch Glas gemacht worden ist,
wissen wir nicht. Bekannt ist nur, daß 1618 der Rat das
Verbot erläßt, ohne Erlaubnis in Köln Gläser zu blasen 48),
und daß 1687 im Erzstift Köln (nicht in der Stadt) mit dem
Glashüttenmeister Petrus Perogini Verhandlungen über die
Anlage einer Glashütte geführt wurden 49).
Nach längerer Pause hören wir erst im Jahre 1655 wieder
von der Gründung einer Fabrik »auf Venedische Art«, und
zwar in Kiel. Zwei Arbeiter der Lütticher Glashütte der
Bonhommes, Pierre Martiniere aus der Dauphine und der
Venezianer Francesco Santino, verpflichteten sich kontraktlich
dem Herzog Johann von Holstein für die in Kiel anzulegende
»verrerie de christal«. Gefordert wurde die Herstellung von
Venezianer Glas, »selon la fagon que l’on demande pour Lisle
(Lille), et comme le font les seigneurs altaristes« 50).
Santino hatte schon 5 Jahre in Lüttich gearbeitet und
ist vielleicht identisch mit einem Santino, der 1650 in Graz
erwähnt wird. Ob die Fabrikation in Kiel wirklich in Gang
gekommen ist, ist nicht bekannt.
1571—72 hat ein Venezianer Anthonius de Castille bei
Helsingör oder in der damals dänischen Provinz Schonen
(Süd-Schweden) eine Glashütte auf Venezianer Art ange-
legt, die aber kaum langen Bestand gehabt hat (Nyrop
Sl 357)-
In Kopenhagen ist 1649 von einem italienischen
Glasmacher Caspar Brunaro die Rede (ebenda S. 68).
1640 gründete der Kaufmann Melchior Jungin Stock -
holm eine Glashütte 5t). Er stellte Kristall — und gemeines
Glas in allerhand schönen und neuen Inventionen her, nach
holländischer und französischer Form und Fasson. Seine
Glasbläser holte er sich aus Italien.
Die Fabrikation scheint sehr umfangreich gewesen zu
sein, denn 1675 wurde »Porcellynglass«, Kredenzglas in vene-
zianischer Fasson, weißes Kristallglas, auch Spiegel- und
französisches Fensterglas gemacht. Aus dieser Hütte stammt
jedenfalls ein in venezianischer Art geblasenes Kelchglas,
dessen Schaft vom gekrönten Monogramm Karls XI. (1660
bis 1697) gebildet wird. (Nord. Museum, Stockholm; abgeb.
Fataburen a. a. O. S. 146). 1676 erhielt Jung einen Kon-
Kiel. Stockholm. Dessau. Berlin. 129
kurrenten in dem Italiener Giacomo Bernhardini Scapitta
(gen. Guagnini), der bis 1678 in Stockholm arbeitete, und
dessen Hütte unter andern Besitzern bis weit ins IS. Jahrh.
bestanden hat. Er selbst ist 1680 in Kassel tätig. (Vgl.
S. 127.) Auch Jungs Sohn, der bis zu seinem Tode (1695)
in Stockholm Glas fabrizierte, hatte in Italien und Frank-
reich Glasstudien gemacht.
Am 12. April 1679 schloß Fürst Johann Georg II. von
Anhalt-Dessau einen (noch im Stadtarchiv zu Zerbst erhalte-
nen) Kontrakt mit dem aus Wien berufenen Venezianer Ber-
nardo Marinetti, wonach dieser sich zum Bau einer Glashütte
verpflichtete und außer seinem Sohn und Knecht noch einen
andern Meister, Ludovico Savonetti (ebenfalls aus Wien) mit
Sohn und Knecht verschreiben sollte. Diese »Italiänische
Glashütte« wurdein Dessau auf dem Anger beim Schieß -
haus errichtet und hat bis 1656 »mit gutem succes« bestanden.
Hergestellt wurde ein »sehr weisses reines Christallglass, grosse
prächtige Cronen, Plackers (Wandleuchter), und gueridons
von hohem preiss, item fillagrame (Fadenglas), mit mancherley
farbigen Bluhmen und von ungemeiner grösse und höhe«;
auch Spiegel von beträchtlicher Größe. Daraus, daß in einem
Voranschlag auch von geschnittenem und geschliffenem Glase
die Rede ist, kann man schließen, daß in der Hütte auch ein-
heimische, deutsche Arbeiter verwendet werden sollten. In
Dessau lag das besonders nahe, da in dem benachbarten
Oranienbaum neben einer durch den hessischen Glasmeister
Gg. Gundelach 1669 gegründeten gewöhnlichen Hütte seit
1677 auch noch eine böhmische Kristallglashütte bestand,
aus der 1678 der Glasschneider Christof Tille und der Glas-
maler Gottfried Rüel nach Potsdam abwanderten (s. u.).
Das venezianische Hohlglas war aber in dieser Zeit schon
sehr außer Mode gekommen; das klare böhmische Kreideelas
hatte sich den Weltmarkt erobert. So ist denn auch in dem
Kontrakte, den Friedrich III. von Brandenburg 1696 mit
dem Venezianer Giovannı Pallada schließt, keine Rede mehr
von Glas nach Venezianer Art. Pallada kam aus Haarlem,
wo man um diese Zeit auch sicher schon zu der modernen
Fabrikation übergegangen war. Dieim Salzhausezu Berlin
eingerichtete Hütte sollte keinen langen Bestand haben;
schon nach zwei Jahren schickte der Kurfürst Steckbriefe
hinter dem ungetreuen Glasmeister her, der nach verschiede -
nen Betrügereien »mit einer considerablen Summe Gold heim -
lich davon gegangen« war.
Diese Aufzählung von Hütten nach Venezianer Art ist
wohl kaum erschöpfend. Sicher haben noch viele andere,
Schmidt, Glas. 9
130 Das Glas in Venezianer Art.
meist in der üblichen deutschen Art arbeitende Hütten sich an
der Herstellung der feinen Luxusgläser beteiligt. So werden,
um ein Beispiel anzuführen, 1650 in der Glashütte Heilbrun
bei Gratzen (Südböhmen) Schlangen-, Pügl- und Adlergläser
verzeichnet, von denen die besseren Exemplare bis zu I fl.
Io kr. kosten (vgl. Mares, S. 183); ein ansehnlicher Preis,
der im übrigen die Grundtaxe für ein Schock gewöhnlicher
Gläser darstellt. Es unterliegt kaum einem Zweifel, daß es
sich hier um Gläser in Venezianer Art handelt.
Über die venezianische Fabrikation in Frankreich
wird später, im Zusammenhang mit dem übrigen französ’'schen
Glas, gesprochen werden.
VII. Das deutsche Glas.
Die deutschen Glashütten vom Ende des Mittel-
alters an.
IR Deutschland hatte sich während des späteren Mittelalters
vom Rhein aus, wo die antik-römischen Traditionen
nie erstorben waren, die Glasfabrikation auch über andere
Landesteile verbreitet. Der primitive Betrieb der Hütten
war seiner Natur nach an waldreiche Gegenden gebunden,
und so sind es vornehmlich die Waldgebirge, die nach und
nach zu Zentren der Glasfabrikation werden und, seit dem
16. Jahrh. etwa, das Rheinland ganz in den Schatten stellen.
Zwei große Gebiete sind es hauptsächlich, in denen eine
intensive Glasbläserei sich entwickelte: Hessen mit den an-
erenzenden Waldgegenden sowie Böhmen und die ihm be-
nachbarten Gebiete von Bayern, Thüringen, Sachsen und
Schlesien. Rund von 1400 an ist das Vorkommen von Glas-
hütten in diesen beiden Bezirken aktenmäßig zu belegen;
trotzdem muß man, wenigstens für das westliche Gebiet,
ein weit beträchtlicheres Alter der Glasindustrie annehmen,
da bereits 1406 alle Glaser (= Glasmacher) auf und um den
Spessart vor ihrem Herrn, dem Grafen Ludwig von
Rieneck, eine Ordnung aufrichten. Von 1430 ab datieren
die Erwähnungen hessischer Hütten im Kaufunger
Walde und Reinhardswalde bei Kassel. Inwieweit die Be-
hauptung Landaus (s. Anm. 46), daß die hessischen Hütten
mit denen am Harze, im Braunschweigischen, auf dem Eichs-
felde, im Gerstengau (Gegend von Gerstungen), an der Rhön
und im Spessart zu einer einzigen großen Zunft gehörten,
wirklich zutrifft, läßt sich nicht kontrollieren; daß in techni-
scher und wohl auch formaler Beziehung ein Zusammenhang
bestand, kann als sicher gelten, zumal z. B. in Hessen wie im
Spessart die gleichen Glasmacherfamilien arbeiteten. 1537
wird Landgraf Philipp von Hessen um Übernahme der Ober-
vogtschaft des Bundes der Glasmacher gebeten, die zur Zunft-
stätte Großalmerode am Kaufunger Walde wählen und in
9*
132 Das deutsche Glas.
einem Bundesbrief alle Rechte und Pflichten der Mitglieder
festlegen. Die 26 Bevollmächtigten gehören sämtlich den
Familien Konckel (Kunckel), Gundelach, Wentzel, Sitz,
Stenger, Kauffelt, Lippert und Grim an. Besonders die drei
ersten Namen werden später noch in anderem Zusammen-
hange auftauchen.
Die wichtigsten Bestimmungen dieses Bundesbriefes
mögen hier folgen, da sie typisch sind für die Satzungen vieler
ähnlichen Zunftordnungen.
1. Glas darf nur von Ostern bis Michaelis gemacht werden.
2. Ein Meister mit einem Knecht soll täglich nicht mehr
als 200 Biergläser oder 300 Becher machen; einer, der vor
dem kleinen Loche (sc. des Glasofens) steht, nur 100 Bier-
gläser oder 175 Becher.
3. Jede Hütte darf nur einen Streckofen (für Fenster-
glas) haben.
4. Täglich dürfen nur 6 Zentner kleines oder 4 Zentner
großes (Fenster-)Glas gemacht werden, beide nach bestimmten
Maßen.
5. 200 hohe Biergläser kosten I Gulden, 100 Becher
kosten 8 halbe Behemsche, 225 kurze halbe »treyling« und
kleine »steynichen« ebenfalls 1 Gulden.
6. Als Lehrlinge werden nur Glasmachersöhne ange-
nommen, die mindestens I2 Jahre alt sind.
7. Auswärtige Arbeiter werden nur angenommen, wenn
sie die Artikel beschworen haben.
8. Jährlich zu Pfingsten ist Gerichtstag in Almerode,
wo alle Glasmeister mit ihren Knechten zu erscheinen haben.
Wer nicht kommt, wird aus dem Bunde ausgeschlossen.
9. Es besteht Anzeigepflicht bei Übertretung der
Satzungen.
Da 1557 beim Pfingstgericht über 200 Glasmacher an-
wesend waren, muß die Produktion eine sehr beträchtliche
gewesen sein. Die Preise werden 1559 bestätigt, wobei die
hohen Biergläser den Zusatz erhalten »als nemlich halbe
dreylling und bass gleser«. Die letzteren sind natürlich Paß-
gläser der üblichen Art (s. S. 145); unter den Steynichen
des Bundesbriefes wird man warzenbesetzte kleine Becher
zu verstehen haben, und der Dreylling mag identisch sein
mit dem meist mit drei gewundenen Halsröhren versehenen
Kuttrolf (s. S: 151). Dessen massenhafte Herstellung geht
nämlich aus einer »Eynigung der glaser uff und umb dem
Spechssart« aus der ersten Hälfte des 16. Jahrh. hervor, in
der es heißt: »Auch haben wir gemacht, das ein meyster
mit eynem Knechte ein tag nit me sol machen wan 200 Kutte-
rolff oder das für Kutterolff gehet oder sol man machen 300
offen glases das man fur becher zelet«. (Vopelius, S. 14.)
Die deutschen Glashütten. Hessen. Böhmen. 133
Die Glashütten im Spessart und in Hessen scheinen schon
früh einen bedeutenden Export besonders nach dem Rhein hin
getrieben zu haben. Der Glaszoll auf dem Main bei Aschaffen-
burg wird im 16. Jahrh. mehrfach erwähnt, und der Allen-
dorfer Pfarrer J. Rhenanus, der 1579 bis 1585 in Kassel und
am Meißner die Steinkohlenfeuerung einzuführen versuchte,
spricht in einem Briefe an Landgraf Wilhelm IV. die Be-
fürchtung aus: »wo wir hier die sehr hochnützliche Erfindung
ins Werk setzen, daß alsbald die Niederländer und andere
Völker, die sonst Steinkohlen genug, auch bessere haben
möchten, uns stehlen und fortfahren auch Glas zu machen,
durch welches dann (dieweil die Länder am
aulblEerzämnkeresktlerngaslelhrneracherGlasanehtole) das
ganze Glaswerk gedämpft werden möchte«.
Durch die Arbeit Landaus sind wir über eine sehr große
Zahl von hessischen Glashütten vom 16. bis IS. Jahrh. unter-
richtet. Wie die Altaristen ergriffen auch viele hessische
Glasmacher den Wanderstab; so bliesen Hessen während
der zweiten Hälfte des 17. Jahrh. in Lüttich Glas auf deutsche
Art, 1574 berief der Herzog von Holstein einen Kunckel,
1591 legt Engelhardt Becker aus Großalmerode eine Hütte
in Schweden an, und später, in Dessau, in Brandenburg,
selbst in Böhmen (vgl. Mares S. 187), tauchen immer wieder
hessische Namen auf.
Das Zentrum des östlichen deutschen Glasgebietes war
Böhmen*). Besonders in den von Deutschen bewohnten
nordöstlichen und westlichen Randgebirgen, d.h. an den
Abhängen des Riesen- und Isergebirges und im Böhmer-
wald haben sehr viele Glashütten bestanden, die zum Teil
heute noch existieren. Die tschechischen Teile des Landes
haben sich in keiner nennenswerten Weise an der Glasfabrika-
tion beteiligt. Alle Namen, die irgendwie von Bedeutung
für diese Industrie sind, haben deutschen Klang. Aufs engste
mit Böhmen verbunden war bis zu der 1742 erfolgten politi-
schen Trennung Schlesien. Besonders der östliche Ab-
hang des Riesengebirges und die Grafschaft Glatz besaßen
viele leistungsfähige Glashütten, die mit den böhmischen in
ständigem Konnex standen. Während Glashütten in Böhmen
vor dem I5. Jahrh. nicht urkundlich nachzuweisen sind,
trotzdem sicher schon früher einige existiert haben, wird im
schlesischen Teile des Riesengebirges, bei Schreiberhau,
bereits 1366 von einer solchen gesprochen.
*) Über die böhmischen und schlesischen Glashüttenverhältnisse
sind wir durch die Arbeiten von Schebek, Mares, von Czihak und
Pazaurek so gut unterrichtet, daß hier auf jede Ausführlichkeit ver-
zichtet werden kann.
134 Das deutsche Glas.
Aber auch über die politischen Grenzen hinweg ent-
wickelte sich ein lebhafter Verkehr zwischen den Deutsch-
böhmen und den Glasmachern der Nachbarländer. Die
bairısche Seite des Böhmerywzalldressepest
nach Apians Aussage schon 1566 eine ganze Anzahl Glas-
hütten, die wie die meisten anderen in jener Zeit der Haupt-
sache nach wohl nur grünes, unentfärbtes Glas, das sogenannte
»Waldglas«, arbeiteten. Bernhard Schwarz stellt sein Lands-
huter Kristallglasunternehmen (s. S. 123) jedenfalls in di-
rekten Gegensatz zu der groben Arbeit auf dem Böhmerwald.
Allerdings wurde hier damals auch schon gute Emailmalerei
auf hellem Glase hergestellt (s. S. 170). Auch in dem nörd-
lich sich anschließenden Fichtelgebirge, mit dem
Hauptorte Bischofsgrün, wurde seit dem 16. Jahrh. Glas
gemacht. Wie fast überall, so war auch hier mit dem Hohl-
glas die Fabrikation von Fensterglas verbunden; das Fichtel-
gebirge aber besaß noch seine besondere Spezialität in den
Perlen und Paternosterkügelchen. Die fichtelbergische
Emailmalerei wird später in anderem Zusammenhang be-
trachtet werden. Auch Sachsen hat sich schon früh
an der Glasmacherei beteiligt. Mathesius erwähnt 15062
meißnische Glashütten; nach der Berg-Chronica des P. Al-
binus von 1590 gab es in Sachsen mehrere Bergwerke mit
dem Namen »Glashütte«, was auf einen älteren Glasbetrieb
schließen läßt. Endlich wurde der Stammvater der bedeu-
tendsten böhmischen Glasmacherfamilie, Paul Schürer, der
1530 die Glashütte in Falkenau (Böhmen) anlegte, 1504 in
Aschberg bei Marienberg im Erzgebirge geboren und wird
vermutlich sein Gewerbe auch in Sachsen erlernt haben
(Schebek, S. XXXVII). Aktenmäßig bekannt ist die 1571
erfolgte Anlage einer Glashütte yan der Jugel« bei Johann-
Georgenstadt durch einen Bastian Preisler 5), der zu der
Familie Preussler gehört, die unter den Glasmachern Schle-
siens im 17. und I8. Jahrh. eine hervorragende Rolle spielte,
ebenfalls aber auch im nordöstlichen Böhmen wie im Böhmer-
wald arbeitete. Im Laufe der Zeit sind dann noch mehrere
sächsische Hütten gegründet worden (s. u.).
Das in der Mitte zwischen den beiden großen deutschen
Glasgebieten liegende Thürınygen hat von Osten wie von
Westen her vielfachen Einfluß erfahren. Abgesehen von
einzelnen unbedeutenden, bis ins Mittelalter zurückreichenden
Hütten sowie von kleineren Anlagen späterer Zeit wurde 1597
in Lauscha bei Koburg eine heute noch blühende Glasindustrie
begründet 5). Hier hatte sich ein Böhme Christoph Müller
mit einem aus Schwaben stammenden Hüttenmeister Hans
Greiner zusammengetan, um die üblichen Glaswaren, u.a.
auch Emailmalereien herzustellen. Daß die einzelnen Ge-
Die Glashütten im Fichtelgebirge, Sachsen, Thüringen u. a.O©,. ı 35
biete durch Austausch der Meister und Arbeiter ständig in
Beziehungen blieben, beweist das häufige Vorkommen der
Namen Greiner und Müller sowie einer Familie „von der
Lausch» auch ım Fichtelgebirge. Neben Lauscha scheint
besonders das Amt Schleusingen eine rege Glasfabrikation
besessen zu haben, wie aus Akten des Magdeburger Staats-
archivs aus den Jahren 1687 bis 1811 hervorgeht.
Über die südwestdeutsche Glasfabrikation, und speziell
über das Wirken der Familie Greiner in Schwaben sind
wir bisher nicht unterrichtet; wohl aber wissen wir, daß am
Ende des 16. und im 17. Jahrh. in Lothringen bei Bitsch
mehrere Glashütten von Schwaben betrieben wurden, unter
denen der Name Greiner häufig vorkommt. Aber auch hier
waren Böhmen beschäftigt, so 1610 ein Jean Schürer.
Aus Kreibitz und Falkenau in Böhmen wurden 1601
die Arbeiter angeworben, mit denen die erste branden-
burgische Hütte in Grimnitz bei Joachimsthal in Be-
trieb gesetzt wurde.
Man sieht: ein ewiges Hin- und Herwandern der Glas-
arbeiter, wie das ähnlich im 18. Jahrh. in der keramischen
Industrie zu beobachten ist. Aus alledem geht hervor, daß
die Erzeugnisse der einzelnen Betriebsorte, ja der einzelnen
Landschaften kaum voneinander unterschieden werden kön-
nen, solange sie auf handwerklich-unpersönlicher Grundlage
beruhen. Nur selten ist es möglich, bestimmte Formen be-
stimmten Gegenden zuzuschreiben; und durch Malerei,
Schnitt usw. dekorierte Stücke können ebenfalls nur in den
seltensten Fällen auf Grund von Inschriften, Signaturen oder
durch gewisse gemeinsame künstlerische Merkmale fest lokali-
siert werden. Erst im Laufe des 17. Jahrh. lichtet sich das
Dunkel einigermaßen, und für das 18. Jahrh. ist es der
Forschung bereits gelungen, eine ganze Anzahl festumrissener
Gruppen zusammenzustellen und bestimmten Gebieten und
Hütten zuzuteilen. Alles Wichtigere, was bisher über die
einzelnen Hütten und ihre Erzeugnisse bekannt geworden ist,
wird nach Möglichkeit in den folgenden Abschnitten Er-
wähnung finden.
Material und Sorten des deutschen Glases.
Das gemeine grüne oder Waldglas bestand in der Haupt-
sache aus einer einfachen Mischung von Sand und Pottasche.
Seine hellere oder dunklere Farbe war abhängig von der ver-
schiedenen Qualität und Zusammensetzung dieser Rohstoffe
und von den verwendeten Entfärbungsmitteln (»Glasmacher-
seifen«). Die Rezepte dazu wurden natürlich möglichst
130 2.02. Das deutsche Glas.
geheimgehalten, genau so wie es in Venedig und wie es später
in den Porzellanmanufakturen geschah. Aber durch die
Wanderungen der Glasarbeiter, die ja schon durch das immer-
fort notwendige Verlegen der Hütten an keine feste Seß-
haftigkeit gewöhnt waren, verbreiteten sich die Kenntnisse
bald ziemlich gleichmäßig über ganz Deutschland. Ganz
minderwertige Produkte sind daher nur in den Hütten zu
erwarten, die an schlechte Rohmaterialien, etwa ungeeigneten
Sand, gebunden waren und der großen Kosten wegen nicht
an einen Transport von weiterher denken konnten. Dagegen
dauerte es natürlich auch immer eine gute Spanne Zeit, bis
die wohlgehüteten Arcana einzelner besonders befähigter
Hüttenmeister zum Gemeingut weiterer Kreise geworden
waren.
Ausführlichere Traktate, wie der des Theophilus, sind
in Deutschland bis zum Ende des 17. Jahrh. nicht mehr ver-
faßt worden, hier herrschte nur die mündliche Tradition.
Denn die Ausführungen bei Cardanus 54), Agricola 55) und
andern Schriftstellern der Renaissancezeit hatten als rein
theoretische Kompilationen für die Praktiker absolut keinen
Wert.
Die italienischen Rezeptbücher aber konnten, auch wenn
sie wie die 1612 in Florenz erschienene »Arte vetraria« des
Neri durch den Druck größere Verbreitung fanden, den
deutschen Glasmachern schon deshalb nichts nützen, weil
diese über das in Italien gebräuchliche Alkali, die Soda, nicht
verfügten. So waren die Deutschen auf sich selbst ange-
wiesen und haben denn auch aus eigener Kraft im 17. Jahrh.
die großen Verbesserungen an der heimischen Glasmasse vor-
genommen, die eine Umwälzung im gesamten Glaswesen zur
Folge hatten und die bis dahin unbeschränkte Herrschaft
Venedigs brachen.
Wo diese Verbesserungen zuerst aufkamen, ist mit
Sicherheit nicht mehr festzustellen; es scheint aber, als ob
die böhmisch-schlesischen Hütten den stärksten Anteil daran
gehabt haben. Das Geheimnis bestand der Hauptsache nach
in einer größeren Beimischung von Kalk (gewöhnlich in der
Form von Kreide), als bisher üblich gewesen war. Auch
mögen gewisse neue Entfärbungsmittel eine Rolle dabei
gespielt haben.
Die erste Nachricht von der neuen Glasart scheint die
bereits von Schebek zitierte und übersetzte Bemerkung des
böhmischen Historiographen Balbinus vom Jahre 1679 zu
sein, daß vor kurzer Zeit in Neuschloß (Gegend von Falkenau)
in einer Hütte des Grafen Kaunitz „das Formenspiel (ludum)
der kostbarsten Gläser eröffnet sei, welche an Durchsichtig-
keit und Glanz beinahe dem Kristalle glichen«. Die Über-
Material und Sorten. Kristallglas. 137
setzung von ludum mit »Formenspiel« ist nicht treffend;
der Relativsatz aber bezeichnet zur Genüge, worauf es in
erster Linie ankommt.
Die Fabrikation dieses kristallklaren Glases scheint aber
dort nicht von langer Dauer gewesen zu sein. Denn Balbinus
fährt fort: „Nun höre ich, daß die Arbeit, aus welcher Ur-
sache weiß ich nicht, stocke.« Und der Glashändler Ge. Franz
Kreybich erzählt, daß 1686 in Steinschönau, also in der-
selben Gegend, noch kein gutes Glas gemacht worden sei,
weshalb er gezwungen war, das »gute« Glas in den Hünder-
hütten auf dem Schreiberhau, d.h. auf dem schlesischen
Abhange des Riesengebirges im Hirschberger Tal, aufzu-
laden. Hierher also müssen die neuen Rezepte sehr schnell
gedrungen sein, wenn sie nicht etwa überhaupt von hier aus-
gegangen sind. Wenn man dann weiter an die später zu
erörternden Beziehungen zwischen den Glashütten des Hirsch-
berger Tales und Potsdam in dieser Zeit denkt, so ist die Ver-
mutung nicht zu gewagt, daß auch Kunckel, der damalige
Pächter der Potsdamer Hütte, einen Teil seiner Kristallglas-
kenntnisse von dort bekommen hat. Er wußte jedenfalls ein
sehr gutes Kristallglas herzustellen. In der 1679 erschienenen
1. Auflage seiner Ars vitraria experimentalis gibt er zwar
für das Kristallglas als Mischung nur 60 Pfund Sand und
40 Pfund Pottasche an, erklärt aber gleich, ein noch viel
besseres Rezept dürfe er nicht publizieren. In der 2.
Auflage jedoch, die 1689, in der Zeit seiner ärgsten Zerwürf-
nisse mit dem brandenburgischen Hofe, herauskam, erweitert
er jene Angaben durch den Zusatz von 5 Pfund Kreide und
teilt außerdem noch eine andere „compendieuse Composition«
mit, die in 150 Pfund Sand, 100 Pfund Pottasche, 20 Pfund
Kreide und Io Lot Braunstein (zum Entfärben) besteht.
Wäre aber die neue Zusammensetzung in jener Zeit nicht
schon Allgemeingut der führenden deutschen Hütten gewesen,
so hätte Kunckel sie sicherlich auch damals nicht verraten.
So wissen wir aus alten Berichten, daß der ausgezeichnete
Glasmeister Michael Müller, der 1672 die Winterberger Hütte
in Südwestböhmen übernahm und bis 1709 leitete, daselbst
im Jahre 1683 bereits das Kreideglas eingeführt hat (Mares,
Sg):
ni Rezepte sind natürlich in den einzelnen Hütten
wiederum sehr verschieden gewesen 5°); die beste Masse wird
gewöhnlich Kristallglas 57), die einfachere schlicht Kreidenglas
genannt. Auf die chemischen Einzelheiten hier einzugehen
ist nicht möglich.
Neben der Hauptarbeit, welche die Verbesserung der farb-
los — durchsichtigen Masse erforderte, blieb das Interesse
vieler Hüttenmeister auch weiterhin dem farbigen Glase zu-
138 Das deutsche Glas.
gewendet. Besonders das blaue, mit Kobalt gefärbte Glas
hat sich in Deutschland seit dem 16. Jahrh. großer Beliebtheit
erfreut; daneben hauptsächlich das weiße, d. h. das Milchglas.
Ihm widmet Kunckel unter dem Namen »Parcellein-Glas«
längere Ausführungen. Besondere Spezialitäten, wie das
aus Menschenknochen hergestellte weiße Glas des Breslauer
Arztes Kundmann, oder das Glas aus Tabaksasche können
hier füglich übergangen werden (vgl. v. Czihak, S. 61 ff.).
Auch sonst geht Kunckel, bei Besprechung der Re-
zepte des Neri, umständlich auf die unendlich vielen Arten
der Glasfärbung ein; nur über eine einzige schweigt er sich
völlig aus: über das vor 1679 von ihm zwar nicht erfundene,
aber zuerst praktisch verwertbar dargestellte Goldrubinglas.
Dies echte Goldrubinglas wird mit Hilfe von Goldpurpur oder
Goldchlorid hergestellt, das mit der Glasmasse auf Weißglut
erhitzt werden muß. Nach dem Frkalten erscheint das Glas
farblos und erhält seine prachtvolle rubinrote Farbe erst bei
nochmaligem langsamem Erhitzen. Statt des Goldes kann
auch Kupfer verwendet werden. Die alte Streitfrage, ob
Kunckel selbst oder der Hamburger Arzt Dr. Andreas Cassius
das Rubinglas erfunden habe, erledigt Kunckel selbst zu
Cassius’ Gunsten in seinem letzten Werke, dem Laboratorium
chymicum (Il. Aufl., 1722, S. 650), wo er sagt: »Der Anfang
ist folgender Gestalt geschehen. Es war ein Doctor medicinae,
mit Namen Cassius, der erfand die prae cipitationem Solis
Cum love, wozu vielleicht Glauber mag Anlaß gegeben haben,
solches stelle ich dahin. Dieser jetzt bemeldte Dr. Cassius
versuchte, es in’s Glas zu bringen, wann er es aber wollte in
ein Glas formieren, oder wann es aus dem Feuer kam, war es
klar wie ein ander Krystall und konnte es zu keiner beständi-
gen Röthe bringen. Er mag aber dieses, als ein kurioser
Mann, bei den Glaslampenblasern observiret haben, daß oft
durch Malaxirung in der Flammen der Lampen ein Couleur
anders wird, als sie sonst ist, derowegen er solches auch ver-
suchen wollen, und also die schönste Rubin-Couleur gewahr
worden.
Als ich dieses erfuhr, legte ich alsofort Hand an, aber
was ich vor Mühe hatte, die Composition zu treffen und zu
finden, und wie man es beständig roth kriegen sollte, weiß
ich am besten. Nachdem es nun gemein geworden, ist es so
leicht, als wie vom Papiermachen erwähnet.«
Den praktischen Erfolg jedenfalls hatte Kunckel; die
etwa IO Jahre unter seiner Leitung stehende Potsdamer Hütte
und ihre Nachfolgerin in Zechlin waren denn auch die einzigen,
die in der Masse gefärbte Rubingläser hergestellt haben,
während dünne Rubinfäden in den Schaft- und Deckelknäufen
von,Kristallgläsern auch in anderen Hütten, so notorisch in
Rubinglas. Die deutschen Fadengläser. 139
der Glashütte Helmbach in Südböhmen im Anfang des
18. Jahrh., gearbeitet wurden 38).
Kunckels Erfindung, das Glas in der Masse rot zu färben,
ging mit der Zeit wieder verloren; das in der ı. Hälfte
des 19. Jahrh. vielfach, besonders in Böhmen, hergestellte
Rubinglas besitzt lediglich einen dünnen, roten Überfang
auf farblosem Kern. Erst 1883 glückte dem Direktor Rauter
der Rheinischen Glashütten-Aktien-Gesellschaft in Ehren-
feld bei Köln die Neuerfindung des in der Masse gefärbten
Rubins.
Bei den vielfachen Schwankungen in den roten Farb-
nüancen ist es oft sehr schwer zu unterscheiden, ob ein Glas
mit Gold oder mit Kupfer gefärbt ist. Im allgemeinen kann
man sagen, daß der Kupferrubin eine sattere, tiefere Rot-
färbung besitzt, wogegen der Goldrubin mehr ins Hellere,
Rosenrote spielt.
Viele Gläser aus Kunckels Zeit und den folgenden Jahr-
zehnten sind sicherlich auch mit dem billigeren und fast
effektvolleren Kupfer gefärbt 59).
‘ Im übrigen war die Herrschaft des farblosen Kristall-
glases im 18. Jahrh. bei allen besseren Produkten eine unbe-
strittene; erst zu Beginn des IQ. Jahrh. wurden, haupt-
sächlich in Böhmen, wieder vielfache Versuche zur Her-
stellung farbiger Gläser gemacht. Es wurden nicht nur ver-
schiedenfarbige Überfangschichten auf eine farblose Grund-
masse aufgeschmolzen, sondern auch durchaus farbige, opake
Gläser kamen stark in Mode. So das besonders auf der süd-
böhmischen Herrschaft Gratzen in den gräflich Buquoyschen
Hütten. gearbeitete opak rote oder schwarze sogenannte
Hyalith, und ebenda, wie auch in der Egermannschen Fabrik
in Blottendorf bei Haida, verschiedenartig marmorierte
Sorten, die man unter dem Gattungsnamen Lythialin zu-
sammenfaßt. (Beispiele in Schr. 535 und 541.)
Die deutschen Fadengläser.
In vielen der auf Venezianer Art arbeitenden Hütten,
z. B. in München, Kassel und Dessau, wurden, wie bereits
erwähnt, auch Nachahmungen des in Venedig erfundenen
Fadenglases hergestellt. Die Technik bürgerte sich aber auch
in Hütten ein, die selbst zu Venedig gar keine Beziehungen
hatten und in den Formen nicht die geringste Anlehnung
an die italienischen Produkte beabsichtigten.
So berichtet Mathesius schon 1562 von Fadenglasfabrika-
tion in Schlesien: » Jetzt werden die weyssen gleser gemeyn,
drauff gleich weysse feden von weysser Farbe getragen, die
man in der Slesing machen solle.« Der emaillierte Fadenglas-
140 Das deutsche Glas.
pokal mit dem Wappen der schlesischen Familie Engelhardt
und der Jahreszahl 1594 im Breslauer Museum (Abb. bei
v. Czihak, S. 97 u. 98) darf als Erzeugnis einer schlesischen
Hütte betrachtet werden.
Daß auch im südlichen Böhmen Fadenglas gemacht
wurde, ist durch die »weiss geschniertten Glöser« bezeugt,
die in der Hütte am Wilhelmsberg auf der Herrschaft Gratzen
im Jahre 1608 gearbeitet wurden (Mares, S. 166). Aber
bereits vor dem Ende des 16 Jahrh. haben sich auch die
Hütten des nordöstlichen Böhmens damit befaßt, denn die
in Kreibitz und Falkenau angeworbenen Arbeiter der bran-
denburgischen Glashütte in Grimnitz stellen bereits 1602
»geschnüerlte« Gläser her. In Böhmen dürften die mit Jagd-
bildern bemalten Fadenglasbecher im Louvre und im Musee
des Arts decoratifs in Paris entstanden sein, die auf etwa
1590 zu datieren sind, ferner der Pokal mıt Handwerks-
emblemen in der Sammlung Parpart (Versteigerung in Berlin
1912) sowie einige Henkelkannen, deren schönste das Prager
Museum besitzt.
Sodann sei auf die von Berling veröffentlichte Notiz
aufmerksam gemacht, nach welcher der sächsische Hof 1599
von einem Glasträger Peter Hille »2 Schock weiss streiffigte
Weingleser« gekauft hat. Die Annahme Berlings, daß es
sich hierbei um einen auswärtigen, vielleicht hessischen Glas-
hausierer handelt, ist nicht zwingend, man darf vielmehr ver-
muten, daß diese Gläser sächsischen Hütten entstammten,
die allerdings wohl in Verbindung mit dem benachbarten
böhmischen Glasgebiete von Falkenau-Kreibitz standen.
Fast alle sicher zu datierenden Fadengläser des 17. Jahrh.
stehen in engster Beziehung zu Sachsen und speziell zu
Dresden. So besitzt, abgesehen von 17 kleinen, unregel-
mäßigen und schlechten Fadenglasbechern, die im Histor.
Museum und in der Porzellansammlung zu Dresden aufbe-
wahrt werden, und deren einer das emaillierte sächsische
Wappen mit der Jahrzahl 1620 trägt, das S. Kensington
Museum einen 1623 für die Hofkellerei Dresden gemalten
Fadengiaspokal; die Hofkellerei selbst bewahrt ein ähnliches
Stück von 1666; in der Sammlung Eigel (Köln) befindet sich
ein Fadenglas mit Wappen Joh. Georgs Il. von 1662, das
auf der Rückseite eine Scheibe mit Pfeil und die Inschrift
»Haupt Schiesen zu Dressden» besitzt (Abb. 74), und eben-
falls nach Sachsen weisen die häufig vorkommenden, ebenso
geformten Deckelfadengläser, die den gleichen Emaildekor
und die weitere Inschrift „Bey Einweyhung deß Neuerbauten
Schiesshauses Anno 16784 tragen ®). In der 1884 in Köln
versteigerten Sammlung Parpart befand sich ein zylindrischer
Deckelbecher mit 3 Kugelfüßen aus Fadenglas; darauf das
Die deutschen Fadengläser. 141
sächsische Wappen,
eresnialenanjoh
Georgs IV. und die
Jahreszahl 1692. Von
zwei Schraubflaschen
im Prager Museum
aus den Jahren 1632
und 1661 besitzt die
letztere das Wappen
der Familie Gleich-
mann; ein Chr. Abra-
ham Gleichmann war
Notar und kürfürst-
licher Jagdkanzlist
im Bresden (Sieb-
iualcher)V/, 7, 1al 80):
Dasanaa CS Els:
auf dieser Flasche
würde demnach wohl
auch als M. Gleich-
mann, Churfürstlich
Sächsischer Hof-S...
(Sekretarius?) aufzu-
lösen sein.
Bssliest2 kem
Grund vor, diesen vie-
len, für Sachsen her-
gestellten Fadenglä-
sern ihre sächsische
Provenienz abzuspre-
chen zumal une
Ausnahme des frühen
Engelhardtpokals in
Breslau kein einziges
Abb 74. Sächsisches Fadenglas von 1662. (Köln,
Sammlung Eigel.)
Stück mit außersächsischem Wappen bekannt ist.
Allen diesen Fadengläsern gemeinsam ist die nicht sehr
gute, rauchfarbene — oft grünliche — Masse und die Dürftig-
keit und Unregelmäßigkeit der weißen, vielmehr blaßgrauen
Fäden.
142 Das deutsche Glas.
Abb. 75. Maigelein, Flasche und Henkelbecher. Deutsch 15. bis 16. Jahrh.
(Köln, Kunstgewerbe-Museum.)
Die Formen des deutschen Glases vom 15.—17. Jahr-
hundert.
Einheimische Formen.
Das deutsche Glas vom Ende des Mittelalters zeichnete
sich nicht durch großen Formenreichtum aus. Was uns aus
den Bildern des I5. Jahrh. bekannt oder aus andern Gründen
in diese frühe Zeit zu versetzen ist, zeigt ein paar höchst
schlichte Grundformen, die mit den einfachsten Schmuck-
mitteln verziert sind.
Das Maigelein ist ein niedriges Näpfchen mit
zylindrischer oder leicht gewölbter Mantelfläche (Abb. 75,
links). Es bewahrt noch einige Erinnerungen an die früh-
mittelalterlichen Glasgefäße, hat aber im Gegensatze zu
jenen, durch kräftiges Einstechen des Bodens, eine eigene
Standfläche erhalten. Sein einziger Schmuck besteht in
Buckelungen, in spiraliger oder rautenförmiger Riffelung der
Wandung. Der Name Maigelein wurde jedenfalls auch auf
die etwas größeren, oft konischen Becherformen angewendet,
die gerade auf Bildern des I5. Jahrh. häufig zu sehen sind,
so auf dem Abendmahl des Meisters der Lyversbergischen
Passion in Köln (mit Rautenmuster), auf vielen Bildern
des Dirk Bouts usw. Diese primitivsten Formen, die keines-
wegs auf das Rheinland beschränkt waren, sondern wohl in
allen deutschen Hütten gearbeitet wurden, werden noch in
der zweiten Hälfte des 16. Jahrh. erwähnt von Bernh.
Schwarz (vgl. S. 123), der in Landshut von seinen Knechten
Die Formen. Maigelein. Krautstrunk. 143
Abb. 76. Krautstrünke und ähnliche Becherformen. Deutsch 15. bis 16. Jahrh.
(Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
gemeines schlechtes Glas, »als Magellel oder Kholchel« machen
lassen will, mindestens 300 Stück pro Tag).
Ein ausgesprochener Formensinn aber macht sich früh-
zeitig bereits bemerkbar bei einer andern Gefäßgruppe, den
sogenannten Warzen- oder Nuppenbechern,
auf die man wohl den in der alten Literatur vorkommenden
Ausdruck »Krautstrunk« beziehen kann (Abb. 76,
Mitte und rechts). Denn, wie schon Friedrich und v. Czihak,
die über die Klassifikation und Terminologie des alten deut-
schen Glases sehr ausführlich gehandelt haben, erwähnen,
hat ihr etwas ausgebauchter Körper mit seinen knorrigen
Ansätzen eine gewisse Ähnlichkeit mit einem entblätterten
Kohlstrunk. Der formale Fortschritt bei ihnen besteht in
einem umgelegten, meist gekniffenen Fußreif und in der Aus-
bildung eines besonderen Lippenrandes. Die auf die Wan-
dung aufgelesten Warzen, die übrigens keine Neuschöpfung
des späten Mittelalters, sondern die letzten Ausläufer dieser
bereits der Antike geläufigen Verzierung sind, schwanken in
der Größe zwischen kleinen Steinchen und großen breiten
Fladen mit ausgezogener Zackenspitze. Derartige Warzen-
becher sind besonders häufig auf Bildern der niederländischen
Schule (z. B. bei Dirk Bouts), kommen aber im 16. Jahrh.
auch bei Dürer und vielfach bei den Nürnberger Kleinmeistern
vor; ferner haben sie sich mehrfach als Reliquienbehälter
vom 13. Jahrh. an erhalten, entweder ganz in Wachs ein-
gebettet (so im Leipziger Museum) oder nur mit einem Wachs-
verschluß mit eingepreßtem Siegel (Beisp. in den Museen
vom Hamburg, Köln, Nürnberg (Germ. Mus., von 1519),
Reichenberg und Schwäbisch Hall). Aber auch sonst sind
von diesen Warzengläsern viele Exemplare erhalten, die in
den Dimensionen wie in der Güte der grünen, oft blaugrünen
Masse beträchtlich untereinander differieren. Daß der etwas
144 Das deutsche Glas.
allgemeine Ausdruck »Kopf«, der bereits in der althoch-
deutschen Literatur vorkommt, auch auf diese Gläsergattung
angewendet wurde, zeigt ein Warzenglas, das in vergoldeter
Fassung als Glas der heil. Elisabeth im Wittenberger Heilig-
tumsbuch von 1509 figuriert und das sicher identisch ist
mit dem als »sannd Elssbethen kopf« bezeichneten Glas,
welches nach Briefen von Mitgliedern des sächsischen Fürsten-
hauses in der zweiten Hälfte des I5. Jahrh. oft an befreundete
Höfe geschickt wurde, da es bei Entbindungen Wunder
wirkte &). (Später hat Luther das Glas geschenkt bekommen;
Mathesius hat es 1541 bei ihm gesehen.) :
Aus diesen Grundformen des Maigeleins und des Warzen-
glases entwickeln sich nun alle andern Gläserformen der
deutschen Spätgotik und Renaissance. Zwischenstufen er-
geben sich, wenn z. B. der bauchige Becher nur an der unteren
Hälfte der Wandung Warzen zeigt. Die glatte Fläche ist
dann gewöhnlich von der dekorierten durch einvielfach einge-
kerbtes schmales Glasband getrennt. Zweikunstvollere Abarten
dieser primitiven Becherformen müssen besonders erwähnt
werden: erstens eine kleine bräunlichgrüne, steilwandige
Schale, die auf der unteren Mantelfläche eine Reihe kräftiger
Stachelwarzen besitzt, außerdem aber auf einem zierlich ge-
gliederten Fuße mit verbindendem runden Knauf aufsteht.
Diese Form ist nur auf einem Bilde des Jan Mostaert (1474
bis 1555), dem Mahl des heil. Benedikt, in der Brüsseler
Galerie (Nr. 584) überliefert, und daher muß die Frage offen
bleiben, ob man es hier nicht mit einem durch venezianische
Schöpfungen beeinflußten Phantasiegebilde des Malers zu
tun hat.
Die zweite Form aber ist durch ein erhaltenes Stück
beglaubigt. Das ist ein kleiner, kräftig ausgebauchter Becher
mit glattem, geradem Lippenrand und doppeltprofiliertem
Fuße, mit einer Reihe großer Traubenwarzen besetzt. Sowohl
die Schulter wie die untere Einschnürung sind durch aufge-
schmolzene Bänder betont. Das Besondere an ihm ist ein
blattförmiger, an der Spitze aufgebogener Henkelgriff, der
manchmal sogar mit einem freihängenden Ringe geschmückt
ist. Derartige Becher sind u. a. auf dem Abendmahl des
Meisters der Himmelfahrt Mariä in Brüssel (Nr. 542) über-
liefert; das erhaltene Exemplar besitzt das Kölner Kunst-
gewerbe-Museum (Abb. 75, rechts). Daß es sich hierbei um
eine rheinisch-niederländische Spezialität handelt, machen
Nachbildungen derartiger Gläser in Siegburger Steinzeug
wahrscheinlich 6).
Neben diesen kleinen Gefäßen, die gewöhnlich den Um-
fang einer Faust nicht überschreiten, hat das 15. Jahrh. aber
auch große, meist zylindrische Glasformen geschaffen, die
Die Formen. Warzenbecher, Stangengläser, Paßgläser. 145
Abb. 77. Deutsche Gläser des 16. bis 17. Jahrh. (Ringbecher, Igel, Spechter, Paßglas,
Römer.) (Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
von der Renaissance übernommen und vielfach variiert
wurden. Die übliche Verzierung dieser frühen Gläser, die in
den graphischen Arbeiten Dürers, Holbeins und der andern
deutschen Künstler der ersten Hälfte des 16. Jahrh. sehr
häufig anzutreffen sind, besteht wiederum aus aufgelegten
Steinchen, Stachelwarzen, runden oder langgezogenen Nuppen,
die in regelmäßigen Reihen den Körper des Glases bedecken.
Diese Stangengläser haben meist einen glatten Lippen-
rand und besonderen Fuß (Abb. 77, Mitte). Ein prächtiges
blaugrünes Exemplar der Slade-Collection weist ein eigen-
artiges Ziermotiv auf in einem durchbrochenen Zackenkranze,
der den Fuß mit dem Glase verbindet. Dasselbe Motiv
wiederholt sich an zwei hohen Stangengläsern im S. Kens.
Museum und im Bayr. Gewerbe-Museum (Nürnberg), deren
Mantelfläche mit abgestumpft facettierten Quadern regel-
mäßig verziert ist (Abb. 78). Diese sowie ähnliche mit Rauten-
musterungen usw. verzierten Gläser hat Friedrich (a. a. O.
S. 97) richtig mit den von Mathesius 6%) 1562 erwähnten
»Spechtern« identifiziert, die eine Spezialität der Glas-
hütten am Spessart bildeten und durch Blasen in die Form
hergestellt wurden 6).
Einen eigenen Namen hat die Abart des Stangenglases
oder Spechters gehabt, deren Wandung durch umgelegte
Glasreifen in einzelne Zonen zerlegt wird. Diese sehr häufigen
Gefäße hießen Paßgläser (Abb. 77, 3 und 4); der Witz
beim Trinken lag darin, daß man genau die Quantität Bier
austrinken mußte, die sich zwischen zwei solchen Reifen
(»Pässen«) befand. Aber auch spiralig von oben bis unten
Schmidt, Glas. Io
146 Das deutsche Glas,
umgewickelte Fäden kommen vor,
nach deren eingekerbtem Aussehen
man die Gefäße Bandwurmgläser
zu nennen sich gewöhnt hat. Eine
schlesische, besonders Breslauer
Spezialität war der oben keulen-
oder kugelförmig ausgeweitete
»eselx (Abbe):
In der zweiten Hälfte des 16,
Jahrh. begann die Herstellung des
oft zu ungeheuerlichen Dimensionen
erwachsenden Humpens, dessen
zylindrischer Körper entweder nur
einen umgelegten Fußreif oder einen
kräftigen, aus der Kugel aufgetrie-
benen Fuß hat. Diese meist » Will-
komm« auch „»Luntz« se
nannten Humpen (Mathesius
spricht von ihnen als den »unfle-
tigen grossen willkommen, narren-
gleser, die man kaumet aufheben
kann«) waren das ganze 17. Jahrh.
hindurch sehr beliebt, vor allem mit
Emaildekor (s. u.), haben sich aber
in niederen Volksschichten und
Zunftkreisen noch bis weit ins IS.
Jahrh. hinein erhalten, als überall
sonst längst das geschnittene Kri-
stallglas herrschte. Der Name
Abb.78. Spechter mit Quader- »Humpen« scheint erstim 17. Jahrh.
musterung. 16. Jahrh. (London, aufgekommen zu sein. Der vene-
S. Kens.-Museum.) zianischen Formen nachgebildete
konische Becher mit hohlem Fuß
(Abb. 95) hat sich in Deutschland nur bis in den Anfang des
17. Jahrh. gehalten.
Varianten existieren natürlich von allen diesen Gläser-
arten in Menge; sie alle aufzuzählen ist unmöglich.
Nur der Römer muß hier noch ausführlich besprochen
werden, der die schönste Form darstellt, die in den deut-
schen Glashütten ausgebildet ist. Wie er seither die typische
Form des Weinglases geblieben ist, so hat man seine Ausbil-
dung auch dem eigentlichen deutschen Weinlande zu ver-
danken. Am Niederrhein hat er sich aus dem Warzenbecher
des 15. Jahrh. entwickelt und hat seitdem die Glasfabrikation
der rheinischen und niederländischen Hütten beherrscht.
In die östlicheren deutschen Glasgebiete scheint er auch bald
eingedrungen zu sein, aber der Name »Römer« wurde dort
Die Formen. Humpen. Römer. 147
erst später üblich. Mathesius erwähnt ihn nicht; in den
sehr spezifizierten Aufzeichnungen über die Erzeugnisse der
brandenburgischen Glashütte in Grimnitz am Beginn des
17. Jahrh. ist immer nur von »Herzknöpfgen« die Rede, die
sich aber durch die Analogie mit den bei Schebek (S. 251)
erwähnten »herzknöpflichen Römern« mit dem Römer identi-
fizieren lassen. In einer hamburgischen Hochzeitsordnung
von 1609 kommt er aber schon vor 6), und auch in hessischen
Hütten wird er 1627 bereits genannt. Am häufigsten jedoch
findet man ihn in kölnischen und niederländischen Akten
erwähnt. Ob allerdings die »roemsche glaessere«, die in einer
Kölner Urkunde von 1459 im Gegensatze zu gewöhnlichen
Gläsern aufgeführt werden #7), schon mit den Römern im
üblichen Sinne identisch sind, scheint mehr als zweifelhaft,
da deren Vorkommen in so früher Zeit weder durch bildliche
Darstellungen noch sonstwie erwiesen ist. Vielmehr muß
man die erste Hälfte des 16. Jahrh. als die Entstehungszeit
des Römers ansehen. Von dieser Zeit an datieren die ersten
sicheren bildlichen und literarischen Zeugnisse für seine
Existenz. E. v. Czihak hat auf die Darstellung eines Römers
auf dem Abendmahl des Pieter Coucke von Alost (1502 bis
1550) in der Brüsseler Galerie aufmerksam gemacht; 1546
werden »2 dosin (Dutzend) romer« im Hausrat einer kölni-
schen Gilde erwähnt ®), und in einer Rechnung über die
Schützenmahle zu Middelburg in Seeland von 1547, 1549 und
1561 heißt es: »behalve de vele tinnen kroegen huurde men
150roemers die allengskens meer in gebruik waren gekomen«®9)
Daran schließen sich die weiteren, durch die bisherige Glas-
literatur genugsam bekannten Erwähnungen des Römers
aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrh. Angeführt sei nur
noch die auf Raerener Krügen von 1598 vorkommende
Inschrift: „Den Roomer en de Can dei maeckt mennichen
armen man«.
Mit besonderer Vorliebe haben sich die holländischen
und vlämischen Hütten des 17. Jahrh. der Ausbildung des
Römers angenommen und seine Dimensionen vielfach so ge-
steigert, daß er als vollwertiges Seitenstück zu den zylindri-
schen Riesenhumpen der deutschen Glashütten gelten kann
(vel. Abb. 210). Auch in England müssen die Römer in
Gebrauch gewesen sein, wie sich aus den zwischen 1667 und
1672 zu datierenden Musterzeichnungen des John Greene
ergibt, nach denen dieser in Venedig (!) Römer und andere
Gläser für den Import nach England bestellte (s. S. 76).
Eine besondere Art farbloser Römer mit glattem Fuß
und meist wellenförmig gekniffenem Band unter der Kuppa
ist typisch für Niederdeutschland und Schweden; reihen-
weise stehen derartige, mit Mattschnitt verzierte Stücke im
10*
148 Das deutsche Glas.
Lübecker Museum; zwei Exemplare
des Nordischen Museums in Stock-
holm, eins davon mit schwedischer
Inschrift, sind abgebildet in der
Zeitschrift »Fataburen«, 1910, S.159
u. 160.
Eine unerschöpfliche En
grube bildlicher Darstellungen des
Römers bieten endlich die Gemäl-
de derholländischen Stillebenmaler
des 17. Jahrh., an ihrer Spitze
die Heda, de Heem, Kalf und Aelst.
Über den Namen »Römer« hat
Abb. 79. Grüner Becher au man mehrere Hypothesen aufge-
einem Bilde des K. Witz (Basel. stellt 7), deren keine jedoch An-
spruch auf absolute Sicherheit
machen kann. Am meisten noch mag man sich mit der
Annahme Moriz Heynes 7!) befreunden, nach der der Name
von dem niederländisch -niederrheinischen yroemen« = prahlen,
prunken, preisen, abgeleitet ist.
Die Entwicklung des Römers aus dem Warzenbecher
läßt sich gut verfolgen. Schon früh kommen Exemplare des
Warzenbechers vor, bei denen sich der ursprünglich schmale
Mundrand stark erweitert und kräftig wölbt. So bei dem
Glas in der Hand des alttestamentlichen Helden Benaja auf
dem Gemälde des Konrad Witz in Basel (Abb. 79). Witz
starb vor 1447. Ist bei diesem Exemplar das warzenbesetzte
Unterteil noch die Hauptsache, so kehrt sich das Verhältnis
um bei Stücken wie dem des German. Museums in Nürnberg
(Abb. bei v. Czihak S. 77), bei dem über dem schmalen, mit
Beerennuppen besetzten Unterteil ein großes, breit ausladen-
des Oberteil sich wölbt. Wo beide zusammenstoßen, ist ein
gekniffener Glasfaden ringsum gelegt, der nun ständig bei-
behalten wird. Der letzte Schritt zur vollen Entwicklung
der typischen Römerform wird dann damit getan, daß man
zu den beiden Teilen als drittes noch einen selbständigen Fuß
hinzutut. Im Anfang war dieser Fuß allerdings noch recht
unbedeutend, er bestand nur aus einem dicken, zackig ge-
kniffenen Bande. Jedenfalls rechnete man vielfach mit
einer nachträglichen Metallmontierung, wie sie aus den
Doelenstücken der holländischen Schützengilden bekannt sind.
Dann begann man aus einem Glasfaden einen größeren Fuß
anzuspinnen, was in der Weise geschah, daß man den Faden
um einen unten angehaltenen Holz- oder Eisenkern spiralig
herumwickelte. Viele Römer, gerade die großen Stücke des
17. Jahrh., besitzen noch einen relativ kurzen, nur aus 2 bis
6 Spiralen bestehenden Fuß (Abb. 210). Die am besten pro-
Die Formen. Der Römer, 149
Abb. 80. Römer des 17. bis 18. Jahrh. (Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
portionierte Form haben die kleineren Exemplare (Abb. 80),
und hier kommt das durch die horizontal wirkenden Spiral-
fäden des Fußes hervorgerufene Gefühl eines kräftigen Trage-
gliedes sehr gut zum Ausdruck. Seltener kommt es vor, daß
der Fuß nicht gesponnen, sondern, wie bei den zylindrischen
Humpen, aus der Kugel aufgetrieben und völlig glatt ist
(Abb. 77, rechts). Bei derartigen Stücken könnte man viel-
leicht an eine nicht rheinische, mehr mitteldeutsche Ent-
stehung denken. Wohl erst das 18. Jahrh. hat damit be-
gonnen, die Fäden um einen bereits fertigen, glatten Glasfuß
zu spinnen (Abb. 80, links). So ist der Fuß des wohl größten
existierenden Römers im Gemeente Museum im Haag gebildet
(etwa 45 cm hoch). Noch weiter ging das 19. Jahrh., dessen
fabrikmäßig hergestellte Römer einen gegossenen Fuß be-
sitzen, den nun keine Spirale mehr, sondern dicht überein -
anderliegende Glasringe schmücken.
Ebenfalls verhältnismäßig spät erst wird das schmale
Mittelstück als selbständiger Knauf, d.h. als für sich ge-
formtes geschlossenes Glied unter der Kuppa gebildet. Bis
weit ins I8. Jahrh. hinein ist es weiter nichts als der untere,
verengte Teil der Kuppa, was ja durch seine Entwicklung
aus dem Warzenbecher nur folgerichtig erscheint.
Die gewöhnliche Verzierung dieses Mittelteils durch
Warzen und Nuppen ist verschiedenen Modifikationen unter-
worfen. Am häufigsten sind breite Glasfladen, aus denen
nach oben ein Dorn herausgezogen ist, sowie Nuppen mit auf-
gepreßtem Traubenmuster. Die Anzahl der auf jeder einzel-
nen Nuppe konzentrisch angeordneten Beeren schwankt
150 Das deutsche Glas.
zwischen IO und etwa 120. Die Dorne sind manchmal wieder
ösenförmig nach unten gezogen. Ein Unikum ist wohl ein
farbloser Römer der Berliner Sammlung, dessen Nuppen mit
flachgepreßten Löwenmasken dekoriert sind. Das Stück ist
vielleicht italienischen Ursprungs (vgl. S. 147). Viele, und
nicht nur die größeren Römer haben ursprünglich einen
Deckel gehabt, deren aber nur wenige noch erhalten sind.
Sie haben sämtlich einen vorstehenden hohlen Rand und
bis zu vier übereinandersitzende Kugelknäufe. Exemplare
mit Deckel befinden sich in der an Römern aller Art sehr
reichen Sammlung des Rijksmuseums in Amsterdam, im
S. Kens.-Museum und im Museum zu Schwerin. Durch
die Deckel kommt der vollendet schöne Aufbau dieser Gläser
erst voll zum Ausdruck.
Die Farbe der Römer schwankt, wie bei allen andern
Gläsern des 16. bis 18. Jahrh., zwischen tiefem Grün und
völliger Farblosigkeit. Aus der Farbe sind ebensowenig
sichere Datierungen wie lokale Unterschiede abzuleiten. Bei
der technischen Unvollkommenheit der meisten grünen Glas-
hütten gelang es wohl nur selten, ganz gleichmäßige Glas-
gemenge herzustellen. Beweis dafür ist z. B. ein Satz von
27 Paßgläsern auf der Feste Koburg, dessen sämtliche Exem-
plare 1726 von derselben Hand mit Kartenblättern in Email-
malerei dekoriert sind, bei denen man also sicher eine gleich -
zeitige, gemeinsame Entstehung in einer Hütte annehmen
muß, und deren Maße dennoch ganz augenfällig zwischen
völlig farbloser, grünlicher und intensiv manganbrauner
Färbung schwankt.
Mit dem Römer verwandt, besonders durch den ge-
sponnenen Fuß, sind gewisse Becher, deren kelchförmige
Kuppa mit umgewickelten Fäden und mit 3 Glasösen verziert
ist, in denen Klapperringe frei hängen, ähnlich wie bei den
Dreihausener Ringelkrügen. Die Kuppa erwächst aus einem
Kelch unregelmäßiger Zacken. Die meisten dieser nordwest-
deutschen Gläser haben eine stark bernsteinbraune Farbe.
(Ein grünes, etwas abweichendes Glas dieser Art in Abb. 77,
links.) Das Anhängen von Ringen war übrigens auch in
andern Gegenden beliebt; so wird im Gotischen Haus zu
Wörlitz ein auf 3 Füßen ruhendes rundbauchiges Henkelglas
mit Ringen aufbewahrt; nach einem beiliegenden, zweifellos
gleichzeitigen Zettel ist dies „das aller erste glass, so in der
glasshütte zu Oranienbaum, den 4 Decembris Anno 1669 ist
geblasen worden». Vermutlich derselben Herkunft ist ein
keulenförmiges Glas im Dessauer Schloß, das außer Ringen
und Spiralfäden unten an der Kuppa einen Kranz hohler
Rüssel besitzt, die genau denen der fränkischen Rüsselbecher
gleichen. — Erwähnt seien hier endlich noch frei aufliegende
Die Formen. Römer. Kuttrolf, 151
Kränze von gekniffenen Fadenbändern, wie sie ein rautig
gemusterter Becher in Berlin (Abb. 76, links) und u.a. das
Bruchstück eines grünen Stangenglases im Kölner Kunst-
gewerbe-Museum zeigen.
Ein im 16. und 17. Jahrh. sehr beliebtes Glasgefäß, dasauf
den ersten Blick eine Flasche zu sein scheint, dennoch aber noto-
risch zum Trinken benutzt wurde, ist dr Angster oder
Kuttrolf (Guttrof, Kuttorf). Es sei verzichtet auf eine
weitläufige Untersuchung, ob die beiden Namen verschiedene
Gefäßtypen bezeichneten; aller bisher angewendete Scharf-
sinn hat diese Frage nicht befriedigend lösen können 72),
zumal da selbst die alten Schriftsteller, die derartige Gefäße
selbst in Händen hatten, sich entweder nur sehr unklar darüber
ausgesprochen haben oder aber in der Definition sich gegen-
seitig widersprechen. Gewisse Unterschiede mögen zwischen
Angster und Kuttrolf bestanden haben; vorläufig aber können
wir als ihre gemeinsame Grundform nur die in Abb. 81 links
wiedergegebene ansehen. Also ein etwa zwiebelförmiges Gefäß
mit zwei bis fünf dünnen, umeinander geschlungenen Hals-
röhren, die in einer etwas erweiterten Mundschale sich ver-
einigen. Wegen der Schwierigkeit und Langsamkeit, mit
der man den Wein durch die gewundenen Röhren »heraus-
ängstigen» muß, wie Fischart sagt, paßt auf das Gefäß der
Name Angster. (Ursprünglich ist er natürlich vom lateini-
schen angustus = eng abzuleiten). Aber auch der Ausdruck
Kuttrolf, der auf das mittelhochdeutsche »guttrel« zurück-
geht, ist phonetisch gut gewählt und passend, da infolge der
ruckweis einströmenden Luft die ausfließende Flüssigkeit
»kuttert, klunckert, oder wie ein Storch schnattert« (Ma-
thesius).
Daß das Gefäß wirklich zum Trinken benutzt wurde,
beweisen außer den vielen literarischen Erwähnungen mehrere
von Seibt 73) angeführte Holzschnitte in Straßburger u. a.
Drucken von I50I an, sowie das Kartenspielbuch des Jost
Amman (Nürnberg 1588), in dem der Angster zweimal als
Trinkgerät vorgeführt wird. Seine frühe Verbreitung erweist
sich aus seinem Vorkommen in einem Kaufbeurener Inventar
von 1480 (Grimms Wörterbuch). Seine letzte Erwähnung
dürfte die in den 1780 in Gotha verlegten »Historischen Nach-
richten von Verfertigung des Glases« von G. L. Hochgesang
(S. 63) sein.
Als Kuriosum mag ein Angster des Historischen Museums
in Frankfurt a. M. angeführt sein, dem statt der kleinen Mund-
schale ein regelrechter Römer aufgesetzt ist.
Zu der Gattung der Angster und Kuttrolfe ist endlich
noch ein einzig dastehendes Glas zu zählen, das sogenannte
»Strafglas« in Schloß Schwarzburg (Thüringen) 74). Dies
152 Das deutsche Glas.
etwa IO cm hohe Gläschen hat die Form eines umgekehrten
Pilzes, und sein nach oben sich erweiternder Hals ist im
Innern mit Spiralwindungen versehen, wodurch man nur
tropfenweise trinken kann, wenn man das Glas fortwährend
dreht.
Die heute übliche langgestreckte Form der Wein- und
Bierflaschen ist vor dem I8. Jahrh. kaum nachzuweisen.
Die gewöhnliche Flaschenform der Renaissance ist
die mit kugeligem Bauch und engem, zylindrischem Hals.
Daneben ist sehr häufig die besonders als Apothekengefäß
benutzte, mit zinnernem Schraubdeckel verschlossene Vier-
kantflasche (Abb. 107, rechts). Seltener ist eine runde
Variante dieser Form (Abb. 90) sowie die den Wurstkrügen
nachgebildete Ringflasche.
Äls Erzeugnis der Frühzeit (15. und erste Hälfte des
16. Jahrh.) sei angeführt das in Abb. 75 Mitte wiedergegebene,
in nur 2 Exemplaren (im Kunstgewerbe-Museum zu Köln
und im German. Museum zu Nürnberg) erhaltene Fläschchen
dessen reifenförmige, hohle Ausbauchung durch Einstülpen
der unteren Hälfte der Blase in die obere entstanden ist.
Einen Anhalt für die Datierung (und die Lokalisierung an
den Niederrhein) dieser aus schlechter, schlieriger Masse
hergestellten grünen Fläschchen bietet ihr Vorkommen auf
dem Tod der Maria (Köln, Wallraf-Richartz-Museum Nr. 442)
vom Meister des Todes Mariä, der bis etwa 1540 gearbeitet hat.
Unter den Henkelkrügen bildet im 16. und 17.
Jahrh. die bauchige, vom Steinzeug her bekannte Form die
Regel (Abb. 99); Bauch und Hals meist durch umgelegte
Glasreifen gegliedert und oft mit Nuppen verziert. Erst im
18. Jahrh. wird die plumpe, glattzylindrische Form des
heutigen Bierseidels herrschend, wenn sie auch in vereinzelten
Exemplaren bereits früher vorkommt (Abb. 107, links).
Neben diesen Haupttypen hat aber die unerschöpfliche
Phantasie und die Scherzlaune des trinkfrohen deutschen Re-
naissancezeitalters eine Unmenge von kuriosen Gläserformen
geschaffen, die mit den der gleichen Absicht entsprungenen,
bizarren Arbeiten der deutschen Goldschmiede und Zinn-
gießer erfolgreich wetteifern. Sämtliche größeren Samm-
lungen besitzen derartige phantastische Stücke, die als Will-
komm zu besonderen Gelegenheiten, für die Zunftstuben
oder auch für feststehende Kneipgebräuche geschaffen waren
(Abb. 81). An Tieren wurden Bären (mit abnehmbaren
Köpfen), Pferde, Schweine, Mäuse, Fische, Vögel u.a. ge-
bildet, ferner Trompeten, Hörner, Dudelsäcke, dann Fässer,
Stiefel, Damenschuhe, Tabakspfeifen, Szepter, Dreizacke,
Pistolen usw. (Viele Beispiele in Schr. 534.) Großer Be-
liebtheit erfreuten sich die den silbernen Exemplaren nachge-
Die Formen.
Flaschen.
Tat:
Krüge,
Scherzgläser.
(Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
Links ein Kuttroli.
Deutsche Scherz- und Vexiergläser des 16. bis 17. Jahrh.
Abb. 81.
154 Das deutsche Glas.
bildeten gläsernen Jungfrauenbecher; ja bei der urwüchsigen
Derbheit damaliger Sitten ist es nicht verwunderlich, auch
Trinkgefäßen in Phallusform (z. B. im National-Museum zu
München, im Österreich. Museum zu Wien und in Görlitz)
zu begegnen.
Auch die Vexierkrüge und -gläser jeglicher Art spielen
eine nicht unbedeutende Rolle 75) (Abb. 81, Mitte). Der-
artige Stücke fest zu datieren und zu lokalisieren ist nur in
seltenen Fällen möglich, da sie in ganz Deutschland und vom
16. Jahrh. an bis weit ins IS. Jahrh. hinein hergestellt worden
sind.
Noch einmal sei wiederholt, daß alle diese deutschen
Gläser in der Farbe der Masse sehr stark unter einander dif-
ferieren.
Formen unter venezianischem Einiluß.
Das weitere Bekanntwerden venezianischer Gläser und
die Gründung von Venezianerhütten in Deutschland selbst
übte seit dem 17. Jahrh. auf die deutsche Glasfabrikation
eine so starke Wirkung aus, daß neben den althergebrachten,
einheimischen Formen nun auch andere, den welschen ange-
ähnelte Gläser entstanden. Wirkliche, täuschende Nach-
ahmungen venezianischer Gläser konnten natürlich nur in
den Hütten gearbeitet werden, die durch italienische Werk-
leute das Geheimnis der Zusammensetzung des venezianischen
Natronglases besaßen, z. B. in den Hütten von Köln, Kassel,
München, Landshut, Dessau usw.; die übrigen, d.h. die
überwiegende Mehrzahl der deutschen Glashütten blieb bei
der Herstellung des aus einheimischen Rohprodukten ge-
wonnenen Kaliglases. Lag nun hierin schon ein grundsätz-
licher Unterschied, so hatte das an die verhältnismäßig
schweren, derben Trinkgefäße gewöhnte deutsche Publikum
im allgemeinen kein Interesse an den übersubtilen, unendlich
leichten und meist relativ kleinen Gläsern der venezianischen
Botegen. Daher blieb die Nachahmung auf ein äußerliches
Nachbilden der Formen beschränkt.
Besonders kommt im 17. Jahrh. in Deutschland nun
auch das hohe Stengelglas in Mode. Der Schaft selbst
nimmt die gehäuften, durch kleine Scheibchen getrennten
Kugelprofile der venezianischen Barockgläser an, der Fuß
wird zu einer flachen Scheibe mit umgeschlagenem Rand
ausgearbeitet, und die Kuppa bekommt eine mehr oder
weniger elegante Kelchform (Abb. 82). Der entscheidende
Unterschied aber ist der, daß mit geringen Ausnahmen die
Baluster-, Kugel- und Stangenglieder des Schaftes aus mas-
sivem Glas geformt werden, während man sie in Venedig
hohl blies. Ferner aber begnügte man sich meist nicht mit
(wnosnw-agJsamasjsuny “uILIag) "yager "SI— "ZT puejipsynaq 'wasunsaızıoA UOWONUNya3 yım oydeujsyaaq pun 1asejsyopay 78 "dgV
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Fu
156 Das deutsche Glas.
der klaren, ruhigen Silhouette des Kelches, sondern bereicherte
ihn — analog einer Gruppe Venezianer Barockgläser (s. Abb. 43)
— durch Anschmelzen gekniffener Zacken am unteren Teile,
die sich dann auch auf dem Deckel, oft auch auf der Fußplatte
wiederholen. Auch die zylindrischen, meist auf drei massiven
Kugelfüßen ruhenden Becher werden so dekoriert.
Derartige gekniffene Verzierungen haben sich in ganz
Deutschland, aber auch z. B. in Lüttich, wo ja mit hessischen
Hüttenleuten gearbeitet wurde, der größten Beliebtheit er-
freut, nicht nur im 17. Jahrh., sondern auch noch im IS. Jahrh.,
als der modische Geschmack schon längst nur die
geschliffene und geschnittene Ware achtete. Für die ein-
fachen Volkskreise sind die überreichen, gekniffenen Schmuck-
formen immer weiter hergestellt worden; neben Trinkgläsern
findet man häufig Deckelnäpfe mit obenauf sitzendem Vogel
(Abb. 82 links), durchbrochene Körbe, Leuchter, Wasserbaro-
meter, Weihwasserbecken und ähnliches.
Ganz freigehalten von diesem Dekorationsübermaß hat
sich nur eine Glashütte, die in oder dicht bei Nürnberg im
17. Jahrh. bestanden haben muß, da sie allein das Rohglas
zu der Veredlungsarbeit der Nürnberger Glasschneider lieferte.
Die Gläser dieser Hütte zeigen die Leichtigkeit und Eleganz
der venezianischen Vorbilder vereinigt mit dem kräftigeren
und voluminöseren Ideal des deutschen Glases. Nachdem
man im Anfang des Jahrhunderts neben Nachbildungen von
venezianischen und Haller Kelchgläsern mächtige zylindrische
Humpen auf kurzem, balusterförmigem Fuß hergestellt hatte
(Beispiele in Schr. 539), ging man gegen 1650 dazu über,
hochgestielte Pokale zu arbeiten, deren Schaft aus mehreren
hohlen Kugel- bzw. Balustergliedern mit zwischengesetzten
Scheiben bestand (Abb. 130). Die breiten Kelche wurden
häufig aus grünem, blauem oder violettem Glas geblasen,
ebenso die hochgewölbten Deckel und die flachen Fußplatten.
Möglich, daß diese formal elegantesten deutschen Barock-
gläser auch auf die Produktion der böhmisch-schlesischen
und andern Glashütten des 17. Jahrh. ihren Einfluß ausgeübt
haben. Bald nach 1700 hat diese Hütte den Betrieb ein-
gestellt oder ist, der veränderten Mode folgend, zur Her-
stellung des schweren Kreideglases übergegangen.
Barockformen. Die Emailgläser. 157
Die deutschen Emailgläser.
Die deutsche Emailmalerei auf Hohlglas geht auf vene-
zianische Vorbilder zurück, und zwar speziell auf die im
16. Jahrh. für den Export nach Deutschland gemalten Wap-
pengläser. Bis etwa 1550 war der Bedarf an solchen ganz
in Venedig gedeckt worden. Der erste positive Hinweis auf
deutsche Emailmalerei findet sich in der auf S. 122 erwähnten
Zahlung an Augustin Hirschvogel (von 1548 in Wien). Fünf
Jahre später wird auch dem Maler Albrecht Glockenthon
für auf Glas geschmelzte Wappen vom Hofzahlamt in Wien
ein Betrag angewiesen. Das Unternehmen der Nürnberger
Töpfer Nickel und Reinhard sowie Hirschvogels mit der-
artigen Arbeiten in Zusammenhang zu bringen, geht, wie
bereits ausgeführt, nicht an. Es handelt sich hier vielmehr
sicher nur um Gelegenheitsschöpfungen in Anlehnung an
venezianische Wappenmalereien. Auch die dazu benutzten
Gläser werden in Murano geblasen worden sein, wie das auch
sicher der Fall ist bei den beiden ältesten erhaltenen datierten
Arbeiten mit deutscher Malerei: den Bechern mit Pfalz-
Lützelsteiner Wappen von 1553 in Berlin (Abb. 83) und
Stuttgart (Sammlung vaterländischer Altertümer). Fraglich
bleibt die Heimat des Materials oft noch bei späteren Stücken,
so z. B. bei dem schönen, 1566 datierten Knaufpokal des
Mich. Ludw. von Freiberg (German. Museum), dem Stangen-
pokal des Jerg Paiser und der Felizita Schneweisin von 1568
(S. Kens. Museum) und bei den mehrfach erhaltenen Bechern
des Phillip von Oyrll von Hertzogen Busch vom Jahre 1591.
Im übrigen aber waren viele der deutschen Glashütten
kurz nach der Mitte des 16. Jahrh. technisch so weit fort-
geschritten, daß sie ein klares, vielfach leicht rauchtopas-
farbenes Glas herstellen konnten und auch die Schmelz-
farbenmalerei genügend beherrschten.
Spärlich setzte diese Malerei in den 1550er Jahren ein,
wuchs aber von 1570 an zu einer gewaltigen Industrie, die
ihre Blütezeit im 17. Jahrh. hatte, in beschränktem Maße
durch das 18. Jahrh. sich neben den geschnittenen Gläsern
hielt und, zurückgedrängt in ländliche Betriebe, während der
ersten Hälfte des 19. Jahrh. erlosch.
Bis in den Beginn des 17. Jahrh. streiten zwei Pokal-
formen um die Herrschaft: der nach oben sich verbreiternde
Becher mit Fuß (Abb. 95) und der zylindrische Walzen-
humpen, der entweder nur einen umgelegten Fußreif oder
ebenfalls einen selbständigen Fuß besitzt. Der formlose, oft
bis zu gewaltiger Größe gesteigerte Walzenhumpen läuft
jedoch bald dem in Venedig vorgebildeten Becher gänzlich
den Rang ab. Nach 1600 kommt diese Becherform nur noch
158 Das deutsche Glas.
selten vor; das späteste
Beispiel dürfte der Pokal
des Seb. Stockharner
von 1630 (German. Muse-
um) sein. Gern werden
auch Henkelkrüge und
Flaschen, besonders "die
Vierkantflasche, mit
Emailfarben bemalt; an-
dere Gläserformen sind
selten.
Während das für
diese Malerei benutzte
Glasmaterial in der zwei-
ten Hälfte des ı6. Jahrh.
meist leidlich hell, wenn
auch schwer und vonklei-
nen Bläschen durchsetzt
ist, schwankt es in der
Folgezeit zwischen tief-
grünen und wasserhellen
Abb. 83. Pokal mit Pfalz-Lützelsteiner Wappen Nüancen — je nach der
von 1553. (Berlin, Kunstgewerbe-Museum.) Leistungsfähigkeit der
einzelnen Hütten.
Über das Niveau desrein Handwerklichen sich erhebende
Malereien sind kaum vorhanden, wenn auch die Durchschnitts-
leistungen recht sauber ausgeführt sind. Der Wert der mit
undurchsichtigen, glänzenden Farben aufgetragenen Male-
reien, die in der relativ geringen Hitze des Kühlofens auf die
Oberfläche des Glases eingebrannt wurden, liegt weniger in
der Zeichnung als in der kräftigen dekorativen Farbwirkung.
1. Die Darstellungen.
Der Darstellungskreis der Emailgläser ist beschränkt.
Freie Erfindungen gehören zu den größten Seltenheiten;
meist handelt es sich um hundertfältig wiederholte Vorwürfe,
die dem handwerklichen Maler durch Holzschnitte oder
Kupferstiche vermittelt wurden. Da abgesehen von den für
bestimmte Personen oder Körperschaften gemalten Wappen -
gläsern fast gar nicht auf Bestellung gearbeitet wurde, war
man auf die Massenherstellung von Fabrikaten angewiesen,
deren Absatz durch die Gemeinverständlichkeit und volks-
tümliche Beliebtheit ihrer Malereien von vornherein gewähr-
leistet war.
Wie bereits erwähnt, besteht der Schmuck der frühesten
Emailgläser in Wappenmalereien.
Die Darstellungen der Emailgläser. Wappenmalereien. 159
Zu Anfang war es
der Adel und das kauf-
kranken Batrıziac der
Städte, die solche Gläser
bestellten, bald aber be-
teiligte sich auch der
kleine Bürger, Handwer-
ker und Bauer daran.
Bei den niederen Stän-
den hielt sich die Freude
an den Wappengläsern
bis weit ins IS. Jahrh.
hinein, während die
Gunst des vornehmeren
Publikums schon am
Ende des 17. Jahrh. sich
den geschliffenen und
geschnittenenGläsern zu-
gewendet hatte.
Neben den einfachen
Wappen mit Namens-
beischrift treten sehr
bald reichere Malereien
auf: Figuren mit den
Handwerksemblemen des
Besitzers halten das
Wappen; Darstellungen
aus dem Wirkungskreise
des Bestellers, wie das
Schlachten des Ochsen
beim Fleischhauer, das
Aderlassen und Rasieren
beim Bader, das Glas-
blasen beim Glasmacher IR N N
. . umpen Ss agdebu 5
er wercen angebracht, kapitels. en (?) um al Bean Kunst-
und vielfach begegnet Sewerke-Museuan)
man, besonders in der ;
zweiten Hälfte des17. Jahrh., einer den Epitaphien nachgebil-
deten Aufreihung sämtlicherFamilienmitglieder: auf einer Seite
des Wappens der Vater mit den Söhnen, auf der andern Seite die
Mutter mit den Töchtern — auch den bereits verstorbenen (Abb.
IOI, rechts). Von den Familiengläsern ist nur ein Schritt zu
den Gläsern mit Wappen der Zünfte oder anderer Korpora-
tionen und Vereinigungen, wie etwa den für das Magde-
burger Domkapitel (Abb. 84) zwischen 1592 und 1608, oder
den für die Halloren (Abb. 108 u. 109) im 17. und 18. Jahrh.
hergestellten Humpen.
160 Das deutsche Glas.
ER
Abb. 85. Reichsadlerhumpen von 1684 (sächsisch) und 1593 (böhmisch?). (Berlin,
Kunstgewerbe-Museum.)
Große Inschriften mit den Namen der Dargestellten,
deren Figuren nie einen Anspruch auf Porträtähnlichkeit
machen, begleiten gewöhnlich die Malereien. Über die mit
den sächsischen Wappen geschmückten Hofkellerei-
gläser wird später gehandelt werden.
Der beliebteste Vorwurf für größere Humpen war der
Reichsadler mit den Quaternionenwappen auf den
Flügeln. Fast um die ganze Mantelfläche des Glases breitet
ein Doppeladler seine Schwingen (Abb. 85 u. 86). Die ge-
krönten Köpfe des Adlers sind von einem Heiligenschein
umgeben, auf seiner Brust liegt der Kruzifixus auf oder der
Reichsapfel. Bis gegen 1590 begegnet man fast durchgängig
der Darstellung des Gekreuzigten, der auf der Rückseite des
Glases das entsprechende Symbol des alten Testaments, die
eherne Schlange, hinzugefügt ist. Dann aber wird der für
den handwerklichen Maler leichter zu bewältigende Reichs-
apfel beliebt, während die Schlange auf der Rückseite einer
Die Emailgläser. Reichsadlerhumpen. 161
Maiblumenstaude oder kleinen Füllornamenten Platz macht.
Reichsadlergläser mit Kruzifix aus dem 17. Jahrh. sind sehr
selten; nur nach der Beendigung des Dreißigjährigen Krieges
scheint man sich noch einmal flüchtig dafür erwärmt zu haben.
Die ausgebreiteten Flügel des Adlers sind mit einem fest-
stehenden System von Wappen, den sogenannten Quaternio-
nen, bedeckt. Auf dem oberen Rande des (heraldisch) rechten
Flügels sind die Wappen der »Potestat (Potestas) zu Rom«
sowie die der drei geistlichen Kurfürstentümer Trier, Köln
und Mainz aufgemalt, auf dem linken Flügel die Wappen der
4 weltlichen Kurfürstentümer Böhmen, Pfalz, Sachsen und
Brandenburg. Auf den 12 langen Schwungfedern liegen je 4
Wappen auf, deren Gattungsbegriff durch ein unten daran
hängendes Inschriftband gekennzeichnet wird. Und zwar
rechts, von der Mitte zu nach außen: die 4 »Seill« (Säulen
oder Herzöge 7°)): Braunschweig, Bayern, Schwaben, Loth-
ringen; die 4 »„Marggraven«: Mähren, Brandenburg, Meißen,
Baden; die 4 »Burggraven«: Nürnberg, Maidburg (Magde-
burg), Reineck, Stromberg; die 4 »Semper freien« (Frei-
herren): Limburg, Westerburg, Thusis, Alwalden; die 4 »Stett«
(Städte): Augsburg, Metz, Ach (Aachen), Lübeck; die 4
»Baurn«: Cöln, Regensburg, Costnitz (Konstanz), Salzburg.
Links von der Mitte an sind aufgemalt: die 4 »Vicari«: Bra-
band, Nieder Sachsen, Westerreich, Schlesien; die 4 »Landt-
graven«: During (Thüringen), Edelsaß (Elsaß), Hessen,
Leuchtenberg; die 4 »Graven«: Cleve, Saphoy (Savoien),
Schwarzburg, Zilli,; die 4 »Ritter«: Andelau, Weißenbach,
Frauenberg, Strundeck; die 4 »Dörffer«: Bamberg, Ulm,
Hagenau, Schlettstadt; die 4 »Birg« (Bürger): Magdeburg,
Lützelburg, Rotenburg, Altenburg. — Die Orthographie der
Namen ist sehr schwankend. Oben ringsherum oder auf der
Rückseite steht: »Das heilig Römisch Reich mit sampt seinen
Gliedern« oder andere Varianten dieses althergebrachten
Titels. Von erhöhter Krone ausgehende Flammen um-
züngeln die Außenseiten der Flügel.
Die Gliederung des Reiches nach derartigen Quaternionen
ist eine symbolische Spielerei, die niemals irgendeinen realen,
verfassungsmäßigen Hintergrund gehabt hat. So existiert
denn auch — abgesehen von den hohen Titeln, wie Herzog,
Landgraf usw., die aber nicht nur den vier in der Quaternionen-
ordnung angeführten zukommen — heute von den Titulaturen
als »Semper Freien«, Bürgern, Dörfern usw. nichts mehr;
Reminiszenzen haben sich nur im Titel des Fürsten von
Schwarzburg als »Viergraf« und in dem alten Sprichwort vom
»Kölnischen Bauern« erhalten.
Die früheste literarische Erwähnung des Quaternionen-
systems findet sich in der um 1460 verfaßten Schrift »de
Schmidt, Glas. II
162 Das deutsche Glas.
imperio romano« des Peter
von Andlau 77); sie wird mit
mehrfachen Varianten wei-
tergeführt biszum Ende des
16. Jahrh.
Bildliche Darstellungen -
existieren ebenfalls mehrere:
die weitläufigste, mit wap-
pentragenden Figuren, in
Hartmann Schedels Welt-
chronik (Nürnberg, 1493),
Blatt 184; die übrigen zeigen
das von den Gläsern her
bekannte Adlermotiv. Noch
dem 15. Jahrh. gehörtan ein
Holzschnitt des Albertus
Könlen in der Marienbiblio-
thek zu Halle a. S. Diesem
bis auf kleine Details in der
Zeichnung nachgebildet ist
derin Johan Koelhoffs yCro-
nica van der hilliger : Stat
van Coellen« (1499) auf
S. 137 abgedruckte Holz-
schnitt. Auf diesen Blättern
wie auch in allen literari-
schen Quellen bis zu der
von Joh. Peter Zwengel
1571 in Frankfurt gedruck-
ten Aufzählung fehlen die
Vicari, die Bürger und die
Potestas zu Rom. Ferner
tritt von dem Blatte des
Könlen an Bayern an die
Stelle der "Pfalzz(bersden
Herzögen), und von 1571
an bei den Rittern Weißenbach an die Stelle von Meldingen.
Die volle Reihe der I2 Quaternionen findet sich endlich
auf den Holzschnitten, die den Glasmalern als Vorbilder
gedient haben. Zwei Exemplare davon sind erhalten. Das
eine, von dem Formschneider David de Necker in Augsburg
gedruckt, befindet sich im Herzogl. Museum in Gotha (Abb.
im Jahresbericht des Hamburg. Museums für 1906, S. 90);
das andere, im Besitze des Kgl. Kupferstichkabinetts in
Berlin (Abb. 87), hat die Bezeichnung »Gedruckt zu Leiptzig
bey Nickel N. F.«, d.h. bei Nickel Nerlich, Formschneider,
von dem u. a. eine Darstellung der Schlacht bei Lepanto von
Abb. 86. Reichsadlerhumpen mit Kruzifixus
von 1649. (Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
Die Emailgläser. Reichsadlerhumpen. 163
u;
4
ey Bitel DB.
<
Dx
Abb. 87. Reichsadler-Holzschnitt (koloriert) von Nickel Nerlich, Leipzig um 1570.
(Berlin, Kupferstichkabinett.)
1571 existiert. Beide Holzschnitte unterscheiden sich nur
in ganz geringfügigen Kleinigkeiten; welchem von ihnen die
Priorität zukommt, läßt sich nicht entscheiden. Um das
Jahr 1570 müssen sie — oder wenigstens einer von ihnen —
entstanden sein, da der 1571 datierte früheste Adlerhumpen
(Brit. Mus., Slade-Coll. Nr. 836) danach gemalt ist. Die
»Potestas zu Rom«, manchmal unverstanden »Bottenstat
Rom« genannt, fehlt von nun an niemals, ist aber wohl nur
aus Symmetriebedürfnis vom Holzschneider eingefügt worden,
um den vier weltlichen Kurfürsten links auch vier geistliche
Wappen rechts gegenüberzustellen.
Eine Menge anderer Quaternionengruppen, die in einigen
der literarischen Quellen auftauchen, interessieren hier nicht.
Aufmerksam aber sei gemacht auf eine Verwechslung, die
vielen Glasmalern passiert ist: In der Reihe der Burggrafen
stehen untereinander Nürnberg und Maidburg. Das Wappen
des Burggrafen von Maidburg (Magdeburg) ist aber dem der
Stadt Nürnberg, das in den Quaternionen nicht vorkommt,
sehr ähnlich. Nun haben die Glasmaler sicher an einen Fehler
des Holzschneiders geglaubt und haben daher dem Magde-
burger Burggrafenwappen die Überschrift »„Nürnberg« ge-
Tore
164 Das deutsche Glas.
Der une A Sohn all Fran Ormadt, a
she Lane den Zeutichland wait, EB aa. x In Res Erin eff |
Soeherr sn ol atachr Dino dn en Lira ir, Jernacb de ls genf Dip dann Kann ;
AuhLarmikla dirdgankdranderud, SW dANN ar Hader jr thüc- SE en
& Dasmap der Ersbfnory sa Ihrinr, Fam Chrfurftliche Hang fan, ee a
ar via? Node nung. u 2a (Or San re = {
EIS) a Deka ja Bid “
8 AASENEOR er 2.4
en wahre SEEN ae
Abb. 88. Der Kaiser und die 7 Kurfürsten. Holzschnitt von Hans Vogel, Augsburg
2. Hälite 17. Jahrh. (Berlin, Kupierstich-Kabinett.)
geben, wogegen das ihnen nicht geläufige Wappen des Nürn-
berger Burggrafen dann die Beischrift »„Maidburg« bekam.
Diese Verwechslung ist etwa bei der Hälfte aller erhaltenen
Adlerhumpen zu konstatieren. Zur Frage der Lokalisierung
der Gläser ist dieser Fehler allerdings ebensowenig zu ver-
wenden wie die oft beträchtlichen Unterschiede in der Zeich-
nung.
Ganz für sich stehen zwei Humpen (in Hamburg von
1671 und in Frankfurt von 1685), bei denen auf der Brust
des Adlers Porträts von Kaiser Leopold usw. aufgemalt sind,
sowie ein Humpen von 1614 im Darmstädter Museum, bei dem
die Quaternionen nicht von oben nach unten, sondern horizon-
tal auf die Flügel aufgelegt sind. Mehrfach kommen auf
Adlerhumpen Initialen, Hausmarken oder Namen vor, dssen
Deutung jedoch unmöglich ist.
Der Kaiser und die 7 Kurfürsten ee
auf zweierlei Weise gemalt. Die eine Darstellung — der
Kaiser sitzt auf dem Thronsessel, rechts und links von ihm
stehen die Kurfürsten — geht wiederum auf einen Holzschnitt
zurück, der mit geringen Abweichungen nach der S. 162 ge-
nannten Ilustration in Schedels Weltchronik kopiert ist. Ein
Exemplar dieses von Hans Vogel in Augsburg geschnittenen
und gedruckten Blattes bewahrt das Berliner Kupferstich-
kabinett (Abb. 88). Das frühest datierte Glas dieser Art (im
Die Emailgläser. Kurfürstenhumpen. 165
Wiener Hofmuseum, von
1591) richtet sich genau
nach dem Holzschnitt,
läßt aber die erklärenden
Verse weg. Auf den
übrigen Stücken fehlen
diese Verse nie, dagegen
ist stets der Thron ver-
ändert und darüber ein
großer Baldachin mit der
Jahreszahl angebracht
(s. Abb. 89). Diese
Darstellung scheint sich
nur einer kurzen Beliebt -
heit erfreut zu haben,
denn sie kommt nach
1605 kaum noch vor.
(Ein Unikum besitzt die
Löwenburg bei Kassel
in einem 1625 datierten
Humpen, der den Kaiser | FOR iin aPP sven omidenail
und die Kurfürsten sit- Y 8 ae
zend unter Bogenstel-
lungen zeigt; darunter
Rollwerkornament, hin-
ten ein Doppeladler.)
Die andere Variante
dagegen ist sehr häufig
und lange hergestellt
worden. Hier sind Kaiser
und Kurfürsten um ZUWel Abb. 89. Kurfürstenhumpen. Böhmen 1597.
Zonen übereinander zu (Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
Pferde in getrennten
Feldern oder unter Bogennischen dargestellt (Beisp. in
Schr. 531).
Kleine Gläser schmückte man wohl auch mit dem Bildnis
eines einzelnen Kurfürsten; eine beigeschriebene Zahl beweist,
daß es sich dabei ursprünglich um eine Serie, also um ein
ganzes Service von 8 Gläsern, handelte. Das graphische Vor-
bild für diese reitenden Kurfürsten ist bisher nicht bekannt
geworden, doch ist an seiner Existenz nicht zu zweifeln.
In diesem Zusammenhang mögen einige Malereien politi-
schen Inhalts erwähnt werden; so die Allegorie auf
dem West!älischem Nrieden (Abb, No, Mkiese)
mit langen Inschriften auf der Rückseite, die bis 1654 gemalt
wurde, sowie das mehrfach erhaltene Reiterbildnis
Gustav Adolfs von 1634 (gutes Exemplar in Schr. 531),
166 Das deutsche Glas.
das auch in Verbindung
mit dem Porträt Johann
Georg I. von Sachsen
vorkommt (Leipzig). Im
ganzen aber spielen die
Politik und auch son-
stige Zeitereignisse keine
Rolle in den Emailmale-
| reien. Gläser wie die
4; | mit Porträts sächsischer
TEMPLN "| Herrscher (FesteKobursg,
205 | Brit. Museum und ehem.
ar | Sammlung Campe), oder
die auf die Einweihung
des Dresdner Schieß-
hauses bezüglichen ste-
hen ‚sehr vereinzelt da.
Im Anfange des 18.
Jahrh. hat karl
von Schweden einige
Glasmaler so begeistert,
daß sie sein Bildnis auf
Pokalen angebracht ha-
ben. So in Weißmalerei
auf einem Becher von
Abb. 90. Schraubflasche mit Wappen und drei zus Breslau. ®
Kardinaltugenden nach V.Solis. Böhmen 1606. Religi Se Motive
(Berlin, Kunstgewerbe-Museum.) finden sich dagegen
häufiger. "Des Sragie
vator und dire Apostel, Fzusammenswodesseie
zeln, zu Servicen bestimmt, waren sehr beliebt (Schr. 532).
Seltener sind die 4 Evangelisten, und nur als Einzelstücke,
und zwar meist aus relativ früher Zeit, kommen biblische
Darstellungen vor. So Adam und Eva (1607, Leip-
zig), die Verspottung Noahs (1579, Prag), die Verkündigung
(Ende des 16. Jahrh., Prag), der Bethlehemitische Kinder-
mord (1596, Breslau), Anbetung der Könige (1578, Prag und
1604, ehem. Sammlung Campe), Christus und die Samariterin
(1650, ehem. Sammlung Lanna, und 1652, S. Kens. Mus.),
Einzug in Jerusalem (1590, Österr. Mus., Wien), Abendmahl
(0. D., Brit. Mus.). Der Hauptgrund für die Seltenheit dieser
Darstellungen wird darin liegen, daß solche mehrfigurigen
Kompositionen an die künstlerische Begabung des Malers
größere Ansprüche stellten und daher von den handwerk-
lichen Kopisten geläufigerer Motive gemieden wurden.
Es schließen sich an, Allegeorien, wie die vier
Kardinaltugenden...die hause 2, Br Alımseiner
Die Emailgläser. Biblische und allegorische Darstellungen. 167
gen
Er EST
s SPES 7. FORHTVDO -2- TEMPERANCIA |
R >
& on) a * xy
E %
Abb. 91. Die 8 Tugenden. Kupferstich von V. Solis (B. 198).
Flasche mit Schraubverschluß von 1606 (Abb. 90), nach
dem Stich des Virgil Solis (Abb. gr), aber auch nach andern
Vorbildern, so auf dem Krug von 1643 (Abb. ıo1, links),
gemalt wurden, ferner die vier Jahreszeiten sowie
verschiedene Varianten der Lebensalterfolgen
(Abb. 97), deren eine auf die Holzschnittfolge des Form-
schneiders I. R. (Passav. IV, pag. 334) zurückgeht (Abb. 92).
Auch die vier Vertreter von Lehrstand, Wehrstand, Nähr-
stand und Zehrstand kommen vor (von 1612, Privatbesitz).
Die beiden prächtigen Humpen mit Hochzeitstän-
zern in Frankfurt (Kunstgewerbe-Museum, von 1586) und
Köln (o. D., Abb. 93) zeigen den Charakter der Blätter des
Jost Amman. Ebenfalls auf Vorbilder von Amman oder
Solis sind zurückzuführen die vielen Jagddarstellun-
een, die sich großer Beliebtheit erfreut haben (Beisp. in
Schr. 532). Ein Gebiet, das hauptsächlich in den letzten
Jahren des 16. Jahrh. gepflegt worden ist (meist auf kleinen
Bechern und Krügen), ist die Tierfabel, besonders die
Fabel von der Hinrichtung des Fuchses durch die Gänse.
Zu den Seltenheiten gehören, analog den biblischen Dar-
stellungen, reichere, mehrfigurige Genrebilder.
Das früheste Glas dieser Art ist ein Humpen von 1572
(Wien, Österr. Mus.), auf dem eine nackte Frau gemalt ist,
zwischen deren Beinen ein Fuchs hindurchspringt. Eben-
falls erotischen Inhalts ist die Geschichte vom Narr, der
Jungfrau und den drei Edelleuten auf einem Pokal von 1599
(Wien, Sammlung Figdor), die » Jungfrau Wollust« von 1625
(Breslau, abgeb. bei v. Czihak, S. 108) sowie die Schlüsselloch-
szene auf einem Glase von 1694 (German. Museum). Als be-
sonders interessant mögen hier noch genannt sein der »Cor-
nelius« (ebenda; aus Sammlung Thewalt), der in drastischer
Weise die Leiden des verschuldeten Studenten erzählt, ferner
das »Lob der Faulheit« (von 1621 in Koburg und von 1623
im Cluny), mit saufenden und betrunkenen Kriegsknechten,
und ein sehr guter Pokal mit zechenden Kumpanen, tanzenden
Bauern und Spielleuten von 1609 (Wallace Collection, London).
168 Das deutsche Glas.
Abb. 92. Holzschnitte aus einer Lebensalterfolge des Formschneiders I.R. (Vgl.
dazu Abb. 97.)
Im 18. Jahrh. war es sehr beliebt, Kartenblätter,
besonders den Eichelunter und den Grünunter mit den Bei-
schriften »Ich steche dich« und »Ich fürchte mich nicht« auf
Stangengläsern anzubringen, gewöhnlich in Verbindung mit
einigen emaillierten Reifen, die das Glas zum Paßglas machten.
(Beispiele in Schr. 532.)
Endlich finden sichnoch Ansichten vonStädten,
Schlössern usw., besonders im 17. Jahrh., aber bei
weitem nicht so häufig, wie sie auf den geschnittenen Gläsern
des 18. Jahrh. anzutreffen sind. Am meisten sind derartige
Malereien für die Kellereien sächsischer Schlösser bestellt
worden (s. u.).
Eine Gruppe für sich bilden einige kleine zylindrische
Becher von 1657 (im German. Museum und im Österr. Mu-
seum), die für die Nürnberger Patrizierfamilie Kress mit den
Ansichten ihrer Besitzungen Retzelstorff und Krafftzhof 7)
bemalt worden sind. Die kräftigen Malereien sind etwas
rohe Seitenstücke zu den delikaten Schwarzlotmalereien
Schapers, die um diese Zeit in Nürnberg aufkamen.
Schließlich sind noch zwei geschlossene Gruppen von
Gläsern zu erwähnen: die Fichtelberger Gläser mit
ihrer schematischen Ansicht des Fichtelgebirges (s. S. 185)
und die Hallorengläser, die eine Ansicht der Stadt
Halle a. S., meist allerdings nur in radiertem Gold, über den
figürlichen Emailmalereien tragen (s. u.).
Das sind die hauptsächlichen Typen der deutschen
Emailgläser, die durch mehrere Generationen hindurch
immer wieder mit nur geringfügigen Varianten wiederholt
wurden.
Unmöglich ist es, auf die unendlich vielen Inschriften
näher einzugehen, die, teils in pedantisch-lehrhafter Art, teils
“
Die Emailgläser. Ansichten von Städten, Schlössern usw. 169
infrischer, dem Zweck
des Glases angepaß-
ter Trinklaune, teils
auch in urwüchsiger
Derbheit die Darstel-
lungen begleiten.
Der sonstige ma -
lerische Schmuck der
Gläser besteht in
Blumenornamenten;
besonders beliebt sind
stilisierte Maiblumen-
stauden, aber auch
andere Ranken mit
bunten Blumen. Nie-
mals fehlt die dicht
unterdemLippenrand
angebrachte horizon-
tale Borte, die aus
bunten Punktreihen,
Rosetten, Strichen
usw. zusammenge-
setzt ist und gewöhn-
lich auf eine dünne
Unterlage von Blatt-
gold aufgemalt ist.
Diese Borte geht zu-
rück auf die venezi-
anischen Emailgläser
des 15. und I6. Jahrh.
Kreise, Rosetten und
Sterne aus bunten
Emailpunkten und
Blattgold werden zur
Füllung der Rück-
seite und der Zwi-
schenräume häufig
verwendet.
Abb. 93. Humpen mit Hochzeitstänzern. Böhmen
um 1590. (Köln, Kunstgewerbe-Museum.)
2. Die Heimat der Emailgläser.
Wie bereits erwähnt, beginnt die deutsche Emailmalerei
auf deutschem Glas in den 50er Jahren des 16. Jahrh.
Durch die ganze bisherige Glasliteratur ist die Notiz
Ilges (S. 106) geschleppt worden, daß im Speisesaal der
Franzensburg in Laxenburg ein Reichsadlerhumpen von 1547
stünde. Diese Angabe muß von vornherein zweifelhaft er-
TO: Das deutsche Glas.
scheinen, da von den Hun-
derten erhaltener Adler-
humpen der älteste da-
tierte die Jahreszahl 1571
besitzt, also 24 Jahre
später entstanden ist.
Nun hat auch eine An-
frage bei der Schloßhaupt-
mannschaft von Laxen-
burg ergeben, daß ein
solches Glas dort nicht exi-
stiert und auch nach den
Inventaren nicht existiert
hat. Es liegt also sicher
ein Irrtum Ilgs vor 79). —
Anders steht es mit einem
kleinen, 1527 datierten
Wappenglas in Sigmarin-
gen. Dies Glas ist seiner
unwahrscheinlichen Jah-
reszahl wegen meist mit
Mißtrauen angesehen oder
direkt für falsch erklärt
worden. Eine genaue
Untersuchung hat aber
ergeben, daß es zweifellos
echt ist; da die Malerei
nicht venezianisch, son-
dern sicher deutsch ist,
bleibt keine andere Mög-
lichkeit übrig, als daß es
sich bei der Jahreszahl um
ein Versehen oder, wahr-
scheinlicher, um ein Er-
Abb. 94. Humpen mit Wappen der Grafen S
v. Ortenburg und Freiherrn v. Spaur. Bay- innerungsdatum handelt.
rischer Wald 1556. (München, Nat-Mus). Falsch dagegen ist sicher-
lich er Becher mit Haus-
marke, H. R. und 1556 im Bayrischen Gewerbe-Museum zu
Nürnberg.
Bayrischer Wald.
Das älteste, in Material und Bemalung deutsche Glas
dürfte daher der 1556 datierte Stangenpokal mit Wappen
der bayrischen Grafen von Ortenburg und der Freiherren von
Spaur im Bayrischen National-Museum sein, (Abb. 94; der
abgebrochene Fuß ist durch Metallfassung ersetzt)... Die
Die Heimat der Emailgläser. Bayrischer Wald. 171
Spaur, ein aus Tirol
stammendes Ge-
schlecht, waren in
Bayern ansässig.
Schloß Ortenburg
liest ganz nahe bei
Passau, und Passau
gegenüber mündet die
Nosdesene Ralzden
natürlichen Zugang
bildet zu den drei
Hohlelashütten im
Bayrischen Wald, die
Apian 1566 aufzählt.
(Reichenberg am Ab-
hang des Rachels,
Schönau unter dem
Lusen und eine an-
eleRes üben der
Lebrach.)
Gewiß muß man
mit dem Lokalisieren
allein durch Wappen
sehr vorsichtig sein,
trotzdem aber sei die
Hypothese der Ent-
stehung des Orten-
burger Glases im Bay-
rischen Wald hiermit
aufgestellt, zumal aus
den folgenden Jahr-
zehnten weitere Gläser
existieren, bei denen Abb.95. Humpen mit Wappen derer von Tettenbach
man dieselbe Her- und Hautzenberg. Bayrischer Wald 1603. (Berlin,
kunftsvermutung ha- Kunstgewerbe-Museum.)
ben darf. Zwei Stan-
gengläser von 1572 auf Schloß Stolzenfels z. B. weisen
die vereinten Wappen der ÖOrtenburg, Fugger-Kirchberg
und Schenk von Limburg auf. Ein Glas in Faßform von
1588 hat die Wappen der Anna von Freidenbergk, geb.
von Druppach (Hannover, Kestner-Museum); die Freiden-
berg sind alter bayrischer Adel, die Trupbach stammen aus
Oberfranken. Endlich sei verwiesen auf das 1603 datierte
Glas der Berliner Sammlung, das die Wappen der bayrischen
Familien von Tettenbach und von Hautzenberg besitzt
(Abb. 95). Hautzenberg ist ein Marktflecken »vorm Wald«s,
d.h. am Bayrischen Wald.
172 Das deutsche Glas.
Böhmen-Schlesien.
Für Böhmen fließen die Quellen, in gleichzeitigen
Berichten und in erhaltenen Gläsern, am reichlichsten.
Die erste sichere urkundliche Bestätigung der Email-
malerei in den nordostböhmischen Hütten der Gegend von
Kreibitz und Falkenau geben die Verzeichnisse der Fabrikate,
die im Frühjahr 1602 in der kurbrandenburgischen Glashütte
Grimnitz bei Joachimsthal hergestellt worden sind. Dieser
sonderbar erscheinende Umweg erklärt sich daraus, daß der
Kurfürst Joachim Friedrich in Kreibitz Glasarbeiter, und
zwar 5 Glasergesellen, I Maler, 2 Aschenbrenner und
2 Schürer anwerben ließ, mit deren Hilfe die Grimnitzer Hütte
1602 in Betrieb gesetzt wurde, so daß man also von den
Grimnitzer Arbeiten einen sicheren Rückschluß auf die böhmi-
schen Fabrikate machen kann. In dem Warenverzeichnis
erscheinen, abgesehen von den unbemalten Hohlgläsern und
Scheiben, die natürlich den Hauptanteil ausmachten, kleine
und große gemalte Gläser, Willkommen, sehr viel adelige und
gemeine Wappengläser, »Schiltgleser« (wohl Reichsadler-
humpen), »Fürstenluntzen« (Kurfürstenhumpen; Luntz ist
gleichbedeutend mit Pokal oder Humpen, vgl. den Jagd-
humpen inKöln mit derInschrift » Ig bin die Luntz genand ....«),
»Landsknechte«, » Jungfern«, »Salvator«, »Apostel Luntz«,
ferner »Apostell (I Satz)« und »Altergleser« (wohl Lebens-
altergläser) 8°).
Die Bedeutung des Reichsadlerhumpens für die Kreibitzer
Gegend auch noch in späterer Zeit geht aus den Statuten
der Kreibitzer Glasarbeiterinnung von 1669 hervor, in denen
als Meisterstück u. a. gefordert wurde, »des heiligen römischen
Reichs Adler sammt seinen Gliedern in anderthalben Tagen
mit Farben zu verfertigen«, und ferner »die sieben freien
Künste aus eigenem Kopfe und freier Faust auf Papier zu
entwerfen« (Schebek, S. 267). Denselben Wortlaut haben
die für die Herrschaft Bürgstein, besonders für Blottendorf
und Falkenau, im Jahre 1683 verfaßten Zunftregeln, während
es in den Steinschönauer Statuten von 1694 nur noch allge-
mein heißt, daß, wer Meister werden will, yaus eigener Kunst
wohlgestaltete Figuren selbsten entwerfen und gut abzeichnen«
und »auch sein Gewerb sonsten wohl verstehen« muß. Das
kann sich aber auch schon auf die Glasschneider beziehen,
denen nach einem Statutenkonzept aus der Mitte des IS. Jahr-
hunderts in Kreibitz als Meisterstück das Schneiden des
Reichsadlers aufgetragen wurde, während für die Glasmaler
nur noch von den sieben freien Künsten die Rede ist.
Den genannten Orten des nordöstlichen Böhmens ist
jedenfalls die Hauptproduktion der emaillierten Gläser vom
16. bis 18. Jahrh. zuzuschreiben.
Die Emailgläser. Böhmen. 173
Böhmen 1594.
(Prag, Kunstgewerbe-Museum.)
Scheiben mit dem Wappen der Jona von Wartenberg und mit der Figur des Salvator.
Abb 96.
Daß auch die südböhmischen Hütten sich an der Hohl-
glasmalerei beteiligt haben, geht aus einem Warenverzeichnis
der Wilhelmsberger Glashütte bei Gratzen hervor (Mares,
S. 166 ff.), in dem für die Jahre 1608 und 1612—-1614 eine
beträchtliche Anzahl Gläser mit einem oder zwei Wappen
von drei Malern aufgeführt wird. Hier scheint man die
Wappengläser besonders bevorzugt zu haben; denn außer
174 Das deutsche Glas.
diesen ist in den ganzen
vier Jahren nur ein Kur-
fürsten- und ein Lebens-
alterglas hergestellt wor-
den, und kein einziger
Reichsadlerhumpen, wie
aus den genauen Aufstel-
lungen klar zu ersehen ist.
Von den erhaltenen
Gläsern mit Emailmale-
rei ist eine ansehnliche
Zahl böhmischen Hütten
zuzuschreiben. Die
frühesten sicher böhmi-
schen Stücke sind zwei
Rundscheiben im Prager
Museum, die neben der
Jahreszahl 1579 das
Wappen des Albrecht
von Kolobradt und das
eines Fleischers besitzen.
Aus demselben Jahre
stammt der mit ttschechi-
scher Inschrift versehene
Lobkowitzhumpen in
ER, E
Abb. 97. Lebensalterhumpen. Böhmen Ende Raudnitz ): dem sich
16. Jahrh. (Berlin, Kunstgewerbe-Museum.) zeitlich das vor 1582 ent-
standene Glas des Wra-
tislav von Pernstein 8)
anschließt. Auch das undatierte, aber sicher frühe Glas mit
Wappen der Wartenberg (im Besitze des Grafen Buquoy) 83)
gehört hierher. Es folgen: Wappenglas des H. Petrzwaldsky
und der Libussa von Waldstein von 1592 (im Besitze des
Grafen Berchtold in Buchlau) %); Glas mit Wappen der
Doubravic und Waldstein von 1593, zwei kleine Rund-
scheiben mit dem Wappen des » Jona Herr von Wartenbergk
1594« und mit der Figur des »Salvator« (Abb. 96), Humpen
mit Wappen der Wostrowski und Vranowsky von Doubravic
von 1598 8), Pokal mit Wappen der Waldstein und Thurn
von 1610 8°) (sämtlich im Prager Museum) u. a.
Also eine stattliche Anzahl früher Wappengläser zum Teil
bester Qualität, die auf einen leistungsfähigen Betrieb
schließen lassen.
Aus der erwähnten Rundscheibe mit der Figur des Sal-
vator von I594 kann man nun weitere Schlüsse ziehen. Auch
wenn man berücksichtigt, daß die Figur jedenfalls nach einem
Holzschnitt gemalt ist, dem Emailmaler also nicht die
Wen”
a ih
——
Die Emailgläser. Böhmen. 175
Erfindung zuzuschrei-
ben'-ist, kann "man
doch aus der besonde-
ren Art der Gesichts-
zeichnung, der Anlage
der Falten, der In-
nenzeichnung, der
Wiedergabe des Bo-
dens, der Farbenwahl
usw. eine gewisse
Norm, einen Typus
konstruieren, der auf
einer großen Reihe
anderer Gläser wie-
derzufinden ist. So
muß die ganze Gruppe
der Pokale mit dem
sitzenden Kaiser und
stehenden Kurfürsten
(Abb. 89) durch die
Analogie mit dem
Salvator nach Böh-
men lokalisiert wer-
den. Weiter ent-
stammt derselben
oder eng verwandten
Hütten beispielsweise
aus der Berliner
Sammlung der nach
den, S. 168 abgebilde-
ten Holzschnitten ge-
malte Lebensalter-
humpen (Abb. 97)und
das 1608 datierte Glas
des Simon Koler
(Abb. 98), das ein Abb. 98. Humpen des Simon Koler. Böhmen 1608.
genaues, nur durch (Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
die Namensinschrift
»Nicolaus Welhamer« verändertes Seitenstück im Bayr. Ge-
werbe-Museum (Nürnberg) besitzt. Derselben Hand ist ein
Humpen mit Bergleuten und dem Wappen des Samuel Prager
von 1609 im Frankfurter Kunstgewerbe-Museum zuzu-
schreiben, sowie ein gleichfalls mit Bergmannsfigur und
Wappen bemaltes Glas von 1609 in Weimar. Die Tätigkeit
dieser Werkstatt ist bis mindestens 1616 zu verfolgen, welches
Datum der stattliche Humpen des Hieronimus Fischscher
(S. Kens. Museum) mit 12 Bildern der Böttcherarbeit trägt.
176 Das deutsche Glas.
Frühere, dieser Gruppe sehr nahestehende Arbeiten sind außer-
dem noch die Schraubflasche mit den 3 Kardinaltugenden
nach Virgil Solis von 1606 (Abb. 90) sowie — wegen der abso-
luten Übereinstimmung der seitlichen Blumenstauden mit
den Blumen des Simon-Koler-Glases — die 1596 datierte
Flasche mit dem brandenburgischen und pommerschen
Wappen in Berlin (Schr. 531; ein identisches Exemplar in
Schloß Babelsberg).
Ein Versuch, aus der Besonderheit dieser Blumenstauden
— meist symmetrischer Maiglöckchenstengel mit bunten, in
eine umgerollte Spitze auslaufenden Blättern — lokale
Schlüsse zu ziehen, wird in den meisten Fällen allerdings
scheitern, da diese Dekoration mit geringen Varianten sich
schnell über viele deutschen Hütten verbreitet hat. Ebenso
tragen auch, mit wenigen, später zu erörternden Ausnahmen,
die bunten Punktborten am oberen Rande der Gläser nicht
allzuviel zur Aufklärung über die Orte der Entstehung bei.
Wir werden sehen, daß dieselben Borten auch auf hessischen,
brandenburgischen und andern Gläsern anzutreffen sind;
immerhin kann man als Norm aufstellen, daß in den böhmi-
schen Hütten mit Vorliebe die zwei aus bunten Punkten be-
stehenden Borten verwendet wurden, die aus Abb. 97 und 98
zu ersehen sind.
Auch von allen andern Gattungen sind natürlich viele
Stücke den böhmischen Hütten zuzuschreiben, so besonders
von den Reichsadlerhumpen, bei denen jedoch, trotz großer
Verschiedenheit in der Qualität und in der Ausführung der
schmückenden Zutaten, eine sichere Lokalisierung am aller-
wenigsten möglich ist.
Eine böhmische Spezialität vom Ende des 16. Jahrh.
scheint das Umlegen von Glasbändern mit reliefiertem Quader-
muster, besonders als Fußrand, gewesen zu sein. Eine ganze
Reihe derartiger Arbeiten, zum Teil aus tiefblauem Glase,
sind in den Londoner Sammlungen erhalten, weitere Stücke
in Hamburg, Koburg, Köln usw. Meist sind sie mit Kostüm-
figuren, Jagdbildern und Tierfabeln in der für Böhmen typi-
schen Stilisierung und Farbgebung bemalt und tragen häufig
auf der Mantelfläche noch aufgesetzte Beerennuppen.
Auch die Mehrzahl der bauchigen, ebenfalls vielfach
blauen Henkelkrüge scheint den böhmischen Hütten zu
entstammen; auch hier sind Tierfabeln sehr beliebt, daneben
werden breite Rankenborten aufgemalt, oder der ganze Bauch
wird mit weißen Schuppen bedeckt, in denen reihenweis ver-
schiedenfarbige Punkte liegen. Zuweilen wird aus ihnen ein
Medaillon mit einem Kriegerbrustbild ausgespart. Die Krüge
(gute Exemplare u. a. in den Museen von Berlin (Abb. 99),
Frankfurt a. M., Prag, Amsterdam und im S. Kens. Museum)
Die Emailgläser. Böhmen. er
stammen fast durchweg aus
den 1590er Jahren. Auch
die mehrfach erhaltenen
blauen Teller mit meist
weißen Ornamenten, roten
Krebsen u.a. sind in dieser
Zeit entstanden.
Die beiden vorzüglich
gemalten Humpen mit Hoch-
zeitstänzerpaaren in Köln
(Abb. 93) und Frankfurt a.M.
— der letztere mit dem Da-
tum 1586 — gehören der Fein we
Malerei, der Farbgebung und =
der Rankenborte nach eben-
falls zu den oben gekenn-
zeichneten böhmischen Ar-
beiten.
Ferner ist der böhmische
Ursprung mehrerer Gläser
durch Inschriften ihrer Ver-
fertiger sichergestellt.
Das Breslauer Museum
besitzt ein Henkelkännchen
(sogenannte Kuffe), das außer
einem aus vollrunden blauen Abb. 99. Henkelkrug mit Emailmalerei.
und gelblichen Perlen be- Böhmen 1598. (Berlin, Kunstgewerbe-
stehendem Dekor hinten die ns)
übliche bunte Maiblumen-
staude, vorn ein Wappen, die Jahreszahl 1617 und eine
Dedikation des Glasmalers Georg Wander aus Friedrichs-
walde besitzt (Abb. bei v. Czihak, Fig. 26). Die Glashütte
Friedrichswald bei Reichenberg war um 1600 gegründet
worden. — Ein Henkelkrug mit Darstellung der Ma-
donna auf der Mondsichel im Prager Museum zeigt neben
dem Wappen der Schürer die Inschrift: »Simon Gotfreidt
Schürer vom Waltheimb Glashütten Meister zu Falkaw«
sowie eine Widmung an einen Raudnitzer Glockengießer vom
Jahre 1647. Die Familie der Schürer von Waldheim nimmt
in der Geschichte der böhmischen Glasindustrie den ersten
Platz ein; die Hütte in Falkenau war schon um 1530 von
einem Paul Schürer gegründet worden. Ein anderes Mit-
glied der Familie, Florentinus, hat 1667 einen Kurfürsten-
humpen der ehemaligen Sammlung Campe signiert. Ob der
Humpen mit Darstellung der Glashütte Zeilberg und Wid-
mung des Christian Preussler an den Freirichter Casper Steiner
zu Volperszdorf von 1680 (Museum Prag; Abb. im Führer,
Schmidt, Glas. 12
178 Das deutsche Glas.
Taf. 21) wirklich in Böhmen entstanden ist, bleibt vorläufig
fraglich; denn Ortschaften mit dem Namen Wolfersdorf gibt
es nicht nur in Südböhmen (bei Gratzen) und in Nordböhmen
(bei Böhmisch Leipa), sondern auch in Schlesien im Kreise
Sprottau und im Eulengebirge (das letztere schreibt sich
noch heute Volpersdorf und hat am Ende des I8. Jahrh.,
wenn nicht früher, eine Glashütte besessen); auch ist die
Familie Preussler nicht nur, wie der Führer des Prager Mu-
seums sagt, in den verschiedenen Teilen Böhmens tätig ge-
wesen, sondern ganz vornehmlich in Schlesien, dessen Glas-
industrie sie ebenso beherrschte wie die Schürer die der
böhmischen Hütten. Ein Christian Preussler ist überdies
gerade in der fraglichen Zeit (1677) Hüttenmeister zu Schwarz-
bach im Kreise Lauban gewesen. Im übrigen ist ein Streit
um die Heimat dieses Pokals ziemlich müßig, da bei dem
fortwährenden Hin- und Herwandern der Glasmacher ein
wesentlicher Unterschied zwischen dem Glas von Böhmen
und Schlesien, die damals ja auch politisch noch zusammen -
gehörten, nicht bestanden hat.
Der Dekor mit aufgesetzten gelblichen und blauen
Perlen (selten kommen noch andere Farben hinzu) ver-
bunden mit radierten Blattgoldauflagen, wie ihn die Wander-
kuffe zeigt, scheint allerdings in der Hauptsache eine böhmi-
sche Spezialität gewesen zu sein. Am häufigsten sind kleine
zylindrische Becher und Henkelkuffen mit diesem Schmuck.
(Beispiele in Schr. 532.)
Ein in einer Senkgrube in Prag ausgegrabener kleiner
Henkelkrug (Prag, Städt. Museum) weist eine breite, in
braun und gelb gemalte, schwarz konturierte Rankenborte
auf, die ganz identisch oder sehr ähnlich in bunten
Farben auf vielen großen Gläsern des 17. Jahrh. vorkommt.
Diese Borte zeigt der oberste Humpen in Abb. 106; andere
Exemplare im Österr. Museum in Wien, Krug von 1663;
Sammlung des Grafen Buquoy, Krug von 1637 87); Zwickau,
Altertumssammlung, Adlerhumpen; Babelsberg, Humpen mit
Darstellung eines Vogelschießens usw. Der Prager Fund
macht die Entstehung dieser Gläser in böhmischen Hütten
sehr wahrscheinlich.
Durch eine andere, aus weißen dünnen Ranken mit
zwischengesetzten bunten Blüten bestehende Borte wird eine
weitere Gruppe von Gläsern für Böhmen festgelegt. Dazu
gehört ein Henkelkrug mit den vier Evangelisten von I61O in
Prag, der Humpen mit der » Jungfrau Wollust« von 1625
in Breslau (Abb. bei v. Czihak, S. 108) und ein Humpen im
Bayr. Gewerbe-Museum, der I61I1 von dem Glasmaler Mar-
tinus Hofemann in Krompach verschenkt worden ist. —
Die Emailgläser. Böhmen. Schlesien. 179
Krombach liegt auf der böhmischen Seite des Lausitzer Ge-
birges, nur wenig östlich von Falkenau.
Schließlich besitzt das Prager Museum eine große Zahl
Gläser mit weißer, schwarz-, teilweise auch blaugestrichelter
Emailmalerei meist aus späterer Zeit, für die jedenfalls Böh-
men als Heimat in Betracht kommt; daß diese Gattung aber
nicht auf Böhmen beschränkt war, beweist z. B. der Humpen
des Hans Heinrich Seyfert, Lustgärtner in Warmbrunn von
1694 (Breslau).
Wie bereits erwähnt, sind die Produkte Schlesiens
kaum in nennenswerter Weise von den böhmischen unter-
schieden; einen leidlich bestimmten Anhalt können auch hier
nur Wappen und Inschriften geben. Die Tatsache, daß der
Ritter Hans von Schweinichen in der zweiten Hälfte des
16. Jahrh. ein mit seinen acht Wappen gemaltes Glas in Sagan
kaufte (für die Summe von 6 Talern), läßt erkennen, daß die
Maler nicht nur auf den Hütten im Gebirge arbeiteten, son-
dern auch unabhängig von diesen in den Städten ansässig
waren. So wird man auch vermuten können, daß das 1594
entstandene Fadenglas des Hans Engelhardt (s. S. 140),
dessen Familie von 1455 bis 1623 im Breslauer Rat saß,
sowie die mit dem Breslauer Stadtwappen geschmückten
Gläser von 1596 und 16.4 (Museum Breslau) in der schlesi-
schen Hauptstadt selbst bemalt worden sind. Aus der
Schreiberhauer Hütte stammen zwei in Privatbesitz befind-
liche Gläser (vgl. v. Czihak, S. 103), das eine mit dem Namen
des Wolfgang Preussler von 1626, das andere, ein Riesen-
humpen, mit genauer Darstellung der Glashütte, der männ-
lichen Mitelieder der Familie Preussler und ihrer Gesellen von
1727. — Die Fassung der Inschrift auf einem für das Schuh-
macherhandwerk in Beuthen a. ©. 1701 gefertigten Humpen
(Feste Koburg) läßt darauf schließen, daß die Malerei an
Ort und Stelle entstanden ist.
Aus den im Waldenburger Gebirge durch die Preussler
gegründeten Hütten werden die viele gemeinsame Merkmale
aufweisenden Humpen der Waldenburger Fleischerinnung
(Museum Breslau) stammen, ebenso wie viele opak bemalte
Rundscheiben (ebenda) Zeugnis ablegen von der Glasfabrika-
tion und -malerei in der Grafschaft Glatz.
Beim Fehlen größerer, genereller Unterscheidungsmerk-
male muß man sich mit dieser Aufzählung von Einzelstücken
begnügen. Daß Schlesien einen starken Anteil an der Pro-
duktion emaillierter Gläser gehabt hat, unterliegt keinem
Zweifel.
180 Das deutsche Glas.
Franken, besonders das Markgrafentum Bai-
reuth (Kreußen und Fichtelgebirge).
Im Verlauf des 17. Jahrh. tritt auf dem Gebiete des
Emailglases neben Böhmen-Schlesien eine andere deutsche
Landschaft stark in den Vordergrund: die um das Mark-
grafentum Baireuth als Zentrum sich gruppierenden ober-
pfälzischen, fränkischen und thüringischen Länder. Zwischen
den einzelnen Gegenden klar abzugrenzen ist unmöglich;
einen festen Anhaltspunkt gibt die große Gruppe der Fichtel-
berger Gläser ab, die in dem zu Baireuth gehörigen Fichtel-
gebirge entstanden sind. Weiter bieten für die Bestimmung
bemalter Gläser eine sehr wichtige Parallele die emaillierten
Steinzeugkrüge, die ebenfalls auf Baireuther Gebiet, in dem
etwa 2 Stunden südlich der Hauptstadt gelegenen Kreußen,
gefertigt wurden.
Es kann kein Zufall sein, daß eine durch ihre farbige Er-
scheinung und durch ihre Ornamentik fest geschlossene Gruppe
von Emailgläsern gerade in der Zeit aufkommt, in der die
Kreußener Krugindustrie voll entwickelt ist, also im zweiten
Drittel des 17. Jahrh., und daß sich ganz klare Analogien
zwischen den Erzeugnissen dieser Krugmalerei und jenen
Gläsern konstatieren lassen.
Die Anregung zur Emailmalerei mag von den frühen
böhmischen Gläsern ausgegangen sein; bald aber gingen die
Krug- und Glasmaler des westlichen Gebietes ihre eigenen
Wege, und die Vermutung, daß die Bemalung beider Materia-
lien zum Teil an demselben Orte, also inKreußen selbst,
stattgefunden hat, ist nicht von der Hand zu weisen.
Der typische Schmuck der Mehrzahl der Kreußener
Krüge besteht in emaillierten Reliefauflagen, welche die Fi-
guren der Apostel, Planeten, Kurfürsten, Jagddarstellungen
u.a. aufweisen. Daneben aber steht eine kleinere Gruppe
von Krügen mit glatter, nicht reliefierter Wandung, die
kräftige Emailmalereien ganz in der Art der Glashumpen
trägt. Die besten Beispiele dafür sind der Krug mit den
Allegorien der fünf Sinne von 1627 in Berlin (Schr. 313), der
Krug des Hafners Johann Wellner von 1628 (Prag; Abb. i.
Aukt.-Kat. Lanna Teil I, Taf. 76), der Krug mit Figuren
und Wappen von Baireuther Markgrafen von 1643 (Köln,
Sammlung Oppenheim; Abb. 100), die Schraubflasche mit
Wappen und Figur des Markgrafen Christian von 1651
(Weimar, Goethe-Museum) und der Krug mit Darstellung
der Familie Vogell von 1675 (Köln, Sammlung Oppenheim).
Ferner kommen häufig Wappen, dann auch die beliebte Dar-
stellung des Pelikan, Kreuzigungsgruppen u. a. vor. Als Füll-
ornamente treten die großen, symmetrisch angeordneten Mai-
Die Emailgläser. Hramkan. Kreußen, 181
Abb. 100. Kreußener Steinzeugkrug mit Figuren von Baireuther Markgrafen
1643. (Köln, Sammlung Oppenheim.)
blumenstauden mit bunten Blättern auf, sicher unter Ein-
fluß böhmischer Glasmalereien, weiter kleine Maiblumen-
stengel mit grünen Blättern, sowie geometrische, aus Email-
tropfen zusammengesetzte Punktornamente. -'
Besonders kehren eine weiße Punktrosette und eine aus
verschiedenfarbigen Punkten, Spiralschnörkeln und vier-
eckigen Blattgoldstückchen gebildete Figur auf den Krügen
immer wieder. Alle diese Elemente begegnen nun ebenso
und noch viel häufiger auf bemalten Gläsern. Die oben ab-
schließende, bei den Krügen meist aus einem breiten Relief-
band gebildete Borte wird dagegen bei den Gläsern ersetzt
durch einen breiten weißen Emailfries, dessen gewöhnliche
182 Das deutsche Glas.
Bestandteile durcheinandergeschlungene Flachbogen und
Rundzackenspitzen sind. (Vgl. Abb. 101, links und Mitte.)
Natürlich kommen auch reichere und ärmere Varianten vor,
Kombinationen mit bunten Linien und Punkten u. a. m.
Die charakteristischste Gattung dieser fränkischen
Gläsergruppe (vfränkisch« als Kollektivbegriff gebraucht)
sind die zur Erinnerung an den Westfälischen Frieden ge-
malten Humpen (Abb. 101, Mitte). Im Gegensatz zu den
böhmischen Gläsern zeichnen sich die fränkischen Arbeiten
durch eine Bevorzugung lichter Töne aus. Das Weiß domi-
niert sehr stark; daneben steht viel Gelb und helles Blau.
Wie die böhmischen Kurfürstenhumpen, so sind auch diese
von 1650 bis 1654 hergestellten Friedensgläser in einer
Werkstatt gemalt, und zwar dürfte das dieselbe Werkstatt
sein, aus der die Krüge mit den Figuren der Baireuther
Markgrafen hervorgegangen sind, also vermutlich Kreußen.
Das Glasmaterial dieser Pokale ist von sehr verschiedener
Beschaffenheit; nie aber hat es den ins Rauchtopasfarbene
gehenden Stich der meisten böhmischen Fabrikate. Jeden-
falls stammt es von den benachbarten Hütten des Fichtel-
gebirges.
Sehr beliebt sind in Franken die Säulenstellungen mit
flachen Bögen aus glatten Bändern oder Laubwerk gewesen.
Der Henkelkrug mit den vier Kardinaltugenden von 1643 in
Berlin (Abb. 101, links; ein identisches Exemplar von 1664
im Brit. Museum) zeigt dies Motiv; ebenso u. a. auch viele
der Humpen mit reitenden Kurfürsten aus den I650 er Jahren,
der Pokal des Hans Blochberger von 1647 in München (Bayr.
Nat.-Mus.) und schließlich auch wieder der Kreußener Krug
von 1643 bei Baron Oppenheim (Abb. 100). Auch Reichs-
adlerhumpen gehören nach Ausweis der typischen Randborte
in diese fränkische Gruppe (zwischen 1630 und 1675), ferner
Wappengläser wie der Pokal mit dem Wappen von Reuß
im German. Museum, und vor allem eine große Zahl von
Gläsern mit Familiendarstellungen in der Art der Epitaphien.
Diese durch den Steinzeugkrug der Familie Vogell von 1675
(Sammlung Oppenheim) und den der Familie Schmidt von
1686 (German. Museum) auch für Kreußen festgelegte Gattung
zeigt mehrere Varianten, so daß man verschiedene, wohl auch
räumlich getrennte Örtlichkeiten für sie in Rechnung bringen
muß. So weist der in Abb. IOI rechts wiedergegebene Hum-
pen der Familie Döbrich von 1676 eine Besonderheit auf in
einer zart radierten Goldranke in der Mitte der oberen Borte,
die fast genau so auf einem Glase mit drei Kavalierfiguren
von 1656 (German. Museum) und auf dem Humpen der
Glasmacherfamilie Müller von 1654 (Prag) wiederkehrt.
Zwar ist die Familie Müller für verschiedene süd- und west-
183
Kreußen.
Franken.
Die Emailgläser,
NN
(
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“IL sop Jos
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[Spemg oyosıyuerg °TOL "dgY
| N,
184 Das deutsche Glas.
böhmische Hütten nachzu-
weisen, aber auch für das
Fichtelgebirge und für
Thüringen (Lauscha), und
die Form fast aller dieser
Gläser mit ihrer mehr oder
weniger starken Ausbau-
chung des gedrungenen
Körpers und dem breit aus-
ladenden, meist hohlen Fuß-
reif spiicht für die Zuge-
hörigkeit zu derfränkischen
Gruppe, ganz abgesehen
von den Vergleichspunkten,
die dieMalerei bietet. Die
in Böhmen so häufige Form
des gradwandigen, hohen
Stangenglases scheint da-
gegen in Franken wenig ge-
bräuchlich gewesen zu sein.
Sehr wahrscheinlich in frän-
kischen Hütten entstandene
Familiengläser sind die des
Caspar Nentwich von I641
Abb. 102. Humpen mit Kavalieriiguren.
Franken 1656. (Berlin, Kunstgewerbe- (Frankfurt a M.) der Fa-
.M.),
M b 10
a) milien Auer von 1654
(Sammlung Emden, Kat.-
Nr. 986), Epperlin von 1655 (Köln), Wildmaister von
1664 (Leipzig), Schall von 1671 (Köln) und Queck von 1678
(Brit. Mus., Slade-Coll. Fig. 235). Natürlich muß man sich
hüten, nun alle Familiengläser nach Franken zu lokalisieren;
in Böhmen, in Schlesien, in Hessen und anderswo sind sie
ebenfalls zahlreich hergestellt worden, ebenso wie die Humpen
der Zünfte und Innungen.
Derselben Werkstatt wie die Westfälischen Friedens-
gläser gehört an das Glas mit Reiterfigur und Wappen des
kulmbachischen Kriegsrats Wolf Sigmund von Lüchau zu
Donndorf (bei Baireuth) von 1641 (München: Abb. i. Aukt.-
Kat. Lanna Teil II, Taf. 66), ferner das Glas mit den Figuren
Joh. Georgs I. von Sachsen und mehrerer anderer sächsischer
Fürsten von 1656 (Brit. Museum, Slade-Coll. Fig. 236) und
das im selben Jahre entstandene Glas mit drei sehr flott ge-
malten Kavalierfiguren in Berlin (Abb. 102). Auch das
ebenda befindliche Glas mit Gustav Adolf von 1634 und
das gleichzeitige Glas mit den Figuren Gustav Adolfs und -
Joh. Georgs I. (Leipzig) hat man als frühe Beispiele dieser
Gruppe zu betrachten. Endlich sind auch die auf S. 168 er-
Die Emailgläser. Franken. Fichtelgebirge, 185
wähnten Becher der Nürnberger Familie Kress hier anzu-
schließen.
Für eine Beteiligung Nürnbergs an dieser Art der opaken
Emailmalerei fehlt jeder Nachweis (vgl. aber S. 208). Gläser
mit Nürnberger Wappen dieser Zeit sind, mit Ausnahme
eines kleinen Bechers mit dem Nürnberger Stadtwappen von
1662 (Leipzig), nicht vorhanden. Das ist auch nicht ver-
wunderlich, wenn man bedenkt, daß seit den 1650 er Jahren
Schaper und seine Nachahmer dort die künstlerisch weit be-
deutenderen Schwarzlotmalereien ausführten (s. u.) und daß
in derselben Zeit durch die Schwanhardt, Schwinger u. a.
Künstler der Glasschnitt als modernste Errungenschaft der
Glasveredlung sich eingebürgert hatte wie nirgend sonst. Und
das Kapitel »Auf Fichtelberger Art das Glass mit allerhand
Farben zu mahlen«, das im 2. Teile der 1696 in Nürnberg
anonym erschienenen »Curieusen Kunst- und Werck-Schul«
mitgeteilt wird, zeigt deutlich, daß man diese Kunst dort als
etwas Fremdes ansah. Es weist aber auch darauf hin, daß da-
mals das Fichtelgebirge als Ursprungsort emaillierter
Gläser bekannt war, was durch anderweitige Nachrichten und
durch erhaltene Gläser bekräftigt wird.
Die leistungsfähigsten Glashütten des Fichtelgebirges
lagen in der Nähe von Bischofsgrün. Urkundlich genannt
wird daselbst bereits 1561 ein Glashüttenmeister Michael
Glaser, dessen Familie dort auch weiterhin ansässig bleibt.
1601 lebt in Bischofsgrün ein Glasmaler Lorenz Glaser; ein
anderer Michael Glaser erscheint 1616, und auch der später
zu erwähnende Joh. Christoph Blasser wird vermutlich ein
Sproß dieser Familie sein. (Die Umwandlung des G in B
ist nichts Ungewöhnliches.) Als Glasmaler sind ferner tätig
Christoph Hock (1615) und Stephan Greiner (aus Lauscha,
1616), weiter seit dem Ende des 16. Jahrh. die Familie Wan-
der(er) 8) sowie die ebenfalls auch in Lauscha ansässigen
Müller und von der Lausch 89).
Die frühesten, sicher den Fichtelberger Hütten zuzu-
weisenden Emailgläser aus den 1650er und 1660er Jahren
weisen in der Qualität der Malerei und in der Zeichnung des
Randornamentes einen engen Zusammenhang mit der eben
besprochenen Gruppe der fränkischen Gläser auf, so daß man
die Frage offen lassen muß, ob nicht viele dieser Arbeiten
etwa frühe Erzeugnisse der Bischofsgrüner Hütten sind. Bis
sich aber ein sicherer Beweis dafür findet, mag man für jene
den Kreußener Krügen analogen Gläser die allgemeinere Be-
zeichnung »fränkisch« bestehen lassen.
Die gemalte Darstellung des Fichtelgebirges macht die
Gläser der Bischofsgrüner Hütten sofort kenntlich (Abb. 103).
Auf der Kuppe eines steilen, bewaldeten Bergkegels ist ein
186 Das deutsche Glas.
N
Abb. 103. Fichtelberger Gläser von 1683 und 1737. (Feste Koburg.)
Ep
Ochsenkopf gemalt als Symbol der zweithöchsten, »Ochsen-
kopf« genannten Erhebung des Gebirges; zwischen den Bäu-
men sieht man Hirsche, Hasen und andere Tiere, dem Fuße
des Berges entströmen die vier Flüsse Eger, Saale, Main und
Naab (Symbole des Wald-, Wild- und Quellenreichtums).
Gewöhnlich umschließt den Berg eine Kette mit Hängeschloß,
womit auf die sagenhaften Gold- und Edelsteinschätze des
Gebirges hingewiesen werden soll. Manchmal erhebt sich
auf dem Gipfel eine Kirche oder ein brennendes Haus, und
bei einigen Exemplaren des 17. Jahrh. ist auf der Rückseite
eine eigenartige Allegorie aufgemalt: Christus auf der Welt-
kugel und neben ihm ein breitbeinig auf Sonne und Mond
stehender gekrönter Mann mit einem Schloß vor dem Mund
und mit zwei Zweigen in den Händen, die mit 7 Sonnen und
7 Monden besetzt sind. Lange Sprüche, die die geheimnis-
vollen Eigenschaften des Gebirges verherrlichen, vervoll-
ständigen den Emailschmuck.
Das früheste Fichtelberger Glas, von 1656 (Dresden
Hofkellerei), hat noch die typische weiße Borte der in Kreuße-
Die Emailgläser. Fichtelgebirge. 187
ner Art gemalten Humpen. In den 1660er Jahren wird die
Borte vereinfacht (Beispiel auf Taf. 79 des Kat. d. Sammlung
Emden); und im selben Jahrzehnt wird dann eine bäuerlich
derbe, von grellfarbigen (blauen, roten und gelben) Kreis-
segmenten und dicken Zapfen gerahmte Borte beliebt (Bei-
spiele in Prag: mit Ansicht des Berges und Bergmann in der
geöffneten Kuppe von 1669, sowie ein derselben Werkstatt
angehöriger Pokal mit Wappen des Bischofs Philipp Valentin
von Bamberg von 1667; auch der Deckel eines Reichsadler-
humpens von 1671 in Hamburg gehört hierher). Die bunten
Farben bleiben von nun an herrschend; die zarten weißen
Punktlinien der früheren Exemplare werden durch kräftige,
mehrfarbige Striche ersetzt, zwischen denen manchmal eine
Erinnerung an die früheren feinen Flachbogen in schwarzen
Linien auf gelbem (nicht mehr goldenem) Grund erscheint
(z. B. bei dem Hamburger Adlerhumpen von 1671 und einem
»Fichtelberger« in Koburg von 1683, Abb. 103, links). Auch
die Qualität der Malerei nımmt immer mehr ab. — Das
jedenfalls späteste Stück (Schloß Schwarzburg) trägt das
Datum 1768.
Einige durch besondere Darstellungen neben der Ansicht
des Gebirges interessante Exemplare seien noch genannt:
Ein Humpen von 1679 in Sigmaringen zeigt eine männliche
und weibliche Halbfigur mit der Widmung der Anna Maria
Klutichin an ihren »lieben Freundt Johann Wappert« (die
Figuren ganz in der Kreußener Art). Auf Schloß Hartenstein
(Erzgebirge) steht ein Humpen mit der Darstellung eines
Überfalles durch einen Bären, die sich auf ein Abenteuer
des Wunsiedeler Kantors bezieht 9%). Das German. Museum
bewahrt einen Humpen von 1688 mit dem Wappen der Herren
von Falkenstein; im Schloß Schwarzburg steht ein Humpen
mit der Bezeichnung: » Johannes Christophorus Blassern,
mille settecento deci« (1710), und von demselben » Joh. Chr.
Blasser von Bischofsgrün« ist 1737 ein schlankes, helles
Stengelglas bemalt (Feste Koburg) mit der üblichen Dar-
stellung des Berges, dem »Blasserischen Wappen« und der
Widmung »Vivat mein Herr Vetter, Stadt Haubtmann in der
Keysserl. Freyen Reichs Stadt Schweinfurth« (Abb. 103,
rechts). Die Form dieses Glases beweist, daß im 18. Jahrh.
auch die Fichtelberger Hütten dem Zwang der Mode folgten
und nicht nur die üblichen Walzenhumpen und Henkelseidel
herstellten.
Durch die Borte, die dick aufgetragenen, von Kreußener
Krügen entlehnten Spitzenornamente und den Charakter der
Malerei erweist sich auch ein Humpen mit Christus und den
vier Aposteln von 1708 (Prag) als Fichtelberger Arbeit, trotz-
dem er seiner Form nach in den Kreis der Hallorengläser
188 Das deutsche Glas.
(s. S. 200) zu gehören scheint. Bei einem Paßglase des
Bayr. National-Museums ist das Wappen des Markgrafen
Georg Friedrich Carl von Brandenburg-Kulmbach (1726 bis
1735) teilweise von innen hintermalt; da diese Technik auch
auf einem Fichtelberger Humpen im Berliner Kunstgewerbe-
Museum (Schr. 531) vorkommt, wird man die Heimat des
Münchener Glases im Fichtelgebirge oder in einer benachbarten
Hütte suchen müssen. Für die Kellerei der Plassenburg
(Bergfestung von Kulmbach) sind zwei kleine Becher aus
trübem, fleckigem Glase von 1686 und 1687 hergestellt (Schloß
Charlottenburg und München, National-Museum), die jedoch
für die Bischofsgrüner Hütten zu schlecht sind und jeden-
falls einer unbekannten Glashütte zwischen Fichtelgebirge
und Thüringen entstammen.
Thüringen.
Auf die vielfachen Beziehungen zwischen den Fichtel-
berger Glasarbeitern und denen von Thüringen, speziell von
Lauscha, ist bereits hingewiesen worden.
Einige sicher in Lauscha entstandene Gläser mit Email-
malerei haben sich erhalten.
So existiert nach der Lauschaer Festschrift ein Glas von
1601 mit Darstellung eines Ackermannes und einem Vers;
in Lauschaer Privatbesitz befindet sich ein Henkelkrug mit
Darstellung der Familie Müller von 1684 und ein Seidel des
Johann Greiner von 1720 mit dem Sündenfall 9"), und das
Österr. Museum in Wien besitzt einen kleinen konischen Becher
mit figürlicher, auf ein lokales Vorkommnis bezüglicher Dar-
stellung, langer Inschrift und der Angabe »Datum Lauscha
im Monath May 1712. HIA.« Die Randborte zeigt Ver-
wandtschaft mit den gleichzeitigen fränkischen Gläsern. In
Lauscha dürfte ferner entstanden sein ein figürlich bemalter
Humpen des »J. C. Scherer, Altenburgischer Forstmeister zu
Coburgk« von 1648 (Schloß Schwarzburg), dessen Borte eine
den fichtelbergischen zwar ähnliche, aber doch abweichende
Form in kräftigen bunten Farben besitzt; weiter ein Humpen
mit Jagddarstellungen, Wappen von Sachsen-Saalfeld und
Datum 1712 (Feste Koburg), in dessen Ornamenten besonders
Gelb und Rot vorherrscht; endlich ein »J. J. J. 1784« be-
zeichnetes Glas auf Schloß Schwarzburg, das dieselbe Dar-
stellung und denselben Spruch aufweist wie das Lauschaer
Glas von 1601 und außerdem wiederum eine auf Fichtelberger
Vorbilder zurückgehende Borte. Die Malerei aller dieser
Stücke zeigt keine allzu hohe Qualität, ebenso wie die sehr
häufig in Thüringer Sammlungen vorkommenden Hofkellerei-
gläser, die für Gotha (DE. S.R. E. S.< Fürstl.SachssRe;
Die Emailgläser. Thüringen. Hessen. 189
sidenz Friedenstein), Altenburg und Weißenfels (»Neu
Augustusburg«) hauptsächlich in den 1680 er Jahren her-
gestellt wurden und als Besonderheit auf der Rückseite
riesige, sehr bunte und komplizierte Sternornamente tragen.
Vorläufig kann man als Heimat für diese Stücke nur ganz
allgemein Thüringen nennen. Dasselbe gilt von dem »Schwarz-
burger Willkomm« von 1669 9%) sowie von der Mehrzahl der
Paßgläser mit aufgemalten Kartenblättern, bei denen man
von vornherein zu Altenburg, dem klassischen Lande des
Skatspiels, Beziehungen vermuten möchte. Andere solche
Paßgläser aber gehören der später zu besprechenden Gruppe
der sächsischen Kellereigläser an. Eine Eigenart, die schon
bei Fichtelberger Gläsern erwähnt wurde, tritt im Laufe des
18. Jahrh. auch bei den Erzeugnissen der Thüringer Hütten
auf: viele Gläser sind von innen und außen bemalt, meist so,
daß die weißen oder schwarzen Konturen auf der Außen-
wandung, die breiten bunten Farbflächen dagegen im Innern
liegen. Es gibt derartig behandelte Adlerhumpen (z. B.
3 Stück von 1740 auf Schloß Rudolstadt) und vor allem viele
schlichtere, mehr bäuerliche Gläser, die bis weit ins IQ. Jahrh.
hinein gearbeitet wurden und über ganz Thüringen ver-
breitet waren. Auch Milchglas wurde hier vielfach bemalt.
1822 bestanden in den Gebieten von Gotha, Meiningen
und Hildburghausen je zwei, im Weimarischen eine und im
Koburgischen vier Glashütten 9), über deren Produkte aller-
dings nichts bekannt ist, von denen aber sicher mehrere die
Emailmalerei noch gepflegt haben werden.
Hessen.
Über die Hütten im alten Landgrafentum Hessen, die sich
in der Hauptsache um Groß-Almerode im Kaufunger Walde
konzentrierten, die aber auch mit den Hütten im Spessart,
auf dem Eichsfeld, im Braunschweigischen (ein Teil des
Kaufunger Waldes mit Hannöversch-Münden gehörte im
16. und 17. Jahrh. zum Herzogtum Braunschweig-Kalen-
berg) usw. in Verbindung standen, ist bereits auf S. 131 das
Wichtigste gesagt worden.
Gegen Ende des 16. Jahrh. mag auch hier die Email-
malerei aufgekommen sein, möglicherweise durch Zuzug von
thüringischen und böhmischen Arbeitern. Um 1580 wurden
Glasarbeiter aus Schleusingen (Thüringen, Grafschaft Henne-
berg) nach Kassel gezogen, weil sie »viel ordentlichere und
artigere Ofen hatten, denn allhier unserer Gläsener Wald-
öfen«; und der sehr häufig vorkommende Familienname
Wentzel mag auf böhmische Einwanderung schließen lassen.
Jedenfalls sind die frühen, sicher hessischen Emailgläser nur
190 Das deutsche Glas.
schwer von den östliche-
ren Arbeiten zu unter-
scheiden, wenn sie nicht
bestimmte Merkmale be-
sitzen, die auf ihren Ur-
sprung in Hessen oder
seinerNachbarschaft hin -
weisen.
Nur wenige Stücke
dieser Art, die sich sämt-
lich in Hessen selbst, auf
der Löwenburg bei
Kassel, erhalten haben,
seien hier ewähnt: ein
Glas von 1602, das ein
Mathias Heinemann sei-
nem Schwager Frantz
Cunnelach verehrt hat
und das mit der figür-
lichen Darstellung der
ganzen Familie Cunne-
lach geschmückt ist.
Cunnelach ist natürlich
identisch mit Gundelach,
Gundlach, dem Namen
RB: einer der ae
== RI hessischen asmacher-
Zrrrernuasun E familien. Ein Humpen
ER IRERET FT des Joh. Senger mit den
Figuren der »Justicia«
und »Brudentia« von
1615 trägt das landgräf-
lich hessische Wappen.
Ein Jagdpokal ist 1616 für einen Förster Lampman in Spangen -
berg (südlich von Kassel) gemalt worden, und ein Wappenglas
1625 für den Salzgrafen Joh. Feige zu Allendorf (beim Soolbad
Sooden an der Werra). Alle diese Gläser haben eine der böhmi-
schen sehr ähnliche Borte, die jedoch durch ein Überwiegen
weißer Punkte sich auszeichnet. Außerdem ist das Material
von einer hellgrünen Färbung, die von dem meist rauch-
topasfarbenen Glas der böhmischen Hütten beträchtlich
absticht. ;
Hierher dürfte noch zu rechnen sein ein frühes Stangen-
glas mit komplizierter Randborte, das 1595 für die »Domina
zu Hilwardes Hausen« (= Hilwartshausen am Solling,
westlich von Einbeck) gemalt worden ist (Hannover, Kestner-
Museum).
72
WE
GE,
Abb. 104. Hessisches Hoikellereiglas von 1679.
(Kassel, Museum.)
Die Emailgläser. Hessen. 191
Von etwa 1630 an aber lassen sich die hessischen Gläser
klar aus allen andern Gruppen deutschen Emailglases heraus-
schälen. Typisch und allein für Hessen charakteristisch ist
die Farbe des Glases, die einen eigentümlich lichten, intensiv
gelbgrünen Ton besitzt, und ebenso typisch ist der absolute
Verzicht auf Farbigkeit in den Punktborten und Stern-
ornamenten, die mit verschwindenden Ausnahmen nur aus
Blattgold und weißen Punkten hergestellt werden. Bei der
Borte beschränken sich die Punkte häufig auf ein Einrahmen
der breiten mittleren Goldzone, aus der dann zwei Reihen von
Schuppen ausradiert werden (Abb. 104).
Die angeführten Eigenschaften sind bei einer großen
Anzahl von Humpen (meist im Kasseler Museum und auf der
Löwenburg) zu beobachten, die für den landgräflichen Hof-
halt gearbeitet worden sind. Die frühesten, von 1628 an,
für Wilhelm V. (1627 bis 1637) mit den Wappen von Hessen
und Hanau. Zwei Dutzend derartiger Gläser wurden Anfang
1628 bei Frantz und Engelhardt Lencker und bei Augustin
Gundelach bestellt; 143 Wappengläser von verschiedener
Größe liefert derselbe Augustin Gundelach, »Glasener am
Reinhardtswalde« im gleichen Jahre an die fürstliche Kellerei
in Kassel (Berling, S. 202). Es folgen Gläser für Wilhelm VI.
(7 1663), Wilhelm VII. (? 1670) una für Landgraf Carl (7 1730);
das späteste datierte Stück ist von 1681. Von 1658 an wird
es Mode, neben den Wappen noch eine kleine gelbe Krone
und ein ligiertes WL (»Wilhelmus Lantgravius«) und C
(»Carl«) anzubringen. Das A.G. jedoch, das auf einem
kleinen Becher von 1678 mit dem Wappen des Landgrafen
Carl (Kassel, Museum) vorkommt, dürfte die Signatur des
Verfertigers, etwa eines jüngeren Augustin Gundelach oder
des Adam Götz aus Groß-Almerode sein, der für sich und
seine Söhne 1657 das Privileg zur Anlage einer Hütte bei
Veckerhagen erhielt, unter der Bedingung, außer einer Zins-
zahlung 3000 Fensterscheiben und 1000 Luntzen an die Hof-
kellerei zu liefern. 1670 war die Hütte jedenfalls noch im
Betrieb (Landau, a. a. O.). Daß auch für den braunschweigi-
schen Hof derartige Gläser in den hessisch-braunschweigi-
schen Hütten angefertigt wurden, beweist ein für den Herzog
Rudolph August 1668 gemalter Humpen (Paris, Cluny), der
die sämtlichen Eigenschaften der hessischen Gläser dieser Zeit
besitzt. In den gleichen Hütten für Privatleute hergestellte
Humpen aus der zweitenHälfte des 17. Jahrh. besitzt die Löwen-
burg noch mehrere; auch von den daselbst in großer Anzahl
vorhandenen Adlergläsern dürfen verschiedene Exemplare,
ebenso wie der Humpen des German. Museums von 1694 mit
der Darstellung eines Mannes, der durch das Schlüsselloch
ein auf dem Bett liegendes Mädchen belauscht, wegen der
192 Das deutsche Glas.
charakteristischen Färbung der Masse mit den Hütten des
hessischen Glasgebietes in Verbindung gebracht werden.
Auch das in seiner Form einzig dastehende »Achtmänner-
glas« aus dem Rathaus von Alfeld a. d. Leine (Berlin; Schr.
532) ist, trotzdem die Färbung des Glases nicht ganz das
typische lichte Grün aufweist, mit den Produkten der hessi-
schen Hütten verwandt. Die an ihm vorkommenden Blumen -
stauden zeigen zwar einen Anklang an eine später zu be-
sprechende sächsische Gruppe des 17. Jahrh., die Farben
aber, besonders das grüne Email, ist von absolut anderer
Beschaffenheit, so daß man die Heimat des 1716 gemalten
Glases am besten in der Gegend von Alfeld selbst suchen wird.
Die hessischen Hütten gingen im 18. Jahrh. bald zur
Verfertigung des Kreideglases mit Schnitt und Schliff über;
die Emailmalerei zog sich, wie in Thüringen, auf kleine, wohl-
feile Objekte, Becher, Schnapsflaschen usw. zurück, und hat
auf diesem volkstümlichen Gebiete sich bis weit ins IQ. Jahrh.
hinein erhalten. An dieser billigen Massenfabrikation soll
besonders Hannöversch-Münden beteiligt gewesen sein.
Sachsen.
Bereits auf S. 140 wurde die Vermutung ausgesprochen,
daß ein großer Teil der deutschen Fadengläser in Sachsen
hergestellt sei. Ferner wurde schon darauf hingewiesen
(S. 134), daß die Glasfabrikation in Sachsen sicher bereits in
der ersten Hälfte des 16. Jahrh., wenn nicht früher, be-
standen hat, daß die Schürer von Waldheim aus Sachsen nach
Böhmen gekommen sind und daß ein Preußler (aus dem
böhmischen Grenzort Seifen) 1571 bei Johann-Georgenstadt
im Erzgebirge eine Glashütte angelegt hat. Berling (S. 199)
teilt mit, daß von der Kurfürstin Anna in dieser Hütte u. a.
auch bemalte Gläser bestellt wurden, und daß sie, trotz vieler
Leiden während des großen Krieges, bis 1726 bestanden hat.
Ebenfalls in der zweiten Hälfte des 16. Jahrh. bestand eine
Glashütte bei Purschenstein (Gegend von Olbernhau), die
bis mindestens 1822 in Gang gewesen ist; eine dritte, die
1624 bei Johann-Georgenstadt gegründete Weiterer Hütte
ging allerdings im 17. Jahrh. wieder ein.
Berling schließt aus den vielen Schwierigkeiten, mit denen
diese Hütten zu kämpfen hatten, daß sie yals Herstellungsort
der sächsischen Hofkellereigläser kaum in Betracht kommen«
und schreibt diese Gläser statt dessen den hessischen Hütten
von Groß-Almerode und der Lauschaer Hütte zu. Seine
Gründe erscheinen aber nicht völlig stichhaltig: die von ihm
angeführte, 1574 erfolgte Glasbestellung bei Franz Gunderlich
(Gundelach) in Almerode bezieht sich auf Tafelglas (für
Die Emailgläser. Sachsen. 193
Laternen); nur zur besseren Ausnutzung des Wagens sollen
noch Wassergläser (Behälter für das von der Kurfürstin
Anna hergestellte Aquavit) mitgeschickt werden. Und auch
die Glassendung des Landgrafen Wilhelm von Hessen an die
Kurfürstin, bei der der Landgraf sich schriftlich entschuldigt,
daß er nicht mehr senden könne, yaber die Soda sei nicht so
gar schön gewesen«, bestand nicht, wie Berling annimmt, in
Wappenhumpen (von Wappen wird dabei überhaupt nichts
erwähnt), sondern in Erzeugnissen der Kasseler Hütte yauf
Venezianer Art«; im deutschen Glasbetrieb wurde Pottasche,
nicht Soda, verarbeitet, und der bei K. v. Weber 94) mitge-
teilte Wortlaut des vom I2. November 1583 datierten Briefes
bestätigt diese Vermutung, denn es ist in ihm von der »neu-
eingerichteten Glashütte« die Rede, die, wie wir wissen, nur
1583 bis 1584 gearbeitet hat.
Aber auch eine genaue Untersuchung der erhaltenen
Gläser ergibt so viele Unstimmigkeiten zwischen den für
Sachsen angefertigten, den hessischen und den Lauschaer
Produkten, daß von einem Import aus diesen verhältnismäßig
weit abgelegenen Hütten nach Sachsen abgesehen werden
muß. Nie ist bei den sächsischen Gläsern die typisch hessische
Glasfarbe zu beobachten; die Formen sind zumeist schlanker,
die Randborten zwar manchmal ähnlich (schlicht Weiß auf
Gold), aber die Füllornamente — Sterne usw. — durchweg
mehrfarbig, was bei den hessischen Gläsern des 17. Jahrh.
nie vorkommt. Auch von den Arbeiten der Lauschaer Hütte
unterscheiden sie sich beträchtlich.
Ein viel engerer Zusammenhang ist dagegen mit den
auch räumlich näher gelegenen fränkischen und böhmischen
Hütten zu konstatieren. In dem Baireuth und dem Fichtel-
gebirge benachbarten sächsischen Vogtland, wo übrigens auch
die Emailmalerei auf Steinzeugkrügen im 17. Jahrh. blühte,
haben sicher Glashütten existiert, die die Brücke nach Franken
zu schlagen, und außer in den oben erwähnten Hütten des
Erzgebirges wird auch im östlichsten Teile Sachsens, der heute
zur Provinz Schlesien gehörigen Oberlausitz, die Glasmacherei
betrieben worden sein, in engem Anschluß an das böhmische
Glasgebiet von Kreibitz und Falkenau. Ein genaueres Akten-
studium wird das Vorhandensein von Hütten in diesen Gegen-
den mit Sicherheit erweisen.
Die frühesten Gläser, die für das Kurfürstentum und
für die sächsischen Herzogtümer gearbeitet sind, zeigen die
charakteristischen Merkmale der böhmischen Erzeugnisse, so
daß eine Lokalisierung nach Sachsen nicht möglich ist. So
der 1569 datierte Humpen mit Adam und Eva und dem
Wappen der Herren von Krosigk (Dresden, Hofkellerei) und
das für Joh. Wilhelm von Sachsen-Weimar (f 1573) ge-
Schmidt, Glas. 13
194 Das deutsche Glas.
fertigte Glas (Weimar, Museum), die beide in der kräftigen
Malerei, im Material und im Muster der Borte ganz mit den
frühen böhmischen Arbeiten übereinstimmen. Dieselben
Eigenschaften besitzt ein für Johann von Sachsen-Weimar
1597 gemaltes Wappenglas (Gotha, Museum), wogegen die
mit dem Wappen des Hans Georg von Sachsen-Merseburg
1604 ausgestatteten Humpen (z. B. in der Dresdner Hof-
kellerei und in der ehemaligen Sammlung Campe) aus einem
für die böhmischen Hütten zu schlechten grünen Glas her-
gestellt sind.
In diesen Humpen kann man um so eher einheimisch-
sächsische Erzeugnisse vermuten, alsin demselben Jahre 1604,
jedenfalls zur Hochzeit dieses Fürsten, der von I6II ab als
Joh. Georg I. den Kurfürstenhut trug, mit Sibylle Elisabeth
von Württemberg, Gläser von eleganterer venezianischer
Fasson in auswärtigen Hütten bestellt wurden, z. B. ein
kleines Kelchglas mit Nuppenknauf in der Dresdner Hof-
kellerei, das neben dem Allianzwappen das Datum 1604
trägt. Auch ein emailliertes Kelchglas im Kölner Museum
wird hierher gehören.
Von etwa 1610 an beginnt dann die Hochflut der in un-
zähligen Exemplaren erhaltenen sächsischen »Hofkellerei-
gläser«, die ein volles Jahrhundert hindurch hergestellt sind
und in einer großen Zahl von Schlössern Kursachsens und
sämtlicher Nebenlinien in Gebrauch waren.
Entweder sind diese Gläser, deren Haupttypen Abb. 105
veranschaulicht, nur mit einem der sächsischen Wappen, der
Jahreszahl und den Initialen des jeweiligen Herrschers ver-
ziert, oder sie tragen noch einen direkten Bestimmungsver-
merk, wie z. B. »Hoffkellerey Dressden«. Von andern Schlös-
sern seien genannt: Lößnitz, Moritzburg, Königstein, Torgau,
Pretzsch, Magdeburg, Halle, Merseburg, Weißenfels, Naum-
burg und Querfurt. Kellereigläser für Weißenfels, Altenburg
und Gotha sind uns bereits unter den vermutlich thüringischen
Gläsern begegnet; einzelne andere, wie die 1651 und 1653 für
Halle a. S., die Residenz des Herzogs August von Sachsen-
Weißenfels, gemalten Gläser (Beispiele in Prag, Weimar und
Stolzenfels) haben ebenfalls die Merkmale der Thüringer
Gruppe. Auch bei den übrigen Humpen machen sich aller-
hand Unterschiede bemerkbar, die aus den verschiedenen Be-
ziehungen zu den böhmischen und fränkischen Hütten, aber
auch aus den Wandlungen des Zeitgeschmacks herzuleiten
sind; so nähern sich die für den Königstein, zum Teil mit
einer großen Ansicht der »Bergkvehstung« bemalten Humpen
von 1638 (Dresden) sehr den fränkischen Arbeiten. Die nicht
allzu weit vom Fichtelgebirge entfernte Hütte bei Johann-
Georgenstadt mag wohl derartige Einflüsse aufgenommen
(mnasnw->qJomesjsuny ug) ‘yayep ‘gL Suejuy pun °zp opugq JOSPISIEI0]JOYJOH AyOsIsypes "COLT "AgY
105
Sachsen.
Die Emailgläser.
1 96 Das deutsche Glas.
haben, und daher mag die Frage aufgeworfen werden, ob
die bei Berling S. 204 abgebildete »Malermarke« mehrerer
dieser Königsteiner Gläser, die rechts einen Löwen, links ein
aus G. (C ?), P.L. zusammengesetztes Monogramm zeigt,
nicht etwa mit dem damaligen Besitzer dieser Hütte, dem
Georg Preißler, in Zusammenhang zu bringen ist. Große
gemalte Ansichten scheinen sonst nur in späterer Zeit beliebt
gewesen zu Sein; so Z. B. eine Ansicht von Dresden 1683
(Schloß Ettersburg), von Schloß Hartenfels in Torgau 1688
(Dresden, Hofkellerei; Abb. bei Berling S. 195), von der Veste
Voigtsberg im Vogtland 1701 (Sammlung Bourgeois, Verst.-
Kat. Köln 1904, Nr. 314). — Wegen der Beziehungen zu
Franken vgl. auch die S. 184 genannten Gläser mit der Figur
Joh. Georss 1.
Die vielen kleinen und größeren Varianten dieser Hof-
kellereigläser hier zu untersuchen ist unmöglich. Der Haupt-
typus zeigt ein meist recht gutes, klares Glas und eine frische,
lichte Wappenmalerei. Die Randborte ist schlicht, — ge-
wöhnlich 3 Perlreihen und Goldstreif — oder etwas bereichert
durch kleine Randornamente, wie sie etwa auf dem sicher
sächsischen Reichsadlerhumpen von 1684 (Abb. 85, links) 95)
zu sehen sind. Der sonstige stereotype Schmuck besteht in
einer Art Sternornament aus Blattgoldrauten, die von Punk-
ten, Spiralen und fächerartig angeordneten Strichen aus
weißen und bunten Emails umgeben sind. Derartige Sterne
waren im 17. Jahrh. allerdings auch in Franken und Böhmen
in Gebrauch. Von 1697 an wird neben dem großen und
kleinen sächsischen Wappen dann auch das polnische Wappen
mit sächsischem Herzschild aufgemalt (Abb. 105, Mitte).
Nicht selten sind Becher aus Milchglas (Schr. 535); auch
dunkelblaue Exemplare kommen vor.
Statt der Wappen hat man in Sachsen mehrfach auch
Herrscherbildnisse mit Versuch der Porträtähnlichkeit auf
Gläsern angebracht. Ein kleiner Henkelkrug der ehemaligen
Sammlung Campe zeigt die Hüftbilder dreier jugendlicher
Albertiner (Christian II., Joh. Georg I. und Augustus IIl.),
jedenfalls vom Jahre 1611. Ein kleiner Becher im Prager
Museum besitzt die ganze sächsische Genealogie in Brust-
bildern; er wird datiert durch ein — abgesehen von den
Porträts — völlig identisches Glas von 1619 im S. Kens.
Museum. Auch in Koburg steht ein kleiner Humpen von
1668 mit den Brustbildern zweier sächsischer Fürsten.
Durch die Übereinstimmung der Borten werden auch
viele der mit Kartenblättern bemalten Paßgläser aus dem
18. Jahrh. in die sächsischen Hütten verwiesen.
Endlich mögen, ihrer eigenartigen Form wegen, noch
die dreifachen Humpen des Historischen Museums in Dresden
Die Emailgläser. Sachsen. 197
erwähntsein. Zwei
one ihnen bei
denen immer ein
Glas zugleich den
Deckel des andern
bildet, stammen
von 1650 und ha-
ben neben dem
üblichen Wappen
einen Dekor aus
plastisch aufge-
schmolzenenPerlen
und Gold. Dieser
Perlenschmuck
war, wie bereits
Esyalıntı (ST 178)
eins Dekor, der
hauptsächlich in
böhmischen Hüt-
ten gearbeitet wur-
xy
de. Noch kompli- , an
zierter ist der in az
Abb. 106 wieder-
gegebene dreifache
Humpen gebildet,
an dessen Mittel-
stück noch 6klei-
nere Pokale hän-
gen. Der oberste
und die mittleren
Humpen zeigen
kräftig bunte, weiß
konturierte Orna-
mente, die für böh-
mische Gläser be-
sonders aus der Abb. 106. Böhmischer Gruppenpokal mit sächsischen
ersten Hälfte des Ergänzungen von 1688. (Dresden, Histor. Museum.)
17. Jahrh. charak-
teristisch sind (s. S. 178); einige der kleinen Becher und der
unterste große Pokal mit dem Wappen sind dagegen sicher
sächsische Ergänzungen aus dem Jahre 1688. Derartige
Gruppenpokale sind selten; ein ähnliches Exemplar mit
diamantgerissenem Dekor in Neisse (v. Czihak, S. 123), ein
Mittelstück mit den seitlichen Haken und Jagdmalerei auf
der Löwenburg bei Kassel.
Für die bisher erwähnten sächsischen Gläser darf man
jedenfalls die Hütten des sächsischen Erzgebirges und Vogt-
198 Das deutsche Glas.
landes in Anspruch nehmen; für die spätest datierten kommt
wohl auch noch die 1692 auf Körbin bei Pretzsch gegründete,
1699 nach Dresden selbst verlegte Glashütte in Betracht,
in der »gemalte Becher, Paßgläser und Gesundheitsgläser
mit Wappen« hergestellt wurden (Berling, S. 205 ff.). Es ist
sehr wahrscheinlich, daß hier, wie Berling vermutet, die in
Abb. 105 rechts und links wiedergegebene Glasgattung
gemalt wurde, die sich durch eine sehr zierliche Malerei und
vor allem durch die um einen gelben Stab gewundene grüne
Girlandenbordüre auszeichnet. Kleine Varianten mit Wein-
laub und Blumen kommen auch vor. Diese Stücke gehören
mit wenig Ausnahmen bereits dem 18. Jahrh. an. Das
frühest datierte Exemplar ist ein Deckelpokal von 1694 mit
Wappen von Bautzen und dem Spruch »Eß gehe Budissin
Wohl« (ehemalige Sammlung Campe), dem sich ein ähnlicher
Becher von 1695 mit Bautzener Wappen, aber ohne die Gir-
landenborte, im Berliner Kunstgewerbe-Museum (Schr. 532)
anschließt. Auch ein Glas des Brit. Museums wird durch
das Wappen der sächsischen Familie von Warnsdorf, ein Glas
in Berlin durch das Wappen der Reichbrott von Schrencken-
dorff für Sachsen festgelegt. Das Leipziger Museum besitzt
ein Glas dieser Art von 1733 mit Wappen der sächsischen
Familien von Gersdorf und von Ziegler und Klipphausen.
Gegenüber diesen vielen Indizien kann der eine Becher des
Prager Museums von 1724, der die typische Girlandenborte,
daneben aber tschechische Inschriften aufweist, nicht ins
Gewicht fallen. Die Gruppe ist sicher sächsisch.
Schon auf S. I4I wurde mit einer größeren Anzahl von
Fadenglasarbeiten eine Schraubflasche aus Fadenglas für
Sachsen in Anspruch genommen, die das Wappen eines
sächsischen Beamten M. Gleichmann trägt. Diese 1661
datierte Flasche hat auf den Seiten Blumenstauden, deren
Zeichnung von denen aller bisher betrachteten Gläser völlig
abweicht. Nichts von den steifen Maiglöckchenzweigen,
nichts von den blauen, gelben oder roten dreizackigen Blättern
mit dem umgerollten Stiel. Dafür hier ein ziemlich sym-
metrisch gezeichnetes Bukett aus locker bewegten Blatt-
zweigen und bunten Blüten, die vielfach einer Margeriten-
blume und einer Tulpe ähneln (Abb. 107). Die Berliner
Sammlung besitzt einen für denselben M. Gleichmann ge-
malten Humpen von 1655 ohne Fadeneinlage, der eine der-
artige Blumenstaude aufweist. Diese Blumenstaude ist nun
das Erkennungszeichen für eine neue Gruppe sächsischer
Gläser, die von etwa 1645 bis 1700 gearbeitet wurden.
Als Übergangsstück ist anzusehen ein kleiner blauer
Humpen von 1644 mit dem Kurfürsten von Trier zu Pferde
(Burg Stolzenfels).. Hier tritt zum ersten Male die neue
Die. Emailgläser. Sachsen. 199
Abb. 107. Sächsische Emailgläser der 2. Hälite des 17. Jahrh.
(Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
Blütenform auf, und zwar als mittlere Bekrönung der bis
dahin üblichen Maiblumenstaude. Voll ausgebildet zeigt sich
die neue Blumenstilisierung auf zwei Henkelkrügen mit
Christus und der Samariterin von 1650 (Verst.-Kat. Lanna II,
Taf. 66) und 1652 (S. Kens. Museum). Weiter gehören hierher
u.a. der große Humpen der Glaser von Meißen vom Jahre
1668 (Dresden, Histor. Museum), der Henkelseidel derer »von
Guericken zu Magdeburg« aus demselben Jahre (Berlin,
Abb. 107 links), mehrere kleine, rundbauchige Gläschen mit
sächsischem Wappen von 1666 (Dresden, Hofkellerei), zwei
viereckige Schraubflaschen mit der Figur des Bacchus als
»Herbst« von 1683 und 1694 (Museen in Hamburg und Halle
a. S.), die Schraubflasche des Salomon Schröter von 1689
(Berlin, Abb. 107 rechts) und das Deckelglas des Joh. Gg.
Kielhorn von 1692 (Köln). Auf der Flasche in Halle steht
neben dem Bacchus ein Weinstock, der mit der Rankenborte
der späten sächsischen Hofkellereigläser bis ins Kleinste
identisch ist. Außerdem sprechen die schlichten weißen
Punktborten, sowie die auf einzelnen Stücken vorkommenden
Sternornamente für einen engen Zusammenhang mit den
Hofkellereigläsern. Hält man dazu die Beziehungen zu
200 Das deutsche Glas.
Abb. 108. Hallorenglas von 1681.
(Sigmaringen, Museum.)
Dresden, Meißen und
Magdeburg (das bis 1680
unter der Administration
Herzog Augusts von
Sachsen stand), denen
keine außersächsischen
Besitzerwappen gegen-
überstehen, so wird man
die sächsische Provenienz
dieser Gruppe nicht be-
zweifeln. Welcher Hütte
im einzelnen die Stücke
entstammen, läßt sich
allerdings vorläufig noch
nicht feststellen. Das
Material der Gläser
schwankt zwischen schö-
nem Goldgelb und heller
Wasserfarbe; die Mehr-
zahl hat einen gelbgrünen
Ton, ähnlich, aber nicht
so saftig wie der der
hessischen Pokale. Wie
bei den Fadengläsern
könnte man auch bei
dieser Glasgruppean eine
Entstehung in der dem
böhmischen Glashütten-
gebiet von Falkenau-
Kreibitz benachbarten
Oberlausitz denken.
Endlich ist auch die
Heimat der Halloren-
gläser in Sachsen zu
suchen. Essind das Glas-
humpen von keulenför-
miger Gestalt, die für die
Halloren, die Mitglieder
der Salzpfännerschaft in
Halle a. S. oder, wie sie
sich auf den Gläsern selbst nennen, die »Brüder im Thal« herge-
stellt sind und bei der Pfingstbierfeier, mit»Torgauisch Bier«ge-
füllt, benutzt wurden. Der Zusammenhang mit Sachsen ergibt
sich ausfolgenden Punkten: Die sehr seltene Form derHalloren-
gläser besitzt ein zur Einweihung des neuen Dresdner Schieß-
hauses 1678 gefertigtes sächsisches Fadenglas (ehemalige
Sammlung Campe). Auf den frühesten Hallorengläsern kehrt
Die Emailgläser. Hallorengläser. 201
beständig eine Blume wieder, deren Blüte in der Art des
Tunkpapiers federartig gekämmt ist. Dies Motiv kommt in
den gleichen Emailfarben sehr häufig auf Krügen und
Flaschen des dunkelglasierten sächsischen Steinzeugs vor, als
dessen Heimat man das Vogtland ansieht (vgl. mehrere
Exemplare in Schr. 313), ferner auch auf einer typisch sächsi-
schen Schraubflasche aus blauem Glase mit Wappen von Kur-
sachsen von 1674 (Leipzig). Außerhalb Sachsens wird man
vergeblich nach dieser Federblume suchen.
Bis 1680 hing Halle politisch mit Sachsen zusammen.
Trotzdem ist auf den frühesten erhaltenen Hallorengläsern
von 1681 — aus alter Gewohnheit jedenfalls —- noch die
sächsische Fahne angebracht. Außer allen diesen Gründen
spricht für die sächsische Herkunft der Gläser der Umstand,
daß auch der farbige Charakter der Emailmalerei genau der
gleiche ist wie bei den sächsischen Hofkellereigläsern.
Vier verschiedene Typen sind bei den Hallorengläsern
zu unterscheiden: die Gläser von 1681 (Abb. 108; in Sigma-
ringen, Brüssel, Darmstädter Schloß und, ohne Datum, im
Neuen Palais bei Potsdam) sind die am reichsten dekorierten.
Unten das von zwei Salzwirkern flankierte Wappen der
Pfännerschaft (ein Salzkorb); darüber in spiraliger Anord-
nung der Festzug der Halloren mit Musikanten, Fahne und
Lade zum Thalamtshause; oben eine emaillierte Ansicht der
Stadt Halle Der Deckel ist mit einem Blumenzweig bemalt.
Während bei dieser Gruppe das unten leicht erweiterte
Glas schlicht eingestochen und mit einem massiven Fußreifen
umschmolzen ist, besitzen sämtliche andern Gläser einen weit
vorspringenden, mit dem Humpen selbst aus einer einzigen
Blase geformten Fuß. Der zweite Typus wird repräsentiert
durch ein Glas im Museum in Halle (aus Sammlung Lanna,
abgeb. im Kat. Teil II, Taf. 66). Eine Mittelzone enthält
hier in weißem Blattkranz die Jahreszahl 1682; das untere
Drittel des Glases wird eingenommen von weißen Ranken
und Borten zwischen.bunten Parallelreiten. Im oberen Drittel
stehen nebeneinander die Halloren mit den Festmusikanten.
Die sächsische Fahne ist durch die brandenburgische ersetzt;
die Ansicht von Halle fehlt. Die dritte Gruppe ist von 1693
(Abb. 109 rechts) bis 1708 (Dessau, Schloß und Neues
Palais bei Potsdam) angefertigt worden. Sie zeigt in der
großen Mittelzone vorn das Pfännerschaftswappen mit den
zwei Salzwirkern, hinten die Figur eines Fahnenträgers.
Unten weiße Ranken und Hängeornamente zwischen bunten
Reifen. Oben die aus eingebranntem Gold ausradierte Sil-
houette der Stadt (aus der Abb. nicht ersichtlich). Der
Deckel weist über der Goldinschrift »Vivat Rex Borussiae«
dreimal das preußische Adlerwappen und dazwischen das für
Das deutsche Glas.
D
©
D
RS
Abb. 109. Hallorengläser von 1712 und 1693. (Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
die sächsischen Gläser kennzeichnende Sternornament auf.
Die Exemplare in Berlin und Halle sind merkwürdigerweise
vom 31. (!) Juni 1693 datiert. — Daneben tritt dann von
etwa 1707 an bis mindestens 1732 (Leipzig) als vierte Gruppe
der in Abb. 109 links wiedergegebene Typus auf. Anordnung
und Dekor ist identisch mit der dritten Gruppe bis auf die
untere Zone, in der wiederum Hallorenfiguren aneinander-
gereiht sind. Auf dem schrägen Fuße steht die Inschrift:
Die Emailgläser. Brandenburg. 203
»Vivant die Brüder im Thale.« Die Qualität des Glases
und der Malerei wird in der späteren Zeit immer schlechter.
Brandenburg.
Kurfürst Joachim Friedrich von Brandenburg ließ im
Jahre 1601 durch den Münzmeister Heinrich von Rehnen in
Kreibitz (Böhmen) Glasarbeiter anwerben und eröffnete mit
deren Hilfe am 17. April 1602 den Betrieb der Glashütte
Grimnitz bei Joachimstal. Bereits auf S. 172 wurde
ein Auszug aus dem Warenverzeichnis der Hütte gegeben,
aus dem hervorgeht, daß eine beträchtliche Menge emaillierter
Gläser dort gearbeitet worden ist, trotzdem damals nur ein
Maler beschäftigt war. 1602 wird ein Verbot der Einfuhr
fremden Glases erlassen; 1607 aber ist die Hütte schon wieder
abgebrochen (wegen zu starken Holzverbrauches und Wild-
schadens) und nach Marienwalde in der Neumark
verlegt worden. 1611 brennt sie ab, wird aber sofort wieder
aufgebaut; das Einfuhrverbot wird erneuert. 1637 zer-
stören die kaiserlichen Truppen die ganze Anlage und martern
die Arbeiter, die sich aus Böhmen und Schweden zusammen-
setzen. Die Hütte scheint keinen schlechten Ruf gehabt zu
haben, da von Böhmen aus Versuche gemacht wurden, den
Glasmeister und seine Gesellen zur Auswanderung zu ver-
leiten. 1640 ist die Fabrikation, die etwa 2 Jahre brach
gelegen hatte, wieder in Gang, und 1680 wird die Hütte, der
noch eine »Schobglashütte« (für Fensterscheiben) ange-
gliedert war, verpachtet. 1691 hört die Trinkglasbläserei
auf, während die Scheibenglasfabrikation noch 1799 er-
wähnt wird.
Einige Zeit nach dem Westfälischen Frieden, im Jahre
1654, wurde auch in Grimnitz eine neue Hütte eingerichtet,
die dann ebenfalls bis tief ins IS. Jahrh. hinein bestanden hat.
Der Hauptsache nach haben beide Hütten, wie aus den
Akten hervorgeht, seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrh.
gewöhnliches Trink- und Fensterglas hergestellt, vornehmlich
seit der 1674 erfolgten Gründung der Potsdamer Glashütte,
die sich der besonderen Gunst des Großen Kurfürsten er-
freute und speziell für bessere Glasarten eingerichtet war.
Die Anfertigung gemalter Gläser in Grimnitz und Ma-
rienwalde wird durch die Anwesenheit von Glasmalern er-
wiesen. In den Joachimstaler Kirchenbüchern (Grimnitz
gehörte zur Joachimstaler Pfarre) erscheint 1663 bis 1667
der Glasmaler Hans Georg Gampe (Zampe), 1666 eine Malerin
Maria N., und von 1674 bis 1681 der Maler Hans Georg
Liemer (Liehn).. Wegen der Beziehungen zu auswärtigen
Hüttenbetrieben sei erwähnt, daß außer einheimischen Ar-
204 Das deutsche Glas.
beitern mehrere Schwe-
den und ein Sachse
dort tätig war; der
»neueGlasmeisterGeorg
Preuseler« — ein Mit-
glied der über Sachsen,
Schlesien und Böhmen
verzweigten Familie —
stirbt 1664, und 1696
geht ein Elias Schürer
von Waldheim aus
Böhmen elendiglich im
Wahnsinn zugrunde.
In Marienwalde
war von 1649 an Wolf
Schindeler, und 1654
Gottfried Gampe als
Glasmaler tätig. Schon
in früherer Zeit, 1623,
waren für die dort ge-
malten Gläser und für
»Wappenglaß im Fen-
ster« Verkaufstaxen in
Berlin und Cölln fest-
gesetzt worden.
Auch in der Pots-
damer Glashütte wur-
den noch Gläser be-
malt; 1678 wird mit
dem Glaser und Glas-
Abb. 110. Pokal aus marmoriertem Glas mt maler Gottfried Rüel
Emailmalerei. Grimnitz 1602. (Dresden, Grünes in Dessau zwecks Über-
om) siedlung nach Pots-
dam ‚verhandelt, und
Kunckels vielseitige Interessen sind auch der Emailmalerei
nicht ferngeblieben.
Aus der ersten, der Grimnitzer Hütte, sind einige Stücke
mit größter Wahrscheinlichkeit nachzuweisen. Im Grünen
Gewölbe zu Dresden steht ein großes Kelchglas mit hohlem
Knauf und später angefügtem silbervergoldetem Fuß, dessen
Kuppa aus blau, rot und weiß marmoriertem Glas besteht
(Abb. 110). Mit Emailfarben aufgemalt ist der rote Branden-
burgische Adler in weißem Schild sowie ein gekröntes rotes
Herz mit den goldenen Buchstaben J, F und K = Joachim
Friedrich und Katharina (von Küstrin, des Kurfürsten 1602
gestorbene erste Gemahlin). Das Datum 1602 und eine der böh-
mischen ähnliche Punktborte vervollständigen den Schmuck.
Die Emailgläser. Brandenburg. 205
Weiter befinden’sich
zwei ebenso marmorierte
Glasschalen mit dem
allerdings kalt, mit Lack -
farben, aufgemalten
brandenburgischen Wap-
pen in den Museen von
Sigmaringen und Berlin
(Sch22539; aus der
Sammlung Spitzer); und
im Katalog der Samm-
lung Minutoli (Berlin
1872 Nez 23A7)) wird
eine identische Schale —
als »venetianische Arbeit
des 16. Jahrh.« — be-
schrieben mit der Be-
merkung, sie solle aus
der Kellerei des Berliner
Schlossesstammen. Nun
werden wirklich in den
Verzeichnissen der Grim-
nitzer Hütte von 1602
nebengemalten Wappen-
gläsern auch »gemarmo-
liertte schalenn und mar-
moliertte Kennichen« er-
wähnt, die an den Kur-
fürsten ‘selbst geschickt
wordensind. Mit größter
Bestimmtheit kann man
daher die beschriebenen
Stücke als Arbeiten der
Grimnitzer Hütte an-
sprechen, zumal aus an-
dern Hütten derartige
Gefäße nicht nachzu-
weisen sind.
Abb. 111. Humpen mit brandenburgischem
Wappen. Marienwalde (?) 1609. (Berlin,
Kunstgewerbe-Museum. )
Ein 1604 datiertes Stangenglas im Hohenzollern-Museum
zeigt neben diamantgerissenem Schmuck das ebenfalls kalt
gemalte Wappen Johann Sigismunds und genau die gleiche
bunte Borte wie die oben erwähnten Schalen.
Im übrigen wird für die Frühzeit ein Unterschied von
den böhmischen Produkten nicht zu konstatieren sein, da
die Gläser ja von böhmischen Arbeitern geblasen und bemalt
wurden.
Mit größter Vorsicht darf man höchstens gewisse Gläser
206 Das deutsche Glas,
mit dem kurbrandenburgischen Wappen für die märkischen
Hütten in Anspruch nehmen, wenn sie sich von sicheren
Arbeiten anderer Gegenden durch die Masse oder die Eigenart
der Form oder des Dekors unterscheiden. So dürfte das
Wappenglas von 1609 (Abb. ııı) seiner sehr grünlichen
Masse wegen kaum in Böhmen entstanden sein. Ebenso ist
die stark nach i innen zu eingebogene Form des 1609 datierten
Humpens der Sammlung Emden (Kat. -Nr. 990; Abb. Taf. 79)
in keiner der sonst bekannten Glashütten unterzubringen.
Weiter darf manin einem im Leipziger Kunstgewerbe-Museum
befindlichen Wappenglas von 1619, das eine zwar helle, aber
unreine und stark blasige Masse aufweist, ein Erzeugnis der
Marienwalder Hütte vermuten; auch 2 Walzengläser von
1632 und 1635 im Hohenzollern-Museum (Berlin) werden hier
entstanden sein. Das frühere, mit dem großen Wappen von
Brandenburg und dem ausführlichen Titel Georg Wilhelms
ist ziemlich grünlich; das spätere, mit derselben Legende und
dem Szepterwappen in Rollwerkkartusche ist leidlich hell,
aber schlierig. Die üblichen Borten weisen eine Eigentümlich-
keit auf in Form von roten Strichen in der Mittelzone. End-
lich mag auch ein 1647 datierter Humpen auf Schloß Stolzen-
fels aus Marienwalde stammen, der die ausführliche Legende
»Von Gottes Gnaden Friedrich Wilhelm Marsoraler ee «
trägt. Der Große Kurfürst, der in Marienwalde viel hat
arbeiten lassen, wird kaum in ausländischen Hütten Bestellun-
gen für seine Hofkellerei gemacht haben.
Nicht gerade zum Ruhm gereicht den brandenburgischen
Hütten ein . großer Humpen von 1670 (Prag), der seiner In-
schrift wegen als einheimisches Produkt betrachtet werden
muß. Über der detaillierten Darstellung einer Buchdruckerei
steht der Name Friedrich Gernemann, und die Rückseite
zeigt außer großen Blumen und einem W appen die Widmung:
»Diesen Willkomen schencket und übergiebt | Seinen Lieben
Vater George Schultzen | Churfl. Branden. B. Hoffbuch-
trucker auff | Schlosse, in der Selben Buchdruckery zum
stetz | werden gedechtniß. Anno 1670.«
Im Provinzialmuseum zu Halle a. S. steht eine vier-
kantige Schraubflasche von 1672 mit brandenburgischem
Wappen und den in dieser späten Zeit sehr seltenen Mai-
glöckchenstauden böhmischer Provenienz. Die Masse ist
erün und blasig und hat die größte Ähnlichkeit mit dem Ma-
terial eines ebenso dekorierten Bechers von 1704 ım Stadt-
museum von Eberswalde, der nächsten bei Grimnitz gelegenen
größeren Stadt. Ebenfalls wird eine ähnliche 1678 datierte
Schraubflasche der Sammlung List (Magdeburg) hier unter-
zubringen sein.
Im 18. Jahrh. haben sich mehrere der sehr zahlreichen
Die Emailgläser. Brandenburg. 207
neu gegründeten Hütten in der Mark Brandenburg mit Email-
malerei befaßt. So werden die aus der Waisenhausapotheke
stammenden Apothekerfläschehen im Provinzialmuseum zu
Halle, die mit dem Symbol der Frankeschen Stiftungen, zwei
zur Sonne fliegenden Adlern, bemalt sind, aus der Globsower
Hütte (am Stechlinsee) stammen, da das Waisenhaus von
1769 bis 1780 nachweislich sein weißes Apothekerglas dorther
bezogen hat. Die Flaschen können sehr wohl in dieser Zeit
gearbeitet sein. Schließlich besitzt das Breslauer Museum
einen Deckelkrug aus Milchglas, mit ausführlicher Dar-
stellung der Glashütte Lotzen, mit Sprüchen und dem Da-
Gum 77a Diesen den Neumark Bei Pandsbere
a. W. gelegene Hütte wird bereits 1763 erwähnt (v. Czihak,
S, 157, Am. 12)
Über die von den Gebr. Schackert 1751 in Basdorf im
Zühlenschen Revier begonnenen und bis mindestens 1763
fortgesetzten Porzellanversuche, die sich aber nur als ein
Surrogat, eine Art Glasporzellan, herausstellten, kann hier
kurz hinweggegangen werden %). Außer dem bezeichneten
Stück im Hamburger Museum ist wegen der gleichen Be-
schaffenheit der Masse und der schlechten Emailmalerei eine
Kanne der Berliner Sammlung (Schr. 535) zu diesen Por-
zellanversuchen zu rechnen, welche übrigens auch 1750 in
der Glashütte Stennewitz (Kr. Landsberg) von einem ehe-
malisen Buchführer .Schopp aus Halberstadt angestellt
wurden. Friedrich der Große, dessen Interesse für das Por-
zellan sehr groß war, verlangte einen Bericht darüber, »was
es mit der Stennewitzschen Porcellain-Fabrique für eine Be-
wandniß habe« Die neumärkische Kammer antwortete, es
handle sich um das schlechteste grüne Glas, das durch ge-
stoßenen Gips oder Kalk weiß gefärbt werde. Zu einer wirk-
lichen Fabrikation ist es nicht gekommen.
Mit dieser zum Teil noch hypothetischen Zuweisung der
emaillierten Gläser an die verschiedenen deutschen Glas-
distrikte ist das Gebiet bei weitem nicht erschöpft. Auch in
andern als den genannten Gegenden sind natürlich ebenfalls
Emailgläser entstanden, die aber neben den Erzeugnissen der
behandelten Gebiete nicht ins Gewicht fallen und deshalb
hier unberücksichtigt bleiben mögen. Die Heimat unendlich
vieler bemalter Humpen wird sich jedoch überhaupt nie exakt
feststellen lassen, da immer mit der Übertragung von Glas-
rezepten und Malereigepflogenheiten von einem Ort zum
andern gerechnet werden muß.
Einzig eine kleine Gruppe von Glasbechern sei hier noch
erwähnt, deren Emailmalerei sich durch eine miniaturartig
208 Das deutsche Glas.
feine Ausführung von der großen
Menge der kräftig und derb ge-
malten Arbeiten unterscheidet.
Die Stücke sind selten: im
Bayr. Gewerbe-Museum (Nürn-
berg), im Brit. Museum und in
Berlin (Schr. 532) stehen derar-
tige Becher mit mythologischen
Darstellungen; das hervorra-
gendste Exemplar ist ein Deckel-
becher in der Sammlung Schöller
(Berlin), auf dem in drei fein
umrahmten Kartuschen Venus
und Adonis, Diana sowie Me-
leager und Atalante in minu-
tiösester Art aufgemalt sind
(Abb. "Tr2)! m Ded Srigdere
beiten weist in die zweite Hälfte
des 17. Jahrh.; die Form. der
Gläser ist die in Nürnberg üb-
liche. Bis sich ein anderer Name
findet, sei vorgeschlagen, als den
Maler dieser Becher den Nürn-
berger Georg Strauch (geb.
17. Dezember 1613, gest. 13. Juli
1675) anzusehen, von dem An-
Nürnberg um 1670. (Berlin, Samm- dreas Gulden 97) berichtet: »Ist
lung Schöller.) sehr gut in kleinen Sachen von
Miniatur und Gummifarb, son-
derlich in der Malerei von Schmelzglas, trefflich weit
kommen«.
Abb. 112. Becher mit Emailmalerei.
Gläser mit Schwarzlotmalerei (Schapergläser).
Die zweite Hälfte des 17. Jahrh. hat eine Art farbiger
Hohlglasverzierung hervorgebracht, die sich in ihrer Zartheit
und künstlerischen Qualität zu der üblichen Fmailmalerei
verhält wie etwa eine Miniatur zu einem derb kolorierten
Holzschnitt. Nach ihrem Erfinder hat man den Arbeiten
den Sammelnamen Schapergläser gegeben. Die Technik
besteht im Einbrennen sehr delikater Schwarzlotmalereien,
zu denen in selteneren Fällen noch durchsichtige bunte
Schmelzfarben hinzutreten. Das Schwarzlot variiert zwischen
den dunkelsten und hellsten Sepiatönen, die Modellierung
wird durch Aufsetzen kräftigerer Farbdrucker und durch
Wegschaben (Radieren) aus der Farbfläche gewonnen.
Die Schapergläser. 209
Diese Technik ist natürlich aus der monumentalen Glas-
malerei übernommen; Johann Schaper selbst ist von Haus
aus Glasmaler gewesen. Die Tradition, daß er aus Harburg
a. Elbe stammt, ist insofern nicht unwichtig, als dadurch
seine Vorliebe für die Graumalerei erklärlich wird. Denn in
der ersten Hälfte des ı7. Jahrh. hatte Holland, und in seinem
Gefolge auch Niederdeutschland, gerade die Graumalerei mit
wenig bunten Emails besonders entwickelt, und Schaper war
einer der ersten, der in Nürnberg diese Art einführte. Gegen
1640 kam er dorthin, erhielt 1658 das Meisterrecht beim
Glaserhandwerk %) und blieb dort bis zu seinem am 3. Fe-
bruar 1670 erfoleten Tode. Eine gute Anzahl seiner Schei-
ben ist erhalten, so hauptsächlich der große, aus Karthaus
Prill bei Regensburg stammende Glasgemäldezyklus mit der
Darstellung der Legende des heil. Bruno 9) (datiert von 1656
bis 1661) im Bayr. National-Museum zu München, ferner
mehrere Wappenscheiben ebenda (von 1658 bis 1667) und
im German. Museum zu Nürnberg (von 1658). Auch eine
Scheibe des Berliner Kunstgewerbe-Museums mit den 3
Nürnberger Wappen von 1656 (Raum 55) zeigt nahe Ver-
wandtschaft mit diesen Werken, ist aber kaum als eigen-
händige Arbeit anzusprechen. Diese Technik übertrug
Schaper nun auch auf das Hohlglas und auf die Fayence.
Von seinen Fayencekrügen haben sich nicht allzu viele er-
halten — ausgezeichnete Exemplare u. a. im S. Kens. Museum,
im Germ. Museum, in Sigmaringen, in der Sammlung v. Dall-
witz (Berlin) und im Berliner Kunstgewerbe-Museum (Schr.
300) —, dagegen ist die Zahl der von ihm bemalten Gläser
eine leidlich große. Die umfangreichste Sammlung besitzt
das Berliner Kunstgewerbe-Museum mit 12 eigenhändigen,
davon Io signierten Arbeiten Schapers (Schr. 546). Die
Form der von ihm bemalten Gläser ist fast durchweg die
gleiche, und zwar eine typisch nürnbergische: ein kleiner
zylindrischer Becher auf drei hohlen Kugelfüßen. Der ge-
wölbte Deckel zeigt einen mehrteiligen Kugelknauf. Sehr
selten sind andere Formen, wie etwa die des ebenfalls nürn-
bergischen Pokals mit hohem Hohlbalusterschaft.
Am häufigsten hat Schaper landschaftliche Darstellungen
gemalt (Abb. 114 links) meist mit ruinösem Gemäuer und
einigen Stafiagefiguren, oft mit einem Brunnen, vor dem ein
Mann steht und aus dem Hut Wasser trinkt. Mehrfach
kommen Schlachtenszenen vor, sowie ein Heerestroß auf dem
Marsche; beides gewöhnlich in bunten Schmelzfarben. Dann
begegnen Ansichten von Nürnberg und den Landsitzen der
Nürnberger Adelsfamilien (Abb. 113 rechts) mit ihren Wap-
pen, sowie verschiedene andere Darstellungen (Hirschjagd,
Daniel in der Löwengrube usw.). Ein Unikum besitzt das
Schmidt, Glas. 14
210 Des deutsche Glas.
Abb. 113. Zwei Becher von Joh. Schaper, Nürnberg. Links: Schwarzlotmalerei,
o. D.; rechts: bunte Schmelzfarben, dat. 1665. (Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
Museum in einem Glas mit lustwandelnden Paaren und einzel-
nen Figuren im Zeitkostüm (Abb. 113 links). Auch ein
Hohlbalusterpokal der Sammlung mit vier Herrenporträts
steht völlig allein. Schaper signiert entweder mit dem voll
ausgeschriebenen Namen, dem zuweilen noch Ort und Jahres-
zahl hinzugefügt sind, oder mit dem aus ]J und S gebildeten
Monogramm. Datierte Arbeiten scheinen sich nur aus den
1660 er Jahren erhalten zu haben, besonders aus den Jahren
1665 und 1666. Auch bei unbezeichneten Stücken ist die
Hand Schapers leicht zu erkennen, da keiner seiner Schüler
und Nachahmer die duftige Zartheit der landschaftlichen
Hintergründe und die sichere Charakteristik des Figürlichen
so zu beherrschen gewußt hat wie er. Mehrere seiner Nach-
ahmer sind in — meist wohlverdienter — Anonymität ver-
blieben; einige andere sind bekannt. So existieren zwei im
Jahre 1677 mit Schwarzlot in kräftiger Manier bemalte
Gläser von Krermlann BiemiehlenlisEdasgemeggzon
ungewöhnlicher Form mit Netzglasfuß, in Prag, mit Dar-
stellung der Lebensalter, das andere in Berlin, mit einem
bacchischen Puttenzug. Ebenfalls in Berlin befindet sich
ein Becher mit dem Wappen des Gg. Paul Imhof und Heiligen -
Die Schapergläser. 211
Abb. 114. Becher mit Schwarzlotmalereien. Links von Joh. Schaper, o. D.; rechts
von Joh. Keyli, 1675. (Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
figuren von 1675, signiert Joh. Keyll (Abb. 114 rechts);
von demselben Künstler besitzt das Österr. Museum in Wien
einen Becher mit Bacchantenzug und der Ansicht des fränki-
schen Dorfes Rückersdorf vom Jahre 1678. Ein Heinrich
Huober zeichnet auf einem mit Kriegsszenen bemalten
Glase von 1679 in der Sammlung vaterländischer Altertümer
in Stuttgart; das Prager Museum besitzt einen G. H. 1673
signierten Becher mit Löwenjagd in mäßiger Schwarzlot-
malerei, und endlich steht im S. Kens. Museum ein Deckel-
becher mit den Wappen der Praun und Harsdörfer von 1680.
Bezeichnet ist dieser Bechen »)- E-R2T.< d.h. Jonann
BaUEdEwzESze ag pXerueecitsehahersgderzeimaschilensdessmach
1670 gestorbenen Nürnberger Glasmalers Gg. Guttenberger
war, hat sich, ebenso wie Schaper, auch mit der Fayence-
malerei beschäftigt. Die Berliner Sammlung z. B. besitzt
von ihm einen Teller von 1683 und einen Enghalskrug von
1688, beide mit Schwarzlot bemalt (Schr. 300, Raum 54).
Es mag ein Zufall sein, daß von dem am 29. März 1654
in Regensburg geborenen, am 25. Mai 1724 in Nürnberg ge-
storbenen Glasmaler Abraham Helmhack, von dem viele
Sammlungen bemalte Fayencen besitzen (ein Teller in Schr.
300), bisher kein bemaltes Glas bekannt geworden ist 100).
Unter den übrigen, zum Teil recht handwerklich be-
malten sogenannten »Schapergläsern« der Berliner Sammlung
sind am bemerkenswertesten zwei ziemlich große achteckige
Flaschen. Die eine trägt in sehr dunkler Sepiamalerei die
Darstellung einer Weinlese nach einem auf Jacopo Bassano
zurückgehenden Stich des Raphael Sadeler, und eine Ansicht
14*
212 Das deutsche Glas.
des Rheins mit der Pfalz bei Caub; die andere, bei der noch
etwas eisenrote Fleischfarbe verwendet ist, zeigt eine alle-
gorisch-bacchische Darstellung sowie eine Ansicht von Frank-
furt a. M.
Die Technik hat sich noch weit bis ins 18. Jahrh. hinein
erhalten. Nach 1700 scheint jedoch Nürnberg für diese Glas-
dekoration nicht mehr in Betracht zu kommen, die nun
hauptsächlich auf böhmisch -schlesischem Material angebracht
und meist auch in diesen Ländern ausgeführt worden ist.
Der Charakter dieser späten Malereien ist auch ein völlig
anderer geworden. In den meisten Fällen sind es nicht mehr
rein bildmäßige Darstellungen, sondern das Ornamentale, im
Charakter des Laub- und Bandelwerkstils, überwiegt; fein
geschwungene Ranken mit Putten, Tieren, Chinesen und dem
ganzen Apparat der frühen Porzellanmalerei werden bevor-
zugt. Gewöhnlich wird das Schwarzlot noch durch aufge-
setzte Goldlichter gehöht. Viele dieser Gläser, besonders der
künstlerisch bedeutendste Riesenpokal mit dem Triumph
der Galathea in Prag, hängen unmittelbar mit frühen Male-
reien der Wiener Porzellanmanufaktur zusammen; andere
Stücke tragen den Charakter der auf den Überdekorateur
Preußler in Breslau zurückgeführten Porzellanmalereien
(Beispiele in Schr. 546).
Gläser mit durchsichtiger Emailmalerei (Mohngläser).
Im Anschluß an diese Schwarzlotmalereien seien kurz
noch die letzten Ausläufer der Hohlglasmalerei im Beginn des
19. Jahrh. gestreift, dieunter dem Namen »Mohngläser«
bekannt sind. Eine Art leicht einzubrennender, durchsichti-
ger Schmelzfarben war von dem Porzellanmaler Sigis-
mund Mohn (geb. 1760 in Weißenfels, gest. 1815 in
Dresden) erfunden worden und von seinem 1789 ebenfalls in
Weißenfels geborenen, 1825 in Laxenburg bei Wien gestorbe-
nen Sohne Gottlob Samuel Mohn noch verbessert
worden. Den Hauptanteil an der Hohlglasverzierung hat
der Vater gehabt, während der Sohn sich bereits zeitig an
größere Aufgaben der monumentalen Glasmalerei heran-
wagte und besonders in Laxenburg gute Leistungen hinter-
lassen hat.
Die von ihnen bemalten Hohlgläser sind gewöhnlich
zylindrische Becher, zum Teil mit ausgebogenem Rande.
Seltener erscheint ein schwerer, vierkantiger Fuß unter
diesen Bechern, wie z. B. bei dem Glas im Goethe-Museum
(Weimar), das der Berghauptmann von Trebra in Freiberg
1810/11 mit seinem und seiner Frau Porträt von Sigismund
Schapergläser. Mohngläser. 23
Mohn in Dresden für Goethe
malen ließ. Vielfach findet
man bunte Porträts, Silhouet-
ten, Städteansichten (be-
sonders häufig Dresden;
Abb. 115) und andere Dar-
stellungen. Sehr beliebt war
der Plan? den Schlacht bei
Leipzig. Nie fehlt eine feine,
bunte Blumengirlande unter
dem Lippenrand. Die
meisten bekannten Arbeiten
sind vom alten S. Mohn ge-
malt und signiert; sehr selten
findet man die Bezeichnung
»G. Mohn f. Wien«, wie bei
einem Glas im Leipziger
Museum. (Der junge Gottl.
Sam. Mohn war ISII von
Dresde 1 era Abb. 115. Becher mit Ansicht von
sedc), nach Wien übe = Dresden, bemalt von G. S. Mohn, 1816.
(Berlin, Sammlung Miühsam.)
In einer sehr ähnlichen
Technik hat außerdem noch
ein Maler Anton Kothgasser (geb. 1769 in Wien)
gearbeitet, der zusammen mit dem jüngeren Mohn in Laxen-
burg beschäftigt gewesen zu sein scheint. Signierte Gläser
von ihm sind selten. Auch ein Glasmaler Siebel, von
dem ein bezeichnetes Glas (mit der Darstellung der Beschnei-
dung) auf der Feste Koburg steht, hat ebenfalls in Anlehnung
an die Mohngläser gemalt. Zwei Gläser im Museum zu
Weimar, mit figürlichen Szenen, gehören jedenfalls derselben
Hand an. Sie scheinen später und sind flauer gemalt als die
Arbeiten der beiden Mohn, die durchweg mit großer Sorgfalt
und mit künstlerischem Takt ausgeführt sind.
Gläser mit kalter Malerei und Vergoldung.
Kalt bemalte Gläser sind in der bisherigen Darstellung
bereits zweimal begegnet: in Venedig, wo im 16. Jahrh. die
Rückseiten großer Schalen mit Ölfarben b.malt wurden
(s. S. 97), und in Hall in Tirol, wo man, in Anlehnung an
diese venezianischen Erzeugnisse, ebenfalls die kalte Lack -
und Ölfarbenmalerei pflegte (s. S. 118).
Aber auch rein deutsche Werkstätten haben sich mit
dieser wenig beständigen Technik beschäftigt.
Durch die Feinheit der Ausführung in Gold und den
Lasurlackfarben Rot und Grün ragt besonders eine fest ge-
214 Das deutsche Glas.
Abb. 116. Pokal mit kaltgemaltem Wappen der Praun.
Nürnberg 1607. (Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
schlossene Gruppe
von Gläsern ausden
beiden ersten Jahr-
zehnten des m.
Jahrh. hervor. Die
Formen der Pokale
schließen sich zum
Teil eng an die ve-
nezianischen Typen
an (hoher Kelch,
Knauf mit Maska-
rons und Perlge-
hängen in Relief),
zum Teil haben sie
einen schwereren
Charakter. Die Ma-
lerei ist sicher nicht
in Venedig herge-
stellt; sie ist aber
auch meist viel zar-
ter und nie mit der
Diamantengravie-
rung verbunden,
die bei den Haller
Gläsern fast niemals
fehlt. Der Dekor
besteht ausnahmslos
in einer zierlichen
Goldspitzenborte,
die etwas unterhalb
desLippenrandes die
Kelchwandung um-
zieht; daran hängt
auf einer Seite ein
ovales Wappenme-
daillon.
Sämtliche bis-
her identifizierten
Wappen gehören
Nürnberger Fami-
lien an. So stehen
Gläser mit dem
Wappen der Praun
von 1607 in Berlin
(Abb. 116) und im Bayr. Gewerbe-Museum; ebenda ein
Deckelpokal mit Wappen der Haller. Gläser im Brit. Muse-
um zeigen dieWappen der Roming (1606) und der Forsten-
Kaltbemalte und vergoldete Gläser. ZIUR
hauser (1607); im Neuen Palais bei Potsdam steht ein
Kelchglas mit dem Allianzwappen der Praun und Roggen-
bach, in Prag ein auf der unteren Hälfte mit großen Nup-
pen besetzter Becher mit dem Allianzwappen der Stark
und einer unbekannten Familie, sowie ein Kelchglas mit
Wappen, HM und 1614. Die Berliner Sammlung endlich be-
sitzt noch zwei Gläser mit ungedeuteten Wappen von 1603 und
1615. Wegen dieser auffallenden Beziehungen zu Nürnberg
wird man nicht fehlgehen, wenn man die Malerei für das Pro-
dukt einer Nürnberger Werkstatt erklärt.
Eng an diese schlicht bemalten Wappengläser schließt
sich eine kleine, ausgezeichnete Gruppe an, die neben dem
Wappenmedaillon und dem Horizontalband reiche figürliche
Malerei aufweist. Die Stücke tragen sämtlich das Wappen
der Nürnberger Pfinzing und sind aus Schloß Henfenfeld in
den Besitz des Germ. Museums übergegangen !%). Die ziem-
lich großen Gläser haben eine zylindrische oder nach unten
gerundete Kuppa; stets übernimmt ein Hohlbalusterknauf
die Vermittlung zum Fuße. (Einige unbemalte Exemplare
in Schr. 539.) Diese Formen sind ähnlich am Ende des
16. Jahrh. zwar auch in Hall sehr beliebt gewesen; da sie aber
in einer seit der Mitte des 17. Jahrh. ausschließlich von Nürn-
berger Glasschneidern dekorierten Gläserform (vgl. Abb. 130)
ihre direkte Fortsetzung finden, so liegt es nahe, ihren Ur-
sprung nicht in Hall, das ja in den 1630 er Jahren aufhört
zu arbeiten, sondern in einer nürnbergischen oder wenigstens
fränkischen Hütte »& la veneziana« zu suchen velsS150):
Ungleich derber ist die Lackmalerei, die man auf vielen
andern deutschen Gläsern, vornehmlich auf Walzenhumpen,
antrifft.
Ob das eigenartig geformte Glas der Nürnberger Stadt-
bibliothek, das Luther 1546 seinem Freunde Justus Jonas
geschenkt haben soll und das in kalter Malerei — nicht in
Emailfarben, wie vielfach geschrieben ist — beider Porträts, In-
schriften usw. zeigt, wirklich aus dem angegebenen Jahre
stammt, mag dahingestellt bleiben 1%). Von vornherein aber
ist die Ansicht v. Czihaks zu berichtigen, der durch eine im
König-Albert-Museum zu Freiberg i. S. befindliche Fälschung
aus der Mitte des IQ. Jahrh. verführt wurde, die Anfänge der
kalten Malerei um 1500 anzusetzen und sie als Vorläufer der
Emailmalerei zu betrachten.
Erst spät in der zweiten Hälfte des 16. Jahrh. kommt —
als Parallelerscheinung zu den Emailmalereien — die kalte
Bemalung auf, und zwar meist in Verbindung mit der Dia-
mantgravierung, wie in Hall.
Die frühesten Arbeiten der Art weisen sich durch Technik
und Dekor als Erzeugnisse ein und derselben Werkstatt aus.
216 Das deutsche Glas.
Zwei Exemplare sind im
Berliner Kunstgewerbe-
Museum, andere im Rat-
haus. zu MNeisserssen
Görlitz (Museum) und
anderwärts erhalten.
Zwischen mehrfachen
diamantgravierten Bor-
ten von guter Zeichnung
sind die Figuren mehre-
rer sitzender Tugenden
nach J. Ammans »Kunst-
büchlein« aufgemalt
(Abb. 117). Die Fleisch-
farbe ist durch weißlich-
graue Olfarbe wiederge-
geben, alles Übrige ist
kalt. vergoldet, einzelne
Details mit grüner Lasur-
lackfarbe aufgemalt. Als
Heimat dieser Gläser ist
Schlesien anzusehen.
Andere Lackmale-
reien, darunter Apostel-
figuren, die Kreuzigung,
Kaiser mit Kurfürsten,
Edelleute, Jäger, Al-
legorien der Elemente
Abb. 117. Humpen mit Diamantgravierung und u.a. sind im ganzen 167.
kalter Malerei. Schlesien Anfang 17. Jahrh. Jahrh hergestellt wor-
(Berlin, Kunstgewerbe-Museum.) den (Beisp. In Schr 540).
Teils sind die Farben
metallisch durchscheinend und mit Gold verbunden, teils
kräftig pastos; stets werden die Darstellungen von diamant-
gerissenen Borten begleitet. Wo diese Malereien entstanden
sind, entzieht sich unserer Kenntnis gänzlich; hingewiesen
sei darauf, daß in der Wilhelmsberger Hütte bei Gratzen (Süd-
westböhmen) im Jahre 1614 neben gemalten (d.h. email-
lierten) und gerissenen Gläsern auch »große Gläser mit Ol-
farben« und »gerissene Glasel mit Mastixfarben« genannt
werden, und daß alle diese Techniken von den gleichen Malern
ausgeübt wurden. Wirkliche Ölmalerei ist allerdings nur
sehr selten auf Gläsern festzustellen, während sie in den
Hinterglasmalereien auf Glasplatten sehr beliebt war; ob
Mastix oder ein anderes Bindemittel verwendet worden ist,
ließe sich auch nur durch chemische Untersuchung erweisen.
(Der Name »eglomisierte« oder vagglomisierte« Gläser, der
Kaltbemalte und gerissene Gläser. 217
für die hier nicht näher zu behandelnden Hinterglasmalereien
in Aufnahme gekommen ist, ist ein aus Frankreich über-
nommener, absolut inhaltsloser Begriff.)
Kalte, durch einen Lacküberzug geschützte Vergoldung
ohne Zuhilfenahme weiterer Farben ist nur selten auf Gläsern
verwendet worden. Die größten Stücke dieser Art sind
schmale, zylindrische Pokale auf Balusterfuß, an deren Kuppa
bis zu halber Höhe perlartig gekniffene Rippen empor-
steigen. Dazwischen sind goldene Blumen in der Stilisierung
der zweiten Hälfte des 17. Jahrh. aufgemalt, während die
obere Hälfte der Kuppa figürliche Darstellungen zeigt, so
eine Allegorie des Gefühls (in Brüssel), Christus und die
Samariterin (in Berlin, Schr. 534) u.a.
Künstlerisch feinere Wirkungen hat man durch radierte
eingebrannte Goldmalerei erzielt, die besonders häufig auf
Römern westdeutscher und holländischer Provenienz während
des ganzen 17. Jahrh. anzutreffen ist (Beispiele in den Museen
von Berlin [Abb. 8o Mitte], Kassel, Köln, Darmstadt,
Amsterdam usw.). Beliebt waren die Wappen des Reichs
und der Kurfürsten, Jagddarstellungen u.a. Im ganzen
aber ist die Vergoldung und die kalte Bemalung verhältnis-
mäßig wenig geübt worden. Der Grund dafür liegt in der
Gefahr schneller Abnutzung, der diese Arten der Malerei
ausgesetzt sind.
Gerissene (mit dem Diamant gravierte) Gläser.
Bereits im vorigen Abschnitt wurde auf das Reißen als
unzertrennliche Begleiterscheinung der Lackmalerei hinge-
wiesen. Die Technik des Reißens aber war schon weit eher
bekannt, und begegnet, ohne künstlerische Prätention, in
Form eingeritzter Besitzernamen usw. schon auf Maigelein
und andern deutschen Waldgläsern des 15. Jahrh. Der
Anstoß zur künstlerischen Verwendung der Technik ist dann
aber jedenfalls aus Venedig gekommen (vgl. S. 99), das ja
auch für die große Gruppe der mit dem Diamant verzierten
Haller Gläser das Vorbild abgegeben hat.
Mathesius berichtet im Jahre 1562, daß man »auff die
schönen und glatten Venedischen gleser mit Demand allerley
laubwerck und schöne Züge reißet«; das frühest datierte,
in Deutschland gerissene Glas ist eine Trinkglocke im Schlosse
zu Darmstadt, mit sehr feinen Ranken und der Inschrift
»Amor vincit omnya. Ao. 1570« Das Glas selbst ist jeden-
talls venezianisch.
In der Folgezeit ist das Diamantgravieren dann in ver-
schiedenen deutschen Gegenden ausgezeichnet gehandhabt
218 Das deutsche Glas.
worden. So hat das
böhmisch - schlesische
Glasgebiet Anteil daran
gehabt. Durch Analogie
gewisser Borten- und
Behangornamente mit
dem Schmuck der Hum-
pen mit kalt gemalten
Tugenden (s. Abb. 117)
darf man u.a. folgende
ausgezeichnete Stücke
in den schlesisch-böh-
mischen Kunstbereich
versetzen: die perssz
Czihak Taf. I abgebilde-
ten Humpen (der eine
vom Ende des 1®. Jahrh.
mit Reiterfiguren, der
andere von 1609 mit der
Fortuna nach Jost Am-
man), den beiKoula (Il.
Serie, Bl. 1) abgebildeten
Humpen mit emaillier-
tem Wappen des G. Z.
von Zästrizl sowie (eben-
da Blatt 45/46) das große
Glas von 1582 mit Hoch-
zeitstänzern (nach der-
selben Vorlage wie die
emaillierten Gläser in
Abb. 118. Humpen mit gerissenem sächsischen Frankfurt und Köln).
Wappen von 1612. (Berlin, Kunstgewerbe- Daß Schlesien für das
Be) Glasreißen sicher in Be-
tracht kommt, wird
außerdem durch ein bei v. Czihak (S. 122) mitgeteiltes In-
ventar von 1631 bewiesen; für Böhmen steht es fest durch die
Erwähnung von gerissenen Wappengläsern, Leuchtern, Scha-
len und »danekfarbenen Fässeln« auf der Wilhelmsberger
Glashütte von 1614 (Mares S. 169). Das Reißen wurde von
den hier angestellten Malern ausgeführt.
Gerissener Dekor wurde auch schon für die frühen
Arbeiten der brandenburgischen Hütte in Grimnitz nach-
gewiesen (s. S. 205).
Vielleicht hat auch Sachsen an diesem Dekor teilgenom-
men; jedenfalls weisen die beiden Gläser des Berliner Kunst-
gewerbe-Museums mit sächsischem Wappen von 1612 (Abb.
118) und dem Wappen der sächsischen Familie von Berbis-
Gerissene Gläser, 219
dorf (1610) im Ornament mehr-
fache Unterschiede von der eben
besprochenen Gruppe auf. Mög-
licherweise sind auch die beiden
Riesenflötengläser der Dresdner
Porzellansammlung, deren eines
mehr als 2 m hoch ist, hier deko-
riert. Auch ein ausgezeichneter
Humpen mit sächsischem und däni-
schem Wappen von 1603 im Schloß
zu Dessau schließt sich eng an die
Gläser der Berliner Sammlung an.
Wo die ganz vorzüglich ge-
rissene tiefblaue Schale mit den
Wappen von Württemberg und
Anhalt von 1618 (Schr. 540) de-
koriert ist, läßt sich aus Mangel an
analogen Stücken vorläufig nicht
feststellen.
Vermutlich haben auch Nürn-
berger Künstler sich mit der Dia-
mantgravierung beschäftigt. Ein
Glas im Germ. Museum (Abb.
bei Gerspach, S. 258/59) hat einen
von allen bisher betrachteten Ar-
beiten abweichenden, sehr delika-
ten Dekor mit hängenden Frucht-
büscheln, Wappen und Insekten;
dies 1619 datierte Glas hat dieselbe
Form wie das für Nürnberg in An-
spruch genommene kalt gemalte
Praunglas (Abb. 116). Das violette
Stangenglas von 1617 (Abb. 119)
zeigt das Nürnberger Adlerwappen und das Wappen der
Familie Imhof, und ein gleichgeformtes Glas in Reichenberg
(Pazaurek, Taf. 5 b) die Wappen einer nürnbergischen und
einer österreichischen Familie. Zum mindesten also ist die
Möglichkeit des Nürnberger Ursprungs dieser Gläser gegeben.
Während die Schraffierung bei allen diesen Arbeiten
in flotter, breiter Strichmanier ausgeführt ist, treten die
rauhen Strichlagen bei einer kleinen Gruppe von Gläsern
so eng zusammen, daß die gezeichneten Blätter, Blüten usw.
wie weiße Flächen auf dem Glas aufliegen. Das ist der Fall
z. B. bei einem kleinen Becher in Reichenberg (Pazaurek,
Taf. 5a) und bei einem Spitzglas der Berliner Sammlung,
das neben Blumenranken und Vögeln das Nürnberger Wappen
trägt (Vorbilderheft, Taf. I, Fig. 1).
Abb. 119. Gerissenes Stangen-
glas, Nürnberg 1617. (Berlin,
Kunstgewerbe-Museum.)
220 Das deutsche Glas.
eos, Terior“ 2;
Se ee 1
2
Abb. 120. Römer mit Diamantgravierung von Peter Wolii, Köln
1677. (Köln, Kunstgewerbe-Museum.)
Die Blütezeit der Diamantgravierung in Mittel- und
Ostdeutschland hört etwa mit dem Beginn des Dreißigjährigen
Krieges auf. Nachzügler sind natürlich auch weiterhin
anzutreffen, und von dem Gebrauch, den die Nürnberger
Glasschneider des 17. Jahrh. von der Diamantspitze
— zur Erzielung zierlichster Fffekte neben dem Schnitt —
gemacht haben, wird später die Rede sein.
Der Westen Deutschlands hat sich im 17. Jahrh. stark
an dieser Dekorationsart beteiligt, und zwar unter dem Ein-
Gerissene Gläser. Peter Wolff. Kanonikus Busch. 221
fluß der ungeheuer
fruchtbaren hollän-
dischen Glasreißer-
schule (s. unten).
Nicht immer ist bei
den grünlichenHum-
pen und Römern
(gute Beispiele in
den Museen von
Kassel, Köln, Leip-
zig, Amsterdam)
mit Sicherheit zu
bestimmen, ob sie
deutschen oder hol-
ländischen - Ür-
sprungs sind; Hol-
land gebührt jeden-
falls der Löwenan-
teil daran. ImGegen-
satz zu den Arbei-
ten der holländi-
schen Glasreißer,
die sehr häufig sig-
niert sind, bleiben
die deutschen Glä-
ser des 17. Jahrh.
stets anonym. Eine
Ausnahme machen
drei Römer, die ein
sonst unbekannter
Glasreißer, Peter
Wolff in Köln,
erayzienes hat).
Alle drei (von 1666
auf Schloß Stolzen-
fels; von 1669 in
Maria Lyskirchen in
Köln und von 1677
im Kunstgewerbe-
Museum _ daselbst,
Abb. 120) zeigen
kölnische Wappen,
die beiden erstgenannten außerdem Ansichten von Köln
und Deutz in der Art der Merianschen Stiche. Ein vierter,
unbezeichneter Römer Wolffs mit mainzischen Wappen
steht in der kgl. Residenz zu München. Die Arbeiten
Wolffs verraten eine geschickte Hand, können aber keines-
Abb. 121. Deutsches Flügelglas mit Diamantgravie-
rung vom Kanonikus Busch, Hildesheim um 1750.
(Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
222 Das deutsche Glas,
wegs mit den gleichzeitigen, meisterhaften Leistungen der
holländischen Graveure wetteifern.
Der letzte, der sich in Deutschland mit dieser Technik
befaßte, warder Kanonikus Aug. OttoErnst vondem
Busch in Hildesheim (1704 bis 1779). Er hat von etwa
1745 an eine sehr große Tätigkeit entfaltet und äußerst zarte,
kunstvolle Arbeiten geschaffen, nicht nur auf Gläsern, sondern
auch auf Porzellan (Beisp. in Schr. 365). Seine Art mag
durch das signierte Flügelglas der Berliner Sammlung (Abb.
121) veranschaulicht werden.
Der Glasschnitt.
Der Kristallschnitt als Vorläufer.
Analog den Vorgängen im Altertum und im orientali-
schen Mittelalter hat sich um 1600 auch in Deutschland der
Glasschnitt aus dem Steinschnitt entwickelt. Die Edelstein-
bearbeitung war in der einfachsten Form des Kantenschliffs
das ganze Mittelalter hindurch auch in Deutschland geübt
worden; ein Manuskript der Breslauer Stadtbibliothek aus
dem 15. Jahrh. spricht von der zum Edelsteinschleifen not-
wendigen Mühle oder »Getcezeugk« (Zeug) sowie von den
dazugehörigen fünf Scheiben aus Blei, Zinn, Kupfer, Stahl
und Lindenholz. Auch bei Mathesius, dem bereits kunst--
volle Steinschnittarbeiten bekannt sind, ist 1562 vom»Schneid-
zeug und redlein« der Steinschneider die Rede.
Der figürliche und ornamentale Dekor, d.h. also die
feinere, künstlerische Arbeit, oder wie man sie im Gegensatze _
zum gewöhnlichen Schleifen nennt, das Schneiden, wurde
etwa seit Beginn des 16. Jahrh. zuerst von italienischen
Künstlern in größerem Maßstabe ausgeführt; und zwar be-
dienten sie sich dazu hauptsächlich des wasserklaren Berg-
kristalls, der in Stücken von beträchtlicher Größe wächst.
Die berühmtesten Künstler, die sich mit dieser Arbeit be-
faßten, waren Valerio Vicentino, Bernardi zu Castelbolognese,
Bontalenti zu Florenz, Caradosso in Rom u.a.; hervor-
ragende Werke dieser Zeit, meist allerdings namenlos, sind
mit den Kunstkammern der Fürstenhäuser erhalten ge-
blieben, besonders im Prado zu Madrid, im Louvre und im
Wiener Hofmuseum.
Zwei verschiedene Techniken sind zu unterscheiden: der
Hochschnitt und der Tiefschnitt. Beim Hochschnitt (Ka-
meenschnitt) steht das Relief erhaben über der rings herum
Der Glasschnitt. Caspar Lehmann. 223
abgearbeiteten Oberfläche; beim Tiefschnitt (Gemmenschnitt,
Intaglio) wird das Ornament in die Fläche hineingeschnitten.
Diese letztere Art ist die in der Renaissance bei größeren
Arbeiten, Gefäßen usw. überwiegende (sehr gute Beispiele
in Schr. 482); der Hochschnitt mit seinen kräftigeren Wirkun-
gen entspricht mehr den wuchtigeren Tendenzen des Barock.
Die Vorliebe für das klare Material des Kristalls teilte
sich bald weiteren, auch ausländischen Kreisen mit, und einer
der größten Liebhaber des Bergkristallschnittes war der
kunstliebende deutsche Kaiser Rudolf II.
Unter den vielen Künstlern, die eran seinen Hof in Prag
berief, befand sich eine große Anzahl von Edelsteinschneidern,
teils Italiener — z. B. verschiedene Mitglieder der Familie
Miseroni —, teils Deutsche, deren Namen von Pazaurek
(S. 8) ziemlich vollständig aufgeführt sind.
Caspar Lehmann und die Anfänge des Glasschnitts.
Einer dieser deutschen Steinschneider, Caspar Lehmann,
war es, der den entscheidenden Schritt tat, die Kristallschnitt-
technik auf das Glas zu übertragen. Lehmann verließ 1586
seine Heimatstadt Ulzen im Lüneburgischen und arbeitete
seit 1588 in Prag für Rudolf II., der ihn 1601 zum kaiser-
lichen Hofdiener und Kammeredelsteinschneider ernannte.
Am 10. März 1609 erhielt er dann das Privileg für den Glas-
schnitt; daß er aber schon früher für den Kaiser und für
andere Liebhaber auch geschnittene Gläser gearbeitet hat,
geht u. a. aus einer vor den 9. Oktober 1608 zu datierenden
Urkunde hervor, in der er bereits »kaiserlicher Kammer-
edelstein- und Glasschneider« genannt wird !%4). C. Leh-
mann beschwert sich darin über den Kammerdiener Philipp
Lang, der aus purer Abgunst erwirkt habe, daß ihm der
Dienst gekündigt und sein rückständiges Gehalt von 31/a
Jahren (monatlich 30 fl.) zurückgehalten sei. Er habe dann
» wegen der ihm mit Unrecht angethanenen Schande« Prag
mit seiner Frau verlassen, sei totkrank gewesen und habe
36 Wochen gelegen. Er dringt auf Restituierung und Ersatz
des Verlustes, auch der Geschenke, die er vorher dem Lang
gegeben habe und die in schönen, künstlich geschnittenen
Gläsern und Kristallarbeiten bestanden.
Der Wortlaut des Privilegs wird von Sandrart !05) aus-
führlich mitgeteilt. Es heißt darin, Lehmann habe »von
etlichen Jahren hero mit großer Bemühung, fleißigem Nach-
sinnen, und nicht geringen Unkosten die Kunst und Arbeit
des Glasschneidens erfunden und ins Werk gerichtet«. Nie-
mand, im ganzen Bereich der kaiserlichen Herrschaft, darf
224 Das deutsche Glas.
ihm »solche Kunst
und Arbeit, ohne sein
Bewilligen und Zu-
geben, nachmachen,
treiben, feilhaben oder
verkauffen«.
Von einer Er-
findung des Glas-
schnittes durch Cas-
par " Lehmann
sprechen, wie es in
dem Privileg und da-
nach auch in der äl-
teren ‚Viterabusgiase
ständig geschieht, ist
jedoch übertrieben;
denn die technischen
Bedingungen sind —
abgesehen von ge-
ringfügigen Verände-
rungen der Werk-
zeuge, die dem Glas-
material angepaßt
werden mußten — die-
selben wie beim Kri-
stallschnitt. Vielmehr
handelt es sich eben
nur um ein Übertra-
gen der Technik auf
ein anderes Material.
Die Annahme, daß
Lehmann die Tretvor-
richtung beim Schneidzeug erfunden habe, ist von Pazaurek
schon hinlänglich widerlegt worden durch den Hinweis darauf,
daß das Tretzeug voll ausgebildet bereits auf dem Bilde des
Steinschneidersin Jost Ammans»Stände und Handwerker«von
1568 erscheint. Daneben aber muß, wenn man Sandrart
glauben darf, auch noch bis nach Lehmanns Tode die schwere,
ungefüge Art des Schneidzeugs in Gebrauch gewesen sein,
deren Räder durch Gehilfen und Radzieher in Bewegung
gesetzt werden mußten.
Wenn man also auch niemals ganz exakt herausfinden
wird, worin Lehmanns technisches Verdienst um den Glas-
schnitt bestand, so wird ihm der Ruhm nicht genommen
werden können, als erster den Gedanken dazu gefaßt und ihn
praktisch verwertet zu haben.
Der erste Anstoß zum Glasschnitt ist vermutlich nicht
Abb. 122. Geschnittener Glasbecher von Caspar
Lehmann, Prag 1605. (Sammlung des Fürsten
Schwarzenberg in Frauenberg.)
Der Glasschnitt. Caspar Lehmann. 225
Abb. 123. Geschnittene Glasscheibe mit Perseus und Andromeda. Um 1620.
Wohl von Caspar Lehmann in Prag. (London, S. Kens.-Museum.)
von den Hohlgläsern, sondern von Glasscheiben ausgegangen.
Bergkristallplatten von größeren Dimensionen zu erhalten,
war naturgemäß schwer und auch kostspielig, da sehr viel
Material beim Abschleifen verloren ging. Was lag näher,
als nun die klaren, einigermaßen wenigstens dem Kristall
vergleichbaren Glasscheiben dem Schnittdekor dienstbar zu
machen ?
Eine Bestätigung dieser Vermutung liegt darin, daß aus
der Frühzeit des Glasschnitts eine ganze Reihe von Glas-
scheiben sich erhalten haben, wogegen die geschnittenen Hohl-
gläser jener Zeit äußerst spärlich sind.
Schmidt, Glas. 15
226 Das deutsche Glas.
Ein einziges be-
zeichnetes Glas von
Lehmanns Hand ist
in der Sammlung des
Fürsten Schwarzen-
berg in Frauenberg
erhalten 106), Der
»C. Leman F. 1605«
signierte Becher
(Abb. 122) zeigt nach
einem Stich des Joh.
Sadeler von 1597 die
drei Figuren der No-
bilitas — mit Wap-
pen der Herren von
Rogendorf undLosen-
stein — der Potestas
und der Liberalitas,
sowie wachsende Blu-
men und Insekten
wohl von eigener Er-
Abb. 124. Glas mit Wappen von Pommern und findung des Glas-
Holstein, aus dem Pommerschen Kunstschrank, schneiders. Am Fuße
1617. (Berlin, Kunstgewerbe-Museum.) sind Fruchtbüschel
angebracht. Der
Schnitt ist, soweit man nach den Abbildungen und der
Nachbildung im Prager Museum urteilen kann, sehr sauber
ausgeführt und läßt auf absolute Beherrschung der
Technik schließen. Abgesehen von diesem einen Glase
lassen sich nur noch einige geschnittene Glastafeln ver-
mutungsweise dem C. Lehmann zuschreiben. Das sind: eine
Glastafel im Prager Museum mit dem von Trophäen und
Fruchtbündeln umgebenen Brustbilde des Kurfürsten Christian
II. von Sachsen (f 1611) sowie drei Glastafeln im S. Kens.
Museum, deren zwei die Daten 1619 und 1620 tragen. Die
frühere zeigt einen Bären zwischen Bäumen, darüber einen
Kurfürstenhut; die spätere einen Hund, der eine auf einen
Baum geflüchtete Katze anbellt, sowie verstreute Blumen
und Früchte. In die letzte, undatierte Scheibe (Abb. 123)
ist Perseus und Andromeda eingeschnitten, sowie zwei ge-
krönte Initialen (C und H), deren Deutung bisher nicht ge-
lungen ist.
Lehmann kann sehr wohl der Verfertiger dieser Tafeln
sein, da der Stil der Arbeiten sehr stark an den des bezeichne-
ten Bechers von 1605 anklingt. Allen diesen Arbeiten ist
ferner auch gemeinsam, daß bei ihnen noch kein nachträg-
liches Blankschleifen geübt wurde und daß von einem Zuhilfe-
Der Glasschnitt. Caspar Lehmann. Gg. Schwanhardt d. Ä. 227
nehmen der Diamantspitze, was später sehr häufig begegnet,
nichts zu bemerken ist.
Ob der von Sandrart als Lehmanns »Mitgenosse« be-
zeichnete Zacharias Belzer wirklich auch in Glas geschnitten
hat, steht dahin, und der unter den Prager Steinschneidern
1614 genannte Glasschneider David Engelhart wird wohl nur
in Lehmanns Werkstatt gearbeitet haben.
Die nächste, sicher zu datierende Glasschneidarbeit befindet
sich auf dem kleinen, in venezianischer Art geblasenen Gläs-
chen des 1617 fertiggestellten Pommerschen Kunstschrankes
in Berlin (Abb. 124). Ob das gut gearbeitete Stück dem
Augsburger Steinschneider Daniel Griessbeck, einem der ur-
kundlich genannten Mitarbeiter am Kunstschrank !07), zuzu-
schreiben ist, ob es in Nürnberg entstanden ist, wie Pazaurek
meint (wo dann nur der 1632 gestorbene Goldschmied Hans
Wessler in Betracht käme, der noch vor Schwanhardt das
Glasschneiden nach Nürnberg gebracht haben soll) oder ob
endlich Prag seine Heimat ist, läßt sich nicht feststellen.
Jedenfalls ist es als eine der Inkunabeln des deutschen Glas-
schnitts von hohem Interesse.
Der Nürnberger Glasschnitt im 17. Jahrhundert.
Die Familie Schwanhardt.
Lehmann starb 1622 und vererbte sein Privileg auf
Georg Schwanhardt, einen jungen Nürnberger, der
seit 1618 bei ihm gearbeitet hatte. Nach seines Lehrers Tode
verließ Schwanhardt Prag. Mit seinem Fortgang hört der
künstlerische Glasschnitt in Böhmen wie mit einem Schlage
auf; für eine lange Weile ist es hier nun nur das »grassirende
Unkraut der Stimpler«, die, jedenfalls aus den Gehilfen und
Radziehern der Prager Werkstatt sich rekrutierend, die neue
Kunst handwerksmäßig fortführten.
Georg Schwanhardt, der Ältere, wie er zum Unterschied
von seinem gleichnamigen Sohne bezeichnet wird, ging in
seine Vaterstadt Nürnberg zurück, wo er 1601 geboren
worden war. Er hat »hernacher die Kunst noch mehrers ex-
colirt, und durch unterschiedliche Inventiones, insonderheit
des hellen oder blanken Schneidens, noch höher gebracht«
(Sandrart).. Nach Doppelmayr hatte er außer dem Glas-
schneiden auch das Diamantreißen gelernt und mußte 1653,
nachdem er zuvor noch einmal nach Prag berufen worden
war, nach Regensburg ziehen, um Kaiser Ferdinand III. im
Diamantreißen zu unterrichten. Ferdinand hat ihm darauf
das Privileg noch erweitert und es auf seine beiden Söhne,
1 S®
228 Das deutsche Glas,
Abb. 125. Glasscheibe mit Brustbild Joh. Sigismunds von Brandenburg. Wohl Arbeit
von Gg. Schwanhardt d. Ä. 1618—19. (Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
Heinrich und Georg, übertragen. Schwanhardt starb am
3. April 1667.
Das Berliner Kunstgewerbe-Museum besitzt eine Glas-
scheibe mit dem Brustbild Johann Sigismunds von Branden-
burg (f 1619; Abb. 125). Das Porträt ist umrahmt von Roll-
werkornament, in dem sich Putten und Vögel tummeln. Der
Schnitt ist unvollkommen; jedenfalls technisch bei weitem
nicht so gut wie der auf den bisher betrachteten, dem Caspar
Lehmann zugeschriebenen Werken. Kugelige Vertiefungen
verschiedener Art und gerade Furchen bilden die ganze Kunst
des Verfertigers. Kurven hat er nicht schneiden können und
hat daher bei den gerundeten Buchstaben wie S und G die
Diamantspitze zu Hilfe nehmen müssen. Auch das Haar
Der Glasschnitt in Nürnberg. Gg. Schwanhardt d.Ä. 229
und alle Innenzeichnung, wie Gewandmuster usw., sind mit
dem Diamanten graviert. Die Scheibe soll nun nach dem
ältesten erhaltenen Kunstkammerinventar von 1825, das aber
auf frühere Verzeichnisse zurückgeht, von Georg Schwanhardt
d. A. gearbeitet sein. Lehmann war bereits fortgeschrittener
in seiner Technik; so kann man der Tradition wohl Glauben
schenken und die Scheibe als eine frühe Arbeit seines Schülers
aus den Jahren 1618 bis 1619 ansehen.
Zwei kleinere Rundscheiben derselben Sammlung, die
die Brustbilder der beiden Oranier Moritz und Friedrich Hein-
rich zeigen, und die nach den Titulaturen der Legenden
zwischen 1609 und 1625 entstanden sein müssen, rühren
unbedingt von derselben Hand her, weisen aber schon einen
Fortschritt auf insofern, als der Glasschneider jetzt auch die
Kurven mit dem Rade bewältigt, indem er sie aus mehreren
kleinen eingeschnittenen Strichen zusammensetzt. Die
feineren Details aber sind wieder mit dem Diamanten ein-
gerissen.
Dieselbe immer noch ungeschickte Art des Kurven-
schneidens zeigt sich nun auch in den sehr großen Buchstaben
auf dem sicher von Schwanhardt gearbeiteten und mit der
gerissenen Signatur G. S. 1640 versehenen mächtigen Deckel-
pokal im Historischen Museum zu Dresden. Johann Georg I.
hatte ihn als Willkomm in die Kellerei der Festung Königstein
gestiftet. 1648 wurde sein abgebrochener Fuß von dem Gold-
schmied Zachar. Schlosser in Dresden durch einen silbernen
Fuß von ausgezeichneter Arbeit ersetzt !8). Er hat noch
1736 auf dem Königstein gestanden !%9); heute ist er rettungs-
los krank. Auf der einen Seite ist Bacchus auf dem Faß dar-
gestellt, auf der andern Seite steht der Spruch:
»Mars gar viel Leuthe frist
Doch Bachus thuts ihm vor
Sein Wein schickt manchen hinn
Macht Jung und Alt zum Thor.«
Die dabei angebrachten Fruchtbuketts sind denen Leh-
manns sehr ähnlich; der Bacchus ist recht gut gezeichnet.
Eine gewisse Plumpheit in der Anwendung des Rades aber
ist nicht zu leugnen. Und das stimmt überein mit dem, was
Sandrart von Lehmann und Schwanhardt sagt, daß ihnen
»wegen der allzustarken und rauhen Werkzeuge ... die
Lindiekeit und Lieblichkeit zu exprimiren unmöglich ge-
‘wesen, massen an denen nach vorhandenen grossen schweren
Instrumenten und Rädern ... zu verwundern ist, dass sie
noch so viel, als sie gethan, praestiren können«. Hier bringt
Sandrart die zweifelhafte Behauptung, daß man bis dahin
noch Radzieher nötig gehabt habe, trotzdem das Tretwerk
‚doch, wie erwähnt, schon im 16. Jahrh. bekannt war. Irgend-
230 Das deutsche Glas.
Abb. 126. Bergkristallbecher, geschnitten von Georg
Schwanhardt d. A. Nürnberg 1650. (Kassel, Museum.)
eine technische
Vervollkommnung
scheint aber doch
durch Schwan-
hardt eingeführt
worden zu sein.
Sandrart fährt
fort: »Daher man
sich auf beque-
mere und schick-
lichere Instrumen-
ten bedacht, auch
selbiger Des mume
mehr dergestalten
zur Hand gerich-
tet, dass das jetzi-
ge Glasschneiden,
gegen der ersten
harten Arbeit, als
ein Lustspiel zu
achten, auch alle
naturgemäße Lin-
digkeit und Emol-
lition, ‚es Iseyz in
Bildern, Thieren,
Gewächsen, Land-
schaften, Contrafä-
ten und andern,
. ... leichtlich her
auszubringen ist.«
Die übrigen
Arbeiten Schwan-
hardts zeigen nun
wirklich technisch
und künstlerisch
einen starkenFort-
schritt, der sicher
in der Hauptsache
auf die Verbesse-
rung der Werkzeu-
ge und diedadurch
ermöglichte grö-
Bere Ausdrucks-
fähigkeit zurück-
zuführen ist. Immerhin muß man bedenken, daß der
plumpe Eindruck der Ornamente des Dresdner Pokals sowohl
in der ungewöhnlichen Größe als auch in dem sehr schlechten
Erhaltungszustande begründet liegt.
Der Glasschnitt in Nürnberg. Gg. Schwanhardt d. Ä. 231
Abb. 127. Abrollung eines Bechers von Georg Schwanhardt d. Ä. Nürnberg um
1650. (Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
Das Kasseler Museum besitzt einen kleinen, silbermon-
tierten Bergkristallbecher (Abb. 126). Dargestellt ist auf
seiner Wandung eine sehr zart geschnittene waldige Berg-
landschaft, bei der die feinsten Partien, besonders im Hinter-
grund, mit der Diamantspitze gerissen sind. Ebenfalls ein-
gerissen ist die Bezeichnung G. S. 1650. Im stärksten Gegen-
satze zu der minutiösen Arbeit dieser Darstellung sind auf
dem unteren Teile der Kuppa, auf Fuß und Deckel kräftige
symmetrische Bogengehänge, mit Punktreihen und kleinen,
symmetrisch wachsenden Blattzweigen eingeschnitten. Dies
Ornament hat eine leichte Ähnlichkeit mit den Zierformen
des P. Birckenhultz und der Nürnberger Stecher Bang.
Diese beiden gegensätzlichen Elemente, die zierlichen,
unter Zuhilfenahme des Diamanten hergestellten Bilder und
die kräftig-schwungvollen Ornamente, sind typisch für den
entwickelten Stil Schwanhardts und kommen, getrennt oder
vereinigt, noch auf mehreren bezeichneten und unbezeichneten
Werken seiner Hand vor.
Ein G. S. 1660 signierter Bergkristallbecher im Ham-
burgischen Museum für Kunst und Gewerbe zeigt die Historie
von Narkissos und Echo in fein ausgeführter Landschaft
(Abb. im Jahresbericht für 1896, S. 33). — Hier tritt der
bereits als Erfindung Schwanhardts erwähnte Blankschnitt,
d. h. das nachträgliche Polieren geschnittener Stellen, bei den
Figuren deutlich in Erscheinung. Dasselbe Museum besitzt
ein ebenfalls G. S. 1660 bezeichnetes römerartiges Glas (Abb.
bei v. Czihak, Taf. V), das neben einer sehr zart behandelten
Landschaftsdarstellung wieder die schwungvoll geschnittenen
Ornamente zeigt. (Die falsche Beschreibung bei v. Czihak,
nach der die Gebirge plastisch aus der Fläche hervortreten
und der ganze übrige Grund des Kelches mit dem Rade ab-
gearbeitet ist, hat schon Brinckmann berichtigt.) Drei Jahre
232 Das deutsche Glas.
später ist die wie-
der nur mit deli-
katesten Land-
schaften ge-
schmückte zwölf-
seitige Kristall-
deckeldose der
Sammlung Heye
in Hamburg da-
tiert. Endlich soll
sich in derSamm-
lung Passavant
in Frankfurt a.
M. noch eine
bezeichnete Ar-
beit Schwan-
hardt befinden.
An diese
durch Signatur
beglaubigten
Stücke läßt sich
aber noch eine
ganze Reihe un-
bezeichneter Ar-
beiten mitSicher-
heit angliedern.
So ein kleinen
Berskristall-
becher mit ausge-
zeichneter email-
lierter Goldfas-
sung im Muse-
um von Kassel
(Rankenwerk
und Medaillons);
dann aber auch
eine gute Anzahl
Glasarbeiten.
Ein Becher des Bayrischen National-Museums, der mit
drei Reihen von grünen, blauen und violetten Nuppen belegt
ist, hat auf Schulter und Hals dasselbe Ornament wie der
Hamburger Römer und der Kasseler Kristallbecher von 1650.
Ferner gehört hierher ein kleiner Glasbecher im Berliner
Kunstgewerbe-Museum (Abrollung in Abb. 127), sowie, trotz
der etwas lockeren Komposition, das in Abb. 128 wieder-
gegebene schöne Kelchglas derselben Sammlung. Weiter ein
Pokal des Bayrischen Gewerbe-Museums in Nürnberg, der
Abb. 128. Kelchglas von Georg Schwanhardt d. Ä. Nürn-
berg um 1650. (Berlin, Kunstgewerbe-Museum).
Der Glasschnitt in Nürnberg. Gg. Schwanhardt d. Ä. 233
Abb. 129. Glasplatte von Georg Schwanhardt d. Ä. Nürnberg um 1650.
Vom „großen Moskowiterschrank“. (Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
zwischen dem Rankendekor in zwei großen Medaillons ein
Segelschiff und einen Totenschädel mit Umschriften zeigt,
sowie ein neuerdings im Germanischen Museum ausgestellter
silbermontierter Becher mit drei Medaillons zwischen dem
üblichen Rankenwerk, der 1635 zur goldenen Hochzeit des
Wilhelm Kress von Kressenstein gearbeitet worden ist. Dies
Stück ist also das früheste Beispiel der ausgebildeten Manier
Schwanhardts, noch vor dem Dresdner Pokal, dem dagegen
ein ebenfalls aus der Familie Kress stammender undatierter
Becher mit den Ansichten von Kraftshof und Neunhof im
Ornamentalen sehr nahesteht. Auch eine Flasche mit sechs-
passigem Grundriß in der Sammlung J. Mühsam, Berlin, ist
in diesem Zusammenhange zu nennen.
Dann sind wegen der übereinstimmenden Merkmale des
ornamentalen Dekors noch die Glasplatten mit Wappen der
Löftelholz in einem Ebenholzzierkästchen des Berliner Kunst-
gewerbe-Museums (an Wand 525) dem Schwanhardt zuzu-
schreiben, und vor allem die mit höchster Feinheit ausge-
führten Glasplatten an dem sogenannten großen Moskowiter-
schrank (ebenda Raum 64; s. Abb. 129). Die durch kleine
Staffagefigürchen belebten Landschaften auf den 9 ovalen
Be nn S
Abb. 130. Pokal mit Ansicht der Stadt Nürn-
berg. Wohl von Heinrich Schwanhardt. Nürn-
berg um 1680. (Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
Das deutsche Glas.
und 7 viereckigen Plat-
ten sind mit dem Rad
eingeschnitten; ein be-
sonderer Effekt ist da-
durch erzielt, daß diefein-
sten Details, besonders
die hauchzarten Andeu-
tungen der Hintergründe
mit dem Diamanten auf
der Rückseite der Glas-
platten eingerissen sind.
Der Charakter der Land-
schaften und ihre techni-
sche Durchführung deckt
sichabsolut mit dem der
bezeichneten Arbeiten in
Hamburg und Kassel, so
daß ein Zweifel an der
Autorschaft Schwan-
hardts nicht möglich ist.
Eine Beteiligung
Georg Schwan-
hardts desajiiesz
geren an demhierzu-
sammengestellten rei-
chen Oeuvre ist so gut
wie ausgeschlossen. Erst-
lich hat ihn, der am
4. Februar 1676 starb,
eine »beschwerliche Glie-
derkrankheit an fernerer
Perfektion merklich ver-
hindert« (Sandrart) und
dann wird er jedenfalls
im Stil der jüngeren
Generation gearbeitet
haben, wie er in den
Werken seines Bruders
Heinrich zutage tritt.
Trotzdem ese209
Heinrich Schwan
hardt kein bezeichne-
tes Glas gibt, sind wir
dochinder Lage, ihm mit
größter Wahrscheinlich-
keit mehrere Arbeiten
zuzuschreiben.
Der Glasschnitt in Nürnberg. Heinrich Schwanhardt. 235
Heinrich Schwanhardt hatte sich zuerst mit philosophi-
schen Studien und mit der Poesie befaßt, ging dann aber bald
zur Glasschneidekunst über und soll darin sogar seinen Vater
schließlich übertroffen haben, weil er sich, wie Sandrart be-
richtet, »auf unseren und anderen Academien in der Zeichen-
Kunst der nakenden und bekleidten Bilder fleissig geübet«.
Sandrart fährt fort: »Dieser Schwanhardt hat allerhand
Landschaften und ganze Städten, u. a. auch die Stadt Nürn-
berg auf Glass, ganz correct an der proportion, und erkentlich,
nach der perspectiv hinein weichend, gleich den gemahlten,
zuwegen gebracht«. Und Doppelmayr (S. 249) rühmt von
ihm: »In Schrifiten, absonderlich in Lateinischen auf Italiä-
nische Manier, mit schönen Zugwercken auff Glass zu schnei-
den zeigte er was extraordinaires.«
In vielen Sammlungen haben sich nun geschnittene
Gläser erhalten von einer Form, die von sämtlichen andern
deutschen Gläsern des 17. Jahrh. absolut abweicht. Das
sind die bereits auf S. 156 behandelten Pokale mit hohem
Hohlbalusterschaft, die sich an die venezianischen Barock-
gläser anlehnen, aber doch einen Typus ganz für sich bilden.
Mehrere dieser Pokale besitzen nun einen Schnittdekor,
der sich mit den literarischen Angaben über Heinrich Schwan-
hardt deckt. So zeigt der in Abb. 130 wiedergegebene hohe
Pokal des Berliner Kunstgewerbe-Museums in einem Kranz
von Palmenzweigen eine getreue, ungeheuer minutiös einge-
schnittene Ansicht der Stadt Nürnberg. Auf der Rückseite
die drei Nürnberger Wappen. Die Diamantspitze ist auch
hier wieder, wie bei den Werken des alten Schwanhardt,
stark zu Hilfe genommen. Diese ganz hervorragende Arbeit
dürfte wohl am ehesten mit Heinrich Schwanhardts Namen
in Zusammenhang gebracht werden. Von gleicher Güte sind
zwei Pokale im Charlottenburger Schloß und in Sigmaringen,
auf denen Kaiser Heinrich und Kaiserin Kunigunde mit
dem Modell des Bamberger Domes sowie die Madonna auf
Wolken eingeschnitten sind. Der Charlottenburger Pokal
trägt außerdem die Wappen des Bamberger Bischofs Mar-
quard Sebastian Schenk von Stauffenberg (1683 bis 1693);
das Sigmaringer Exemplar drei Wappen mit Doppeladler,
Löwen und bayrischer Raute. Das Figürliche ist ausgezeichnet
gelungen. Auch der vorzüglich geschnittene Pokal des Ham-
burger Museums mit einem über andere Tiere triumphierenden
gekrönten Löwen und einer äußerst schwungvoll gezeichneten
Inschrift gehört sicher derselben Hand an. Weiter ist hierher
zu rechnen ein kleiner Becher von echt Nürnberger Form mit
drei Kugelfüßen im Berliner Kunstgewerbe-Museum (Ab-
rollung in Abb. 131). Er zeigt in einer Palmzweigumrahmung
zwei vereinigte Imhof-Wappen und die Jahreszahl 1686.
236 Das deutsche Glas.
S Ringsum die Inschrift:
= »Mein Hertze soll wer-
Er den das deine auf Er-
den«; auf der Rück-
seite ein \morsader
zwei Herzen zusam-
menschmiedet, mit
dem Spruch: » Je fais
de deux un.« — In
Köln steht ein kleiner
zylindrischer Becher
mit den drei Nürn-
berger Wappen und
dem der Holzschuher
von ganz ähnlicher
Arbeit.
Allen diesen Glä-
sern gemeinsam ist
die Verwendung der
Palm- oder Lorbeer-
zweige als Rahmen-
motiv, das Reißen der
Details mit dem Dia-
manten und vorallem
die hohe künstlerische
Qualität in der Zeich-
nung von Figuren,
Landschaften und
Schriftzügen, was ge-
rade an Heinrich
Schwanhardt beson-
ders gerühmt wird.
Den Zusammen-
hang mit dem Stil des
Vaters zeigen zwei
Werke, diezwarschon
alle Merkmale der
eben gekennzeichneten Arbeiten des Sohnes tragen, aber doch -
in gewissen Einzelheiten, so z. B. in der Zeichnung der Blu-
men, noch sehr an die Art von Georg Schwanhardt erinnern.
Das isterstens ein grüner Becher im S. Kens.-Museum mit der
prachtvoll kalligraphisch geschnittenen Inschrift »Vita quid
est hominum ?« und einem diamantgerissenen, Seifenblasen
pustenden Putto in Blattkranz. Der Becher wird getragen
von einer silbernen nürnbergischen Fassung; auf dem Deckel-
knauf steht ein Hund, in dessen Halsband IAV und 1656
eingraviert ist; also ein ziemlich frühes Datum. Das zweite
uadden-Joygmj Im sIoydag sowIa ZunjjoIgy
“(mnosnw-agromasjsuny wJog
( Sjsuny ‘wJJog)
-989] ZJoquimn 'IPIeyuemyog gLIuToy 0A IyoM
Der Glasschnitt in Nürnberg. Heinrich Schwanhardt. 237
hierher gehörige Stück ist ein Balusterpokal im Prager
Museum mit Nürnberger Wappen.
Endlich wird auch der Krug mit Darstellung des goldenen
Zeitalters in Reichenberg (Abb. bei Pazaurek, S. I0) am
ehesten mit Heinrich Schwanhardt in Verbindung zu bringen
sein, wie Pazaurek schon anzudeuten scheint.
Übereinstimmend in allen älteren Berichten wird dem
Heinrich Schwanhardt die Erfindung des Glasätzens zuge-
schrieben. Nach Doppelmayr gelang ihm das zufällig im
Jahre 1670. Im Germanischen Museum (Abteilung der physi-
kalischen Instrumente!) befindet sich eine runde, leicht ge-
wölbte Glasplatte mit der eingeätzten Inschrift »Auxilium
Jesu Christi adveniat« und der Jahreszahl 1686 (Abb. bei
Gerspach S. 266. Die Zahl in einem sehr ähnlichen Duktus
wie die auf dem Berliner Imhof-Becher). Diese Scheibe ist
zweifellos eine Arbeit Heinrich Schwanhardts, denn von
sonstigen Ätzversuchen in dieser Zeit ist nichts bekannt, und
Doppelmayr spricht ausdrücklich von »gläsernen Scheiben,
auf welchen sich der Grund matt, dabey aber jede ange-
brachte Schrift gantz hell ergabe«, wie das bei dem Stück in
Nürnberg der Fall ist. Das Ätzen blieb jedoch eine Episode
und ist auch später niemals zu irgendwelcher Bedeutung
für die Glasveredlung geworden; 1725 wird zwar ein Rezept
veröffentlicht, aber erst gegen Ende des 18. Jahrh. hat man
sich mehr damit beschäftigt. (Vgl. Füssli, Künstlerlexikon,
Ne 5157,05)
Von Arbeiten in Hochschnitt, den er nach Sandrart und
Doppelmayr auch beherrscht haben soll, ist scheinbar nichts
erhalten geblieben. Er starb am 2. Oktober 1693.
Der Glasschnitt muß sich in Nürnberg großer Beliebtheit
erfreut haben. Denn auch die übrigen Mitglieder der Familie
Schwanhardt haben sich daran beteiligt, nämlich die drei
Schwestern Sophia (f 4. Juli 1657), Susanna (f I. März 1658)
und Maria (t 1658); — ein merkwürdiges Gegenstück zu den
drei etwa gleichzeitigen Geschwistern Roemers in Amsterdam
(s. unten)! Sie sollen vornehmlich Blumen und Laubwerk
auf Gläser geschnitten haben. Ja, damit nicht genug;
auch die Magd Katharina, die des jüngeren Georg Schwan-
hardt Frau wurde, hatte die Kunst von ihren Hausgenossen
erlernt.
Ein großer Teil der vielen Nürnberger Pokale mit mittel-
mäßigem Schnitt mag diesen Damen zuzuschreiben sein, aber
auch noch andern Glasschneidern, denn das von Ferdinand III.
zugunsten der Schwanhardts erweiterte und verlängerte
Privileg Caspar Lehmanns scheint seinen Zweck absolut nicht
erfüllt zu haben. Wenn Ilg (a. a. ©. S. 130) zuverlässig be-
richtet ist, hat sogar Ferdinand selbst einem fürstlich hol-
238 Das deutsche Glas.
steinischen Glasschneider Paul Struden einmal für 5 geschnit-
tene Flaschen 900 fl. auszahlen lassen!
Die übrigen Nürnberger Glasschneider.
In der Sammlung Pierpont Morgan (S. Kens.-Museum)
befindet sich ein Kristallpokal mit Silberfassung, der aus der
1894 in Köln versteigerten Sammlung A. von Liebermann
stammt !0). Deckel und Fuß zeigen die beim alten Schwan-
hardt üblichen Ornamente in größter Ähnlichkeit; aber der
Schnittdekor der Kuppa — Landschaft mit Narkissos am
Brunnen — ist abweichend und sehr viel kräftiger behandelt;
auch fehlt jede Spur von Diamantritzung. Das Stück ist
bezeichnet: F. Zach. Ein Holzschnitzer dieses Namens hat
1684 das Chorgestühl in Ochsenhausen bei Biberach ge-
schnitzt. Ob der Kristallschneider mit diesem identisch ist,
wie Williamson im Katalog der Sammlung Morgan vermutet,
ist jedoch sehr fraglich, zumal da der Kristallpokal etwa ein
Menschenalter früher entstanden ist. (Die Silbermontierung
macht keinen allzu vertrauenerweckenden Eindruck.)
Wohlbekannt durch verschiedene signierte Arbeiten ist
dagegen der am 30. Mai 1640 geborene, am 13. März 1683
gestorbene Hermann Schwinger. Nach Doppel-
mayr (S. 237) lernte er bei dem — später zu erwähnenden —
Glasschneider Stephan Schmidt und war besonders geschickt
im Schneiden von Landschaften »mit angenehmem Baum-
schlag«.
Schwinger hat sich im Laufe der Zeit aber, wie der Augen-
schein lehrt, sehr eng an Heinrich Schwanhardt angeschlossen,
wenn er auch dessen künstlerische Qualitäten nicht erreicht.
Seine Art mag der in Abb. 132 wiedergegebene Pokal des
Bayrischen Gewerbe-Museums charakterisieren.
Weitere bezeichnete Arbeiten von ihm befinden sich im
Schloß zu Dessau (mit Daniel in der Löwengrube), in der
Sammlung Schöller, Berlin (mit Trophäen und Wappen der
Rieter und Führer) und im Brit. Museum (mit Ceres, Bacchus,
Putten und einem Vers; Slade-Coll. Nr. 883); dies Stück trägt
die ausführliche Signatur: Herman Schwinger Cristall Schnei-
der zu Nürnberg. Der einzige datierte Pokal Schwingers
(mit Ruinenlandschaft, ausgezeichnet geschnittener Figur
des Christophorus und Jahrzahl 1669) kommt im März 1912
mit der Sammlung von Parpart in Berlin zur Versteigerung.
Die Palm- und Lorbeerzweige, die uns zuerst bei Heinrich
Schwanhardt begegneten, bilden ebenfalls auf fast allen
Gläsern Schwingers, aber auch auf den Nürnberger Arbeiten
zweiter Qualität ein stereotypes Requisit. Seltener tritt eine
Weinranke auf. Und ein gleichfalls von Heinrich Schwan-
Der Glasschnitt in Nürnberg. Herm. Schwinger. 239
hardt eingeführtes Motiv
wird sehr häufig ange-
bracht: eineauf der Rück-
seite eingeschnittene und
blankpolierte Kugelung
durch die man die Haupt-
darstellung in starker Ver-
kleinerung erblickt. Der
Blankschnitt wird auch
sonst zur Belebung der
Darstellung jetzt häufig
angewendet. (Beispiele
dieser Nürnberger Gruppe
in Schr. 546.)
Als Arbeit eines dieser
Nürnberger Glasschneider
zweiten Ranges müssen
die Glasplatten angesehen
werden, die, in Silber ge-
faßt,. zu einem Prunk-
schrein zusammengestellt
sind (Berliner Kunstge-
werbe-Museum, Saal 65,
meistehend)s Sıeszeisen
mythologische Bilder,
Jagden, Seeschlachten,
Trophäen und Blumen in
der typisch süddeutschen
Stilisierung von etwa 1680
und sind von derselben
Hand geschnitten wie ein
Nürnberger Hohlbaluster-
pokal mit Ceres und Athe-
na auf der blauen Kuppa
(Schr. 546).
Von einem unbekann-
ten Monogrammisten P.
L. ist ein Hohlbaluster-
pokal im National-Muse-
um zu München ge-
schnitten. Sehr gut ist
die von kleinen Figürchen
belebte Landschaft mit
der Ansicht von Bamberg
im Hintergrunde Der
Künstler hat sich ziemlich
eng an das Vorbild des
Abb. 132. Pokal von Hermann Schwinger.
Nürnberg um 1675. (Nürnberg, Bayrisches
Gewerbe-Museum.)
240 Das deutsche Glas.
älteren Schwan-
hardt gehalten,
wie auch die dessen
Ornamenten stark
ähnelnde Borte
unter der Darstel-
lung beweist.
Eine ausge-
zeichnete nürn-
bergische Arbeit
besitzt die Berliner
Sammlung in ei-
nem sehr großen
Hohlbalusterpo-
kal, der einereich-
bewegte -- Reiter-
schlacht in zier-
lichen, trefflich
charakterisierten
Figuren zeigt. Be-
zeichnet ist das
Stück 7a »HIEEaW2
Abb. 133. Kuppa eines Pokals von H. W. Schmidt. 5. HIO79X Dies
Nürnberg 1694. (Hamburg, Museum.) Monogramm wird
aufgelöst durch
einen ganz ähnlichen, mit einem Reiterkampf und dem Brust-
bild eines Fürsten in Harnisch und Allongeperücke ge-
schmückten Pokal, der die Jahreszahl 1694 und die Bezeich-
nung H.W. Schmidt. Nür,, (Nürnberg) aufweist (Abb.
133). Das Stück wurde kürzlich vom Hamburgischen Museum
erworben. Ein drittes, ebenfalls mit fürstlichem Brustbild
und Reiterkampf dekoriertes Exemplar befindet sich in Form
eines dickwandigen Bechers in der Sammlung Mühsam
(Berlin), trägt aber unter dem Boden die Bezeichnung J. W.
Schmidt. Daß es sich bei allen drei Stücken um Arbeiten
derselben Hand handelt, ist ganz zweifellos. Dem Wechsel
von H. und J. beim Vornamen darf man in jener ortho-
graphisch laxen Zeit kein allzu großes Gewicht beilegen.
Ja, vielleicht kann man noch weiter gehen und kann, einen
Gedächtnisfehler bei dem oftmals nicht allzu vertrauens-
würdigen Doppelmayr voraussetzend, diesen Glasschneider
mit dem Stephan Schmidt identifizieren, den Doppelmayr
als den Lehrer Schwingers angeführt hat.
Das Germanische Museum (Nürnberg) besitzt einen vom
üblichen Formschema stark abweichenden Pokal (früher auf
Schloß Henfenfeld). Der hohe Ständer ist massiv, aus lauter
schmalen, übereinandergelegten Glasringen und einer breiteren
Der Glasschnitt in Nürnberg. Schmidt, Eder u.a. 241
Mittelkugel zusammengesetzt, die Kuppa ist flacher, schalen-
förmiger wie bei den üblichen Nürnberger Gläsern. Jeden-
falls ist es böhmischer Import. Auf Kuppa und Deckel sind
hängende Blumengirlanden eingeschnitten, zwischen denen
die drei Nürnberger Wappen hängen !!T). Bezeichnet ist das
Stück: »Paulus Eder fecit« — Als Leihgabe des Kunst-
gewerbevereins stand früher im Leipziger Museum !12) ein
Deckelpokal mit Wappen, astronomischen Instrumenten und
Inschriften, der nach einem dabei befindlichen Dokument
am II. September 1697 dem Astronomen W. Wurzelbauer als
Belohnung für ein dem Nürnberger Magistrat gewidmetes
Werk geschenkt worden ist. Als Signatur wird »Eckart«
angegeben, wogegen nach dem alten Inventar des Museums
die Bezeichnung »Paulus Ecter fec.« hieß; auch dies ist sicher
verlesen statt Eder. Wo der Pokal sich jetzt befindet, ist
unbekannt.
In der Literatur !13) wird als »Cristall- und Glasschneider«
erwähnt der Vater des 1722 geborenen Nürnberger Kupfer-
‚stechers Michael Keyl. Vielleicht ist er identisch mit einem
Joh. Leonh. Käul, der in einem Meisterbuch der Nürnberger
Handwerke vom Beginn des 18. Jahrh. unter den Glas-
schneidern genannt wird (Städt. Archiv, Nürnberg). Ob
dieser dann weiter mit dem Joh. Keyll verwandt ist, der sich
in den 1670er Jahren mit Schwarzlotmalerei beschäftigt hat
(SSSS2TT), stehle dahin.
Dann soll nach Doppelmayr (S. 263) der Wappenstein-
Schneiders Birshrayr.d Dior sche (NOA9T BIS 7712) Im Jahre
1663 bei dem bereits erwähnten Stephan Schmidt das Glas-
schneiden erlernt haben; später aber hat er sich ausschließlich
mit Steinschneiden beschäftigt. Endlich hören wir noch von
dem in Augsburg 1637 geborenen Johannes Heelta),
der, von 1668 bis 1709 in Nürnberg ansässig, schöne Figuren
und Reliefs in Glas geschnitten haben soll.
Am Ende dieser Reihe von Glasschneidern, die, soweit
wir sehen, fast alle sich mehr oder weniger eng um die Familie
Schwanhardt gruppieren, sei noch ein Künstler genannt, der
die Traditionen dieser Nürnberger Schule noch bis weit ins
18. Jahrh. hineingetragen hat: Killinger. Die Literatur
weıß nichts von ihm; wir kennen ihn nur aus mehreren be-
zeichneten Arbeiten. Wenn er sich auch mit Heinrich Schwan-
hardt und mit Schwinger künstlerisch nicht messen kann, so
hat er doch ein gut Teil Geschmack und technische Fertigkeit
besessen. Mit Vorliebe hat er landschaftliche Darstellungen
geschnitten; bezeichnend für ihn ist ein zierlicher, sehr
malerisch behandelter Baumschlag. Mit wenig Ausnahmen
bediente er sich noch der alten Form des Hohlbalusterpokals,
während sonst in dieser späten Zeit bereits überall das
Schmidt, Glas, 16
242
-Io3ujjIy WOA sjeyog sone Sunjjosgqy "EL "49V
(usog “sojjoyas Zunmmes) yayer ‘SI Zuejuy Z3JoquanN
Das deutsche Glas.
kräftigere Kristallglas
nach böhmischer Art
herrschte. Als Nürn-
berger bezeichnet er
sich auf einem Pokal
im Brit. Museum, das
mit den kaiserlichen
Insignien, Sprüchen
und Kartuschen ge-
schmückt ist. Ein
signierter Pokal der
Sammlung Schöller
(Berlin) weist Jagd-
darstellungen in brei-
ter Landschaft mit
Wappen der Geuder
aut (Abbas) sb
kleinerer Pokal der-
selben Sammlung mit
Ansicht einer Wasser -
burg in Landschaft
und mit Alliıanzwap-
pen der Nürnberger
Paumgartner und der
böhmischen Familie
Vetterl von Wilden-
brunn (?) trägt außer
der Signatur die
Jahreszahl 1721. Auf
einem dritten — un-
bezeichneten — Pokal
der Sammlung Schöl-
ler ist wieder eine
Jagddarstellung in
Ruinenlandschaft ein -
geschnitten. Weiter
steht im Germani-
schen Museum ein
bezeichneter zylindri-
scher Pokal mit der
Ansicht eines Schlos-
ses (Henfenfeld?)und
dem Wappen der
Pfinzing, und endlich
besitzt das Bayrische
National-Museum in
München zwei Deckel-
Der Glasschnitt in Nürnberg. Killinger. — Frankfurt. 243
pokale aus böhmischem Glas, die durch ein Chronosti-
chon auf die Jahre 1712 und 1713 datiert werden. Sie weisen
große figurenreiche Darstellungen und die Wappen ver-
schiedener Nürnberger Familien (Tetzel, Imhof, Kress usw.)
auf. Die Signaturen Killingers sind stets mit dem Diamanten
eingerissen.
Killinger ist der letzte Ausläufer der nürnbergischen
Schwanhardtschule; gleichzeitig mit ihm arbeitete aber eine
andere Nürnberger Künstlergruppe bereits in völlig anderem,
modernem Stil. Von dieser wird später die Rede sein.
Der Frankfurter Glasschnitt im 17. Jahrhundert.
In den »Nachrichten von Frankfurter Künstlern und
Kunst-Sachen«, die Henrich Sebast. Hüsgen 1780 heraus-
gegeben hat, ist von einer Glasschneiderfamilie Hess die Rede,
die mehrere Generationen hindurch sich mit Glasschneiden
in Frankfurt a. M. beschäftigt hat.
Der erste war ein Johannes Hess, der während
des 30 jährigen Krieges aus Böhmen geflohen sein soll. Sein
Urenkel besaß noch ein zerbrochenes Glas von ihm, das er
»mit Landschaften und Schäferey meisterhaft geschnitten
hat, und die Bewunderung der heutigen Glasschneider noch
ausmacht«. Er starb 84jährig. Sein Todesdatum ist nicht
bekannt. Einer seiner Söhne, Johann Benedikt Hess,
hat ebenfalls das Glasschneiden, daneben auch den Stein-
schnitt betrieben. Aus seinen am Ende des 18. Jahrh. noch
vorhandenen Büchern teilt Hüsgen u.a. folgende Angaben
mit. Er fertigte 1669 »einen Krug mit dem gläsern Gewerb
(?) mit einer Landschaft schön geschnittene, im Wert von
30 Rthlr.; 1671 »ein gross Glass geschnitten, darauf Alexander
vor dem Fass des Diogenes zu sehen ist« (9 Rthlr.); ein grosses
Glas mit Bacchus (13 Rthlr.); 1672 einen Krug mit Historie
vom Jonas, Auferstehung und jüngstem Gericht (56 Rthlr.);
1673 ein holländisches Glas mit Joseph und seinen Brüdern
(20 Rthlr.) und eins mit Jacobs Kampf mit dem Engel und
der Taufe Johannes (15 Rthlr.); 1674 »ein gross Glass, worauf
ein Philosoph durch ein Perspectiv nach der Fortuna siehet,
die auf dem Meer gegen ihn zufährt« (16 Rthlr.), ein grosses
Glass mit einer Hirschjagd (8 Rthlr.) und eins »mit Jungfern
und Junggesellen, die sich lustig machen« (10 Rthlr.).
Hüsgen schließt »aus allen diesen vielen merkwürdigen
Stücken sowohl, als den dafür gezahlten hohen Preyssen«,
daß Hess große Geschicklichkeit in seiner Kunst gehabt habe.
Er starb 38 Jahre alt im Jahre 1674. Seine beiden Söhne
SIebyayss Oo armen Tor arnen BBrened ik Ikerss
16*
244 Das deutsche Glas.
(1672 bis 1736) führten
die Kunst des Vaters
fort. Bis 1717 werden,
besonders vom letztge-
nannten, einige Werke
aufgezählt. So im Jahre
1700 23 venetianische
Scheiben, auf die sie für
den Prälaten des Klo-
sters Seeligenstadt Wap-
pen schnitten (zu je 2
Rthlr.), und 1717 zwei
große Wappenscheiben
für den Prälaten des
Klosters Eberbach (zu
je 6 Rthlr.). Hohlgläser
werden nur zweigenannt,
nämlich 1699 ein Becher-
lein mit Wappen, Zie-
raten und Blumen für die
Landgräfin von Hessen-
Butzbach (für 12 Rthlr.),
und ein von Joh. Bened.
Hess d. J. verfertigter
Pokal mit dem Prospekt
der Stadt Frankfurt,
dessen Fuß 1730 zer-
brochen wurde. Zeitig
legte sich der Künstler
aber aut. dassessveime
schneiden, »als das von
Vor-Eltern gleichsam an-
ererbte Glasschneiden
aus der Mode kam«.
Und hierin folgte ihm
sein Sohn Pieter Liess
(1709,bis 1782), der von
1746 ab als Hofedelstein-
schneider in Kassel tätig
war
Abb. 135. Pokal mit dem Wappen der Familie
von Drach. Vielleicht von Joh. Benedikt Hess 5
d. Ä. Frankfurt a. M. um 1670. Wenn das Glas
(Kassel, Museum.)
schneiden in Frankfurt
auch nicht viel mehr
als eine Episode gewesen ist, so kann man doch mit
Hüsgen vermuten, daß die Produkte der Familie Hess eine
nicht geringe Qualität besessen haben. Ist aber irgend etwas
von ihren Werken nachzuweisen? In Frankfurt selbst scheint
nichts mehr erhalten (vielleicht führen die oben ausführlich
Der Glasschnitt in Frankfurt a. M. Die Familie Hess. 245
Abb. 136. Teilabrollung eines Pokals mit mythologischen Szenen. Vielleicht von
Joh. Benedikt Hess d. A, Frankfurt a. M. um 1670.
(Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
mitgeteilten Beschreibungen auf eine Spur); dagegen steht
im Museum zu Kassel ein Pokal, der nach alter Familien-
tradition in Frankfurt geschnitten sein soll. Es ist der in
Abb. 135 wiedergegebene Pokal mit der Figur des Mucius
Scävola, dem Wappen der Familie von Drach und der Devise
»Ny mesme la mort«. Auf den ersten Blick glaubt man eine
Nürnberger Arbeit vor sich zu haben; das Stück besitzt aber
doch mehrere Eigenschaften, die bei den Gläsern der Nürn-
berger Gruppe nicht zu konstatieren sind. So weicht der
Stil der Zeichnung in vielen Punkten von dem der Nürn-
berger Gläser ab. Auch die dort so beliebte Verwendung
der Diamantspitze fehlt hier, und der Schnitt ist flacher als
bei jenen. Dann aber ist auch die Bildung des Schaftes eine
andere. Die Nürnberger Gruppe hat durchweg als unterstes
Schaftglied eine balusterförmige Hohlpuffe; hier sind drei
Hohlkugeln übereinander angeordnet, deren mittelste senk-
recht geriefelt ist, was bei jenen nie zu beobachten ist. Auch
die Profilierung der kleinen Zwischenglieder ist eine andere.
Wenn die geschilderten Unterschiede zwar nicht mit abso-
luter Gewißheit die Frankfurter Provenienz beweisen können,
so kann man doch — auch der Tradition wegen — die starke
Möglichkeit wenigstens bestehen lassen, daß es sich um ein
Werk des älteren Joh. Ben. Hess handelt.
Die auch hier bezeugte Vorliebe für mythologische und
historische Darstellungen, die aus dem Verzeichnis seiner
Arbeiten hervorgeht, bekundet sich weiter auch auf einem
Glase des Berliner Kunstgewerbe-Museums (Abb. 136 und
Vorb.-Heft Taf. 2, Fig. 2), das in allen angeführten Einzel-
heiten mit dem Drach-Pokal übereinstimmt, also ebenso in
allen Punkten von dem Nürnberger Typus abweicht. Dar-
246 Dar deutsche Glas.
gestellt sind Krösus, Solon und Cyrus mit verschiedenen Bei-
schriften; und hier, bei Krösus, begegnen wir auch einer »For-
tuna, die auf dem Meer gegen ihn zufährt«, wie sie auf dem
1674 von Joh. Ben. Hess geschnittenen Glase erwähnt wird.
Auch die sehr spitz gezeichnete Ranke auf dem Fuße des.
Glases hat nichts mit den üblichen Palm- oder Lorbeerranken
Nürnbergs zu tun.
Alle diese Gründe stützen die Vermutung, daß die beiden
Gläser Arbeiten des älteren Joh. Ben. Hess sind; der jüngere
kommt dafür nicht in Betracht, da der Stil der Darstellungen
auf die 1670er Jahre weist und der jüngere Hess erst 1672
geboren wurde. Wo das Glasmaterial herstammt, ist un-
gewiß; vielleicht darf man an eine der niederländischen
Hütten in Venezianer Art denken, die ähnliche Barockgläser
sicher hergestellt haben. Und 1673 wird ja auch in dem
von Hüsgen mitgeteilten Verzeichnis ausdrücklich von
einem holländischen Glas gesprochen.
Böhmen und Schlesien.
Die frühen Arbeiten des 17. Jahrhunderts.
Im Gegensatz zu der hohen Blüte, zu der sich der Glas-
schnitt in Nürnberg so schnell emporgeschwungen hatte,
erweist sich die Arbeit der böhmisch-schlesischen Glas-
schneider bis gegen Ende des 17. Jahrh. mit wenig Ausnahmen
als künstlerisch und technisch überaus ärmlich.
Die Pokale selbst nehmen unter dem Einfluß der Nürn-
berger oder anderer, auf venezianische Art geblasener Gläser
die Kelchform auf hohem, stark gegliedertem Schaft an
(Abb. 137). Aber sie lassen absolut die Eleganz und den wohl-
abgewogenen Aufbau ihıer Vorbilder vermissen; Kugeln und
Scheiben reihen sich bei den Schäften wahllos in mannig-
faltigen Variationen übereinander. Und während die Schäfte
der hohen Nürnberger Pokale, ebenso wie die der veneziani-
schen Kelchgläser, hohl, d. h. geblasen waren, sind die Schäfte
der böhmischen Gläser massıv, mit der Zange geformt. Die
Mehrzahl besitzt außerdem am Unterteil der Kuppa und auf
dem Deckel die tropfenförmig gekniffenen Zacken, die wie
Kelchblätter das Glas umgeben und die als Barockmotiv in
zierlicherer Weise von den Venezianern vorgebildet worden
waren. Daneben kommen Doppelpokale (Abb. 137, Mitte)
vor, ebenso Pokale mit sehr niedrigem Schaft, auch zylindri-
sche Becher auf drei massiven Voluten- oder Kugelfüßen;
diese wohl wieder den Nürnberger Bechern nachgebildet.
(Vorb.-Heft Taf. 3, Fig. 1). Die plumpen Walzengläser
Glasschnitt in Böhmen-Schlesien. 17. Jahrhundert. 247
Abb. 137. Böhmisch-schlesische Barockpokale des 17. Jahrhunderts.
(Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
bleiben ebenfalls in Mode, sind aber meist dem Dekor durch
Emailmalerei vorbehalten. Den vielfach in unweesamen Ge-
birgsgegenden gelegenen böhmisch-schlesischen Hütten ist das
Verdienst, ein ausgezeichnetes Glasmaterial hergestellt zu
haben, nicht abzustreiten; die Formen aber haben sie — was
ja auch der ganz natürliche Weg ist — den eleganten, städti-
schen Arbeiten abgesehen. Erst später, als dasböhmische Glas
den Weltmarkt zu erobern begonnen hatte, änderte sich das.
Die künstlerische Seite der Tätigkeit Caspar Lehmanns
hat in Böhmen gar keinen Eindruck hinterlassen. Mit Georg
Schwanhardt war der künstlerische Betrieb des Glasschnitts
nach Nürnberg übergesiedelt.
Was von böhmischen Arbeiten aus der Zeit bis etwa
1680 erhalten ist, zeigt fast ausnahmslos eine rohe, flüchtige
Technik und ein sehr niedriges künstlerisches Niveau. Es
248 Das deutsche Glas.
waren eben nur die Gehilfen und Radzieher der Prager Werk-
statt, die »Stimpler«, die ihre technischen Kenntnisse in den
abgelegenen Hütten der böhmischen Waldreviere durch Her-
stellung von schematisch behandelter Massenware rein in-
dustriell ausbeuteten.
Man kann es kaum Glasschnitt nennen, was diese Leute
produzierten; es ist meist nur ein ganz flaches Abschleifen der
Oberfläche, bei dem das Ornament sich lediglich durch das
weißlich-matte, aufgerauhte Aussehen vom unberührten
Grunde abhebt. Die Ornamentik besteht in der Haupt-
sache in großblättrigen Blumenzweigen, die sich gewöhnlich
um den Mantel der Kuppa girlandenartig breit herumlegen
(Abb. 137, links und Vorb. -Heft Taf. I, 2 u. 3) und die häufig
durch Vögel und Insekten belebt sind. Vorlagen in der Art
der Blumen des Adrian Collaert, das »Neue Blumen-Büchlein«
des Tobias Franckenberger (Straßburg, 1662) u.a. mögen
als Vorbilder gedient haben, sind aber in den meisten Fällen
schr deformiert worden. Dazu kommen Landschaften, deren
derbe Ausführung gewöhnlich den Eindruck einer Silhouette
macht, Figuren — schematisch und kunstlos —, Tiere, Jagden
und Kampfszenen (Abb. 137, Mitte); Geschlechterwappen und
Zunftinsignien sind häufig auf derartigen Gläsern anzutreffen.
Ob die süd- und westbönmischen Hütten einen größeren
Anteil am Schnittdekor in dieser frühen Zeit gehabt haben,
läßt sich nicht feststellen; in der Glashütte Heilbrun bei
Gratzen kommen allerdings schon 1650 »geschnidtene« Gläser
vor (Mares, S. 183). Sicher ist die Ausübung dieser Arbeit
in den nordöstlichen Glasgebieten. Auch hier ist ein genereller
Unterschied zwischen den Produkten der böhmischen und
schlesischen Seite des Riesengebirges nicht zu konstatieren,
und man wird in Zweifelsfällen daher stets gut tun, schlechthin
von Riesengebirgsgläsern zu sprechen. Jedoch immer im
weiteren Sinne, da auch die Abhänge aes Lausitzer, Jeschken-
und Isergebirges mit einzubeziehen sind.
Es ist natürlich nur ein Zufall, daß vom Verfasser nicht
ein Exemplar angeführt werden kann, das durch Inschriften,
Wappen oder dergleichen sich als sicher böhmisch erweist.
Dagegen sind mehrere Gläser wegen solcher Beziehungen mit
größter Wahrscheinlichkeit als schlesisch anzusprechen. So
besitzt allein das Berliner Kunstgewerbe-Museum drei der-
artige Gläser: eins mit dem Wappen der schlesischen Familie
v. Üchtritz, von derselben Hand ein ähnliches mit dem
Wappen der Nostiz (s. Vorb.-Heft Taf. 15, Fig. I) und endlich
das auch künstlerisch weit über dem Durchschnitt stehende
Glas mit dem Wappen der Stadt Hirschberg (Abb. 137,
rechts), das auf der Rückseite neben der Inschrift »Es gehe
Hirschberg woll« die Jahrzahl 1648 zeigt. — Dies Datum
Glasschnitt in Böhmen-Schlesien. 17. Jahrhundert. 249
ist das früheste, das auf geschnittenen schlesischen Gläsern
vorkommt. — Im übrigen ist der flache Mattschnitt dieser
Glasgattung kein absolut sicherer Beweis für die Entstehung
eines Glases im 17. Jahrh. Zurückgebliebene Werkstätten
haben bis weit ins 18. Jahrh. hinein diese Tradition aufrecht-
erhalten; Aufschluß über die Datierung gibt dann aber stets
die Form des Glases.
Durch besonders reichen Schnitt, der auch in Anlehnung
an Nürnberger Vorbilder sich an feiner ausgeführte Land-
schaftsdarstellungen wagt, zeichnet sich eine Gruppe von
Gläsern der eben besprochenen Form aus, die allerdings erst
ziemlich spät, gegen Ende des 17. Jahrh., entstanden ist.
Dazu gehört als Hauptstück ein Balusterpokal des Berliner
Kunstgewerbe-Museums, dessen rundkomponierte Land-
schaften (mit weidenden Herden und mit Orpheus) von
streng symmetrisch angeordneten, aus Vasen herauswachsen-
den Blumensträußen begleitet sind (Abb. 138). Die Art der
Landschaft wiederholt sich auf einem Pokal mit Bärenjagd
und einem Becher mit Berglandschaft derselben Sammlung,
während die charakteristischen Vasen und Blumen voll-
kommen identisch auf einem Deckelbecher des Breslauer
Museums vorkommen, den ein Schweidnitzer Zinngießer Joh.
Kretschmer im Jahre 1692 seinem Handwerk verehrt hat.
Mit ziemlicher Sicherheit wird dadurch die ganze Gruppe,
die sich mit größter Klarheit aus allen übrigen Werken dieser
Zeit heraushebt, für Schlesien festgelegt. Ein Fortschritt
gegenüber den früheren Arbeiten liegt bei diesen Stücken
auch in dem kräftigeren Tiefschnitt, während sie sich formal
noch ganz im alten Geleise bewegen.
Abb. 138. Teilabrollung eines schlesischen Pokals, Ende 17. Jahrh.
(Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
250 Das deutsche Glas.
Die Blütezeit (1680—1775).
Der Schliff.
Etwa um 1680 wurde in den Glashütten des Riesenge-
birges ein Dekorationsprinzip weiter ausgebildet, dessen
schüchterne Anfänge in Form von Kugelungen bereits auf
den Nürnberger Pokalen zu beobachten waren: der Schliff.
Seine Entwicklung zu künstlerischen Wirkungen hing aufs
engste mit der Verbesserung der Glasmasse und vor allem
mit der massiven, kräftigen Ausgestaltung der Gefäße zu-
sammen.
Die Verzierungsmittel des selbständigen Schliffs sind
allerdings ziemlich beschränkt: Der Schleifer kann vertiefte
Rillen in den Mantel des Glases einschneiden; er kann gerun-
dete Flächen glattschleifen, so daß sie in Kanten gegenein-
ander stehen (»eckig reiben«); er kann durch sich kreuzende
Einschnitte verschiedene Muster des sogenannten »Steindel-
oder Brillantschliffs« hervorbringen (»Facetten schneiden«);
er kann schließlich kugel- und olivenförmige Gebilde ein-
schleifen und durch Kombination derselben Rosetten, Sterne
und ähnliche Schmuckformen zusammenstellen (»Kugeln«).
Schon zeitig war eine Spezialisierung in diesen Arbeiten ein-
getreten, und man unterschied, in Böhmen wenigstens, genau
die Berufe des Eckigreibers, des Facettenschneiders, des
Kuglers usw., zu denen sich auch noch der Polierer (Blank-
schleifer) und der Schraubenmacher gesellte.
Einige zum Teil nur durch derartigen Schliff dekorierte
Gläser gibt Abb. 139 wieder.
Als selbständige Dekoration ist jedoch der Schliff nie
von größerer Beaeutung gewesen. In der Hauptsache war
er dazu berufen, durch das Kantigschleifen der Kuppa die
vorbereitende grobe Arbeit fü. den nachfolgenden Schnitt
zu leisten sowie den untergeordneten Teilen, dem Schaft und
Deckelknauf, die gewünschte Form zu geben. Sehr beliebt
war es ferner, konzentrisch angeordneten Olivschliff unter
den Fußplatten anzubringen.
Seine Auferstehung als selbständiger künstlerischer Dekor
hat der Schliff erst viel später, beim englischen Bleiglas, ge-
feiert und ist dann, im Beginn des 19. Jahrh., auch nach
Böhmen-Schlesien siegreich zurückgekehrt (s. unten).
Der Hochschnitt in Schlesien.
Gegen 1680 trat, wie bereits auf S. 137 erwähnt, in den
führenden Hütten des Riesengebirges ein großer Umschwung
in der Fabrikation des Glases ein, mit dem ein völliger Wechsel
(wnasnw-2gJamasjsuny “upIag) "Tiger 'gIL Zueruy pun ‘z; opug ‘adugesuwsseng "ojeNod auapıyasan °6EL "44V
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Schliff.
Glasschnitt in Böhmen-Schlesien.
252 Das deutsche Glas.
Abb. 140. Schlesischer Hochschnittpokal, Ende
17. Jahrh. (Sammlung Schöller, Berlin.)
in der Formgebung und
im Dekor Hand in Hand
ging. Es begann in die-
ser Zeit die Herstellung
des verbesserten, kristall-
klaren Kreideglases, und
zwar ziemlich gleichzeitig
in den west- und nord-
ostböhmischen Hütten,
in Schlesien ebenso wie
in Potsdam und an an-
dern Oıten. Ein beson-
ders starker Anteil an
dieser Neuerung aber
wurde den Hütten des
Hirschberger Tales zuge-
wiesen. Indieser Gegend
ist nun auch eine neue
Art des Glasdekors auf-
gekommen, diezuerst die
künstlerische Konse-
quenz aus den vorzüg-
lichen Eigenschaften des
neuen Rohmaterials zog.
Bisher hatte man das
Glas immer verhältnis-
mäßig dünn geblasen
und sich mit einem
meist sehr oberfläch-
lichen Schnittdekor be-
genügt. Jetzt aber, als
man gelernt hatte, ein
wasserhelles, auch beian-
sehnlicher Stärke fehler-
loses Glas herzustellen,
versuchte man plastische
Wirkungen durch eine
kräftigere “Behandlung
mit dem Schneidrad zu erzielen. Wiederum, wie am Beginn
des Jahrhunderts, gaben die Bergkristallarbeiten die An-
regung dazu. Während man damals aber nur den flachen
Tiefschnitt dünnwandig gearbeiteter Renaissancekristalle
kopierte, ging man jetzt — es war die Blütezeit der Barock-
kunst! — dazu über, die schwere, starkplastische Ornamentik
auf das Glas anzuwenden, die in den massig-wuchtigen, oft
höchst bizarr geformten Bergkristallgefäßen des 17. Jahrh.
vorgebildet war.
Glasschnitt. Der Hochschnitt in Schlesien. 253
So kam der Hochschnitt in Übung, d.h. die Art der
Glasbearbeitung, die das Ornament in hohem Relief plastisch
herausarbeitet und die umgebenden Wandungsflächen mit
dem Rade wegschneidet. Der Dekor derartig geschnittener
Gläser besteht fast durchweg aus schweren, umgerollten
Akanthusranken, die die ganze Kuppa bedecken (Abb. 140);
an Schaft und Fuß begnügt man sich meist mit kelchförmig
angeordneten, tief unterschnittenen Spitzblättern. Die
Formen der Gläser werden gedrungener, kräftiger. Der
Fuß, bisher dünn ausgeblasen mit umgeschlagenem Rande,
wird zu einer gleichmäßig dicken Platte. Der Schaft ist
stämmig, manchmal dockenförmig; oft geht er als glatte
Säule in ein darübergelegtes, weit ausladendes Akanthusblatt
über, bei einigen Exemplaren wächst aus ihm sogar ein um-
gerollter Henkel heraus. Die Kuppa ist steil konisch oder
glockenförmig geschweift; mehrfach (Prag, Museum; Dessau,
Schloß; Berlin, Sammlung Schöller u. a.) hat sie unten noch
einen geschwungenen Ansatz, so daß ihre Silhouette die Form
eines Füllhorns annimmt. Der direkte Einfluß ähnlicher
Bergkristallarbeiten ist unverkennbar.
Ein Glas im Prager Museum (abgeb. im »Führer«,
Taf. 23) bietet einen festen Anhalt zur Lokalisierung dieser
Gruppe: es trägt das Wappen der Grafen Schaffgotsch, in
deren Herrschaft die sämtlichen Hütten und Glasveredlungs-
betriebe des Hirschberger Tales lagen, und die stets regen An-
teil an der Glasfabrikation genommen haben. Sicherlich ist
also der etwa 1680 bis 1690 entstandene Pokal 15) ein Er-
zeugnis der bei Schreiberhau gelegenen Hütten und ist auch
im Hirschberger Tal geschnitten worden.
Aber noch andere Gründe sprechen dafür, daß alle, wenig-
stens aber die Mehrzahl dieser in Hochschnitt ausgeführten
Gläser schlesischen Ursprungs sind.
Der Graf Christoph Leopold von Schaftgotsch hatte 1657,
um die Kunst »nicht zu gemein« zu machen, dem Glas-
schneider Friedrich Winter, der zugleich Kastellan auf Schloß
Kynast: bei Hermsdorf war, ein Privileg erteilt, gegen das
aber verschiedene der zahlreichen in Hirschberg, Warm-
brunn, Hermsdorf, Petersdorf und Schreiberhau ansässigen
Glasschneider protestierten (v. Czihak, S. 129 ff.). Winter
wußte es dann dahin zu bringen, daß 1690—91 in Peters-
dorf ein durch Wasser betriebenes Schleifwerk angelegt wurde,
in dem er ıo bis 12 jener Glasschneider beschäftigen wollte.
Die aber waren nicht dazu zu bewegen, sich in eine derartige
Abhängigkeit zu begeben, und so scheint Winter mit seinen
Gesellen allein sich des durch Wasserkraft getriebenen
Werkes bedient zu haben. Wozu solch ein Schleifwerk haupt-
sächlich dienen sollte, erfährt man aus folgender Begebenheit.
254 Das deutsche Glas.
In der gleichen Zeit, genau am 8. Februar 1687, befahl
der große Kurfürst den Bau einer Schleifmühle bei seiner
Potsdamer Glashütte, und zwar auf den Vorschlag eines
Glasschneiders, in dessen Eingabe es heißt: »Wann nun Ewer
Chstl. Durchl. insonderheit von erhobener Arbeit etwass zu
haben Gndstes Verlangen tragen, und solches ohne trib des
Wassers auss dem Gröbsten zu arbeiten sehr schwehr und
langsam ist; im Gegentheil aber, so diese Schleiffmühle be-
wergkstelliget würde man vil leichter und geschwinder etwass
Guttes und sauberes machen könte....« Die Schleifmühle
sollte also zur Anfertigung von Hochschnitt dienen. Sollte
es nun ein Zufall sein, daß dieser Potsdamer Glasschneider,
der seit 1680 im Dienste des Großen Kurfürsten stand, den
Namen Martin Winter trug? Es ist doch mehr als wahr-
scheinlich, daß er ein Verwandter jenes Friedrich Winter
auf dem Kynast war und hier in Schlesien sein Handwerk
gelernt hatte, zumal noch weitere Beziehungen des Großen
Kurfürsten zu dem Glashüttenbetrieb im Hirschberger Tal
nachzuweisen sind. Sicherlich geschah es auch auf Anregung
Martin Winters, daß der Kurfürst 1682 den Grafen Schaff-
gotsch ersuchte, ihm den Glasmeister Sebastian Berensdorff
zu überlassen. Ob der Graf den Wunsch erfüllte, wissen wir
nicht, können es aber vermuten, da nach den Berliner Bürger-
büchern eine Familie Bernsdorff im 18. Jahrh. in Berlin
ansässig war.
Es kommt hinzu, daß gerade die Potsdamer Hütte den
Hochschnitt, und besonders den erhabenen Dekor in Form
von Akanthusblättern bis weit ins 18. Jahrh. hinein als
Spezialität betrieb, und daß auch weiterhin mehrfach starke
Verwandtschaft zwischen den Erzeugnissen der schlesischen
Hütten und den Potsdamer Gläsern zu konstatieren ist. Und
daß der auf dem Kynast arbeitende Friedrich Winter wirklich
den Hochschnitt beherrschte, geht daraus hervor, daß unter
den vielen Aufträgen, die er für die Familie Schaffgotsch aus-
führte, eine geschnittene Muschel »nach dem Modell einer
im kaiserlichen Besitz befindlichen« erwähnt wird. In dieser
Muschel haben wir zweifellos eine der muschelförmigen, in
reichem Hochrelief geschnittenen Berskristallarbeiten zu
erblicken, die noch heute in Wien verwahrt werden.
Aus allen diesen Gründen dürfte es nicht zu gewagt sein,
den Ursprung und die Hauptfabrikation des Hochschnittes
in Schlesien, speziell im Hirschberger Tal zu suchen. Daß
ein einziger dieser Gruppe angehöriger Pokal des Prager
Museums in Südböhmen gefunden wurde, kann dagegen nicht
ins Gewicht fallen.
Diese Art des Hochschnitts mit seinen schweren, ge-
schwungenen Akanthusranken war bis in den Anfang des
Glasschnitt. Der Hochschnitt in Schlesien. 255
Abb. 141. Schlesische Hochschnittpokale. Hirschberger Tal, Anf. 18. Jahrh.
(Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
18. Jahrh. sehr beliebt. Auf vielen dieser Arbeiten ist ein
kleiner Tannenbaum angebracht mit der Devise: »Aucun
temps ne le change« (Abb. 141, links). In jener sehr zu
symbolistischen Spielereien neigenden Zeit ist das natürlich
als Hinweis auf ewig dauernde Liebe oder Freundschaft auf-
zufassen; immerhin könnte man vermuten, daß dieser Baum
ursprüngliche Beziehungen hat zu dem Tannenbaum, der die
mittlere Helmzier des Schaffgotsch-Wappens bildet.
Auch nachdem bereits eine andere, später zu besprechende
Art des Dekors zur überwiegenden Herrschaft gelangt war,
blieb der Hochschnitt bei einer kleinen Gruppe von Gläsern
immer noch bestehen und machte alle Stilwandlungen der
Zeit mit. Und auch hier deuten die selten vorkommenden
Wappen und Devisen stets auf Schlesien.
256 Das deutsche Glas.
Während auf den schweren, kräftigen Formen der
frühen Zeit Tiefschnitt nur schr selten vorkommt (das beste
Beispiel dieser Abart bietet ein Pokal im Prager Museum,
dessen Kuppa mit ausgezeichnet geschnittenen Barock-
blumen bedeckt ist, Abb. im Führer, Taf. 6), bereichert man
nun den Hochschnitt durch eingestreute Figurenbildchen in
Tiefschnitt (Abb. 141, rechts); man verbindet die Akanthus-
ranken mit eckig gebrochenen Bändern zum »Laub- und
Bandelwerkstil« (ein gutes Beispiel — wieder mit dem
Tannenbaum — im Hamburger Museum); man läßt Tief-
und Hochschnitt in getrennten Feldern miteinander ab-
wechseln (Beispiel mit dem Wappen der Schaffgotsche und
der schlesischen Schellart von Obbendorf, mit dem Tannen-
baum und kleinen Jagdbildchen im Museum zu Weimar).
Nur in seltenen Fällen wird auch in der späten Zeit von
etwa 1735 die ganze Kuppa mit figürlichen Szenen in Hoch-
schnitt bedeckt, wie das z. B. ein ausgezeichneter Pokal
mit dem Wappen der Familie von Seidlitz in der Sammlung
Schöller (Berlin) zeigt. Bei vielen dieser Stücke ist die
Schaftform und auch die Gesamtsilhouette dem entwickelten
Pokaltypus dieser späteren Zeit angeglichen; bei den meisten
aber zeigt sich eine schwerere, plumpere Formgebung, die
als Reminiszenz an die frühen Arbeiten aufzufassen und auch
für eine andere Gruppe schlesischer Gläser kennzeichnend ist.
Ja, sogar bis nach der Mitte des Jahrhunderts hat sich eine
Erinnerung an den reichen Hochschnitt bei solchen Gläsern
erhalten, deren Kuppa vertikal in mehrere Felder gegliedert
ist (s. Abb. 160).
Der Tiefschnitt.
Den Hauptanteil an der Glasdekoration hat natürlich
der seit Caspar Lehmann beständig geübte Tiefschnitt gehabt,
da er einer künstlerischen Betätigung mehr Spielraum bot
als der grobe Schliff und dem Material mehr angepaßt
und leichter auszuführen war als der künstlichere, umständ-
lichere Hochschnitt.
Erste Periode (ca. 1680 —1725). Vorherrschaft Böhmens.
Abgesehen von der kleinen, auf S. 249 betrachteten
schlesischen Gruppe setzt beim Tiefschnitt am Ende des
17. Jahrh. der Aufschwung mit vollster Intensität in Böhmen
ein. Die böhmischen Glasbläser waren es auch, die gleich-
zeitig für das neue, schwere Kreiden- und Kristallglas die
neuen Pokalformen schufen, die in ihrem wohlabge-
wogenen Aufbau schlechthin klassisch genannt werden können.
Tiefschnitt in
Kuppa und Schaft
vornehmlich haben
eine Umbildung er-
fahren. Bisher war
die Kuppa breit,
niedrig, oft mit
fast horizontalem
Boden, und stand
ohne Vermittlung
unorganisch auf
dem Schaft auf.
llerzesevicdi wsie
schlanker, nach
unten verjüngt.
Ist diese Verjün-
gung nur schwach,
so wahrt der? Po-
kal eine breit be-
häbige Form (Abb.
146, links), ist sie
stark, so bekommt
das ganze Glas eine
höchst elegante
Umrißlinie (Abb.
Miowsechtes) a In
sehr vielen Fällen
wiirde den feine,
aufstrebende Ein-
druck noch durch
eine Längsfacettie-
rung unterstützt,
durch die der gan-
zeMantel in scharf -
kantiganeinander-
stoßende schmale
Flächen zerlegt
wird. Eine andere
Art der Kuppa
zeigt einen ge-
schweiften, glok-
kenförmigen Um-
rıß mit kräftiger
Ausbuchtung an
der Basis, die ent-
weder in einer
weichen Rundung
zum Schaft über-
Schmidt, Glas.
Böhmen. ı. Periode. — Die Formen. 257
Abb. 142. Pokal
Wilhelm von Sachsen-Merseburg (1711-1731). Böhmen
um 1720.
mit Wappen des Herzogs Moritz
(Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
17
258 Das deutsche Glas.
geleitet wird (Abb. 142), oder leicht treppenförmig abläuft
(Abb. 151), oder aber wiederum scharf eingezogen wird
(Abb. 154). Die Mäntel dieser Glockenkelche sind niemals
facettiert, höchstens wird die untere Ausbauchung durch
Schletfarbeit interessant gestalter. Auch der Scchemsrger:
scheint mit wenig Ausnahmen nur noch in zwei Varianten.
Entweder als einfacher Baluster (Abb. 151) oder bereichert
durch einen darüber gesetzten, abgeplattet kugelförmigen
Knauf (Abb. 142). Zwei bis drei Scheibchen mit Hohlkehle
übernehmen die Vermittlung nach oben und unten. Ge-
wöhnlich sind die Schaftglieder facettiert; nur selten zeigen
sie eine tauartige Windung (Abb. 145, links), und das fast
nur, wenn bunte, spiralige Fäden in ihrem Innern empor-
steigen. Ebenso oft aber hat man auch in diesem Falle die
nachträgliche Facettierung angewendet (Abb. 146, links).
Der Fuß ist ziemlich flach oder steigt in leichter Wölbung
zum Rande herab, der nie mehr wie früher bei dem dünneren
Glas des 17. Jahrh. umgeschlagen ist.
Die wesentlichste Neuerung im ganzen Aufbau des Pokals
liegt in den veränderten Proportionen. Früher war der sehr
hoch gestelzte Schaft durchschnittlich doppelt so hoch als
die Kuppa; jetzt ist das Verhältnis gewöhnlich umgekehrt,
zum mindesten aber sind Kuppa und Schaft von gleicher Höhe.
Die Deckel nehmen natürlich an dem Formschema
des Pokals teil. Ist die Kuppa facettiert, so wird auch der
Deckel kantig geschliffen; besteht der Schaft aus einem
Baluster, so weist auch der Deckel nur einen zugespitzten
oder oben gerundeten Balusterknauf auf; bei der reicheren
Bildung besitzt auch der Deckel zwei Glieder, aber immer in
umgekehrter Reihenfolge wie beim Schaft, so daß der kugelige
Knauf zunächst am Deckel sitzt. — Wenn die Deckelbekrö-
nung nicht genau dem Schaftschema entspricht, so ist der
Deckel sicher nicht zugehörig; häufig sind die Deckel aller-
dings schon in alter Zeit vertauscht worden.
Alle andern Pokalformen sind nur Ausnahmeerscheinun-
gen, so besonders die mit vier- oder mehrseitigem oder ganz
unregelmäßigem Durchschnitt (vgl. z.B. den Pokal mit
Wappen derer von Winterfeld und Wunschwitz, abgeb.
im Vorb.-Heft Taf. 5, Fig. 3). Sehr häufig aber tritt neben
dem hohen Pokal der niedrige, fußlose Becher, meist facettiert,
auf. Flaschen kommen rundbauchig oder abgeplattet vor,
gewöhnlich mit langem, rundem Hals, wohl auch mit geboge-
nem Henkel (s. Vorb.-Heft Taf. 14, Fig. 3); auch Gußkannen
mit dazugehörigem, länglich sechseckigem Becken sind nicht
selten. Während diese Gefäße meist nur durch Schliff ver-
ziert sind, ist für die besseren Trinkgeräte der Schnittdekor
die Regel. Alle die vielfältigen Gefäßformen, die sonst noch
Tiefschnitt in Böhmen. ı. Periode. — Die Formen. 259
im 18. Jahrh. aus Glas hergestellt wurden, einzeln aufzu-
führen, ist zwecklos, zumal da die schier unendliche Zahl von
Benennungen, die in den alten, von Schebek und Mares
publizierten Inventaren verzeichnet sind, erst zum kleinen
Teile eine befriedigende Identifizierung mit bestimmten
Formen gefunden haben. Die wichtigsten von ihnen werden
ohnehin im Verlauf dieser Ausführungen besprochen werden.
Die früheste, vom Ende des 17. Jahrh. bis etwa 1725
reichende Periode der Blütezeit des böhmischen Glases ist
zugleich auch die künstlerisch interessanteste, weil der
SIehenkistadrer Zorzsnoche nichts zuszeinemistestistenenden,
überall gleichmäßig gehandhabten Schema geworden ist,
sondern weil eine ganze Reihe von verschiedenen Verzierungs-
arten noch um die Herrschaft ringen. Diese einzelnen Varian-
ten, von denen im folgenden natürlich nur die hauptsächlich -
sten berührt werden können, bestimmten Bezirken oder gar
Hütten zuzuweisen, ist bisher nicht geglückt und wird auch
schwerlich noch möglich sein. So ist die Zuweisung aller
Gläser mit bunten bzw. roten Spiralfäden im Knauf an die
südwestböhmischen Hütten, die mehrfach versucht worden
ist, nicht aufrecht zu erhalten, da z. B. auch in Breslau ge-
schnittene Gläser diesen Schmuck aufweisen. Man muß
vielmehr ganz Böhmen zusammenfassend behandeln und
auch Schlesien zum großen Teil mit hinzurechnen. Daß
immerhin Schlesien auch in dieser Zeit seine Besonderheiten
gehabt hat, ist durch die bereits besprochenen Hochschnitt-
pokale und durch die auf S. 249 erwähnten Gläser zur Ge-
nüge bewiesen.
Streublumen und Fruchtbündel.
Eine erste Gruppe böhmischen Glases wird gekennzeichnet
durch eine besondere Art von Streublumen, Blumenbuketts
und Fruchtgehängen, die durch eine sehr kompakte Anord-
nung und einen ziemlich gleichmäßig kräftigen Schnitt cha-
rakterisiert ist. Selbst kleinste Blattzweige, die aus den
Sträußen nach den Seiten herausragen, sind recht kräftig
eingeschnitten. In sehr vereinzelten Fällen nur hat man,
wie etwa bei einem Becher mit Tugenden in Reichenberg
(Pazaurek, Taf. 9a), zur Diamantspitze seine Zuflucht ge-
nommen, um zartere Rankenzweige anzudeuten. Kein
struktives Gerüst, keine Gliederung durch größere Motive
macht sich in dieser fast durchweg in Mattschnitt ausge-
führten Dekoration geltend. Der allgemeine Eindruck ist
der einer starken Überfüllung. Auch die Umrahmung der
Wappen ist stets aus dicken, kompakten Lorbeerkränzen
17.
260 Das deutsche Glas.
oder Palmzweigen gebildet.
Die völlige Abhängigkeit von
den Tendenzen der Barock-
kunst ist unverkennbar.
Das früheste Stück, !das
dieser Neigung zur Überfül-
lung huldigt, dürfte der viel-
leicht noch etwas vor 1680,
keinesfalls aber in der
Lehmann-Zeit geschnittene
Becher der Sammlung ].
Koula in Prag 16) sein, der
mit allegorischen Darstellun -
gen der fünf Sinne nach
Martin de Voss verziert ist.
Den entwickelten Typus der
Gruppe zeigt der Gallas-
Becher in Reichenberg (Pa-
Abb. 143. Becher mit Blumendekor. zaurek, Taf. 9), der vor 1697
Böhmen Antang 18. Jahrh. (Berlin, contstanden ist, sowie der be-
KuusizEnerbe Musenun) deutend spätere Pokal mit
Porträt Karls VI. (ebenda
Taf. 16b), der in die Jahre 17107 bis 1714. sehöre
Nach 1700 werden die Blumen dieser Gruppe meist
zwar kleiner und leichter, aber immer noch bleibt der Ein-
druck der Fülle und Unübersichtlichkeit bestehen. Einen ge-
wissen Halt bringen nur die gewöhnlich ausgesparten Me-
daillons mit Porträts, Ansichten und Sprüchen in die De-
koration hinein. Hierher gehören u.a. die bei Pazaurek,
Taf. 15 und 24 b abgebildeten Pokale, ferner der kleine Pokal
mit Wappen der Sartorius von Wiesenthal und Scholz von
Liebeneck im Berliner Kunstgewerbe-Museum (Vorb.-Heft
Taf. 15, Fig. 6) und ebenda ein facettierter Becher mit be-
kröntem Spiegelmonogramm und den Figuren von Krieg und
Frieden in Blattkränzen (Abb. 143); weiter Gläser in Ham-
burg (mit sächsisch-polnischem Wappen), in Prag (mit Or-
pheus und Wappen des Kasp. von Kirchenstein), in Leipzig
(mit Thimotheus und dem Löwen) usw.
Besonderer Beliebtheit scheint dies Blumengenre sich in
Holland, dem Blumenlande, erfreut zu haben. Sehr häufig
nämlich kommen derartige Gläser mit Beziehungen auf Hol-
land vor. So in Reichenberg der Pokal mit Ansicht von
Amsterdam (Pazaurek Taf. 15), in Hamburg mit Ansicht
von Harlem, in Frankfurt a. M. mit den Wappen der nieder-
ländischen Provinzen; in Holland selbst haben sich viele
dieser Gläser erhalten, so besonders im Steen zu Antwerpen
und im Rijksmuseum zu Amsterdam. Auch der kleine
Tiefschnitt in Böhmen. ı. Periode. — Streublumen usw. 261
Pokal des Berliner Kunst-
gewerbe-Museums (Abb.
144) mit der Inschrift »Vi-
vat de garen negotie«— »Es
lebe der Leinenhandel!« —
und dem Datum 1716 ge-
hört in diese Reihe, sowie
ferner eine ganze Anzahl
Gläser und Becher in vielen
andern Sammlungen. Bei
den überaus regen Han-
delsbeziehungen, die von
den böhmischen Glashand-
lungskompagnien mit Hol-
land unterhalten wurden,
ist diese Produktion für
Holland nicht verwunder-
lich; man kann sogar an-
nehmen, daß viele der Gläser
erst an Ort und Stelle von
ausgewanderten Böhmen
mit dem Rade veredeltsind.
Es mashier darauf hin-
gewiesen werden, daß die
Böhmen einen ganz vor-
züglich organisierten Han-
delim Ausland trieben.
Schon in früher Zeit wur- Abb. 144. Pokal, in Böhmen für Holland
den die Produkte der böh- geschnitten. 1716. (Berlin, Kunstgewerbe-
mischen Hütten nach aus- Museum.)
wärts exportiert. Es sei
hier nur erinnert an die »vielen Gläser aus Boheim«, die in
dem 1583 aufgenommenen Inventar der Burg Neideck (des
alten Schlosses) in Arnstadt aufgeführt werden !7), sowie
auf den bereits 1602 zugunsten der Haller Glashütte dem Erz-
herzog Maximilian unterbreiteten Vorschlag »alles auslän-
disch, venedigisch und beheimbisch Trink- und Scheibenglas,
das in Tirol fast eingerissen, zu verbieten« !"8). Dieser Export
wurde das ganze 17. Jahrh. hindurch fortgesetzt; seine Blüte-
zeit aber begann etwa um 1680, gleichzeitig mit dem großen
technischen und künstlerischen Aufschwung des böhmischen
Glases. Mit Schubkarren und großen Wagen streiften damals
die unternehmenden Böhmen durch die Länder ganz Europas,
teils nur als Händler, teils — indem sie ihr Schneidzeug mit
sich führten — gleichzeitig als ausübende Künstler. Das
klassische Beispiel eines solchen wandernden Glashändlers
ist der aus Steinschönau stammende, 1662 geborene Gg. Franz
262 Das deutsche Glas.
Kreybich, der in Kreibitz das Glasmalen und -schneiden
lernte und nach einer längeren Wanderschaft durch Bayern,
Salzburg, Kärnthen und Wien, von 1685 an bis I7IQ nicht
weniger als 21 größere Reisen machte, die ihn mit seinen Glas-
frachten nach Brandenburg, Pommern, Rußland, nach
Schweden, England, Holland, besonders aber nach Ungarn
und Siebenbürgen führten. Sogar bis Konstantinopel ist
er einmal gezogen und hat überall gute Verbindungen an-
geknüpft. Er erzählt von allen diesen Reisen in seiner höchst
interessanten Lebensbeschreibung !19), die auch viele be-
achtenswerte Streiflichter auf den Hüttenbetrieb in Böhmen
und Schlesien wirft. Andere Händler hatten sich besonders
Holland sowie Spanien und Portugal als Reiseziel gewählt;
bereits 1681 wird ausdrücklich von einem Verkauf in Cadix
gesprochen, aber das Hauptgeschäft der böhmischen Glas-
handlungskompagnien in diesen Ländern fällt in das IS. Jahr-
hundert. Ausführlich über dies sehr interessante Kapitel
hier zu reden kann unterlassen werden im Hinblick auf die
bei Schebek (S. 61 ff.) in aller Breite publizierten Akten-
stücke.
Große Ranken.
Neben den Gläsern mit dem vorwiegenden Blumendekor
tritt seit dem Beginn des 18. Jahrh. eine weitere Gruppe auf,
bei der besonderer Wert gelegt ist auf eine großzügigere De-
koration durch Verbindung von großen, geschwungenen Ran-
ken mit den dazwischengestreuten kleinen Frucht- und
Blumenbündeln (Abb. 145, rechts; aus derselben Werkstatt
wie Pazaurek, Taf. 14a, b). Es kommt dadurch ein gewisser
wohltuender Rhythmus in die Flächenverzierung, wenn
auch die Arbeit selbst in der Regel trockener und härter ist
als bei der vorigen Gruppe. Besonders der kammartige
Schnitt der kleinen Federblättchen wirkt vielfach allzu sche-
matisch und monoton. Diese Arbeiten, welche zeitlich die
der ersten Gruppe begleiten, aber wohl sicher in andern Hütten
entstanden sind, sind nicht allzu häufig. Sie werden bald
abgelöst durch Gläser mit anderer, eleganterer Dekoration.
Frühes Laub- und Bandelwerk. — Kalligraphen-
schnörkel.
Der Stil, dem wir die schönsten böhmischen und schlesi-
schen Gläser verdanken, ist der sogenannte Laub- und
Bandelwerkstil. Zwei verschiedene Phasen sind in ihm zu
unterscheiden. Die erste Periode reicht von etwa 1700 bis
1725 und hat ihre Motive mit allergrößter Vielseitigkeit abge-
wandelt, während die zweite Periode, die das zweite Viertel
Tiefschnitt in Böhmen. 1. Periode. — Große Ranken. 263
Abb. 145. Böhmische Pokale vom Anfang des 18. Jahrh. (Berlin,
Kunstgewerbe-Museum.)
des 18. Jahrh ausfüllt, in einen starken Konventionalismus
verfallen ist.
Die Arbeiten der Frühzeit zeigen in den meisten Fällen
eine ziemlich lockere, leichte Flächenfüllung.
264 Das deutsche Glas.
Abb. 146. Böhmische Pokale vom Anfang des 18. Jahrh. (Berlin,
Kunstgewerbe-Museum.)
Ein Teil von ihnen bleibt in dem altbewährten Fahr-
wasser des Blumen- und Rankendekors der vorigen Gruppe,
fügt aber als erste Neuerung gewisse Bandmotive hinzu,
die durch ein eckig gebrochenes oder rundlich gewundenes
Tiefschnitt in Böhmen. ı. Periode. — Laub- und Bandelwerk. 265
Geschlinge den Eindruck
von Kalligraphenschnör -
keln machen. Ein gutes
Beispiel für diese Abart
bietet der Pokal auf
Abb. 146, links, der viele
nahe Verwandtehat, u.a.
den Becher mit St. Georg
in Reichenberg (Pazau-
reRseNalonb)) Zeinen
Becher mit Inschrift auf
den Provinzial des Ser-
vitenordens P.Pius(Prag,
Museum), und vor allem
einen von derselben Hand
geschnittenen Pokal mit
dem Porträt Karls VI.
von 1711 (ebenda; viel-
leicht bedeuten die un-
ter dem Brustabschnitt
des Porträts eingravier-
ten Buchstaben G. F. W.
das Monogramm des
Glasschneiders). Die
Jahreszahl 1711 ist
wichtig für die Datierung
der ganzen Gruppe, die
kaum über das Jahr 1720
hinausgehen dürfte, wo
ihr Dekor in starker Be-
reicherung noch einmal
auftritt an einem Pokal
imKölnerKunstgewerbe-
Museum, der nach den
‚darauf eingeschnittenen
Wappen der Familien
Spork und Veznik in
diesem Jahre hergestellt
ist (Graf Joh. Jos. von
Spork heiratete 1720 die
Gräfin Maria Anna von
Veznik).
Abb. 147. Böhmischer Pokal vom Anfang des
18. Jahrh. (Berlin, Kunstgewerbe-
Museum.)
Neben dieser hauptsächlich mit Kalligraphenschnörkeln
arbeitenden Richtung (vgl. auch Abb. 145, links) geht nun
weiter der ausgesprochene, vielseitige Laub- und Bandel-
werkstil her. Ihn in ein System einzufangen, ist sehr schwer.
Das Typische an ihm ist, daß er, wie sein in damaliger Zeit
266 Das deutsche Glas.
schon geprägter Name treffend ausdrückt, Laubgebilde mit
Bandmotiven mischt, wobei die letzteren das luftige tektoni-
sche Gerüst für die gesamte Dekoration abgeben (Abb. 146,
rechts und 147). Unzertrennbar aber ist von diesem Stil
ferner die Zutat der »Grottesken«, die in allerhand phan-
tastischen Gebilden, Baldachinen, Medaillons, Köpfen, Putten,
Hermen, Satyrn, Tieren usw. bestehen und in lustiger Ab-
wechslung zwischen die rundlich geschwungenen oder eckig
verschlungenen Laub- und Bandelwerkmotive eingestreut
sind.
Hier ist es an der Zeit, von den Vorbildern zu sprechen,
deren die Glasschneider sich bedient haben.
Die Ornamentstiche als Vorbilder für den
Glasschnitt.
Die Glasschneider waren größtenteils keine selbständig
erfindenden Künstler, sondern geschickte Kompilatoren, die
von überallher die mannigfaltigsten Motive holten und mehr
oder weniger frei
verwendeten.
Wie in allen an-
dern Kleinkün-
sten dieser Zeit,
sosindauch beim
Glasschnitt be-
sonders viele Be-
ziehungen zu den
Ornamentste-
chern zu konsta-
tieren, deren Vor-
lagenwerke durch
die Nürnberger
und Augsburger
Kunstverleger
gedruckt und ver-
breitet wurden.
Diese »Zierrathen
Büchel«, »Gro-
teschgen Werke«
und wie sie alle
heißen, _ waren
eine der Haupt-
quellen, aus de-
nen die böhmi-
Abb. 148. Ornamentstich des Ägidius Bichel. schen Glasschnei-
Augsburg 1704. der ihre Anre-
Ca Marstalrsszer ct Regır Polenie Elsctorwg Sasona Privslen
Tiefschnitt in Böhmen. ı. Periode. — Die Vorbilder. 267
Abb. 149. Titelblatt von Teil 2 des „Zierathen-Büchel vor Glasschneider und Künstler“
von Joh. Conradt Reiff. Nürnberg um 1710.
gungen holten. Eine genaue Kopie ganzer Kompositionen
ist allerdings nur in den seltensten Fällen nachzuweisen;
gewöhnlich wurden mehrere, oft sehr heterogene Einzelhei-
ten aus jenen Werken neu zusammengesetzt oder mit den
durch jahrelange Übung und Wiederholung zum eisernen
Bestand der Werkstatt gewordenen älteren Motiven kom-
biniert, je nach dem besonderen Zweck und dem zur Ver-
fügung stehenden Raum. Natürlich wußten geschickte Glas-
schneider diese Ornamentik dann auch in verschiedener
Weise zu variieren und weiterzubilden.
Für die früheste Gruppe der kleinen Blumen- und Frucht-
ornamente wie auch für die schlesischen Hochschnittpokale
mögen als Vorbilder gedient haben Werke von der Art der
»Allerhand Inventiones von Frantzösischem Laub-Werckh,
wie solches anietzo auf die neueste Manier gebräuchlich ist«,
die Agidius Bichel 1696 in Augsburg hat erscheinen lassen
(vel. Abb. 148, aus einer ähnlichen Folge von 1704). Die
großen, schwerlappigen und gezackten Akanthusblätter sind
von den Glasschneidern — ihrer Technik entsprechend —
meist sehr vereinfacht und verfeinert worden, aber die Blumen-
und Fruchtgehänge sowie die dazwischen herauszüngelnden
kleinen Zweige decken sich ganz mit den entsprechenden
Motiven auf den Gläsern. Auch die späten Stiche des Joh.
Conrad Reuttimann (Augsburg, etwa 1690 bis 1700), beson-
ders sein »Neues Buch mit französischem Laubwerck und
Früchten ...«, mögen in den Stuben der Glasschneider
häufig zu finden gewesen sein. Immer aber muß man sich
vor Augen halten, daß bei dem meist ziemlich handwerklichen
268 Das deutsche Glas.
NEUES GROTESCHGEN- WERK
vor Goldschmidt Glaßfchneider und andere Kunst
incentirt durch” Paulus Mecker Ärchiteetum
Abb. 150. Titelblatt des „Neuen Groteschgen-Werks“ von Paul Decker.
Nürnberg um 1710.
Betriebe sich sehr bald ein immer wiederkehrendes Schema
gewisser Teilmotive herausgebildet hat.
Daß die Stecher oftmals direkt für die Bedürfnisse der
Glasschneider gearbeitet haben, geht aus dem Titel eines von
Joh. Conradt Reiff in Nürnberg herausgegebenen Werkes
hervor, das sich »Zierathen-Büchel vor Glasschneider und
Künstler« nennt. Das Titelblatt des zweiten Teiles ist in
Abb. 149 wiedergegeben und läßt deutlich erkennen, daß der
Tiefschnitt in Böhmen. ı. Periode. — Die Vorbilder. 269
Schneider des Pokals mit den Kalligraphenschnörkeln (Abb.
146, links) derartige Vorbilder benutzt haben muß. Ein
zweites Werk, das ausdrücklich auch für die Glasschneider
bestimmt war und sogar eine ganze Anzahl von wirklichen
Pokalen oder wenigstens von deren Kelchen zeigt, ist das
»Neue Groteschgen-Werk vor Goldschmidt, Glassschneider
und andere Künstler«, das der Baireuther Architekt Paul
Decker gestochen hat (Abb. 150). Während es nicht gelungen
ist, konkrete Zusammenhänge zwischen den Stichen dieses
Buches und erhaltenen Gläsern nachzuweisen, ist das für
eine andere Folge des 1713 gestorbenen Decker möglich ge-
wesen, nämlich für das »Groteschgen-Werk vor Mahler, Gold-
schmidt Stucato ...«. Man vergleiche das schöne Glas in
Abb. ı51 mit dem in Abb. 152 wiedergegebenen Stich; es ist
klar zu erkennen, daß der Glasschneider die Herme des
Herbstes mit den zwei knienden Satyrn direkt von dem
Blatt Deckers übernommen hat. Ebenso kehrt auf den
Seiten desselben Glases ein Medaillon mit musizierenden
Putten wieder, die auf einem andern Stich Deckers (aus
derselben Folge) erscheinen. Immerhin ist zu beachten, daß
der Glasschneider die Vorbilder nicht sklavisch kopiert hat,
sondern sie nach den besonderen Raumbedürfnissen ver-
schoben, verändert und mit andern ihm geläufigen Motiven
verquickt hat.
Bei dieser Gelegenheit sei darauf aufmerksam gemacht,
daß ein großer Teil dieser Blätter nicht das geistige Eigentum
der als Urheber sich bezeichnenden deutschen Stecher ist,
sondern daß die Stiche vielfach in direkter Linie von den
ornamentalen Kompositionen französischer Kupferstecher
abstammen, Der französische Geschmack, der sich stets von
den wilden Bildungen des deutschen Barock freigehalten und
seit der Renaissance einen ruhigen, steten Entwicklungsgang
durchgemacht hatte, wurde vom Ende des 17. Jahrh. ab
auch in Deutschland maßgebend. So gehen die vorhin ange-
führten älteren deutschen Stiche, auch noch ein Teil der
Arbeiten des Joh. Conr. Reiff, auf die schweren, vollsaftigen
Akanthusbildungen des 1710 gestorbenen Daniel Marot und
einiger seiner Zeitgenossen und Landsleute zurück. Eine
andere Gruppe süddeutscher Stecher, unter ihnen besonders
Decker, hat sich dagegen die zierlichere, die Grotteske bevor-
zugende Richtung des genialen, vielseitigen Jean B£rain
(T 171I) zum Vorbild genommen. So findet man z. B. die
Mittelkomposition der Abb. 152 auf einem Blatte B£rains 12°)
wieder. Wenn dabei auch die übrigen Details stärker um-
geformt sind, so bleibt doch der Gesamtcharakter ganz der
gleiche.
Dasselbe ist von den meisten andern deutschen Stechern
270 Das deutsche Glas.
Abb. 151. Pokal mit Schnittdekor nach Decker. Böhmen Anfang 18. Jahrh.
(Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
der ersten Hälfte des 18. Jahrh. zu sagen, deren Arbeiten
als anregende Beispiele oder als direkte Vorbilder für den
Glasschnitt gedient haben. In Betracht kommt hauptsäch-
lich noch der sehr fruchtbare Joh. Leonh. Eysler, der bei dem
1725 gestorbenen Joh. Christoph Weigel in Nürnberg verlegt
hat und dessen »Neu inventiertem Laub- und Bandel Werck«
die Abb. 153 entnommen ist; dann der Nürnberger Joh.
Tiefschnitt in Böhmen. 1. Periode. — Die Vorbilder. 271
Abb. 152. Stich aus dem „Groteschgen-Werk vor Mahler, Goldschmidt Stucato ...“
von Paul Decker. Nürnberg um 1710.
Daniel Preisler, mehrere anonym bei Weigel erschienene
Folgen, sowie die Stiche des in Deckers Manier arbeitenden
Joh. Leonh. Seeling aus Nürnberg. Natürlich aber ist auch
mit diesen Werken das unerhört reiche Repertoir von Laub-
und Bandelwerk- und von Grotteskenerfindungen nicht
erschöpft; nur hält es erklärlicherweise sehr schwer, aus der
sroßen Fülle die einzelnen für den Glasschnitt benutzten
Motive herauszufinden. So sei hier nur noch darauf hinge-
wiesen, daß mehrere der Putten auf dem in Abb. 145 links
wiedergegebenen Pokal einer Jahreszeitenfolge des Joh.
Leonh. Eysler genau nachgebildet sind, und daß die vier
mythologischen Darstellungen auf dem Pokal in Abb. 146
rechts aus der 1704 in Augsburg erschienenen Ornament-
folge des Agidius Bichel (s. Abb. 148) stammen. Der sonstige
Dekor dieses Glases, das ein ebenfalls nach Bichel geschnitte-
nes Gegenstück im Bayrischen Gewerbe-Museum in Nürnberg
besitzt, ist wieder nach andern Vorlagen zusammenkom-
poniert und zeigt vortrefflich die geschickte Art, mit der die
Glasschneider die Mäntel ihrer Pokale zu verzieren wußten.
Ein weiteres, für eine ganze, sehr gute Gruppe typisches
Beispiel dieses kombinierten Laub- und Bandelwerk- und
Grottesken-Stiles gibt die Abb. 147. Die kleinen Jagdbilder
oben am Rande sind ein sehr beliebtes Motiv gewesen und
werden auch später noch wieder begegnen.
Schon die wenigen hier abgebildeten Pokale, die alle
der Zeit von 1700 bis 1725 angehören, zeigen die große orna-
272 Das deutsche Glas.
Abb. 153. Stich aus dem „Neu inventierten Laub- und Bandel Werck“ des
Joh. Leonh. Eysler. Nürnberg um 1710.
mentale Mannigfaltigkeit dieser Epoche, der gegenüber die
folgende Zeit fast eintönig zu nennen ist. |
Die große Mehrzahl dieser Pokale ist sicherlich in Böhmen
entstanden, das damals auf der Höhe seiner Leistungsfähig-
keit stand. Aber auch Schlesien wird an diesen Ver-
zierungsarten Anteil gehabt haben. Bei der Seltenheit von
Inschriften und dergleichen, die eine feste Lokalisierung er-
lauben, ist es meist allerdings unmöglich, die Herkunft der
Gläser sicherzustellen. Es mögen hier immerhin zwei Pokale
von 17IO und 1713 im Breslauer Museum angeführt werden,
die durch Ansichten des dortigen Magdalenen-Gymnasiums
und durch Widmungen als sicher schlesisch angesprochen
werden können. Beide haben sie Gold- und Rubinfäden im
gewundenen, nicht facettierten Schaft; und die Kuppa —
ähnlich geformt wie die von Abb. 151 — ist mit dem üblichen
kräftigen Laubwerk dekoriert, das insofern allerdings eine
Besonderheit aufweist, als von den breitlappigen Akanthus-
ranken eine Anzahl kleinster, zittriger Zweiglein ausfasert.
Im übrigen hat Schlesien in dieser Zeit den schon S. 255 be-
sprochenen schweren Typus mit Hochschnitt bevorzugt.
Zweite Periode (ca. 1725—1750). Vorherrschaft Schlesiens.
Im zweiten Viertel des 18. Jahrh. bleibt die Herrschaft
des Laub- und Bandelwerkstils bestehen. Neben den rein
landschaftlichen und figürlichen Darstellungen zeigt der orna-
mentale Dekor eine festumrissene Eigenart, die unverändert
fast ein Menschenalter hindurch in den Hütten des Riesen -
gebirges in Übung, steht. Dastıstadren ermitwaeakzeneze
Eauib- zund "Bandelwenrksier], = DasgeNeuezuund
Typische dieser Dekoration besteht darin, daß das Bandel-
werk, das bisher durchweg nur aus dünnen Fäden gebildet
war, jetzt in Form von breiten, mattgeschnittenen Bändern
Tiefschnitt in Schlesien. 2. Periode. 23
den Eindruck des Ganzen
beherrscht. Diese in Voluten
aufgerollten und eckig ge-
brochenen Bänder bilden
das Gerüst, an das die übri-
gen kleinen Ornamentmotive
sich anklammern, so beson -
ders wieder das Laubwerk
in Form von Ranken und
mikroskopisch zierlichen
Blattzweigen; dann die
Fruchtgehänge und weiter
die phantastischen Gebilde,
die Blumenvasen und Tro-
phäen, die Lambrequins und
Baldachine. die Putten,
Denen unde Tiere sudke
minutiösen Landschafts-
bildchen und wassonstnoch
Laune und Phantasie des
Glasschneiders alles erson-
nen hat. Die eigentlichen
Grotteskenbildungen des
früheren Stiles dagegen wer-
den nur noch selten verwen-
det. Immer aber bleiben
die breiten Bänder das
Entscheidende. Und fast
durchweg sind diese Bänder
durch feine Querstriche in
einzelne Kompartimente
zerlegt, in deren mattem
Grunde winzige, blankpo-
lierte Kugelungen mit pi-
kantem Licht gleich Edel-
steinen aufblitzen. Bei
den frühesten Stücken die-
ses Stils, so bei dem in Abb.
154 wiedergegebenen Pokal,
Abb. 154. Schlesischer Pokal, um 1720 bis
1725. (Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
tritt dies Kugel- oder besser vielleicht Olivenmotiv noch
nicht auf; an seiner Stelle ragen noch die üblichen kleinen
Federblättchen in die Bänder hinein. Ein Hauptcharakte-
ristikum des entwickelten Laub- und Bandelwerkstils ist
weiter der Horror vacui, der sich fast ausnahmslos bemerkbar
macht: die ganze Fläche des Glasmantels ist vom Ornament
bedeckt, kaum ein zentimetergroßes Stück findet man ohne
Schnittdekor.
Schmidt, Glas.
EN
18
274 Das deutsche Glas.
Dies geschilderte Ornament, das in keinem andern Zweige
des Kunstgewerbes in so konsequenter Ausbildung sich zeigt,
bildet aber nur den prunkvoll wuchernden Rahmen zu den
Hauptdarstellungen. Das sind Wappen und Monogramme,
Herrscherporträts (besonders Karls VI. sowie nach 1740
Maria Theresias und Friedrichs des Großen), Allegorien jeder
Art (Jahreszeiten, Sinne, Erdteile, Elemente, Kriesssund
Frieden usw.), Freundschaftsembleme (sehr häufig die Dar-
stellung von David und Jonathan), Verherrlichungen des
Handels (»Floreat Commercium«) und der Schiffahrt in Land-
schaftsbildern mit Rollwagen und Schiffen, Szenen aus der
Leinenindustrie, Städteansichten, Gartenarchitekturen und
die im 18. Jahrh. so beliebten Schäferbildchen mit ihren
kleinen Pikanterien oder derben Anspielungen, gewürzt durch
anzügliche Unterschriften und Verse von meist recht frag-
würdiger poetischer Form. Schier unerschöpflich ist das
Repertoir der Glasschneider, die ja nicht nur für bestimmte
Personen und Gelegenheiten, sondern in der Hauptsache für
einen weitab wohnenden, unbekannten Kundenkreis zu ar-
beiten hatten und daher genötigt waren, möglichst allgemein-
gültige und interessierende Darstellungen zu schneiden, die
durch irgendwelche Symbole auf jeden Einzelfall paßten.
Daneben spielt dann noch eine große Rolle das Andenken-
glas, das man aus den Badeorten mit heimnahm oder ver-
schenkte. Hierbei stand an der Spitze das den Grafen
Schaffgotsch gehörende Bad Warmbrunn, wo schon damals —
genau wie heute in allen Bade- und Ausflugsorten — eine
ganze Anzahl kleiner Verkaufsbuden (»Bauden«) für den
Absatz der Glaserzeugnisse des Hirschberger Tales sorgte.
Im einzelnen auf diese Darstellungen einzugehen, erübrigt
sich im Hinblick auf die von Pazaurek und v. Czihak ge-
machten Ausführungen,
Während im ersten Viertel des 18. Jahrh. die Glasver-
edlung durch den Tiefschnitt hauptsächlich eine Domäne der
böhmischen Glashütten war und Schlesien nur in zweiter
Linie in Betracht kam, tritt Schlesien jetzt absolut in den
Vordergrund. Die böhmischen Hütten scheinen sich mehr
und mehr auf die Herstellung von geringerer Marktware für
den ausländischen Glashandel verlegt zu haben — das geht
schon zur Genüge aus dem geringen Preisunterschiede zwi-
schen der gewöhnlichen glatten und der geschnittenen Ware
in den bei Schebek abgedruckten Inventaren hervor; Schle-
sien dagegen übernimmt jetzt die Führung im künstlerischen
Glasschnitt. Und in der Hauptsache ist es wieder das Hirsch -
berger Tal mit seinen sämtlichen Ortschaften, wo die besten
schlesischen Glasschneider sitzen. E. v. Czihak nennt neben
diesem Gebiet noch die Wiesauer Glashütte im.Kreis Sagan
Tiefschnitt in Schlesien. Laub- und Bandelwerkstil. 275
und die Friedrichsgrunder Hütte in der Grafschaft Glatz,
Letztere wurde jedoch erst 1770 gegründet, und noch 1774
erklärt der Hüttenmeister, daß er keine Glasschneider, sondern
nur Schleifer beschäftige (v. Czihak, S. 165), und von der
Wiesauer Hütte wissen wir nichts weiter, als daß sie gutes
Tafelglas (Scheibenglas) anfertigte.
Allerdings werden auch in Breslau Glasschneider erwähnt,
und zwar für 1690 einer, 1755 zwei und 1787 drei. Die Arbeit
dieser paar Leute kann aber kaum der Rede wert gewesen
sein, wenn man ihre Anzahl vergleicht mit der Menge von
Glasschneidern, die im Hirschberger Tale durch die Veredlung
des Rohglases ihr Brot verdienten. Denn allein in Warm-
brunn arbeiteten im Jahre 1733 sechs Glasschneider. Und
wie gewaltig der Aufschwung des Gewerbes in dieser Zeit des
Laub- und Bandelwerkstils war, läßt sich daraus entnehmen,
daß 1743 ihre Zahl bereits auf mehr als 40 angewachsen war
(v. Czihak, S. 133). v. Czihak nennt auch eine große Menge
Namen; die besten Künstler sollen Christian Schneider, Gott-
fried Kahl, Benjamin Maywald und dessen Sohn Jch. Gott-
fried Maywald gewesen sein. Leider aber ist bisher nur ein
einziges Glas bekannt geworden, auf dem ein Warmbrunner
Glasschneider seinen Namen eingraviert hat (s. S. 285), und
nur drei Pokale können mit genügender Sicherheit dem Haupt-
meister Chr. Schneider zugewiesen werden (s. S. 279 u. 289).
Alle andern Gläser sind namenlos, und man muß daher die
ganze Gruppe als Gattung betrachten, zumal da größere indi-
viduelle Unterschiede nur in den allerseltensten Fällen zu be-
obachten sind.
Den Laub- und Bandelwerkstil dieser zweiten Epoche
trifft man nur ausnahmsweise auf Gläsern der schlichten,
klassisch- böhmischen Form an, wie etwa auf dem schönen
Pokal mit Ansicht von Konstantinopel in Reichenberg (Pa-
zaurek, Taf. 20b), bei dem aber immerhin nicht absolut
sicher ist, ob seine Veredlung auch in Böhmen vorgenommen
worden ist. Ebenso gehören Gläser dieser Dekorationsgruppe
mit böhmischen Wappen oder sonstigen Beziehungen zu
Böhmen zu den größten Seltenheiten. Dagegen sind Be-
ziehungen zu Schlesien, und nach 1740 auch zu Preußen, in
sehr vielen Fällen zu konstatieren. Mit Hilfe derartiger
datierter Arbeiten läßt sich auch der Entwicklungsgang der
schlesischen Gläserformen in dieser Zeit klar verfolgen !22),
Am Anfang, in den 1720er Jahren, stehen wegen ihrer
noch im Übergangsstadium befindlichen Bandwerkornamen-
tik (s. S. 273) Gläser von der Art des in Abb. 154 wieder-
gegebenen Pokals, die zu den seltenen Stücken gehören,
denen noch eine der in der vorigen Epoche in Böhmen ge-
läufigen Pokalformen eigen ist. Daher kann man — beim
18*
276 Das deutsche Glas.
Abb. 155. Schlesische Pokale, um 1730—1740. (Berlin,
Kunstgewerbe-Museum.)
Fehlen irgendwelcher Indizien — den schlesischen oder böhmi-
schen Ursprung hier nicht feststellen. Diese Form mit der
ausgebauchten Kuppa tritt aber weiter bei mehreren sicher
schlesischen Arbeiten auf, z. B. bei dem sehr schönen Pokal
mit dem Schaffgotsch-Wappen in Reichenberg (Pazaurek,
Taf. 25 a und c) und bei dem ebendort abgebildeten Pokal,
der den österreichischen Adler mit dem schlesischen Herz-
schild zeigt. Beide Gläser stehen im Stil dem eben genannten
Berliner Stück nahe, ebenso wie ein gleichgeformter Pokal
mit dem Wappen der schlesischen Familie von Stos im Prager
Museum. Daß die für diese Gruppe angenommene frühe
Datierung richtig ist, erweist ein dazugehöriger, 1721 datierter
Pokal der Sammlung Schöller (Berlin) sowie ein 1727 ge-
schnittenes Glas mit figürlichen Darstellungen und einem
Tiefschnitt in Schlesien. Laub- und Bandelwerkstil. 277
Spiegelmonogramm im Bres-
lauer Museum. Wie diese
bauchige Form in einer andern
schlesischen Variante wieder-
kehrt, wird später (S. 282) ge-
zeigt werden.
Die früheste datierte, sicher
schlesische Arbeit mit vollent-
wickeltem Laub- und Bandel-
werk dürfte ein kleiner Pokal
von 1722 in Reichenberg (Pa-
zaurek, Taf. 20 c) sein, der durch
das Wappen des Abtes von Klo-
ster Grüssau, durch eine schlesi-
sche Landkarte und durch die be-
sondere Auszeichnung Warm-
brunns auf dieser Karte zweifel-
los als Warmbrunner Produkt
sich ausweist. Seine Form aber
ist auch noch von den böhmi-
schen Arbeiten dieser Zeit be-
einflußt.
Der Stil der Ornamentik
bleibt von nun an bis etwa
1750 derselbe; die Formen der
schlesischen Gläser dagegen
machen eine zweimalige Wand-
lung durch. In den dreißiger
Jahren nämlich wird der untere
Teil der Kuppa kelchförmig ein-
gezogen, aber ohne die bisher
übliche breitere Ausladung
(s. Abb. 155, links). Sehr sel- Abb. 156. Pokal mit Ansicht von
ten nur wird als Zwischenglied Breslau. Schlesien um 1740. (Berlin,
in der Mitte dieses Unterteils a abo Nesein)
noch ein breiterer Ring einge-
schoben (s. Vorb.-Heft Taf. 15, Fig. 8). Die ganze Kuppa
wird kantig geschliffen. Der Schaft behält seine bisherige
Balusterform bei und ist ebenfalls facettiert. Für die Da-
tierung dieser Gruppe mag ein 1734 für die Hochzeit eines
Arztes geschnittener Pokal des Breslauer Museums dienen,
sowie ein anderes Hochzeitsglas von 1748 in Berlin, das
allerdings nicht von bester Qualität ist und wohl als ein Nach-
zügler gelten darf. Sehr selten kommt diese Form auf Gläsern
vor, die eine Beziehung zu Böhmen haben, wie z. B. bei
einem Pokal in Reichenberg (Pazaurek, Taf. 18 b) mit dem
Wappen der böhmischen Familie von Wunschwitz. Hier
278 Das deutsche Glas,
aber zeigt sich neben den Motiven des entwickelten Laub-
und Bandelwerkstils ein konservatives Festhalten an den
gedrängten Blumen- und Fruchtgehängen aus dem ersten
Viertel des 18. Jahrh., was überhaupt ein Charakteristikum
des böhmischen Glasschnittes geblieben zu sein scheint, ebenso
wie das Anbringen kleiner Blumenborten. Beide Elemente
treten auch bei einem vorzüglichen Pokal mit Ansicht von
Prag im Museum Näprstek (Prag) auf !22) und begegnen in
nur geringer Veränderung bei den böhmischen Rokokoarbei-
ten der späteren Zeit wieder.
Von etwa 1740 an kommt neben der geschilderten unten
eingezogenen Kelchform eine andere Form zur Herrschaft,
die sich als eine reichere Fortbildung dieses Typus darstellt.
Die Neuerung besteht darin, daß von dem eingezogenen Kelch
der Kuppa aus kleine plastische, rundbogig abschließende
Fortsätze am unteren Teil der geradlinigen Wandung auf-
steigen, gleichsam wie ein kleiner Blattkelch (Abb. 156). Bei
den ungemein häufigen Gläsern dieser Form ist der Arbeit
des Schneiders auch stets wieder die Arbeit des Schleifers,
speziell des Eckigreibers, vorangegangen, d. h. die Kuppa
ist über und über von Längsfacetten bedeckt. Die einzige
Verschiedenheit bei den Stücken dieser Art ist im Schliff des
Schaftes zu beobachten, dessen Baluster an der oberen
breiten Stelle teils eckige Zellenfacetten, teils runde Kugel-
formen, teils rundbogige Abschnitte zeigt. Die Deckelknäufe
sind ebenfalls verschieden geformt. Am beliebtesten ist eine
eckig geschliffene Form, die am besten einer Eichel zu ver-
gleichen ist (Abb. 155, links).
Einen festen Anhalt zur Datierung der Gruppe bieten
u.a. mehrere Pokale des Breslauer Museums, so ein zum
300 jährigen Jubiläum des Buchdrucks geschnittenes Glas
von 1740 und zwei Gläser mit Schlachtendarstellungen von
1745 (Striegau und Soor). Natürlich ist auch der Pokal des
Prager Museums, auf dem die am I5. Dez. 1745 geschlagene
Schlacht bei Wilsdorf, d.h. Kesselsdorf, dargestellt ist, nicht
böhmisch, sondern schlesisch. Denn in Böhmen wird man
keine Verherrlichung des siegreichen Feindes auf einem Glas
angebracht haben. Die politischen Gläser sind überhaupt
in dieser Zeit sehr beliebt gewesen: unzählige Male tritt das
Brustbild Friedrichs des Großen in Trophäen auf; Pokale
mit Porträt der Kaiserin Maria Theresia sind viel seltener
anzutreffen und werden, wenn sie dem schlesischen Form-
typus angehören, zum großen Teil noch aus den Jahren 1740
bis 1742, d.h. vom Regierungsantritt der Kaiserin an bis zur
Beendigung des ersten schlesischen Krieges durch den Ber-
liner Frieden (28. Juli 1742) stammen.
In diese Zeit muß auch das künstlerisch hervorragendste
Tiefschnitt in Schlesien. Laub- und Bandelwerkstil. 279
(Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
Abb. 157. Abrollung eines Pokals von Christ. Gottir. Schneider, Warmbrunn um 1740.
280 Das deutsche Glas.
Abb. 158. Koniitürschälchen. Schlesien um 1745 und 1755.
(Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
schlesische Glas versetzt werden, das überhaupt erhalten ist:
der dem Warmbrunner Glasschneider Christian Gottfried
Schneider (1710 bis 1782) zugeschriebene Pokal im Berliner
Kunstgewerbe-Museum. Dies Stück steht auch in seinerformal
überaus reichen Ausgestaltung völlig allein (s. Vorb.-Heft
Taf. 13, Fig. 2). Die Hauptdarstellungen (Abb. 157) zeigen
Personifikationen der vier damals bekannten Erdteile Als
Repräsentantin von Europa fungiert eine gekrönte Frau,
über sich den österreichischen Doppeladler und den böhmi-
schen Löwen mit der Beischrift »Vivat augustissima Patro-
nanza«. Natürlich ist damit Maria Theresia gemeint. Der
Schnitt ist von hervorragend feiner Ausführung und die
Komposition von einem Reichtum, der alles sonst Bekannte
weit übertrifft. Die Hintergründe der Bilder, die Umrahmun-
gen, Gehänge, Vasen, Blumen- und Fruchtbündel, die große
Zahl der minutiösen Bildchen am unteren Rande mit Gondeln,
Gartenarchitekturen, Fechtern, Liebespaaren usw. bieten
immer neue Überraschungen. Ebenso reich ist der Deckel
behandelt. Leider ist der alte Fuß abgebrochen und durch
einen neuen, im Stil nur unvollkommen angepaßten ersetzt,
der durch ein Mitglied der Glasschneiderfamilie Hensel in
Warmbrunn um 1830 bis 1840 hergestellt worden ist. Die
Autorschaft Schneiders stützt sich auf die Aussage des Warm-
brunner Hofsteinschneiders Friedrich Siebenhaar (IS14 bis
1895), der damit eine sichere Tradition weitergegeben hat.
Neben den Pokalen der gewöhnlichen Form treten nicht
selten auch noch Abarten auf, so Gläser mit achteckigem,
Tiefschnitt in Schlesien. Laub- und Bandelwerkstil, 281
ovalem oder mehr-
fach geschweiftem
Durchschnitt. Fer-
ner Pokale, an deren
Dekor der Schleifer
einen größeren An-
teil genommen hat,
zZ. B. durch Anbrin-
gen von Arkaden-,
Sparren- und Trep-
penschliff (z. B. Abb.
155, rechts und Pa-
Zaurele Tas 2m).
Dann kommen viel-
fach fußlose, facet-
Bienben Becher vor
weiter Gläser der
üblichen Pokalform,
aber ohne den Ba-
lusterschaft, bei de-
nen also die Kuppa
nur durch ein kleines
Reifenglied von der
Fußplatte getrennt
ist.
Schlesien um 1740.
(Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
Alle diese ab-
weichenden Formen
hier zu besprechen
würde zu weit füh-
ren; nur auf einen
sehr häufigen Glas-
typus mag noch hin-
gewiesen sein, das
ist das in Abb. 158
wiedergegebene
hochgestielte Schäl-
chen. Ob es — nach
Pazaurek— als Salz-
faß anzusprechenist,
erscheint fraglich; viel cher würde die in den alten Ver-
zeichnissen häufige Bezeichnung »Confitur-Schalgel« darauf
passen, dem auch der andere dafür gebräuchliche Name »Am-
brosia-Schälchen« 123) nicht widersprechen würde. Die Form
geht zurück auf eine schlichtere, oben glatt abschließende
Schiffchenform der vorhergehenden böhmischen Periode. Diese
sehr beliebten Konfitürschälchen machen alle Stilwandlungen
im Ornament mit, gehen aber in formaler Eigenwilligkeit
Abb. 159. Abrollung eines Pokals mit Brustbild Friedrichs d. Gr. und mit großer Palmette.
282 Das deutsche Glas.
Abb. 160. Pokale, z. T. mit Hochschnittdekor. Schlesien um 1740,
1755 und 1730. (Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
in den 1740er Jahren oft über die sehr konservativen Po-
kalformen hinaus. Ihr oberer Abschluß wird stark bewegt
durch das hochragende Ansatzstück einer Palmette an der
Schmalseite und durch weitere Palmetten an den Breitseiten
(s. Abb. 158, links und Vorb.-Heft Taf. 14).
Mehrere Varianten leiten zu dem ausgesprochenen Ro-
kokotypus der 1750er Jahre über (Abb. 158, rechts).
Die plastische Palmette ist übrigens ein Motiv, das, viel-
fach mit kleinen Landschaftsbildchen verziert, etwa seit 1735
auch auf Pokalen der entwickelten Laub- und Bandelwerk-
periode vorkommt (Abb. 159) und überleitet zu einer Glas-
gruppe, die sich neben dem üblichen Schema entwickelt hat.
Diese Gruppe zeichnet sich durch besonders massige, kräftige
Formgebung aus und ist unschwer als Fortbildung der frühen
Hochschnittgruppe zu erkennen, die bis gegen 1720 im Hirsch -
berger Tal hergestellt wurde. Die Vorliebe für die schwere
plastische Bildung zeigt sich besonders in der wuchtigen Sil-
houette, die dem gleichzeitigen vorwiegend böhmischen Typus
mit ausgebauchtem Kuppaunterteil parallel geht. Aber die
Eleganz dieser überdies sehr viel dünner ausgeblasenen böhmi-
schen Gläser ist bei der kräftigen schlesischen Gruppe verloren
gegangen dadurch, daß die Kuppa von ihrem ausgebauchten
Unterteil scharf abgesetzt wird durch mehrere stark betonte
Tiefschnitt in Schlesien, Laub- und Bandelwerkstil. 283
Horizontaleinschnitte (Abb. 160, Mitte); der Eindruck einer
noch größeren Schwere wird in den meisten Fällen noch durch
das Fehlen des Balusterschaftes hervorgerufen (Abb. 160,
links und rechts).
Der Dekor dieser Pokale besteht häufig aus ringsum-
laufenden figürlichen Darstellungen, ohne ornamentales Bei-
werk; besonders beliebt sind musizierende Putten, die auf
Stiche von W. Hollar u. a. zurückgehen mögen (Abb. 160,
rechts). Auch die große Menge der nach Vorbildern von
Rugendas geschnittenen Reitschulpokale gehört hierher.
Eine zweite Gruppe aber bewahrt die Erinnerung ihrer
Entstehung aus den Hochschnittpokalen noch deutlicher.
Ihre Kuppa ist vertikal in mehrere Streifen geteilt, die ab-
wechselnd mit figürlichem Tiefschnitt und ornamentalem
Hochschnitt verziert sind (Abb. 160, links). Diese Art des
Dekors hält sich in vereinzelten Fällen bis in die Rokoko-
periode hinein (Abb. 160, Mitte).
Als letzter Ausläufer dieser plastischen Richtung ist
endlich noch die erhaben aufliegende große Palmettenranke
auf vielen der schlesischen Rokokogläser (s. S. 284) anzusehen.
Dritte Periode (ca. 1750—1775). Das Rokoko.
Schlesien.
Verhältnismäßig sehr spät brach sich die Rokokoorna-
mentik in den Werkstätten der Glasschneider Bahn. Nach
der Sturm- und Drangperiode im Anfang des Jahrhunderts,
wo die verschiedenartigsten Elemente nebeneinander her-
liefen, hatte man in dem entwickelten Laub- und Bandel-
werkstil einen Dekor gefunden, der den technischen Bedin-
gungen des Schnittes sehr entgegenkam und der eine relativ
große Mannigfaltigkeit ermöglichte, ohne an die Kunst des
Durchschnittsarbeiters allzu große Anforderungen zu stellen.
Als man in fast allen andern Gebieten der Kleinkunst schon
längst von den revolutionierenden Keimen des kapriziösen
Rokoko infiziert war, blieben die Glasschneider des Hirsch-
berger Tales immer noch konservativ bei dem althergebrach -
ten, ihnen in Fleisch und Blut übergegangenen Laub- und
Bandelwerk. Zu dieser Stagnation trug allerdings wohl auch
die politische Situation bei, die die wirtschaftliche Lage der
schlesischen Glasindustrie sehr drückend beeinflußte Nach
der Einverleibung Schlesiens in Preußen (1742) brach der
jahrhundertelange enge Konnex mit Böhmen jäh ab. Die
unternehmenden böhmischen Glashändler, die die ganze Welt
mit ihrer Ware versorgten, konnten kein schlesisches Glas
mehr in Kommission nehmen; die meisten alten Provinzen
284 Das deutsche Glas.
des preußischen Staates wurden zugunsten der dort eta
blierten Hütten, vornehmlich zugunsten der Zechliner Hütte,
für den schlesischen Glashandel gesperrt, so daß für den
Absatz der Ware schließlich fast nur die engere Heimat,
Schlesien selbst, übrig blieb. Die Klagen des bedrängten
Gewerbes in dieser Zeit nehmen kein Ende. So anerkennens-
wert es ist, daß trotzdem die technische Qualität der ge-
schnittenen Ware sich auf einem hohen Stand gehalten hat,
so verständlich ist es, daß eine gewisse gleichförmige Rück-
ständigkeit, ein Konservativismus in den Kunstformen, sich
geltend machte.
Erst kurz vor 1750 ist das früheste Eindringen von Ro-
kokoelementen in der schlesischen Glasdekoration zu beob-
achten. Schüchtern bereitet sich der Umschwung vor. Die
Fledermausflügelformen und krausen Rocaillen mischen sich
mit den ruhigeren Motiven der breiten Bänder und mit den
Laub- und Blumenzweigen. Gläser der üblichen Form mit
den kleinen plastischen Kelchansätzen am geraden Teile der
Kuppa werden so dekoriert.
Außer Stücken im Breslauer Museum bietet ein treff-
liches Beispiel dieses Übergangsstils ein Pokal mit Wappen
der polnischen Fürsten Sapieha in Reichenberg (Pazaurek
Taf. 28 c), auf dem die Lambrequinmotive und die alten ruhi-
gen Blumengehänge in eigenartigem Gegensatze zu den
wilden, zuckenden Formen der Rokokoornamentik stehen.
Das Glas, das der Zeit um 1750 angehört, bietet aber noch
etwas ganz Neuesinder Form der Kuppa und des
Schaftes. Die Kuppa hat zwar noch die rundbogigen
Kelchansätze, aber sie ist nicht mehr facettiert; und der
Schaft ist von dem Balustertyp abgegangen und stellt sich
dar als eine kahle, massive Glassäule, auf der, als Bindeglied
zur Kuppa, ein mit Zellenfacetten versehener, breitgedrückter
Kugelknauf aufliegt. Diese Schaftform bleibt von nun an
während der ganzen Rokokoperiode die herrschende (s. Ab-
bildung 161). Dagegen wird die Kuppa noch mancherlei
Modifikationen unterworfen. Unverändert bleibt nur für die
Folgezeit das Fehlen der Facettierung; dafür aber gab man
nun fast durchweg der Kuppa einen besonderen plastischen
Schmuck in Form von breiten Palmetten oder Blattranken,
die sich bald am Kelch der Kuppa zeigen, bald unten um die
glatte Wandung sich herumziehen, bald aber auch bis zum
oberen Rande in mehreren Verzweigungen emporzüngeln
(Abb. 161). Auch der Deckel nimmt daran teil.
Diese in Hochschnitt ausgeführten Palmettenmotive sind
in vielen Fällen noch mit einer kräftigen Vergoldung ver-
sehen. Die Vergoldung erscheint weiter auf den Mund-
rändern der Gläser, sowie auf den Kuppen der Deckelknäufe;
Tiefschnitt in Schlesien. 3. Periode. Rokoko. 285
es wird kaum ein besseres
schlesisches Glas der Ro-
kokoperiode geben, das an
diesen beiden Stellen die
Vergoldung vermissen ließe.
Etwa gleichzeitig mit
dem Reichenberger Sapieha-
Bokale 15% ein "Glass der
typischen Rokokoform mit
der neuen Knaufbildung,
mit den Palmetten und
leichtem Rocailleornament,
das den für Schlesien einzig
dastehenden Vorzug besitzt,
eine Künstlerinschrift zu
tragen. Das ist ein für
die Leipziger Kramerinnung
gearbeiteter, jetzt im Leip-
ziger Kunstgewerbe-Muse-
um aufbewahrter Pokal 124)
mit der Signatur: »Casper
Gottlieb Langer in Warm-
brunn Glasschneider 1749«.
Dieser Langer ist sicher
identisch mit dem bei v.
Czihak unter den Warm-
brunner Meistern aufgeführ -
ten Casp. Gottl. Lange. Dar-
gestellt ist eine Ansicht der
alten Leipziger Börse (nach
einem Kupferstich) und eine
Sitzung der Kramermeister.
Am oberen Rande sind die
Hausmarken der Innungs-
mitglieder aneinanderge-
keiht, unten zieht . sich
ein schmaler Ornament-
streifen in beginnendem
Rokokocharakter hin. Fuß
Abb. 161. Rokokopokal mit Chineserien.
Schlesien um 1760. (Berlin, Kunstgewerbe-
Museum.)
und Unterteil des Schaftes sind aus Silber ergänzt. Von
demselben Langer dürfte ein ebenda befindliches Deckelglas
von 1757— mit Ansicht von Leipzig, David und Jonathan und
Wappen — geschnitten sein, sowieein drittes, undatiertes Glas,
das in der Form genau dem ersten gleicht und eine Ansicht
der Stadt Leipzig aufweist.
Datierte Arbeiten der typischen Rokokoform sind, |
namentlich in Breslau, mehrfach erhalten; so im dortigen
286 Das deutsche Glas.
Abb. 162. Rokokopokale mit Chineserien (links) und den vier Elementen
nach J. W. Baumgartner (rechts). Schlesien um 1760.
(Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
Museum ein Glas mit der Schlacht bei Leuthen von 1757
(ein gleiches im Hohenzollern-Museum in Berlin) und ein
Pokal von 1760 mit Ansicht von Kloster Grüssau, dem das eine
Warmbrunner Bad gehörte. Ferner im Breslauer Diözesan-
Museum ein Pokal von 1767, der im reichsten Rokokostil
mit wilden Schnörkeln und flattrigen Blumen eine auf die
Tätigkeit des Altaristen-Kollegiums hinweisende Darstellung
besitzt. (Das Altaristen-Kollegium war eine Vereinigung katho-
Tiefschnitt in Schlesien. Rokoko, 287
lischer und prote-
stantischer Geist-
licher am Dom,
der Magdalenen-
und Elisabethkir-
che, die jährlich zur
Rechnungslegung
und zu einem
Schmaus zusam-
menkamen.) Wie
lamser sich = die
Rokokoformen in
einzelnenFällen ge-
halten haben, geht
hervor aus dem im
reinsten Rokoko-
geschmack ausge-
führten Schnitt
eines sehr großen
Bokaley der im
Jahre 1793 eben-
rallsez fürs © diese
Altaristen gear-
beitet worden ist.
Sicherlich ist dass Wan. u
Stück, das seiner
Form nach zu den Abb. 163. „Das Feuer“, von Joh. Woliigang Baum-
Arbeiten der gartner. Augsburg um 1750.
1760 er Jahre ge-
hört, von einem alten Glasschneider hergestellt worden,
der mit dem Wechsel der Mode nicht Schritt hielt.
Wenn sonst einmal eine notorisch frühere Pokalform im
Rokokogeschmack dekoriert ist, wie das z. B. bei einem
Glas mit dem Prospekt der Stadt und Festung Glatz von 1769
im Breslauer Museum der Fall ist, so darf man wohl an eine
Entstehung in einer andern Hütte, hier vielleicht im Glatzer
Gebirge selbst, denken.
Derartige Prospekte auf Gläsern anzubringen ist gleich -
zeitig mit dem Einzug des Rokoko, um 1750, stark Mode
geworden. Vereinzelt kamen Städteansichten, so besonders
von Breslau (s. Abb. 156), schon früher vor, jetzt aber treten
diese Darstellungen sehr viel häufiger auf. Schweidnitz,
Jauer, Liegnitz, Landshut, Hirschberg und andere schlesische
Städte findet man auf den Gläsern dargestellt; am beliebte-
sten aber war die Ansicht des ganzen Riesengebirges, mit
Schneekoppe, den Teichen, dem Kynast usw., d. h. also von
der schlesischen Seite. . Im Vordergrunde sieht man gewöhn-
288 Das deutsche Glas.
lich Warmbrunn liegen. Die meisten dieser Gläser sind natür-
lich wieder als Andenken an den Badeaufenthalt in Warm-
brunn gearbeitet worden; vielfach nehmen auch Inschriften
darauf Bezug. Während Ansichten der böhmischen Gebirgs-
hälfte fast ganz fehlen, sind weit abliegende Lokalitäten —
sicher auf Bestellung undmach Stichen — häufig geschnitten
worden. Der Pokale mit Leipziger Ansichten wurde bereits
gedacht; das Berliner Kunstgewerbe-Museum besitzt ein
Rokokoglas mit Ansicht des Schlosses Charlottenburg, und
im Hamburger Museum stehen mehrere, kurz vor 1750 ge-
schnittene Gläser mit hamburgischen Darstellungen 125).
Die Sammlung Mühsam (Berlin) enthält ein sehr feines Glas
mit einzelnen Episoden aus der Geschichte des schlesischen
Leinenhandels bis zur Ablieferung der Ware vor dem alten
Hamburger Börsengebäude.
Bis ins 19. Jahrh. hinein sind solche Gläser zu finden,
wie etwa ein Deckelglas mit Ansicht des Riesengebirges und
schwarzen Silhouetten von 1805 im Kasseler Museum beweist.
Die Blütezeit dieser Andenkenbecher aber war noch später,
in der sogenannten Biedermeierperiode.
Das Rokokoornament ist natürlich auch in der Haupt-
sache durch Ornamentstiche den schlesischen Glas-
schneidern vermittelt worden. Hier aber ist es noch schwerer
wie beim Laub- und Bandelwerkstil, die direkten Vorbilder
für die einzelnen Motive aufzufinden. Am meisten kommen
die Blätter des Augsburgers Joh. Rump in Betracht, daneben
vielleicht auch die Stiche des Breslauers J. G Haidt. Vor-
bilder für die sehr beliebten, durch die Meißener Porzellan-
maler in Deutschland heimisch gewordenen Chineserien
(z. B. auf Abb. 161 und 162, links) zu finden, ist bisher
nicht gelungen; dagegen bietet der sehr gut geschnittene
Pokal mit Darstellung der vier Elemente im Berliner Kunst-
gewerbe-Museum (Abb. 162, rechts) einen sehr interessanten
Beitrag zu der Abhängigkeitsfrage des Glasschneiders vom
Ornamentstecher. Die vier Bilder sind nämlich von dem
Glasschneider, so gut er es vermochte, genau kopiert nach
einer Folge der vier Elemente, die nach den Zeichnun-
gen Joh. Wolffgang Baumgartners (1712 bis 1761) von
Gg. Hertel in Augsburg gestochen und herausgegeben ist
(Abb. 163).
Natürlich wird sich nicht in allen Fällen eine derartige
Abhängigkeit von der Vorlage konstatieren lassen, vielmehr
haben sich die Glasschneider, wie früher auch, die einzelnen
kleinen Motive aus allen möglichen Quellen, wohl auch aus
Titelkupfern, Vignetten usw., geholt und sie dann neu zu-
sammenkomponiert. Bei den besseren Glasschneidern wird
man allerdings auch eigene Erfindungsgabe voraussetzen
Tiefschnitt in Schlesien. Rokoko. 289
Abb. 164. Pokal mit Porträt des Abb. 165. Pokal mit galanten Szenen,
Prinzen Heinrich von Preußen. Von von Chr. Gottir. Schneider. Warmbrunn
Chr. Gottir. Schneider. Warmbrunn um um 1760. (Berlin, Sammlung
1760. (Berlin, Hohenzollern-Museum.) Schöller.)
dürfen, so besonders bei dem bereits auf S. 280 erwähnten
Christian Gottfried Schneider, von dem durch glücklichen
Zufall eine Reihe von 70 Papierabdrücken erhalten ist, die
er von seinen fertig geschnittenen Gläsern genommen hat.
Diese aus dem Nachlaß des ebenfalls bereits genannten Stein-
schneiders Fr. Siebenhaar in Warmbrunn stammenden Ab-
drücke sind im Besitze des Riesengebirgs-Museums in Hirsch-
Schmidt, Glas. 19
290 Das deutsche Glas.
berg. Sie geben sämtlich nur Arbeiten aus der letzten Periode
des Künstlers wieder, in der er sich vollkommen dem Rokoko
zugewandt hatte, und zeigen eine erstaunliche Mannigfaltig-
keit der figürlichen Motive und der Ornamentik. Die Qualität
der Arbeit ist sehr verschieden, vielfach aber ganz außer-
ordentlich gut. Galante Szenen, mythologische Figuren,
Jagden, Handwerksbilder, Städteansichten, Porträts, Chinese-
rien und vieles andere wechselt bunt miteinander ab. Leider
ist es bisher nur in zwei Fällen gelungen, durch den Abdruck
die Originalgläser zu identifizieren. Ein Pokal im Hohen- .
zollern-Museum mit dem Porträt des Prinzen Heinrich von
Preußen in Rokokoumrahmung (Abb. 164) stimmt genau
mit dem in Hirschberg bewahrten Abdruck überein. Das
Glas kann daher als sichere Arbeit Chr. Schneiders angesehen
werden. Das Porträt selbst ist in ausgezeichnetem Hoch-
schnitt ausgeführt, den Schneider nach Ausweis anderer Ab-
drücke hervorragend beherrscht hat. Ebenso ist das in
Abb. 165 wiedergegebene sehr gute Glas der Sammlung
Schöller (Berlin) durch die erhaltenen Abdrücke als Arbeit
Schneiders sichergestellt.
Böhmen.
Der Charakter des böhmischen Rokokoglases ist gegen-
über dem schlesischen sehr einförmig und zahm. Die wilden
Bildungen des Ornaments bleiben
hier ganz aus dem Spiel; es sind
meist nur aneinandergereihte kon-
ventionelle Schnörkel mit Gitter-
füllung und dem Blumenschmuck,
der ja schon für die frühen böh-
mischen Gläser so typisch war.
Hinzu kommen feine, zierliche
Behangmuster an den Rändern
der Pokale, Becher und Flaschen,
die im Gegensatze zu den schle-
sischen Rokokogläsern meist kan-
tig geschliffen sind (vgl. Abb. 166
undebazaurekr Tara
Auch in den Formen verhal-
ten sich die böhmischen Arbeiten
merkwürdig eintönig und konser-
vativ. Es ist, als ob mit dem
Abbruch der regen Kommuni-
kation mit Schlesien der künst-
lerische Lebensnerv des böhmi-
schen Glases zerschnitten worden
Abb. 166. Rokokobecher. Böhmen
um 1765. (Berlin, Märkisches > = i >
Muscm) sei. Während im ersten Viertel
Das Rokoko ın Böhmen. 291
Abb. 167. Glasbecher mit Schnittdekor. Riesengebirge Ende 13. Jahrh.
(Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
des Jahrhunderts Böhmen künstlerisch zweifellos der gebende
Teil war, hatte es sich schon seit etwa 1730 in eine mehr re-
zeptive Stellung zurückdrängen lassen und spielte nun,
während der Rokokoperiode, eine sehr untergeordnete Rolle.
Daß der Durchschnitt der böhmischen Rokokoarbeiten
gut und zierlich ausgeführt ist, kann nicht bestritten werden;
aber es fehlt ihnen absolut der pikante Reiz und die Mannig-
faltigkeit der Darstellungen, die die Arbeiten der schlesischen
Seite des Riesengebirges so ungleich interessanter machen.
Geht einmal ein böhmischer Glasschneider miehr aus sich
heraus und wendet die kräftigeren Rokokoformen an, so ist
die Arbeit zuverlässig meist von minderer Qualität, grob und
ungefüge in mattem Schnitt auf die breite, ungegliederte
Wandung der jetzt in Mode kommenden plumpen Bierseidel
aufgetragen (vgl. die Abbildungen bei Pazaurek, Taf. 38).
Die Spätzeit (von 1775 an).
Die in den böhmischen Hütten verwendeten zierlich-
spärlichen Behangmuster standen erst wieder an richtiger
Stelle, als gegen 1775 mit der Reaktion gegen das Rokoko
die klassizistischen Ornamente des Louis XV].-Stils herr-
schend wurden. Das Interesse am Glas und seiner künstleri-
schen Veredlung war aber in dieser Zeit sehr stark zurück-
gegangen, so daß nur weniges sich über den bloßen Gebrauchs-
zweck erhob. Die Form der Gläser wird nun auch durchweg
sehr ruhig, schlicht und nüchtern. Die zylindrischen Becher
wiegen vor; oft sind sie aus fast papierdünnem Glas geblasen
(Abb. 167, links und rechts); daneben ist aber besonders
no
292 Das deutsche Glas.
beliebt die schwere Pokal-
form auf dickem, quadrati-
schem Fuß, der in einen vier-
kantigen, stark verjüngten
Schaft übergeht (Abb. 168).
Von‘ "jetzt abe zes
Böhmen wieder unbe-
stritten in den Vordergrund.
Nicht nur die nordostböhmi-
schen Hütten der Gegend von
Haida, Steinschönau und
Blottendorf, sondern auch
die südböhmischen Hütten
schwingen sich gegen Ende
des Jahrhunderts zu einer
neuen Blüteauf. Auch neue
Erfindungen werden gemacht;
ein Hauptgewicht wird auf
die Herstellung farbigen
Glases gelegt. Emailmalerei
und Vergoldung drängen bei
den farbigen Sorten, vor allem
beim Beinglas, den Schnitt-
dekor zurück. Bei den im
Anfang des 19. Jahrh. neu
erfundenen opaken Glassor -
ten, dem Hyalith (schwarz
oder rot) und dem marmo-
rierten Lithyalin kam beson -
ders der Schliff in Betracht.
Schlesıemaist meder
Hauptsache bei seiner alten
Abb. 168. Schlesischer Pokal mit S- Vorliebe für das farblose
houettenmedaillons. Um 1780. (Berlin, Kreideglas geblieben. Die -
Ssunlung Nik anı) selben Formen wie in Böhmen
treten auch hier auf; dieselben
mageren Ornamente schwingen sich über die Bechermäntel
hin. Hinzu kommen die stereotypen Motive dieser Zeit, die
Freundschaftsaltäre, die Trauerweiden, Pyramiden, Obelisken
u.a. (Abb. 167, Mitte); Namen, Inschriften und Jahrzahlen
werden in zierlich-hausbackener Kursivschrift eingeschnitten.
Sehr beliebt war in den Werkstätten des Hirschberger Tales —
aber nicht hier allein — das Einsetzen ovaler Medaillons mit
schwarzen, aus Goldfolie ausradierten Porträtsilhouetten in
die Wandung der Kuppa (Abb. 168).
Die Schreiberhauer Hütte war in der zweiten Hälfte des
18. Jahrh. unter der Leitung unfähiger Glasmeister stark
Böhmen-Schlesien. Glasschnitt der Spätzeit. 203
zurückgegangen, so daß man gezwungen war, aus andern
Hütten, z. B. der Friedrichsgrunder Glashütte in der Graf-
schaft Glatz, Glas nach Warmbrunn einzuführen, um die
vielen hier ansässigen Glasschneider genügend zu beschäfti-
gen zo
Gegen Ende des Jahrhunderts trat nun auch das schwere
englische Bleiglas seinen Siegeszug durch die Welt an, und in
seinem Gefolge kam der schwere funkelnde Brillantschliff
in Mode. Trotzdem die
böhmisch - schlesischen
Hütten kein Glas her-
stellen konnten, das mit
dem englischen hinsicht -
lich des Feuers der bun-
ten Reflexe wettzueifern
vermocht hätte, griffen
sie bald und begierig
die neue Dekorationsart
auf.
Das Interesse am
Glasschnitt allein hatte
sich völlig ausgelebt;
der Schliff als Selbst-
zweck brachte die Re-
generation des böhmi-
schen Glases. Massiv
ist das Material, die
Formen schwer, kräftig,
ja plump; der Schliff
bedeckt in vielfältigen
geometrischen Ornamen -
ten das ganze Glas von
der Bodenfläche bis zur
äußersten Deckelspitze.
Bei weitem überwiegend
ist der Brillantschliff, der
die Lichtbrechung am
meisten begünstigt.
Es würde zu weit
führen, die unendliche
Menge der verschiedenen
Formen, ebenso wie die
Mannigfaltigkeit des son -
stigen Dekors, in der fol-
genden Zeit der Bieder-
meierperiode hier einge-
Abb. 169. Geschnittener und geschliffener
Pokal mit gelbem Überfang. Bez. A. Böhm.
e: Böhmen um 1835. (Berlin, Kunstgewerbe-
hend zu erörtern. Er- Museum.)
294 Das deutsche Glas.
wähnt sei nur, daß auch die Farbigkeit wieder stark zu-
nimmt, sowohl in Form von Überfangglas, das oft in meh-
reren Schichten über den farblosen Glaskern geschmolzen
und dann teilweise wieder abgeschliffen wird, als auch in
Form von Bemalung. Nun erwacht auch das eigentliche
Glasschneiden zu neuer Blüte und wagt sich an die schwie-
rigsten Aufgaben heran. Ausgezeichnete Glasschneider —
die verschiedenen Berufe des Schleifers, Schneiders usw.
waren auch jetzt noch, wie früher, streng voneinander ge-
schieden — haben in den 1820er und 1830er Jahren be-
sonders in Haida gearbeitet. Sehr beliebt war es, die Dar-
stellungen in ein mit allerdünnstem, durchsichtig-farbigem
Überfang versehenes Glas einzuschneiden oder zu ätzen, so
daß das betreffende Bild (Jagden, Tiere, Landschaften usw.)
von farbigem Grunde sich abhob (Abb. 169). Über die
Mohngläser und die verwandten Arbeiten s. S. 212.
Verwiesen sei für diese ganze Periode auf den ausge-
zeichnet illustrierten Aufsatz »Nordböhmische Überfang-
eläser der Biedermeierzeit« von Alfred Walcher von Molt-
hein in »Kunst und Kunsthandwerk«, Wien 1911, Jahrg. XIV,
ierts>
Brandenburg.
Geschichtlicher Überblick.
Von den im frühen 17. Jahrh. in Brandenburg gegründe-
ten Glashütten zu Grimnitz und Marienwalde
sind die wichtigsten Daten bereits auf S. 203 gegeben worden.
Neben dem gewöhnlichen Hohlglas wurde dort, der herrschen -
den Mode entsprechend, emailliertes Glas hergestellt. Aber
auch das Schneiden und Schleifen hat sich bald, wenn auch
wohl zuerst in beschränktem Maße, eingebürgert. 1661 gibt
der Große Kurfürst Auftrag, »12 glässerne Confiturschalen
mit Deckeln, nemblich sechs Stück nach beygehendem Model
und sechs Stück gantz glatt auf dem Deckel erstlich bey-
kommendes Wapen geschliffen, und oben am rande des
Deckels rund herumb einen Weinkrantz in der Marienwaldi-
schen glasshütte von der allerfeinsten und besten Materie
machen zu lassen«. Der Befehl ist in Cleve ausgefertigt, und
die Schalen sollen über Hamburg nach Amsterdam geschickt
werden.
Wir kennen auch die Namen der in Marienwalde und
Grimnitz ansässigen Glasschneider aus einer 1668 einge-
reichten Beschwerde darüber, daß mehrere fremde Glas-
Glasschnitt in Brandenburg. Geschichtlicher Überblick. 295
schneider ins Land kämen und, wenn sie ein Stück Geld ver-
dient hätten, wieder abzögen. Die Beschwerde geht aus von
den Brüdern Gottfried, Daniel und Hans Gregor (Georg)
Gampe, von denen wir den ersten 1654 in Marienwalde, den
letzten 1663 bis 1667 in Grimnitz als Glasmaler bereits kennen
gelernt haben. Sie scheinen also recht vielseitig gewesen zu
sein. Von ihren Arbeiten ist nichts nachzuweisen, so daß
wir über ihre Leistungsfähigkeit absolut im Ungewissen
bleiben. Ihr Glasschneiden wird sich natürlich von der da-
mals in Böhmen-Schlesien üblichen, wenig kunstvollen Art
kaum unterschieden haben.
1674 erfolgt dann die Errichtung einer neuen Glashütte,
die von nun an fast alles Interesse für sich allein in Anspruch
nimmt: das ist die n Potsdam oder genauer zwischen
Potsdam und Drewitz auf dem über die Nuthe führenden
Hackendamm gelegene Hütte 127). Am 15. Juni 1674 wird
Jobst Ludwig zum Glasmeister bestellt. Allerhand Sorten
Hohlglas und Tafelglas (geschliffene Spiegel u. a.) werden
fabriziert. Ein Jahr später erfolgt das übliche Edikt »wider
die Einfuhr frembden Glases Im Sommer 1677 wird als
neuer Glasmeister und Kristallinblaser der Georg Gundelach
angestellt, der die Dessauer Hütte 1669 eingerichtet und bis
dahin geleitet hatte. Bald darauf scheint ein Unfall sich
ereignet zu haben, denn es erfolgt im November 1677 eine
Zahlung »zur Wiederanrichtung der Glashütte« Allzu groß
können die bisherigen Leistungen nicht gewesen sein, da es
heißt, die Hütte habe noch »wenig gebracht, ist auch nichts
sonderlich gutes an Glase gemachet worden, außer die Schei-
ben« Auch hat die Hütte jährlich etliche 100 Thaler Vor-
schuß gebraucht. Daher entschließt sich der Kurfürst, sie
zu verpachten. Vom 5. Januar 1678 datiert der Pachtvertrag
mit dem bisherigen Faktor Johann Lauer aus Kölln a. d. Spree.
Für den Georg Gundelach, dem im Frühjahr 1678 der Glas-
schneider Christoph Tille und der Glasmaler Gottfriedt Rüel
aus Dessau gefolgt sind, wird auf Wunsch des Kurfürsten
ein besonderer Ofen für das »Cristallinen- und Spiegel Glas«
errichtet.
Nun tritt der Mann auf den Plan, dessen Name unter
den deutschen Glasmachern immer an erster Stelle genannt
werden wird: Johann Kunckel.
Nur weniges über seinen Lebenslauf.
Kunckel entstammte einer alten hessischen Glasmacher-
familie, die bereits in dem auf S. 131 erwähnten Zunftbriefe
von 1406 vorkommt. Sein Großvater wanderte 1574 nach
Schleswig-Holstein aus; sein Vater war herzoglicher Hütten-
meister in Hütten bei Rendsburg und dürfte identisch sein
mit einem Marx Kunckel, der um die Mitte des 17. Jahrh.
296 Das deutsche Glas.
in Schirrensee (südwestlich von Kiel) eine Hütte betrieb und
ungefähr 1658 gestorben ist. In Hütten bei Rendsburg soll
Johann Kunckel 1620, 1630 oder 1638 geboren sein. (Die
Wahrheit wird in der Mitte liegen.) Die Glasmacherkunst
hat er bei seinem Vater erlernt; seine vielseitigen Interessen
trieben ihn aber zeitig zu chemischen, pharmazeutischen und
natürlich auch alchymistischen Studien. Eine Zeitlang stand
er im Dienste des Herzogs Franz Carl von Lauenburg und
war dann als Geheimer Kammerdiener und Chymiecus des
kurfürstlichen geheimen Laboratorii in Dresden tätig. Hier
war seine Arbeit auf das Goldmachen gerichtet, wobei er
sich aber selbst nicht recht wohl gefühlt zu haben scheint,
trotzdem er die Möglichkeit noch in seinen 1677 erschienenen
»Chymischen Anmerkungen« behauptet. Intriguen wurden
gegen ihn gesponnen; er ging nach Annaberg und von dort,
als ihm sein Gehalt gesperrt wurde, nach Wittenberg, wo er
durch chemische Vorlesungen Verdienst suchte. Da wurde
er 1677 von dem Leibarzt des Großen Kurfürsten, Dr. Mentzel,
aufgefordert, nach Berlin zu kommen; er erwirbt sich das
Vertrauen des Kurfürsten und wird als Geheimer Kammer-
diener angestellt. Von alchymistischen Phantastereien hört
man von nun an nichts mehr; im Gegenteil, Kunckel wirit
sich mit großem Eifer auf rein praktische, chemische Studien
und wählt zu solchen vornehmlich das von seinen Vorfahren
schon bearbeitete Gebiet des Glasmachens.. Am 2. August
1678 wird dem Kristallglasmeister in Drewitz befohlen,
Kunckel in allen Dingen zur Hand zu gehen; und am 7. Juli
1679 pachtet Kunckel die »Christallinen-Glasehütte zu Dre-
witz« auf 3 Jahre.
Der bisherige Pächter Lauer scheint also vom Kontrakt
zurückgetreten zu sein. Dagegen bleibt der Glasmeister
Jobst Ludwig, der von nun an zu Kunckel in enge Beziehun-
gen tritt.
Vermutlich hat Kunckel gleich in der ersten Zeit seiner
praktischen Tätigkeit in Potsdam dasrote Rubinglas (s. S. 324)
hergestellt, denn er erwähnt cs bereits in der 1679 erschienenen
ersten Auflage seiner »Ars vitraria experimentalis«. Er steigt
weiter in der Gunst seines Herrn, der ihm 1685 die Pfauen-
insel schenkt, auf der Kunckel für seine Privatexperimente
und wohl besonders zur Geheimhaltung seines »Rubinflusses«
eine eigene Hütte anlegt. Er und Jobst Ludwig erhalten ein
Privileg auf Kristallglas; Kunckel allein ein solches auf
Rubin- und anderes Farbenglas sowie auf die Glaskorallen
für die Guineische Compasnie.
Auch das Schulzengericht zu Cladow und der Cladower
Sandwerder gehen in der Folgezeit durch Schenkung noch
in Kunckels Besitz über.
Potsdam. Joh. Kunckel. 297
Nach dem 1688 erfolgten Tode seines Gönners aber
bricht das Unheil über ihn herein. Anfang 1689 brennt seine
Hütte auf der Pfaueninsel ab, und auch bei der Potsdamer
Hütte wird ein Brand bemerkt, so daß jedenfalls in beiden
Fällen böswillige Brandstiftung angenommen werden darf.
Als er sich dann an den neuen Kurfürsten, Friedrich Wil-
helm IIl., mit der Bitte wendet, seine vielfach angetasteten
Privilegien wieder herzustellen, da es ihm sonst nicht möglich
sei, die Hütte wieder aufzubauen, überrascht man ihn plötz-
lich mit der Gegenforderung, Rechenschaft abzulegen über
den Verbleib der großen Summen, die er vom Großen Kur-
fürsten im Laufe der Zeit zu seinen Experimenten erhalten
habe. Es gibt langwierige Untersuchungen, aus denen er
zwar als Ehrenmann hervorgeht, jedoch besteht der Kurfürst
auf Wiedererstattung von 8000 Talern. Kunckel muß sein
Haus in Berlin verkaufen und lebt jetzt ganz auf der Pfauen-
insel. Die dortige Hütte scheint er nicht wieder errichtet
zu haben; dagegen bewirbt er sich 1690 wieder um die Pacht
der Potsdamer Hütte, die ihm im September dieses Jahres
auch mit den üblichen Konzessionsbewilligungen übertragen
wind. Der frühere Pächter der Hütte, Joh. Lauer, scheint
ihm aber jetzt, wie schon einige Jahre vorher, mit einer neuen
Hütte, in Pinnow, starke Konkurrenz gemacht zu haben;
aus diesem und andern Gründen will der Betrieb in Potsdam
nicht recht in Flor kommen. 1691 wird dem Kurfürsten auf
seine Frage berichtet, der Nutzen der Hütte sei ganz gering.
Auch Jobst Ludwig ist nicht mehr in Potsdam, sondern Glas-
meister in Zerpenschleuse.
Im Jahre 1692 erbot sich ein Refugier, Simon de Tournay,
der früher in Frankreich und Düsseldorf gearbeitet hatte,
zur Anfertigung von Tafelglas. Der Kurfürst setzte am
21. Dezember 200 Taler aus für einen Versuch und befahl
gleichzeitig Kunckel, dem Franzosen die Potsdamer Hütte
bis zu fernerer Verordnung einzuräumen und »ihm sonst auch
mit allem Erforderlichen gutwillig an hand zu gehen«. Dies
Ansinnen, sich in der Hütte, die er über IO Jahre lang selbst
geleitet hatte, einem andern unterzuordnen, muß Kunckel
natürlich sehr gekränkt haben. Da rettete ihn aus der Ka-
lamität eine Berufung nach Stockholm durch König Karl XI.
von Schweden. Im Frühjahr 1693 erhielt er einen fünf-
monatigen Urlaub, damit er in Schweden »in Bergsachen
sich gebrauchen lassen möge«. Er muß seine dortige Kom-
mission mit bestem Erfolg erledigt haben, denn er kehrte als
Bergrat und geadelt als »Kunckel von Löwenstern« zurück.
Mit Glasmachen hat er sich dann nicht mehr beschäftigt;
1694 tauschte er seine Besitzungen an der Havel gegen die
Feldmark Dreißighufen, das spätere Rittergut Neudörffchen
298 Das deutsche Glas.
bei Klosterfelde im Kreis Niederbarnim ein. Hier hat er
jedenfalls bis an sein Ende in wenig angenehmen Vermögens-
verhältnissen gelebt. Er starb zwischen 1702 und 1705, an-
geblich am 20. März 1703.
Nur spärlich sind die Nachrichten, die über die weiteren
Schicksale der Potsdamer Hütte nach dem Abgang Kunckels
Aufschluß geben. Von dem Franzosen Simon de Tournay
heißt es 1694, daß er »eine große Summe Geldes gekostet
und gar nichts praestirt«habe. Nach dessen Fortgang scheint
wieder ein gewisser Aufschwung stattgefunden zu haben,
denn Ende 1696 wird eine Verordnung verlangt zur Versehung
des Ofens in Potsdam mit Brennholz und Asche (Pottasche).
Dieser Ofen koste dem Kurfürsten nichts, höchstens seien
200 bis 250 Taler nötig zur Herstellung von Kuriositäten,
die von ihm bestellt würden.
In diesem und den nächstfolgenden Jahren spielt dann
die bereits auf S. 129 erwähnte Episode mit dem Venezianer
Pallada, für den jedoch in Berlin selbst, im Salzhause, ein
Ofen eingerichtet worden war.
Am 1. Juli 1700 wurde ein Edikt erlassen, in dem es heißt:
»jedoch wollen Wir, dass ... bis auf Unserer Potsdamischen
Christall-Hütte ein solcher Vorrath von feinem Trinck-Glase
verfertigt worden, dass Unsere Lande damit der Nothdurfft
nach, versehen werden können, noch etwas von feinem Böh-
mischem Christallen Glase eingeführt werden möge.« Es
scheint danach wieder einmal ein Versuch gemacht worden
zu sein, die Potsdamer Hütte in besseren Gang zu bringen.
Aber ein Unstern waltete über dem Unternehmen: 1704
bekommt die Hütte einen neuen Leiter in der Person des
Franzosen Sebastian Mazar; auch der geht wieder fort, ohne
Erfolge erzielt zu haben, und 1712 befiehlt der König, den
Betrieb einzuschränken und nur noch zu seinem eigenen
Plaisir und zur Furnierung des Hofstaates zu arbeiten.
Trotz alledem muß, wie wir sehen werden, die Fabrikation
im Beginn des 18. Jahrh. eine nicht unbeträchtliche ge-
wesen sein.
Der neue König, Friedrich Wilhelm I., hat sich sofort
nach seinem Regierungsantritt im Frühjahr 1713 mit einer
Reorganisation der Hütte befaßt, denn schon am 2. Oktober
dieses Jahres ergeht ein »Edict wieder alles frembde Glass,
und dass in der neu angelegten Hütte bey Potsdam der Preiss
des Trinck Glases sehr moderirt worden«. Der Aufschwung
wurde herbeigeführt durch den landgräflich hessen -homburgi-
schen Drosten Herold, der bis dahin die Oebisfelder Glashütte
geleitet hatte und nun, von Michaelis 1713 ab, die Potsdamer
und die Zerpenschleuser Hütte auf 6 Jahre in Pacht nahm.
Aber schon vor Ablauf dieser Zeit trat Herold die Hütte an
Potsdam. Zechliner Hütte. 299
den Berliner Glasschneider Trümper ab. 17I9 wurde sie
wieder in königliche Administration genommen und dem
Faktor Ehrenfried Krieger unterstellt.
Trotz der ausgezeichneten Arbeiten, die in dieser Zeit
aus der Hütte hervorgingen, und trotz des regen Interesses,
das der König und seine Familie an ihr nahm, war der wirt-
schaftliche Ertrag nicht allzu groß. Die unverkauften Be-
stände hatten im September 1726 einen Wert von über IO 000
Talern und stiegen 1728 auf über 15 000 Taler. Im Laufe
der Jahre wurde die Hütte sehr baufällig; deswegen und um
den zu großen Holzverbrauch im Potsdamer Forst abzu-
wenden, beschloß der König die Verlegung der Hütte. Er
schlug dazu Carzig in der Neumark vor. Die Kammer hielt
aber Zechlin für weit geeigneter. Es entspann sich ein hart-
näckiger Kampf zwischen dem König und der Kammer, bis
diese, nach 2!/a Jahren, im Herbst 1736 durch Zufall dahinter
kam, daß der König das bei Rheinsberg gelegene Zechlin
stets mit Cellin an der Oder verwechselt hatte. Das Miß-
verständnis wurde nun rasch aufgeklärt, der König willigte
ein, und am 24. Dezember 1736 wurde ein bis 1749 laufender
Pachtkontrakt mit dem Amtsrat Siegfried Stropp in Zechlin
ausgefertigt. Seit April 1736 war in Potsdam gar nicht
mehr gearbeitet worden. Stropp brachte die neue Zech-
liner Hütte nun gleich in Gang, trotzdem der erwähnte
Kontrakt noch nicht offiziell in Wirkung trat, sondern nach
vielen Schwierigkeiten und mit mancherlei Abänderungen
erst am 28. September 1740 von Friedrich dem Großen
»confirmirt« wurde. Stropp war gehalten, Kristall-, Kreiden-
und gewöhnliches Glas sowie Kutschen- und Fensterglas, und
zwar in allen Sorten, die in der Potsdamer Hütte üblich ge-
wesen waren, herzustellen. Die Gerätschaften und Materialien
der alten Hütte übernahm er, soweit sie brauchbar waren.
Als Glasmeister wurde David Heinrich Zahn angestellt, der
aus dem »Mindischen«, d. h. wohl aus dem hessischen Glas-
industriezentrum bei Hannöversch-Münden, stammte und
mehrere Jahre auf böhmischen, sächsischen und schlesischen
Hütten gearbeitet hatte. Das gewöhnliche Glas wurde ın
der neben der Kristallglashütte bestehenden »Grünen Hütte«
gearbeitet.
Mit dieser Verlegung nach Zechlin war endlich die Zeit
einer ruhigen und stetigen Entwicklung für die Hütte ge-
kommen. Die Familie Stropp blieb Pächterin; im Jahre
1823 übernahm der Amtsrat Stropp das Etablissement
käuflich. Dann besaß es dessen Schwiegersohn, ein Regie-
rungsrat Metzger (f 1846), und nach dem Tode seiner Frau
ging es 1865 wieder in die Hände eines Stropp über. 1868
übernahm der Kommerzienrat W. J. Rohrbeck die Hütte,
300 Das deutsche Glas.
die II Jahre später außer Betrieb kam. Ein Sanıerungs-
versuch in den 1880er Jahren hatte keinen Erfolg; 1890 ging
sie endgültig ein.
Urkundliches über Glasschnitt und Glasschneider.
Die Akten enthalten nur wenig Angaben, die einen
Schluß auf den Charakter und die Besonderheiten der in
Potsdam und Zechlin hergestellten Erzeugnisse zulassen.
Das Wenige sei im folgenden kurz zusammengestellt.
Von Anfang an hat man sich natürlich mit der Raf-
finierung der Glaswaren durch Schliff und Schnitt befaßt.
Von dem 1678 berufenen Dessauer Glasschneider Christoph
Tille war bereits die Rede. Ebenso wurde schon, im Zu-
sammenhang mit dem schlesischen Hochschnitt, der Glas-
schneider Martin Winter erwähnt, von dem anzunehmen
ist,daß er mit dem auf dem Kynast ansässigen Glasschneider
Friedrich Winter verwandt war und die im Hirschberger Tal
in dieser Zeit aufgekommene Technik des Hochschnitts nach
Potsdam gebracht hat. Er wurde, nachdem er gute Proben
abgelegt hatte, am 16. Juni 1680 mit demselben Gehalt wie
Kunckel, d. h. mit 500 Talern, angestellt. Drei Jahre später
erklärt er in einer Eingabe, er könne die vielen Ansprüche,
die an »erhobener Arbeit undt anderen raren Gläsern« an ihn
gestellt würden, nicht mehr allein befriedigen und bittet daher,
seinen Vetter, der 8 Jahre bei ihm gelernt und den er unlängst
freigesprochen habe, durch Gewährung einer Besoldung für
Potsdam zu halten. Der Kurfürst bewilligt den Wunsch, und
am I4. September 1683 wird der besagte Vetter, Gottfried
Spiller, mit 200 Taler Besoldungals Glasschneidergeselle an-
gestellt. Am 13. Februar 1684 erhält Martin Winter auf
sein Ersuchen ein Privilegium für den Glasschnitt.
Im Jahre 1687 erfolgt dann die Eingabe Winters wegen
des Baues einer Schleifmühle zur Erleichterung der verhobe-
nen Arbeit«, wovon bereits auf S. 254 das Wichtigste mit-
geteilt wurde. Der sofort bewilligte Bau auf dem Friedrichs-
werder zieht sich hin, Anfang 1688 muß der Kurfürst noch
einmal daran erinnern.
Winter und Spiller erscheinen zum letzten Mal in den
Akten, als sie im Jahre 1698 sich beklagen, daß sie seit einem
Jahre keine Besoldung erhalten hätten. Aus dem darauf
erfolgenden Befehl, der die Anweisung zur Lohnzahlung
enthält, geht hervor, daß sie für den Kurfürsten außer in
Glas auch in Stein arbeiteten und daß sie für die vom Kur-
fürsten bestellten Arbeiten nur die Unkosten des Rohmaterials
fordern durften. Wie lange Winter und Spiller noch in
Martin Winter. Gottfr. Spiller. Die Berliner Glasschneider. 301
brandenburgischen Diensten gestanden haben, ist aus den
Akten nicht zu ersehen; Pazaurek (S. 22, Anm. 128) gibt
für Spillers Aufenthalt in »Berlin« die Daten 1712 bis 1730;
Humbert (S. 84) und nach ihm Dlabacz !28) lassen ihn aus
Böhmen gebürtig sein, und Trautmann (S. 113) weiß zu
melden, daß er aus Prag stammt. Wenn jedoch unsere Hypo-
these von der Herkunft Martin Winters aus dem Hirschberger
Tale stimmt, so hat auch Spiller seine erste berufliche Er-
ziehung dort genossen, da er seit 1675 bei Martin Winter in
der Lehre war.
Aus dem 17. Jahrh. ist noch zu erwähnen, daß Kunckel
1690 die Absicht hatte, »Medaillen und Kunststücke« aus der
Kunstkammer in Glas nachzuahmen. Es ergeht der Befehl,
ihm alles, was er dazu haben will, auszuhändigen. Und
schließlich sei die Angabe Nicolais 129) mitgeteilt, nach der
Gottfried Leygebe, der 1683 verstorbene Medailleur und
Eisenschneider des Großen Kurfürsten, »Formen zu schön
gezeichneten Zierrathen für die Glashütten in Potsdam«
machte. Was man darunter zu verstehen hat, ist unklar;
vielleicht hat es sich um Formen für die Arme und Anhänger
von Kronleuchtern und dergleichen gehandelt.
Im Jahre 1701 ist zum ersten Male von Glasschneidern
in Berlin selbst dieRede. Drei Jahre später, am 18. August
1704, beschweren sie sich — IO an der Zahl — über die un-
erlaubte Einfuhr von böhmischem, schlesischem und sächsi-
schem geschnittenen Glas, »so aus lauter liederlicher und
schlechter Arbeit bestehet«, und bitten um Konfirmation von
Innungsartikeln, die sie zugleich mit einreichen. Diese
Innungsartikel, die sich leider nicht bei den Akten befinden,
werden ihnen bestätigt. (Aus späteren Urkunden geht her-
vor, daß die Glasschneider zugleich das Privilegium des
Handels mit dem Kristallglas hatten, wogegen der Verkauf
des gewöhnlichen Hohl- und des Fensterglases dem Glaser-
handwerk vorbehalten blieb.) 1706 erfolgt eine neue Be-
schwerde gegen die böhmischen Händler, die aber zu ihren
Gunsten darauf hinweisen können, daß ihnen durch eine
Interimsverordnung vom Jahre 1704 der Verkauf von böhmi-
schem Trinkglas in Berlin erlaubt sei, wenn sie den gebühren-
den Zoll zahlten und aus der Potsdamer Hütte ebensoviel
Glas entnähmen, als sie aus Böhmen einführten. Jetzt aber
wird den Berliner Glasschneidern, die bereits auf I4 »Innungs-
verwandte« angewachsen sind, das Zugeständnis gemacht,
daß geschnittenes Glas nicht mehr ins Land gebracht werden
darf; zugleich wird ihnen jedoch bedeutet, daß sie viel zu
teuer seien. Sie sollen eine Taxe aufstellen, »wie hoch sie ins
Künfftige die geschnittenen Gläser nach denen verschiedenen
Sorten zu verkauffen haben«. Diese Taxe, die am 5. November
302 Das deutsche Glas.
1706 eingereicht wird, gibt erwünschten Aufschluß über den
Charakter der damals üblichen Gattungen; daher sei das
Wichtigste hier im Wortlaut mitgeteilt: »Von der letzten
und gewöhnl. Art Glase kostet auf Ew. Königl. Maj. Glass
Hütte zu Pottsdamm, nach der dasigen Taxa, nach proportion
seiner grösse, ein Pokal 6 gr. 8 gr. IO gr., darauf A oder
Streu Blühmchen geschnitten ist die Arbeit 8 gr. auch 4 gr.
Also kan dergleichen Pokal auf 16 auch mindestens 12 gr.
geschätzet werden. — Ein Wein Glass kostet auf der Pottsdam-
schen Hütte 6 9 auch 2 gr., darauf werden % oder Blühm-
gen geschnitten für I gr. auch 2 gr.; Ein dergleichen verfertig-
tes Wein Glass wird vor 3 gr. auch 4 gr. jedermännigl. ver-
kaufft. — Ein Bier Glass und zwar ein Glocken Becher kostet
auf der Glase Hütte 2 gr., darin AR oder Streu Blühmgen
geschnitten wird a 3 biss 4 gr. von uns verkauffet. Ein Blau-
rändiger Becher kostet auf der Hütte ı gr., wird geschnitten
vor 2 gr. verkaufft.... Die entbärlichen Stücken, welche der
Mensch nothwendig nicht gebraucht, alls auf Cristall Glass
Waapen, Bildungen, Emblemata, Historien und sonst Kunst-
und Sinn-reiche Erfindungen eingeschnitten, leiden nach ihren
unnenbahren und fast unendlichen Arten, und nach Unter-
schied des Meisters, keine besonder Taxam.«
Einen weiteren Einblick in die Werkstattgepflogenheiten
der Berliner Glasschneider gestattet das am 29. Januar 1735
für das Glasschneider-Gewerk in der ganzen Mark, besonders
in Berlin, erteilte »General-Privilegium und Gilde Brief«, wo-
durch alle früheren Bestimmungen annulliert wurden. Das
Wichtigste gibt der $ 3, der vom Meisterstück handelt. Dies
bestand im Schneiden eines Pokals »nach der neuesten und
gangbarsten Fagon«. »Die Zieraten daran müssen entweder
mit erhabenen Blättern, oder saubern Muscheln, ausgearbeitet
werden, und der Kelch mit saubern, unanstössigen Figuren
oder Bildern und Devisen geschnitten seyn«.
In dieser Zeit, als die Potsdamer Hütte in den letzten
Zügen lag, und ihre Verlegung bereits beschlossene Sache war
d.h. in den Jahren 1735 und 1736, war ein Elias Rossbach,
von dem später noch die Rede sein wird, Altmeister der
Glasschneiderinnung von Berlin.
Sonst sind urkundlich nur wenige Glasschneider nachzu-
weisen. Nach den Berliner Bürgerbüchern leisten bis zum
Jahre 1738 folgende Glasschneider den Bürgereid: Johann
George Schmidt (aus Franckenhausen in der Grafschaft
Schwartzenburg, 1694), Joh. Christoph Scheidemantel (aus
Delitzsch in Sachsen, 1710), Joh. Gge. Senff (aus Berlin,
1714), Joh. Casp. Herwig (aus Buchholtz, 1718), Daniel Taub-
mann (aus Neu Saltze in Schlesien, 1719), Elias Rosbach
(aus Berlin, 1736; wohl ein Sohn des obengenannten Alt-
Die Glasschneider in Berlin und Potsdam. Bode. 303
meisters), Carl Christian Schackert (aus Berlin, 1736), An-
dreas Schumann (aus Berlin, 1738). Damit ist die Reihe aber
nicht erschöpft, wie schon die Zahlen von 1704 und 1706
beweisen.
Während alle diese Glasschneider in späteren Schriften
nie erwähnt werden, treten dort noch einige andere Namen
auf. So nennt Nicolai (S. 102) unter den Künstlern, die zur
Zeit Friedrichs I. in Berlin gearbeitet haben, einen David
Recknagel als »künstlichen Glasschneidere. Trautmann
(S. 113) bringt ihn mit dem Vornamen N; er habe um 1710
in Berlin gelebt und in Glas so leicht wie in Silber oder
Kupfer gestochen. Weiter spricht Nicolai (S. 103) von einem
Johann Schlurch, »ein künstlicher Glasschneider, welcher
Jagden, Schlachten, und Geschichten sehr zierlich in Glas
geschnitten hat, wovon unter andern verschiedenes in der
berlinischen Kunstkammer befindlich ist“ Auch Dlabacz
(Bd. III, S. 139) erwähnt diesen Schlurch, der jedenfalls
identisch ist mit einem Schurich, den Trautmann mit Spiller
zusammen nennt.
Abgesehen von Elias Rossbach ist von keinem dieser
Glasschneider irgendeine bezeichnete Arbeit erhalten.
Aber nicht nur in Berlin, sondern auch in Potsdam, in
direktem Zusammenhang mit der Hütte, arbeiteten auch
nach Winter und Spiller Glasschneider.
Als nämlich der Betrieb der Hütte definitiv eingestellt
war, im Jahre 1736, machten »sämtliche Glas Macher, Glas
Mahler und Glas Schneider« eine Eingabe. Der Verdienst
sei ihnen genommen, eine neue Hütte sei noch nicht gebaut.
Zwei von ihnen seien bereits auf- und davongegangen, es wäre
daher notwendig, entweder die alte Hütte wieder in Gang
zu bringen oder ihnen Wartegeld oder aber einen Auslandspaß
zu geben. Die Kopfzahl der Familien wird auf 130 angegeben.
Was daraufhin erfolgte, ist nicht bekannt; vermutlich ist die
Mehrzahl der Arbeiter nach Zechlin übernommen.
Immerhin sind doch einige von ihnen in Potsdam ge-
blieben, so ein Glasschneider Joh. Chr. Bode, über den
im Geheimen Staatsarchiv ein eigenartiges Aktenstück vor-
handen ist, das zugleich einen interessanten Aufschluß über
die Arbeiten des Mannes gibt. In einer Eingabe vom 4. März
1751 klagt er, »der ehemalig Abgang der geschnittenen Gläser
und der nunmehro erfolgte Verfall dieser Arbeit sind Uhr-
sache, dass ich, in dem ich von dieser Arbeit viele pretieuse
Stücke verfertiget, solch aber bey gegenwärtigen wenigen Ge-
brauch nicht wieder an Mann bringen kann«; daher sei er in
Schulden geraten. Auf seinen Antrag wird nun dem 76 jähri-
gen Manne eine Lotterie eingerichtet, bei der seine unver-
kaufte Ware, die also in der Hauptsache wohl noch aus den
304 Das deutsche Glas.
Zeiten der alten Potsdamer Hütte stammt, verlost werden
soll. In der Verlosungsliste werden außer vielen Dutzenden
von einfacheren, meist mit Devisen, Landschaften, Laubwerk,
Blumenstücken oder Figuren geschnittenen Pokalen, Stutzer-
pokalen, Coriantgen, Biergläsern usw. mehrere größere »Cry-
stallen-Pocale« von beträchtlichem Wert aufgeführt, so einer
mit »Fruchtkindern« zu 60 Talern, einer mit »Ovidischer
Historie« zu 40 Talern, mit »Mars mit Krieges Armaturen«
zu 30, mit »perspectivischer Par-Force Jagdt« (im Hintergrund
die »Stadt Potsdam in einem Prospekt«) zu 25 Talern. Ein
kleiner Pokal mit Hühnerjagd kostet 20, ein kleiner »Eysse
Pocal« mit den Porträts des Königspaares ebensoviel, einer
mit »naturellen Blumen« 12, und kleine »Crystallen Röhmer
mit diversen Figuren« IO Taler. Die kostbarsten Stücke und
ersten Gewinne waren drei vielarmige Kronleuchter im Werte
von IO00, 300 und 150 Talern.
Erklärlicherweise werden direkte Nachrichten über Pro-
dukte und Arbeiter spärlicher von dem Zeitpunkte an, als
die Hütte aus der Nähe der Hauptstadt weg verlegt war und
infolge der Verpachtung der Einfluß des Königs wegfiel.
1746 ist einmal in Zechlin von Cronen die Rede, die im »Palais
alhier in großer Menge befindlich« seien, womit jedenfalls
Kronleuchter in Schloß Rheinsberg gemeint sind, von denen
heute noch einige erhalten sind. Sowohl wegen solcher Kronen
wie auch wegen andern guten und vergoldeten Kreideglases
hatte der Amtsrat Stropp in der Folge viele Streitigkeiten
mit dem Amtsrat Zimmermann in Tornow, der unbefugter-
weise solche feineren Glasgattungen herstellte.e Konkurrenz-
kämpfe der verschiedenen märkischen Hütten, von denen eine
ganze Anzahl sonst noch im 17. und I&. Jahrh. — aber durch-
weg nur für gewöhnliches Glas, hauptsächlich für grüne Bou-
teillen — angelegt worden waren, blieben an der Tagesord-
nung, interessieren aber hier nicht, wo es sich lediglich um
künstlerisch behandelte Hohlgläser handelt. Friedrich dem
Großen hat das Wohl der märkischen Glashütten, besonders
der Zechlinschen, stets sehr am Herzen gelegen. Darum hat
er auch, sofort nach der Eroberung Schlesiens, dem schlesi-
schen Glase die Grenzen der »alten« Provinzen verschließen
lassen. Über diese dem schlesischen Glasbetrieb so verderb-
liche Maßnahme hat E. v. Czihak (S. 149 fl.) ausführlich
gehandelt.
Hier sei nur noch das nachgetragen, was über die Ber-
liner Glasschneider während dieser Zechliner Epoche bekannt
ist. Die Berliner Bürgerbücher verzeichnen als neue Bürger
folgende Glasschneider: Joh. Gge. Zürn (aus Potsdam, 1749),
Gottfried Sachse (aus Soldin in der Neumark, 1749); ferner
als Berliner Bürgerssöhne: Joh. Fr. Schackert (1755), Joh.
Die Berliner Glasschneider der 2. Hälfte des 13. Jahrh. 305
Gottlieb Jonathan Schackert (1775), Andr. Gottl. Krause
(1777), Carl Ludw. Zürn (1783), Joh. Jacob Phil. Krause
(1783) sowie den Glasschleifer Joh. David Wendt (1783).
Einen Wend nennt auch Nicolai (Bd. II, S. 571), ebenso den
Kegel. Hofglaser Andre, der »sowohl im Glasschneiden, als auch
im Malen hinter Glas« geschickt war.
Die Zahl der Glasschneider Ende 1784 gibt Nicolai mit
9 an, bei denen nur 2 Gesellen und 3 Jungen tätig waren.
Infolge eines Kompetenzstreites zwischen den Glasern
und Glasschneidern wird vom General-Direktorium im Jahre
1798 eine Abänderung der Innungsparagraphen in Erwägung
gezogen. Bei den Verhandlungen darüber erklären die Glas-
schneider, sie seien jetzt II Meister, alle ohne Gesellen, und
nur einige Lehrburschen; früher seien sie 15 Meister, 30 Ge-
sellen und die entsprechende Anzahl Lehrburschen gewesen.
Dieser Rückgang komme daher, weil das Glasschleifen und
Glasschneiden in neuern Zeiten ganz aus der Mode gekommen
sei und weilihr eigentlicher Professionsbetrieb durch den frei-
gegebenen Handel mit schlesischem Glase, vorzüglich aber
durch den nicht zu tilgenden Schleichhandel mit böhmischem
Glase verdrängt sei.
Ein nun folgender Vorschlag des Königs, beide Innungen
miteinander zu verschmelzen, wird auf dringende Bitten der
Glasschneider fallen gelassen, und es bleibt alles beim Alten.
Das ist das Letzte, was aus den Urkunden über die Pots-
dam-Zechliner Hütte und die in Berlin ansässigen Veredler
ihrer Produkte in Erfahrung gebracht werden konnte.
Doch auch die erhaltenen Gläser reden eine vielleicht
noch” vernehmlichere Sprache.
Formen und Schnittdekor der Potsdam - Zechliner
Gläser.
Erste Periode (bis zum Tode Friedrichs I., 1713).
Die frühesten Potsdamer Gläser zeigen noch wenig aus-
geprägten Sondercharakter. Es sind dicke Becher und Kelch-
gläser mit kräftigem Balusterschaft und breitem Fuß aus
gutem, leicht ins Gelbliche streifendem Glasmaterial. Darauf
die üblichen großen Blumen in Mattschnitt, das Branden-
burger Wappen und sehr viel polierter Kugelschliff. Ver-
schiedentlich außerdem noch Sprüche wie »Vivat ChurBran-
denburg« u. a. Mehrere solcher Becher und Kelchgläser sind
im Märkischen und im Hohenzollern-Museum erhalten. Diese
Stücke gehen wohl zum Teil noch in die Zeit des Großen
Schmidt, Glas, 20
306 Das deutsche Glas,
Abb. 170. Potsdamer Gläser mit Namenszug des Kürfürsten Friedrich III. (1688 bis
1701.) (Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
Kurfürsten zurück, wenn auch keines eine direkte Beziehung
zu ihm aufweist; dagegen gibt es verschiedene Exemplare
dieser Gruppe mit der Chiffre seines Nachfolgers, z. B. in
Kassel und in Dresden (Porzellan-Sammlung). Abb. 170 links
zeigt das CF 3 = Churfürst Friedrich III. auf einem dieser
stark gelblichen Gläser im Berliner Kunstgewerbe-Museum.
Das Hohenzollern-Museum bewahrt einige kleine Gläser
von sehr leichter, hellgrünlicher Masse, deren eines, ein Becher
auf 3 Kugelfüßen, noch der Zeit vor 170I angehört, während
ein Kelchglas und ein glockenförmiger Becher mit FR und
Streublümchen mit den in der Taxe von 1706 angeführten
Gläsern zu identifizieren sein dürfte (Abb. 171). Andere
Kelchgläser von zierlichem Aufbau mögen durch die italieni-
schen und französischen Glasmeisterepisoden beeinflußt wor-
Potsdam. Formen und Schnittdekor bis 1713. 307
den sein, so ein
sehr leichtes, fein
geschwungenes
Gläschen mit FR
in Schloß Babels-
berg, das nach
einer alten Notiz
bei der Königs-
krönung in Kö-
nigsbere, am 13.
Januar 1701, be-
nutzt worden ist.
Neben diese
einfacheren Pro-
dukte der Pots-
damer Glashütte Abb. 171. Potsdamer Becher mit Namenszug König
stellt sich aber Friedrich I. und Streublumen. Anfang 18. Jahrh. (Berlin,
Hohenzollern-Museum.)
schon frühzeitig:
eineandere Grup-
pe von ganz ausgeprägtem Charakter, durch Form, Schliff und
Schnitt von allen übrigen deutschen Gläsern dieser Zeit
gänzlich verschieden.
Ein sicheres Merkmal aller besseren Arbeiten der Potsdam-
Zechliner Hütte bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrh. hinein
ist die schwere, kräftige Form, die nichts von der Eleganz
der böhmisch-schlesischen Gläser besitzt, vielmehr von einer
soliden Festigkeit ist, die manchmal sogar in eine gewisse
derbe Plumpheit ausartet.
Typisch für die meisten Arbeiten bis etwa zum Tode
Friedrichs I. sind folgende Merkmale: Sehr kräftig unter-
schnittene Spitzblattformen ziehen sich kelchartig um den
unteren Teil der Kuppa und werden auf dem Schaftbaluster,
auf der Fußplatte und auf dem Deckel wiederholt. Aber sie
bleiben fast durchgängig blank. Der Lippenrand der Kuppa
und der korrespondierende untere Rand des Deckels sind
durch eng aneinandergereihten Kugelschliff in Rundbögen
aufgelöst. Häufig tritt eine Längsfacettierung der ganzen
Kuppa hinzu. Abb. 170 rechts, noch mit den kurfürstlichen
Initialen und Wappen, also vor 170I, mag den Typus il-
lustrieren, der natürlich auch in mehr oder weniger reichen
Exemplaren anzutreffen ist. Besonders die Profilierung des
Schaftes ist großen Schwankungen unterworfen.
Die sehr reichliche und kräftige Verwendung des Schliffs
bleibt ein Charakteristikum sämtlicher Potsdamer Gläser.
Der Schnitt ist in der Frühzeit ganz ausgezeichnet ge-
handhabt worden, besser fast wie in der ganzen Folgezeit.
Einen großen Anteil an dieser schnellen Entwicklung des
20*
308 Das deutsche Glas.
Schnittes hat natürlich die Anstellung Winters und Spillers
gehabt. Die Veredlung der Gläser war hier, im Gegensatze
zu den stark industriellen böhmisch-schlesischen Betrieben,
in erster Linie Luxusarbeit für die Bedürfnisse oder besser
für die Liebhaberei des Herrschers, der Wert darauf legte,
hervorragende Kräfte zu beschäftigen. Es brauchte bei den
Zuschüssen, die immer wieder aus der Privatschatulle der
Kurfürsten flossen, nicht so sehr auf das Verdienen gesehen
werden, wenigstens nicht bei den reichen, für den Hof oder -
die Vornehmen des Landes geschnittenen Arbeiten. Die große
Wertschätzung Winters geht aus der Höhe seines Gehaltes
hervor, die der Besoldung eines Geheimen Rates gleichkam.
Ein großer Teil der Werke dieser ersten Periode zeigt
einen übereinstimmenden, technisch wie künstlerisch hervor-
ragenden Schnittdekor, und man wird nicht fehlgehen, wenn
man alle diese Stücke der Winter-Spillerschen Werkstatt in
Potsdam zuschreibt. Die Art Spillers ist mit ziemlicher
Sicherheit durch den schweren Deckelbecher mit Darstellung
der Orpheussage (Abb. 172) bestimmt. Denn dies Stück
stammt — nach den absolut glaubwürdigen Angaben des
Vorbesitzers — aus der Daumschen Sammlung und ist jeden-
falls identisch mit dem »Glas, worauf von Spiller Thiere sehr
schön geschnitten«, das Nicolai (Bd. II, S. 824) in dieser
Berliner Sammlung aufführt. Die Qualität der Arbeit im
Figürlichen und Landschaftlichen übertrifft alles, was in
Böhmen-Schlesien und an andern Orten in dieser Zeit her-
gestellt worden ist, so daß man, auch abgesehen von der
guten Tradition, an einen Künstler ersten Ranges denken muß.
Zur Klarstellung von Winters persönlichem Stil haben
wir leider nicht den geringsten Anhalt; denn alle die Werke
dieser Zeit, die eine künstlerische Hand verraten, stimmen
so mit dem beglaubigsten Spiller-Glase überein, daß es nicht
möglich ist, sie zwei verschiedenen Künstlern zuzuweisen.
Wir müssen uns daher vorläufig damit bescheiden, von Ar-
beiten der gemeinsamen Werkstatt der beiden zu sprechen,
da Spiller, als spezieller Schüler Winters, sicher auch viele
von dessen besonderen Eigenheiten übernommen haben wird.
Eine ganze Reihe von Gläsern schließt sich im Schnitt-
charakter dem Spiller-Becher an. So ein ganz gleich geform-
ter, aber beträchtlich größerer Becher im Dresdner Grünen
Gewölbe, mit tanzenden und musizierenden Putten; ein Becher
mit ebensolchen Darstellungen im S. Kens. Museum sowie
mehrere einfachere, zum Teil facettierte Becher mit Frucht-
gehängen, mit Putten und mit bacchischen Kinderszenen in
den Museen von Prag und Reichenberg und im Schloß Char-
lottenburg. Derartigen Darstellungen begegnet man häufig
auch auf den Rubingläsern dieser Zeit (s. S. 327). Ausge-
Potsdam. Formen und Schnittdekor bis 1713. Spiller. 309
Abb. 172. Deckelbecher mit Darstellung der Orpheussage. Arbeit von Gottiried
Spiller. Potsdam um 1700. (Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
310 Das deutsche Glas.
zeichnete größere Pokale
mit sehr ähnlichem Dekor
stehen weiter u.a. in Berlin
(Kunstgewerbe - Museum),
in Weimar und in Prag;
das Wappen der böhmischen
Grafen Michna von Waitze-
nau auf einem Glas der letzt -
genannten Sammlung be-
sagt nichts gegen die Her-
kunft aus Potsdam. Noch
in der kurfürstlichen Zeit
ist ein kleines, schönes Glas
auf der Löwenburg bei Kas-
sel sowie der ganz ähnlich
geformte Pokal mit bran-
denburgischem Wappen im
Besitz des Grafen Kolo-
wrat-Krakowsky entstan-
den 130). Die Krönung Fried-
richs III. zum preußischen
König im Jahre 1701 spie-
gelt sich in einem Pokal
des Hohenzollern-Museums,
der alle oben gekennzeich -
Abb. 173. Kelchglas mit Porträt Friied- neten Merkmale besitzt.
richs 1. in Hochschnitt. Potsdam, Anfang INTESE 300 wurde er-
18. Jahrh. (Berlin, Hohenzollern-Museum.) wähnt, daß Winter und Spil-
ler »erhobene Arbeit«, d.h.
Hochschnitt ausführten. Auch davon sind viele ausge-
zeichnete Proben erhalten, die beweisen, daß die Potsdamer
Glasschneider zum mindesten auf der gleichen künstlerischen
Höhe wie ihre schlesischen Kollegen standen, ja sie in vieler
Beziehung weit übertroffen haben.
Denn Winter und Spiller — an diese beiden wird man
zweifellos nur zu denken haben — stellten nicht nur die im
Hirschberger Tale damals beliebten Ornamentranken in Hoch -
schnitt her, sondern ihre Hauptarbeit bestand im Schneiden
von Porträtköpfen. Sicher noch vor 1701 gearbeitete Hoch-
schnittgläser sind leider nicht nachzuweisen; dagegen gibt es
eine ganze Anzahl Kelchgläser, Becher und Pokale mit dem
Porträtmedaillon Friedrichs I. (1701 bis 1713) ; so das ausge-
zeichnete Kelchglas im Hohenzollern-Museum (Abb. 173)
und ein Deckelbecher im Schloß Charlottenburg; ferner ein
Pokal mit Reliefporträt eines Fürsten, wohl des Landgrafen
Carl von Hessen -Kassel (1670 bis 1730), im Kasseler Museum.
Alle mit einem sehr feinen Akanthusornament, dessen Blatt-
Potsdam. Der Hochschnitt der Frühzeit. zIı
spitzen nach - vorn um-
gelegt sind.
Ein großer Pokal
mit dem üblichen ein-
facheren Spitzblattde-
kor, mit dem aufge-
klebten Reliefmedaillon
Friedrichs I. und dem
hochgeschnittenen preu-
Bischen Wappen steht
im Hohenzollern-Muse-
um; ähnliche Stücke, bei
denen Hoch- und Tief-
schnitt verbunden sind,
kommen in dieser Zeit
ebenfalls ziemlich häufig
Mor treten abe auch
noch einige Jahre nach
dem Tode Friedrichs I.
auf. So zeigt ein großer
Pokaldes Berliner Kunst-
gewerbe-Museums (Abb.
174) das preußische Wap-
pen unp das Monogramm
Friedrich Wilhelms I.
teils in Hochschnitt, teils
in Tiefschnitt. Auch ein
Schuss aus Seanbeivenen
Becher mit Reliefporträt
Karls XII. von Schwe-
den in Koburg könnte
bereitsdemzweiten Jahr-
zehnt des 18 Jahrh.
angehören. Eine ganz
hervorragende Hoch -
schnittarbeit ist eın lei-
der sehr kranker Pokal
des Berliner Kunstge-
werbe-Museums, dessen
Kuppaunterteil als Mu-
schel gebildet ist, in der
ein schlafendes Mädchen
Abb. 174. Pokal mit Monogramm und Wappen
Friedr. Wilb. I. in Hoch- und Tiefschnitt. Pots-
dam um 1715. (Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
liegt. Ein fiegender Amor bringt ihr einen Kelch mit dem Worte
»Sappia«. Schaft und Deckelknauf sind mit vorzüglich ge-
schnittenen Akanthusblättern verziert (s. Vorb.-Heft Fig. 2).
Natürlich sind auch schlichtere Arbeiten während der Re-
gierung desersten Preußenkönigshergestellt worden, ganz abge-
Das deutsche Glas.
D
3ıI
sehen von den
Tiefschnitt-
arbeiten mit
»Waapen,Bil-
dungen, Em-
blemata, Hi-
storien und
sonst Kunst-
und Sinnrei-
chen Erfin-
dungen«, die
aus den Werk-
stätten@nzder
organisierten
Berliner Glas-
schneider- In-
nung hervor
gegangen sind.
Hier bereite-
ten sich die
Form- und
Dekorations-
elemente be-
reits vor, die
für einen gro-
Benwuneilender
Regierungs-
zeit Friedrich
Wilhelms I.
(1713bis1740)
typisch wer-
den sollten
und die daher
im Zusam-
menhang mit
Abb. 175. Pokal mit Ansicht des Berliner Schlosses und diesen späte-
Porträt Friedrichs I. Potsdam Anfang 18. Jahrh. (Ballen- ren Werken
stedt, Schloß.) besprochen
werden sollen.
Zuvor muß noch einer Gruppe von Gläsern gedacht wer-
den, die scheinbar nur während einiger Jahre ganz im Anfang
des 18. Jahrh. in Potsdam hergestellt wurden.
Das sind imposante Pokale von durchschnittlich einem
halben Meter Höhe und ganz vorzüglichem Mattschnitt. Das
sehr gute Material und die schwere Form machen die Pots-
damer Herkunft unzweifelhaft. Die Formen der Schafte und
Deckelknäufe sind der gewaltigen Größe entsprechend manch-
Potsdam. Riesenpokale mit Mattschnitt. a2
mal bereichert, besonders
durch Einfügen vieler klei-
ner Scheibenglieder; mehr-
fach ist jedoch die Form
genau der in Potsdam sonst
üblichen gleich. Die Stücke
scheinen nur für den Ber-
liner Hofsowieals Geschenke
für auswärtige Fürstlich-
keiten gearbeitet zu sein.
Der Dekor der Kuppa
besteht meist in einer Stadt-
oder Schloßansicht und
einem Fürstenporträt. Die
meisten erhaltenen Exem-
plare zeigen eine Ansicht
des Berliner Schlosses auf
der einen und das Porträt
König Friedrichs I. in einem
Medaillon auf der andern
Seite (Abb. 175). Derartige
Pokale stehen im Hohen-
zollern-Museum (mit ausge-
bauchter Kuppa — eine sel-
tene Variante —), im Schloß
Babelsberg, in Charlotten-
burg sowie in zwei Exem-
plaren in Schloß Ballen -
stedt. Ein weiteres Stück
im Hohenzollern-Museum
zeigt Schlüters Denkmal
des Großen Kurfürsten, muß
also nach 1700 entstanden
Sen Kernen verelensin
Ballenstedt bewahrt Gläser
mit Ansichten von Wien,
hinten mit Doppeladler,
von Braunschweig, hinten
mit dem Löwendenkmal,
Abb. 176. Pokal mit aufgeklebtem Relief-
porträt Friedrichs I. Potsdam 1706. (Berlin,
Sammlung Schöller.)
und von Dresden, hinten mit dem Porträt Augusts des
Starken; in Wörlitz (Schloß) steht ein Pokal mit Ansicht
von Bernburg und dem Wappen von Anhalt.
Der Dekor von Fußplatte und Deckel ist sehr verschieden,
stets aber von ausgezeichneter Qualität. Große mächtige
Rankengehänge, entweder in barocker Akanthusstilisierung
oder bereits im Laub- und Bandelwerkstil, wechseln ab mit
fliegenden Adlern, mit Kronen, wohl auch mit kleinfigurigen
314 Das deutsche Glas.
Medaillonbildchen; ähnliche Ornamente oder gekreuzte Palm-
zweige mit Lorbeerranken umgeben die Fürstenporträts.
In dieselbe Gruppe gehören endlich zwei Pokale der
Sammlung Schöller (Berlin); der eine mit Darstellung der
Orpheussage ist absolut identisch mit den übrigen; der andere,
mit aufgeklebtem Reliefporträt Friedrichs I., von 1706 (Ab-
bildung 176), gibt das beste Bindeglied zwischen der üblichen
Potsdamer Gattung und diesen Riesenhumpen ab.
Mehrere dieser nur etwa zwischen 1700 und 1710, und
zwar nur von einem einzigen Künstler geschnittenen Pokale
haben ein besonderes Merkmal unter dem Fuße: dort ist an
der Stelle des Pfeifenansatzes eine matte Sonne mit den
Buchstaben HFH eingeschnitten; nur einmal kommt statt
dessen ein mattierter Stern vor. Die Buchstaben aufzu-
lösen ist bisher nicht gelungen. Jedenfalls geben sie die
Initialen des Glasschneiders wieder, der sich als ein ganz
vortrefflicher Künstler erweist, dessen Tätigkeit sich aber
nur auf diese eine Gruppe von Potsdamer Riesenpokalen
beschränkt zu haben scheint.
Zweite Periode (bis ca. 1760).
Vorbereitet schon in den letzten Jahren der Regierung
Friedrichs I., treten nun verschiedene Änderungen im typi-
schen Dekor der Potsdamer Pokale ein. Der rundbogig ge-
schliffene Lippenrand ist kaum noch zu beobachten; dafür
wird jetzt durchgehends ein Perlenband von blankgeschliffe-
nen Kugeln eingesetzt oder, bei besseren Exemplaren, eine
mehr oder weniger abwechselungsreiche Borte aus Diamant-
quadern (»Steinchen«) und Kugeln auf meist mattiertem
Grunde (Abb. 177). Der Schaft besteht jetzt gewöhnlich aus
zwei breitgedrückten, sich korrespondierenden Baluster-
gliedern zwischen drei kleineren Ringwulsten (Abb. 178).
Entweder bleibt der Schaft ganz undekoriert, oder aber
er wird in der mannigfaltigsten Weise durch Schliff verziert.
Die bisher fast stets blankpolierten Spitzblätter werden jetzt
matt gerauht und behalten gewöhnlich nur einige blanke
Rippen (Abb. 178); seltener werden Zellenfacetten am Schaft
verwendet; dagegen sieht man bei reicheren Stücken plastische
Akanthusblätter aus den Knäufen herausgeschnitten (vgl.
den von der Potsdamer Hütte dem Königspaar zum Neujahrs-
tage 1716 gewidmeten großen Pokal in Abb. 177).
Bei kleineren Gläsern begnügte man sich mit einem
Schaftbaluster. Der Fuß ist meist flach oder nur wenig
gewölbt. Auf dem Fuße wird, ebenso wie am Unterteil der
Kuppa und auf den verschiedenen Deckelgliedern, gewöhnlich
wieder der mattierte Spitzblattkranz angebracht; wohl minde-
Potsdam. Formen von ca. 1713—1730. 315
stens die Hälfte aller
Potsdamer Gläser weisen
dies leicht erkennbare
Merkmal auf.
Weiter findet man
nicht selten kleine, zylin-
drische Becher mit dem
obligaten Perlband am
Lippenrand und der
Spitzblattreihe über dem
etwas ausladenden Fuß-
reif. Manchmal ist ihnen
noch ein geschwungener
Henkel angeschweißt.
Gcaeny 17250 etwa
macht sich eine neue
Formbildung bei vielen
der Pokale bemerkbar.
Die Vorliebe für den aus
zwei gleich großen Ba-
lustergliedern aufgebau-
ten Schaft macht, wie
schon bei den kleineren
Gläsern, einer einheit-
lichen Form Platz, die
nur aus einem kräftigen
Baluster mit einem oder
mehreren Ringprofilen
oben und unten besteht.
Sehr beliebt werden ein-
gestochene Luftblasen im
Knauf, der fast immer
in Zellenfacetten geschlif-
fen ist. Die Herrschaft
des mattierten Spitzblat-
tes nimmt ab; an seine
Stelle treten mattierte
oder blanke Rundbögen.
Die Perl- oder Quader-
borten am Lippenrande
dagegen bleiben beste-
Den bb2179.)
Neben den großen
Pokalen werden nun
auch schlank-trichterför-
Abb. 177. Potsdamer Pokal. Neujahrsgeschenk
der Hütte an den König, 1716. (Berlin, Kunst-
gewerbe-Museum.)
mige Kelchgläser beliebt, deren dicker Schaft ganz glatt
ist oder mit mehreren Reihen von rundlichen Schuppen, mit
Abb. 178. Pokal mit Mars und Venus in
Mattschnitt. Potsdam um 1720. (Berlin,
Kunstgewerbe-Museum.)
316 Das deutsche Glas.
spiralig gedrehten Buckeln
oder mit länglichen Pfeifen
verziert wird (Abb. 180).
Die häufig sehr starke Ver-
goldung dieser Gläser deutet
stets auf die späte Zeit von
etwa 1730 an.
Einige Besonderheiten
aus dieser letzten Zeit der
Potsdamer Hütte seien noch
kurz erwähnt. Eine der
verschiedenen Glasschnei-
derwerkstätten hat eine be-
sondere Vorliebe für Sehr
reichlichen Kugel- und
Sternschliff besessen, mit
dem manchmal nicht nur
dieUmrahmungen derRund-
bogenfriese und die Rand-
borten, sondern ganze Flä-
chen der Kuppa, ja auch
der ganze Schaft bedeckt
sind. Besonders markante
Exemplare mit diesem De-
kor sind im Hohenzollern -
Museum, im Prager Muse-
um und vor’ allem
Beuth -Schinkel-Museum in
Charlottenburg zu finden.
Im ° BerlmersesSchleoB
stehen zwei Pokale — einer
mit Inschrift auf Kaiser
Karl VL = decke
)
krönenden Abschluß des
Deckels einen großen, aus
dunkelgrünem Glas frei
plastisch geschnittenenDop-
peladler tragen. Bei einem
andern Stück (ebenda) be-
steht der Deckelknauf aus
einer vergoldeten Bombe,
aus der oben ein Flammenbündel von hellrotem Rubinglas
herauszüngelt. Dasselbe Motiv weisen einige Sturzbecher
im Hohenzollern-Museum und im Schloß zu Darmstadt auf.
Als preußisches Kuriosum sei eine kleine vergoldete
eläserne Grenadiermütze im Hohenzollern-Museum ange-
führt.
Potsdam. Formen von ca. 1713—1730. al]
Schließlich wurden wäh-
rend der Regierungszeit
Friedrich Wilhelms I. auch
sehr zierliche und dünn aus-
geblasene Spitzgläser her-
gestellt, vielfach stark ver-
goldet, zum Teil mit facet-
KleriemeSchatslrorzeden
auffallenden Leichtigkeit
und Schlankheit müssen
auch diese Kelchgläser,
meist mit Porträts oder Ini-
tialen des Königspaares, in
Potsdam gearbeitet sein
(Beispiele im Hohenzollern -
Museum, im Museum zu
Weimar und in den Schlös-
sern von Berlin und Char-
lottenburg).
Kleine, kunstlose Becher
und Kelchgläser mit den
üblichen Devisen »Suum
cuique« und »Non soli ce-
dit« und mit dem Mono-
gramm FWR sind ebenfalls
häufig anzutreffen.
Von etwa 1730an beginnt
die Vorliebe für Vergoldung
immer stärker zu werden.
Nicht nur die Ränder, die
Rundbögen, die Kugelun-
gen und Reifen, sondern
oftmals auch das ganze
Schnittornament der Kup-
pa, die Wappen, Initialen,
Kartuschen usw. werden
mit kräftiger, ungemein
dauerhafter und glänzender
Vergoldung überzogen. Be-
reits im IS. Jahrh. hatte die
Potsdam-Zechliner Hütte
einen großen Ruf wegen ihrer
Abb. 179. Pokal mit Mars auf Kriegs-
wagen. Potsdam um 1730. (Berlin, Kunst-
gewerbe-Museum )
guten Vergoldung, und man wird vermuten dürfen, daß die
starke Vergoldung der schlesischen Rokokogläser großenteils
auf das Vorbild der Potsdamer Ware zurückgeht.
Eine einschneidende Änderung, die bereits in den letzten
Jahren der Potsdamer Hütte aufkam, besonders aber während
318 Das deutsche Glas.
der Regierungszeit Friedrichs
des Großen in Übung war,
besteht in einer neuen Kom-
plizierung der Schaftbildung.
Ähnlich wie bei den späteren
schlesischen Rokokogläsern der
1750 er Jahre, für deren Form
ebenfalls vielleicht von Pots-
dam die Anregung ausgegan-
gen ist, zeigt der Stamm des
Schaftes sich als glatte runde
oder längsfacettierte Säule mit
herumgelegten breiteren Bän-
dern und Wulsten (Abb. 181).
Alles facettiert bzw. ausge-
kugelt, was jedenfalls mit den
»Saubern Muscheln« der Mei-
sterstücksbestimmungen von
1735 (s. S. 302) zu identifizie-
ren ist im Gegensatze zu den
»erhabenen Blättern«, womit
natürlich die Spitz- oder
Akanthusblätter gemeint wa-
ren, die damals also auch noch
nicht ganz aus der Mode ge-
kommen waren.
Ein festes Formschema,
wie etwa bei Schlesien, hat es
bei diesen späteren Gläsern
nicht gegeben; die Schaftbil-
dung vor allem zeigt sich sehr
abwechslungsreich. Fast durch-
gehend ist eine starke Aufhö-
hung der geschweiften Fußplat-
te; häufigtritteineleichte Ausbauchung derschlankeren Kuppa
auf, auch eine flache Kugelform ist nicht selten (s. Vorb.-
Heft Taf. 9, Fig. 4). Typisch ist die Freude am Einstechen
symmetrisch angeordneter Luftbläschen im Knauf, im Boden
der Kuppa und in den Deckelbekrönungen, was in Böhmen-
Schlesien fast nie zu beobachten ist.
Diese späten Produkte machen einen absolut andern
Eindruck als die früheren Fabrikate; die Übergänge aber
sind zu mannigfaltig, als daß eine klare Formentwicklung
gegeben werden könnte. Es ist jedoch ein Trugschluß, wenn
man glaubt, die so veränderten Gläser sämtlich bereits der
Zechliner Hütte zuschreiben zu dürfen, was ja zur Erklärung
des gänzlich neuen Charakters sehr verlockend wäre. Der
Abb. 180. Pokal mit Brustbild Fried.
Wilh. I. und Vergoldung. Potsdam um
1730. (Berlin, Sammlung Schöller.)
Potsdam-Zechlin. Formen von 1730 an. 319
Abb. 181. Zechliner Pokale (ca. 1735—60). (Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
Typus war aber bereits 1735, also im letzten Jahre des Be-
stehens der Potsdamer Hütte, vollkommen ausgebildet, wie
der so datierte, in Abb. 182 wiedergegebene Pokal des Grafen
Gotter auf der Feste Koburg beweist. Wenn aber auch
Pokale dieser Form vorkommen, die nachweisbar in einer
späteren Zeit geschnitten worden sind, so hat man dabei
immer noch mit der Tatsache zu rechnen, daß der gewaltige
Glasbestand der Potsdamer Hütte nach deren Eingehen ver-
auktioniert wurde und noch lange das Material für den Schnitt-
dekor in den Berliner Glasschneiderwerkstätten abgegeben
hat. Die Berliner Glasschneider-Innung macht noch 1742 als
Grund für das erstrebte Verbot der Einfuhr schlesischen
Glases geltend, daß sie auf viele Jahre mit Glaswaren ver-
sehen sei, »fast ihr ganzes Vermögen darein verwandt habe«
und »von der eingegangenen Potsdamer Glashütte, den da-
selbst verauktionierten königlichen Beständen eine "ziemliche
Quantität angenommen habe« (v. Czihak, S. 151).
Allerdings wird man zunächst in Zechlin, wo zum Teil die-
320 Das deutsche Glas.
selben Arbeiter beschäftigt
wurden, keine großen Um-
wälzungen in denGlasformen
hervorgerufen haben. Die
Glasschneider, in der Haupt-
sache natürlich die zahl-
reichen Mitglieder der Ber-
liner Innung, haben außer -
dem gewiß in ihrer alten
Manier weitergearbeitet, so
daß beim Fehlen fester
Datierungen nur der verän-
derte Geschmack der Orna-
mentik eine Entstehung in
der Regierungszeit Fried-
richs des Großen, d. h. also
nach 1740, beweist. Es
gibt denn auch eine ganze
Menge von hohen Pokalen
der eben beschriebenen Art,
wie auch von den steilen
Trichterbechern und andern
Formen, die wegen derRo-
kokoornamentik oder wegen
der Porträts und Mono-
gramme Friedrichs desGro-
ßen, der Königin Elisabeth
Christine undanderer Fürst-
lichkeiten bereits der Mitte
des 18. Jahrh. zuzuweisen
sind (Abb. 181).
Ein Dekorationsmotiv,
das erst seit der Verlegung
der Hütte nach Zechlin ge-
bräuchlich geworden zu sein
scheint, ist das Auflegen
roter, grüner und blauer
Medaillons auf die Wan-
dung der Kuppa (vgl. Abb.
181, links, mit dem Mono-
Abb.182. Pokal des Grafen Gotter. Potsdam gramm Friedrichs des Gro-
1735. (Feste Koburg.) ßen und seiner Gemahlin).
3x
AuchimCharakterdesSchnittdekors trennt einfunda-
mentaler Unterschied die Potsdamer Gläser von den böhmisch -
schlesischen. Die Glasschneider in Potsdam und Berlin haben
Potsdam. Der Schnittdekor. Zei
Abb. 183. Abrollung eines Potsdamer Pokals, um 1725. (Berlin, Kunstgewerbe-
Museum.)
fast ausschließlich zwei Dekorationsarten abgewandelt:
erstens die Wappen, Monogrammkartuschen und PBrust-
bilder; zweitens große figurale Kompositionen, die sich um
den ganzen Mantel des Glases herumziehen. Bei den Wappen
überwiegt natürlich das große preußische Staatswappen;
meist ist es umgeben von Adlern mit ausgebreiteten Schwin-
gen oder von kriegerischen Trophäen, die auch den ebenso
häufig erscheinenden Monogrammkartuschen beigegeben
werden. Die Brustbilder der preußischen Könige und Köni-
ginnen begegnen sehr häufig, einzeln oder vereint; oft
auch die Porträts fremder Fürstlichkeiten.
Das bei weitem interessantere Gebiet ist das der figür-
lichen Darstellungen. Sehr beliebt, namentlich im ersten
Drittel des 18. Jahrh., waren mythologische Szenen, wie
Europa auf dem Stier (s. Vorb.-Heft Taf. 10, Fig. I), Venus
in der Schmiede des Vulkan (ebenda Fig. 2), Mars und Venus
(Abb. 178), Diana und Kallisto, Herkules (Abb. 183) sowie
Puttentänze, -konzerte und -weinernten. Letztere gehen
zuweilen auf dieselben Vorbilder zurück, die auch bei der
schweren schlesischen Glasgattung benutzt worden sind
(s. S. 283); im übrigen aber haben diese großen Komposi-
tionen nichts gemein mit dem üblichen minutiösen Dekor
der Riesengebirgswerkstätten.
Daß die genannten Darstellungen schon früh geschnitten
wurden, beweist der Passus in der 1706 eingereichten Taxe
(s. S. 302), in dem von »Waapen, Bildungen, Emblemata,
Historien« usw. die Rede war. Eine Datierung lediglich
durch stilistische Merkmale ist bei diesen Kompositionen
Schmidt, Glas. 21
322 Das deutsche Glas.
Abb. 184. Teilabrollung eines Potsdamer Pokals, um 1715.
(Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
meist unmöglich, da der einmal gefundene Stil vollkommen
gleichförmig bis in alle Einzelheiten hinein etwa 30 Jahre
hindurch beibehalten wird; nur Qualitätsunterschiede sind
festzustellen.
Auf S. 303 ist schon auf die Arbeiten des Potsdamer
Glasschneiders Bode hingewiesen worden. Alle dort aufge-
zählten Motive waren in Potsdam und Berlin gang und gäbe:
die Fruchtkinder, die ovidischen Historien, die Parforce-
jagden usw. Der »hohe Crystallen-Pocal mit Deckel, worauf
Mars mit Kriegsarmaturen geschliffen« und der die stattliche
Summe von 30 Talern kosten sollte, mag identisch sein mit
dem im Kunstgewerbe-Museum erhaltenen Pokal (Abb. 179).
Eine nicht allzu häufige, aber ausgezeichnete Spezialität
der Zeit um 1710 bis 1720 waren prachtvoll geschwungene,
große, blankgeschliffene Blumenranken auf mattem Grund
(Abb. 184), wie sie ähnlich, aber nicht entfernt so schwung-
voll, auf den Dresdner Kellereigläsern dieser Zeit (s. S. 339)
erscheinen.
Im einzelnen auf die sonstigen Darstellungen einzu-
gehen, würde zu weit führen; nur sei noch, als auf ein echt
preußisches Motiv, aufmerksam gemacht auf die unter Fried-
rich Wilhelm I. sehr beliebten Darstellungen preußischer
Grenadiere und Reiter.
Durch Signaturen ist die Arbeitsweise nur eines einzigen
Berliner Glasschneiders bekannt geworden, des auf S. 302
bereits genannten Elias Rossbach, der 1735 bis 1736
Potsdam.
Altmeister der
Innungwar. Drei
bezeichnete Glä-
ser existieren von
ihm und zeigen,
daß er einer der
geschicktesten
Vertreter seiner
Kunst war. Ein
schlicht geform-
ter Pokal im Köl-
ner Museum zeigt
in recht gutem
Schnitt eine im
Bad überraschte
Mädchengruppe
(s. Vorb. - Heft
Fig. 1); ein Glas
mit rundbauchi-
ger Kuppa "im
Prager Museum
ist mit kränze-
tragenden Putten
— »Fruchtkin-
dern« — verziert.
Das dritte Glas,
im Dessauer
Schloß,mit einem
lagernden Fluß-
gott, einer Stadt-
ansicht an brei-
tem Fluß und der
Inschrift »Salus
Patriae« weist
eine ganz abnor-
me Bildung der
Kuppa auf (Abb.
185). Das Glas
selbst ist keines-
falls Potsda-
misch; der pseu-
Der Schnittdekor. Elias Rossbach, 323
Abb. 185. Pokal von Elias Rossbach. Berlin um 1735.
(Dessau, Schloß.)
dofacettierte Schaft und der umgeschlagene Fußrand ver-
setzen es zweifellos nach Thüringen oder Hessen. — In
Berlin hat man übrigens vielfach auswärts geblasene Gläser,
besonders solche mit pseudofacettiertem Schaft, durch den
Schnitt veredelt; man muß sich hüten, diese wegen des typisch
brandenburgischen Schnittes darum auch für brandenburgi-
21*
324 Das deutsche Glas.
sche Hüttenprodukte zu halten. Die zeitweilige Unzuläng-
lichkeit der Potsdamer Hütte war eben oft Schuld daran,
daß man von auswärts Rohmaterial für den Schnitt ein-
führen mußte.
Dritte Periode (von 1760 an).
Für die Zeit von etwa 1760 bis 1790 fehlen sichere Belege
für den Glasschnitt auf Zechliner Produkten fast vollständig;
die Klage des alten Bode über den »nunmehro erfolgten
Verfall dieser Arbeit« bereits im Jahre 1751 gibt den Grund
dafür an: die Mode hatte sich von den geschnittenen Gläsern
abgewendet, und man wird nicht fehlgehen, wenn man den
Rückgang dieser Luxusindustrie (die gemeinen Produkte
hielten sich natürlich länger) mit dem Aufschwung der
Berliner Porzellanmanufaktur in Verbindung bringt, die
damals das Interesse des kaufkräftigen Publikums absorbierte.
Später, gegen Ende des Jahrhunderts, ist man auch in
Zechlin mit jener Mode mitgegangen, die die schweren qua-
dratischen Fußplatten und die viereckigen verjüngten Schaft-
formen vorschrieb. Auch die schwarzen Silhouetten in Gold-
medaillons mögen hier ebenso wie in Schlesien und Böhmen
hergestellt sein, wenn auch für die zahlreichen im Hohen-
zollern-Museum und in den Schlössern vorhandenen Stücke
dieser Art eine sichere Lokalisierung nicht getroffen werden
kann. Viele davon sind wohl sicher in Schlesien entstanden.
Daß aber Zechlin auch an der in Böhmen-Schlesien in
der ersten Hälfte des IQ. Jahrh. beliebten Technik sich be-
teiligt hat, Reliefporträts aus Gips, die den Eindruck silberner
Reliefs machen, in das Glas einzubetten, beweist ein solches
Stück mit dem Brustbilde Friedrich Wilhelms III, das auf
der Rückseite die eingekratzte Inschrift »Zechlinsche Gl.
Hütte« trägt (Gotha, Herzogl. Museum). Zechliner Arbeiten
werden auch die schweren Aufsätze usw. aus dickem, ge-
schliffenem Kristallglas der Biedermeierzeit sein, die, mit der-
artigen Gipsporträts der ganzen königlichen Familie ge-
schmückt, im Schlößchen auf der Pfaueninsel stehen (ein
einfaches solches Becherglas in Raum 34).
Eine eigentümliche Art von Milchglas, die in brauner
und schwarzer Malerei antikisierende Bilder zeigt, scheint
Berliner Ursprungs zu sein, da sie im Stil mit den Feilner-
schen Töpfereien eng verwandt ist. — Eine derartige Schale
mit hohem Henkel in Raum 34.
Das Rubinglas und andere Farbengläser.
Neben der Fabrikation farblosen Kristallglases ging vom
Auftreten Kunckels an die Herstellung farbigen Glases her,
Das Rubinglas. 325
Abb. 186. Rubinglas. Potsdam Ende 17. und Anfang 18. Jahrh.
(Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
vor allem des roten Rubinglases (vgl. S. 138), das eine viel-
beneidete Spezialität der Potsdamer Hütte bildete.
Durch Datierung oder durch sonstige Beziehungen sicher
in die Zeit Kunckels selbst zurückgehende Rubingläser sind
mit einer einzigen Ausnahme leider nicht erhalten; wohl aber
kann man aus stilistischen Gründen eine ganze Anzahl von
Rubinarbeiten dieser frühen Periode zuschreiben. Das sind
vornehmlich flach-keulenförmige Flaschen, die über und
über mit gekniffenen Längsrippen überzogen sind (Abb. 186,
rechts), sowie vasenförmige Behälter, deren ausgebauchtes
unteres Drittel ebenfalls dicke Rippen aufweist (Abb. 186,
links). Fast alle diese Stücke sind — ihrer großen Wert-
schätzung entsprechend — mit vergoldeter Kupfer- oder
Silberfassung versehen. Besonders nach Augsburg scheinen
derartige Behältnisse stark exportiert worden zu sein, denn
die meisten in Silber gefaßten Stücke tragen Augsburger
Silbermarken. Verschiedene Meister des ausgehenden 17.
Jahrh. haben sich damit befaßt. So zeigt u. a. eine Flasche
im Gotischen Haus zu Wörlitz die Marke eines Augs-
burger Goldschmiedes TB. (Rosenberg II. 429), der z. B. im
Jahre 1695 ein Ziborium gearbeitet hat. Bei der großen
Menge dieser Flaschen und Vasen kann man wohl vermuten,
daß ein Teil von ihnen noch vor 1693, d. h. vor dem Weggang
Kunckels von der Potsdamer Hütte, geschaffen worden ist.
Der frühe, aus der böhmisch-schlesischen Barockzeit her
326 Das deutsche Glas.
I
VE
I
Abb. 187. Rubinglas. Potsdam, erstes Drittel des 18. Jahrh.
(Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
bekannte flache und matte Schnitt, der in großen, platt auf
die Fläche gelegten Blumen, auch in schematisch gezeichneten
Landschaften besteht, kommt auch auf dem Rubinglas dieser
Frühzeit vor. Eine bauchige Henkelkanne und zwei Tassen
des Berliner Kunstgewerbe-Museums illustrieren diese Art,
die sicher noch den 1680 er Jahren zugewiesen werden muß.
Eine ganze Reihe weiterer, früher Rubinarbeiten, Flaschen,
Kannen, Becher usw., zeichnet sich durch einen schon fort-
geschritteneren Dekor aus, der lockere dünne Ranken, dicke
Fruchtbündel und Vögel zeigt (Abb. 186, links). Dieser
wenig hervorragende Schnitt macht aber immer noch einen
primitiven Eindruck und wird zwischen 1680 und 1700,
jedenfalls nicht später, entstanden sein. Das früheste, wenig-
stens ungefähr datierbare Stück besitzt das Brit. Museum
Das Rubinglas. 327
(Slade-Coll. Nr. 870) in einer Flasche mit sächsischem Wappen
und den Initialen J. G., die sich auf Johann Georg II. (1680
bis 1691) oder III. (1691 bis 1694) beziehen müssen.
Gegen Ende des Jahrhunderts wird Form und Schnitt-
dekor fast identisch mit dem der farblosen Kristallgläser.
Dieselben vorzüglich geschnittenen Girlanden und früchte-
tragenden Putten, die uns auf den Gläsern der Epoche
Friedrichs II. (di ) begegnet sind, machen den immer wieder-
kehrenden Schmuck auch der Rubingläser dieser Zeit aus
(Abb. 186, Mitte). Als plastischer Dekor treten bei den
kräftig-schweren Pokalen und Bechern natürlich auch die
üblichen Spitzblattbordüren auf; bei prächtigeren Exem-
plaren wird der reiche, starkplastische Akanthus verwendet;
so bei dem großen, sonst undekorierten Pokal der Berliner
Sammlung (Abb. 187, Mitte), bei verschiedenen Stücken im
Kasseler Museum (mit hessischem Wappen, Trophäen und
Putten in Hochschnitt) und bei einem vorzüglichen Becher
im Hamburgischen Museum, der außer dem Akanthus pracht-
volle hochgeschnittene Fruchtbündel zeigt.
Sechs- und achtkantige Schraubflaschen, Kannen (Abb.
187, rechts) und Dosen auf Kugelfüßen, dicke Becher und
große Schalen sind in dieser Zeit häufig anzutreffen. (Das
Berliner Kunstgewerbe-Museum besitzt eine sehr gute Samm-
lung derartiger Rubingläser, in Schr. 541).
‚Es ist unnötig, die weiteren Formwandlungen der Rubin-
pokale hier aufzuzeigen, .da sie sich völlig an die Typen der
jeweils in Mode stehenden farblosen Kristallgläser hielten.
Von dem Administrator Krieger, der die Potsdamer
Hütte von 1719 an bis zu ihrem Ende leitete, ist bekannt,
daß er das Rubingeheimnis beherrschte, und Pokale, die ihrer
Form nach in die 1730 er Jahre gehören, legen Zeugnis davon
ab. Dagegen ist nicht ein Rubinglas erhalten, das mit ab-
soluter Sicherheit in die Zechliner Epoche zu versetzen wäre.
Rotes Überfangglas verstand man dort — wie ander-
wärts auch — allerdings zu machen, wenigstens im 19. Jahrh.,
wie eine kleine Rundscheibe mit dem Wappen der Imhof
(Raum 31) beweist, die die Inschrift trägt: Zechlin 1820.
Wir wissen aus Kunckels Schriften, daß er sich außer
mit dem Rubinglas auch mit allerhand andern Glasfärbungen
eingehend beschäftigt hat. Auch dafür sind Beispiele vor-
handen. So zeigt ein großer blauer Becher der Berliner
Sammlung die typischen dünnen Ranken des ausgehenden
17. Jahrh. mit Fruchtbündeln und Vögeln (Schr. 541. — Der
Deckel mit dem Wappen eines J. G. Kahlenbach ist 1753
neu dazu gearbeitet, und zwar aus blauem Überfangglas).
328 Das deutsche Glas.
Ferner besitzt das Brit. Museum einen etwa 30 cm hohen
Pokal der frühen Potsdamer Form aus tiefblauem Glas mit
dem geschnittenen Monogramm der Königin Sophie Char-
lotte. Der Pokal muß also zwischen 1701 (Krönungsjahr)
und 1705 (Sterbejahr der Königin) entstanden sein.
Weiter steht ein seiner Form nach bereits aus der Zeit
um 1725 stammender, prächtig smaragdgrüner Deckelpokal
im Schloß zu Ballenstedt; und in Zechlinerhütte (Privat-
besitz) befindet sich ein kleines Deckelglas aus hellblauer,
fast opaker Masse, die, gegen das Licht gehalten, blutig rot
durchscheint. Das Märkische Museum besitzt mehrere große
Achatglasvasen, die aus den verauktionierten Beständen der
Zechliner Hütte erworben wurden.
Wo die sehr guten, in antikisierendem Stil mit Blatt-
ranken usw. silbern bemalten Farbengläser vom Anfang des
19. Jahrh. entstanden sind, von denen das Berliner Kunst-
gewerbe-Museum mehrere ausgezeichnete Exemplare auf-
weist, ist nicht sicher; ausgeschlossen ist ihr Ursprung in der
Zechliner Hütte aber nicht. Natürlich sind auch in vielen
andern deutschen Hütten während des IS. und ım Anfang
des 19. Jahrh. Farbengläser geblasen worden, so in Hessen
(s. S. 346) und in Böhmen. Form und Schnittcharakter
klären oftmals sofort über die Abstammung der Stücke auf;
bei vielen Exemplaren jedoch bleibt die Heimat ungewiß.
{Verschiedene solche Gläser in Schr. 541.)
Nürnberg und Thüringen im 18. Jahrhundert.
In Killinger hatte die Nürnbergische Schwanhardt-
Schwinger-Tradition ihren letzten Vertreter während des
ersten Viertels des 18. Jahrh. gefunden. Wie er noch die
alten, dünnwandigen Hohlbalusterpokale neben den modernen
Kristallgläsern verwendete, so war auch noch ein starker
Einschlag des Barockstils in seinen — meist landschaft-
lichen — großen Darstellungen zu erkennen.
Aber auch für Nürnberg kam der neue Geschmack des
Laub- und Bandelwerkstils, dessen zierliche Ornamentik sich
oft noch mit dem bildmäßigen Dekor der vorhergehenden
Zeit zu sehr feinen Wirkungen verbindet.
In einem Meisterbuch der Nürnberger Handwerke aus
dem Anfang des 18. Jahrh. (im Städtischen Archiv, Nürn-
berg) 137) wird unter mehreren andern Glasschneidern ein
Anton Wilhelm Mauern zoenannt Wizsndengdez
glücklichen Lage, einige seiner Werke nachweisen zu können
und so einen festen Anhalt für die besondere Art des da-
Nürnberger Glasschnitt des ı8. Jahrh. A. W. Mäuerl. 329
maligen Nürnber-
ger Glasschnitts
überhaupt zu be-
kommen. Der in
Abb. 188 wieder-
gegebene Deckel-
humpen des Muse-
ums in Weimar,
mit dem vollen
Namen »Anthoni
Wilh. Mäuerl« be-
zeichnet, gibt ein
charakteristisches
Bild von dieser
Sonderart gegen-
über der böhmi-
schen Gruppe. In
Böhmen zeigte der
Laub- und Bandel-
werkstil dieser frü-
hen Zeit meist ein
viel lockereres Ge-
präge; das Band-
werk war mehr fa-
denartig behan-
delt, und das Ganze
machte oft denEin-
druck nur zufällig
ohne innere Be- Abb. 188. Deckelhumpen von Ant. Wilh. Mäuerl.
eründung zusam- Nürnberg um 1715. (Weimar, Museum.)
mengestellter Or-
namentmotive. Mäuerl und der Nürnberger Kreis um ihn
liebt ein festeres Gefüge, gestützt besonders durch größere
oder kleinere Medaillons allegorisch-symbolischen Inhalts,
um die herum das bestimmt gruppierte Ornament sich breitet.
Die fest konturierten Bänder zerlegen bei manchen Stücken
die Fläche in verschieden geformte Abschnitte, in denen die
üblichen Blumengehänge und, in Nürnberg besonders beliebt,
Vögel angebracht sind, ruhig dasitzend, mit zurückgewende-
tem Kopf oder mit den Flügeln schlagend. Gern werden
einzelne Teile der Fläche durch Parallelschraffuren mattiert.
Eine zweite bezeichnete Arbeit Mäuerls besitzt das Ger-
manische Museum (Nürnberg) in einem kleinen Becher, bei
dem das Ornament — dem geringen Raum entsprechend —
spärlicher ist. Dann aber gehört dem Künstler sicher noch
an eine Schraubflasche im Prager Museum mit blankge-
schnittenen Chineserien auf mattiertem Grund, und beson-
330 Das deutsche Glas.
IE N. ee 4 er
ÜRESCENFL N
= ILIIR%
Abb. 189. Teilabrollung eines Bechers mit Wappen der Holzschuher und Tucher.
Unbez. Arbeit von Ant. Wilh. Mäuerl. Nürnberg um 1715. (Berlin, Kunstgew.-Mus.)
ders noch ein kräftiger, auf drei massiven Füßen ruhender
Becher im Berliner Kunstgewerbe-Museum (Abrollung in
Abb. 189). Die Blumen, Bänder, Vögel usw. zeigen die-
selben charakteristischen Merkmale wie auf dem Weimarer
Humpen; hinzu kommen Kettengehänge aus blankgeschnitte-
nen Perlen und Diamantquadern, die für eine später zu be-
handelnde Nürnberger Gruppe typisch werden. Die Ver-
wandtschaft mit gewissen böhmischen Arbeiten in Einzel-
heiten, wie in den Fruchtgehängen, wird durch Technik und
Zeitgeschmack genügend erklärt. (Vgl. auch die Ornamen-
tik Deckers in Abb. 150).
Das Germanische Museum besitzt noch einige Becher
und Pokale, die Mäuerl selbst oder andern in gleicher Manier
arbeitenden Nürnberger Glasschneidern zugewiesen werden
müssen. Nürnbergische Wappen bestätigen meist die Her-
kunft. Einer der spätesten Ausläufer dieser Gruppe dürfte
ein Monogrammist 3£ sein, der einen Pokal dieses Museums
signiert hat, mit Mars auf Kriegswagen, Trophäenobelisken
und Inschrift in einer Kartusche, deren stark bewegte Form
bereits den Übergang zu Rokokotendenzen erkennen läßt.
Demselben Künstler gehört auch der Pokal mit dem Wappen
von Lothringen-Toskana im Berliner Kunstgewerbe-Museum
an (s. Vorb.-Heft Tar. 3, Rio. 2), dessen krausegRamkene
ornamentik zu der späten Zeit, nach 1737, paßt, in die das
Glas der Wappen wegen versetzt werden muß.
Als Nürnberger Glasschneider werden mit A. W. Mäuerl
zusammen noch genannt: Mich. Daum, Sal. Christ. Müller,
Conr. Tischberger, Joh. Gg. Christoph Gottl. Cron, Joh. Büche-
lein, Joh. Leonh. Käul; ferner Elias Schmidt (mit dem Datum
5. Aug. 1727), Seb. Magnus Kreichauf (12. Juni 1728), Gg.
Rost (25. Juni 1733) und Christian Ritter (26. März 1737).
Nürnberger Glasschnitt des 18. Jahrh. Mäuerl. Schwartz, 331
Die Glasschneider bildeten
in Nürnberg eine »freie
Kunst«, kein eigentliches
Handwerk. Daher sind keine
Handwerksordnungen von
ihnen erhalten.
Die Namen anderer
»Kunst - Zierrath - Crystall -
und Glasschneider«, die von
1745 bis 1782 in dem ange-
führten Meisterbuch' des
StädtischenArchivsinNürn -
berg aufgezählt werden, be-
ziehen sich sicherlich nicht
auf Hohlglasdekorateure,
sondern auf Spiegelschleifer.
Der künstlerische Glas-
schnitt auf Pokalen usw.
hat um 1750 in Nürnberg
gänzlich aufgehört, während
die Spiegelfabrikation, be-
sonders in Fürth, sich noch
lange einer großen Blüte
erfreute. Eine Bestätigung
erhält diese Ansicht da-
disehmadans aucht bei der
herrschaftlichen Spiegelfa-
brik in Kassel Arbeiter
mit dem Titel »Zierrath-
Schneider« angestellt wa-
ren.
Aus der großen Zahl
anonymer Glasschnittarbei -
ten der ersten Hälfte des
18. Jahrh. läßt sich aber
noch eine Glasgruppe her-
ausschälen, die zwei be-
stimmten, uns dem Namen
nach bekannten Künstlern
zuzuweisen sind, von denen
Abb. 190. Pokal von S. Schwartz, um
1730—32. (Feste Koburg.)
wenigstens einer nachweisbar in nahen Beziehungen zu
Nürnberg gestanden hat.
Wohl der ältere von ihnen, und vermutlich der Lehrer
des andern, war ein gewisser S. Schwartz. Fr hat das
in Abb. 190 wiedergegebene Glas der Feste Koburg geschnit-
ten, mit einer auf die Augsburger Konfession und Herzog
Friedrich II. von Sachsen-Gotha (} 1732) bezüglichen Dar-
232 Das deutsche Glas.
stellung (der Deckel mit
Pyramidenknauf gehört
nicht dazu). Durch die
große Übereinstimmung
im Dekor mit diesem in
den 1730 er Jahren ent-
standenen Glase sind
noch zwei andere, im
Schloß zu Altenburg be-
wahrte Pokale dem
Schwartz zuzuschreiben,
die durch Chronostichen
in ‘die Jahrer rznesıme
1719 datiertwerden. Das
eine zeigt das Porträt
Karls Vl.2 (Apps?
das andere ein Brust-
bild des Prinzen Eugen,
umrahmt von Trophäen,
Putten und allegorischen
Gestalten. Der Schnitt
ist ziemlich kräftig, die
Figuren derb, aber recht
gut; die ornamentale De-
koration ist bei demspä-
teren Stücke in Koburg
zierlicher geworden. Wo
dieser S. Schwartz ge-
arbeitet hat, ist unbe-
kannt. Mit Böhmen
Abb. 191. Pokal mit Porträt Kaiser Karls VI. hat er nichts zu tun
L)
von 1718. Unbez. Arbeit von S. Schwartz. trotzdem das Glasma-
Ge terial des Koburger Po-
kalse böhmischen Cha-
rakter hat; viel mehr Verwandtschaft zeigt er mit den
Nürnberger Glasschneidern dieser Zeit. Immerhin bleibt
es sehr ungewiß, ob er in Nürnberg selbst gearbeitet hat;
vielleicht ist er an einem der kleinen Thüringer Fürstenhöfe
beschäftigt gewesen. Denn auch der Glasschneider, in dem
wir seinen Schüler zu sehen glauben, hat hauptsächlich für
den Gothaer Hof gearbeitet. Das ist ein gewisser G. E.
Kunckel, über dessen Lebensdaten bisher nichts in Er-
fahrung zu bringen war. Keines der vermutlich in Betracht
kommenden Archive hat irgendeinen Aufschluß über ihn
geben können. Ein Sohn des alten Johann Kunckel von
Löwenstern war er nicht; möglich, daß er sein Enkel gewesen
ist. Näher liegt wohl die Annahme, daß er ein Sproß des in
Nürnberg und Thüringen. S. Schwartz. G. E. Kunckel. 333
Abb. 192. Pokale von G. E. Kunckel. Thüringen um 1720—30. (Feste Koburg.)
Hessen verbliebenen Zweiges dieser alten Glasmacherfamilie
war. Drei bezeichnete Arbeiten kennen wir von ihm. Das
eine Glas (Abb. 192, Mitte) bezieht sich jedenfalls auf das 25-
jährige Ehejubiläum des Herzogs Friedrich II. von Sachsen -
Gotha und seiner Gemahlin Magdalena Auguste von Anhalt-
Zerbst, denn das unter einer Allegorie (Vermählung von
Stärke und Klugheit) angebrachte Datum 1696 auf der Rück-
seite ist stilistisch unmöglich; 1721 würde durch die Analogie
mit andern Werken dieser Zeit vorzüglich passen. Das Glas
ist unter dem Boden bezeichnet: »Kunckel«e. Das größere
Glas in Abb. 192, links, trägt Wappen und Monogramm des-
selben Fürsten (1693 bis 1732) und ist bezeichnet »G. E.K
fec.«. Ein Zweifel, daß es sich auch hier um Kunckel handelt,
ist absolut ausgeschlossen. Das dritte, »Kunckel. fec.« be-
334 Das deutsche Glas.
zeichnete Glas befindet sich auf Schloß Ballenstedt, zeigt
Wappen und Monogramm des als Erbprinz 1732 gestorbenen
Johann Wilhelm von Sachsen-Weimar-Eisenach, und auf
der Rückseite fünf schlafende und einen wachenden Kranich
mit der Devise »Me stante nil timendum«. Der Stil Kunckels
ist durch diese drei Arbeiten so fest umrissen, daß man dem
Künstler weiter eine große Zahl anderer unbezeichneter Gläser
zuweisen kann. In der Beherrschung des Schnittes und im
Herauslocken delikatester Wirkungen hat es ihm kein einziger
Glasschneider vorausgetan. Die Art, wie er Blankschnitt
und Mattschnitt miteinander abwechseln läßt, ist ganz her-
vorragend. Zu den typischen Elementen seiner feinen, nie
überfüllenden Dekoration gehört eine etwas eigenwillig ge-
schwungene Blattranke mit blankgekugelten Beeren, ferner
ein reiches, manchmal von Diamantquadern unterbrochenes
Perlengehänge, Girlanden, die aus kleinen Blütenkelchen
zusammengesetzt sind, und schabrackenartige Lambrequins
mit Gittermusterung und herabhängenden Edelsteinquasten.
Er hat für einen sehr großen Kundenkreis gearbeitet, am
meisten aber ist er für den Gothaer Hof tätig gewesen; auf
der Feste Koburg steht eine große Zahl von ihm geschnittener
Pokale von 1721 bis 1748, darunter Geburtstagsdedikationen
der Söhne Friedrichs II. für ihren Vater (1726 und 1730),
eins mit Ansicht von Gotha; ferner Hochzeitsgeschenke für
Friedrich III. und mehrere Gläser mit Ansicht des Schlosses
Friedenstein in Gotha. Die Menge dieser Arbeiten macht
es wahrscheinlich, daß er — wenigstens zeitweilig — in Gotha
ansässig gewesen ist. Gläser wie das erwähnte in Ballenstedt,
wie das in Abb. 192, rechts wiedergegebene mit Monogramm
des Herzogs Joh. Ernst von Sachsen-Saalfeld, mit Ansicht
der Stadt Saalfeld und dem Datum 1721 mögen als fürstliche
Geschenke gedient haben, ebenso wie die vor 1726 entstande-
nen Gläser mit Allianzwappen von Sachsen-Weissenfels und
Brandenburg-Bayreuth in der Sammlung Mühsam (Berlin)
und die mehrfach (z. B. im Frankfurter Kunstgewerbe-
Museum, in den Schlössern von Berlin und Charlottenburg,
in der Sammlung Schöller, Berlin) vorkommenden Pokale
mit preußischem Wappen.
Dann aber hat Kunckel sehr viel auch für Nürnberger
Besteller gearbeitet, und eine gewisse Verwandtschaft mit
den Werken des A. W. Mäuerl läßt sich nicht verkennen,
ohne daß man irgendwelche direkten Abhängigkeitsverhält-
nisse daraus konstruieren dürfte. Auf Nürnberg sich be-
ziehende Gläser Kunckels besitzen u. a. das Leipziger und
das Prager Museum, das Germanische Museum, Schloß
Stolzenfels sowie die Sammlung Schöller (Berlin), deren eines
— vielleicht das interessanteste — die Abrollung in Abb. 193
G. E. Kunckel. 335
wiedergibt. Es
zeigt die Wappen
von fünf der füh-
renden Nürnber-
gerPatrizierfami-
lien und ein auf
mattem Grund
vorzüglich ge-
schnittenes Her-
renporträt. Es
ist die Frage, ob
irgendeiner der
böhmisch -schle -
sischen Glas-
schneider zu einer
so hervorragen-
den Leistung fä-
hig gewesen wäre.
Mehrmals kom-
men auch Bezie-
hungen zu den
fränkischen Gra-
fen Schönborn
vor, so bei einem
Pokal des Berli-
ner Kunstgewer-
be-Museums mit
Wappen undMo-
nogramm des
Grafen Franz Ge-
org von Schön-
born, der 1729 bis
1756 Erzbischof
von Trier war (s.
Vorb.-Heft Taf.
13, Fig. 1). Eine
weitere Aufzäh-
lung der zahl-
reichen Arbeiten des G. E. Kunckel ist zwecklos, da
sein Stil so charakteristisch ist, daß nach den abgebildeten
Proben eine Verwechslung kaum möglich sein dürfte. Hin-
gewiesen seinur noch auf eine Anzahl kleiner, glockenförmiger
Becher im Germanischen Museum, die mit Kunckel zusammen-
hängen und, wenn nicht eigene Arbeiten, so doch Arbeiten
seiner Werkstatt gewesen sein müssen. Eine große Werkstatt
hat Kunckel aber sicher nicht gehabt; mit wenigen Aus-
nahmen zeigen alle hier in Betracht kommenden Gläser den
Ah
DLER>Y)
er
Re
‚®
Thüringen um 1730.
(Berlin, Sammlung Schöller.)
Abb. 193. Abrollung eines Pokals von G. E. Kunckel.
336 Das deutsche Glas.
untrüglichen Charakter seiner Meisterhand, und mit seinem
wohl noch vor 1750 erfolgten Tode erlischt sofort jede Tradi-
tion. Kein Glas der Gruppe hat den Übergang zum Rokoko
mitgemacht.
Die Formen der Gläser, die Kunckel mit Schnittdekor
verziert hat, sind äußerst mannigfaltig und zeigen dadurch
schon, daß er nicht im Zusammenhang mit einer Glashütte,
wie das in Böhmen-Schlesien und Brandenburg fast immer
der Fall war, gearbeitet hat. Gläser von der ruhigen böhmi-
schen Balusterform kommen vor; die pseudofacettierten
Pokale mit oder ohne Diamantquadern auf der Schulter des
Schaftes, die jedenfalls hessischen Hütten entstammen
(s. S. 343), überwiegen; ja, auch einen der alten Nürnberger
Hohlbalusterpokale mit blauer Kuppa hat er einmal dekoriert
(Bayrisches Gewerbe-Museum, Nürnberg).
Auch dieser verschiedenen Glasformen wegen muß man
also am ehesten an ein Gebiet denken, wo mehrere Einflüsse
sich gleichzeitig und nahe beisammen geltend machten, und
auch da wieder kommt am meisten Thüringen in Betracht,
das zwischen Hessen, Sachsen und Franken gelegene Gebirgs-
land mit seinen vielen kleineren und größeren Glashütten,
die sicher auch böhmischen Einfluß in sich aufgenommen
hatten. Es ist bereits von mehreren Thüringer Hütten die
Rede gewesen, besonders von denen in Lauscha und in der
Schleusinger Gegend (s. S. 135). Hier — bei den pseudo-
facettierten Gläsern — mag die Aufmerksamkeit auf eine in
Zillbach bei Wasungen, also noch etwas weiter westlich
gelegene Hütte gelenkt werden, die sicherlich in engem Kon-
nex mit den hessischen Hütten stand. 1461 bereits sollen
zwei Brüder Kunckel diese Glashütte angelegt haben 132),
und auch im letzten Drittel des 17. Jahrh. hat sie keinen
schlechten Ruf gehabt, denn Johann Kunckel 133) erwähnt
ihre Produkte in folgendem Satze: »Mercke, das Venedische
Glas schmeltzet eher als die Waldscheiben, und das Wald-
Glas eher denn das Zielbacher-Glas, und das Zielbacher-Glas
eher denn das Hessische-Glas.«
Daß im übrigent.die, Whmurın ern SEnErgere eins
viel geschnittenes Glas hervorgebracht haben, steht fest.
In P. J. Marpergers »Kauffmanns Magazin« (Hamburg 1708,
S. 538) heißt es, daß »Glashändlers aus Böhmen, Thüringen
und Hessen fast gantz Europa mit ihren geschnittenen Trinck-
gläsern durchlauffen«; einen weiteren Beweis bietet der große
Bestand von Gläsern vorwiegend des IS. Jahrh., der in Thü-
ringen selbst erhalten ist. Die Mehrzahl dieser Produkte
aber erhebt sich nicht über ein ziemlich handwerkliches
Mittelmaß. Einige Ausnahmen mögen hier und da vorge-
kommen sein, sind für uns aber vorläufig als Thüringer Ar-
Glasschnitt. Thüringen. Sachsen. 337
beiten nicht erkennbar. Für Lauscha wird zur Zeit des
Herzogs Johann Casimir (f 1633) ein J. M. Knye genannt,
der zugleich Glasmacher und Glasschleifer gewesen sein soll,
was in dieser frühen Zeit etwas bedenklich erscheinen mag;
ob der in Arnstädter Akten von 1703 bis 1722 erwähnte Maler
und Glasschneider Pius Rösel 134) wirklich etwas Tüchtiges
geleistet hat, bleibt ebenfalls eine offene Frage.
Kennzeichen einer thüringischen Hütte des IS. Jahrh.
scheint eine in Analogie zu dem hessischen Löwen (s. S. 344)
über den Pfeifenansatz hingeschliffene Rosette gewesen
zu sein, die bei schweren, kräftigen Gläsern, besonders in den
Sammlungen in Rudolstadt und Schwarzburg, vorkommt.
Zum künstlerisch geschnittenen Glas aber kann man diese
Produkte nicht rechnen.
Sachsen.
Daß das Kurfürstentum Sachsen bereits seit dem
16. Jahrh. an der Glasfabrikation beteiligt war, wurde bei
Gelegenheit der emaillierten Gläser schon erwähnt (S. 192).
Ob das klare Glas der böhmischen Art mit Schliff- und
Schnittdekor auch schon frühzeitig in den sächsischen Hütten
hergestellt wurde, ist weniger wahrscheinlich; die erste Grün-
dung einer Hütte, in der u.a. »Christallingläser« gefertigt
wurden, scheint 1692 auf Körbin bei Pretzsch, Kreis Witten-
berg (damals noch sächsisch), stattgefunden zu haben, durch
einen Baron de Westmal mit Hilfe der drei Brüder Maximilian,
Constantin und Georg Fremel (vgl. Berling, S. 205).
Wegen Mangel an Brennholz konnte die Hütte nicht lange
bestehen; Ende 1695 machten die Gebrüder Fremel dem Kur-
fürsten den Vorschlag, zwei neue Hütten anzulegen, die eine
für geringere Gläser in Glücksburg bei Seida, die andere für
besonders seltene Glaswaren in Dresden. Es scheint nun,
daß der berühmte Physiker Ehrenfried Walter von Tschirn-
haus, der Freund und Berater Böttgers, nachdem er bereits
in der Pretzscher Glashütte durch einen der Brüder Fremel
die zu seinen optischen Versuchen notwendigen riesigen Glas-
tafeln hatte herstellen lassen 135), sich auch weiter für das
Unternehmen interessierte. Seiner Fürsprache ist es jeden-
falls zu danken, daß der Plan der Gebrüder Fremel wenigstens
teilweise zur Ausführung kam und 1699 die Dresdner Hütte
vor dem Wilsdruffer Tor an einem Nebenarm der Weisseritz
erbaut wurde. 136) — Inwieweit das bräunlich marmorierte
sogenannte »Tschirnhausglas«, von dem in Dresden (Por-
zellansammlung) einige Proben bewahrt werden, wirklich
seinen Namen verdient, müßte noch festgestellt werden; die
Schmidt, Glas. 22
338 Das deutsche Glas. ER
meisten derartigen, in vielen Sammlungen stehenden Gläser
haben mit Tschirnhaus sicher nichts zu tun, sondern sind
böhmische Erzeugnisse vom Anfang des IQ. Jahrh.
Im ganzen werden drei Glashüttengründungen dem
Tschirnhaus zugeschrieben, und es heißt, daß dadurch »dem
Lande wenigstens 20 000 Thaler jährlich, die sonst für Glas
nach Böhmen gegangen wären, erhalten wurden« 137). Die
gegen das frühere Bestehen von Glashütten in Sachsen häufig
ins Feld geführte Anmerkung Zieglers 138), daß diese drei
Hütten »wohl die ersten im Lande gewesen sein werden«, ist
sicherlich aber nur auf Kristall- bzw. gutes Kreideglas zu
beziehen.
Die Angaben über das Gründungsjahr der Hütte bei
Dresden widersprechen sich allerdings; so zitiert O’Byrn
(a. a. 0. S. 174) das 1726 in Leipzig erschienene »Königliche
Dresden«, in dem es heißt: »Die Glasehütte ohnweit ÖOstra,
so 1696 erbaut, an der Weiseritz, in welcher alle Arten derer
Gläser von denen Glas-Machern und Glas-Blasern verfertiget,
von Glas-Mahlern verzieret, oder geschliffen, auch poliret,
und von dem Factor um civilen Preis verkaufit werden.«
Weiter sagt er, 1715 habe der König sich über den Rückgang
der Hütte beklagt und einen Wiederaufschwung durch Ver-
bindung mit einer Spiegelmanufaktur erhofft. Der Hof habe
dem Institut viel Beschäftigung durch Aufträge für Service,
Kron- und Wandleuchter gegeben.
Der einzige Künstlername, der bisher mit der Hütte in
Verbindung zu bringen ist, ist der des Faktors und Glas-
schneiders Erich Nicolaus Noor, der von 1729 bis 1744 hier
tätig war. Sonst wird noch in Dresden 1743 ein Hofglas-
schneider Johann Ferdinand Montbassault (T 1747) genannt
(O’Byrn, S. 175). Tschirnhaus ließ Polier- und Schleif-
maschinen in der Hütte aufstellen, aus deren Leitung die
Brüder Fremel aber 1703 schon wieder ausschieden (Maxi-
milian Fremel nahm 1706 die Altmündener Hütte im Hessi-
schen zur Bereitung von Kristallglas auf 6 Jahre in Pacht,
konnte sich aber auch dort nicht halten und ging vor 17IO
auf und davon; vgl. Landau, S. 330). Unter den Kriegs-
unruhen hatte der Betrieb sehr zu leiden, und wir hören,
daß 1709 der Porzellanerfinder Böttger dem neuen Pächter
der Hütte bei deren Instandsetzung behilflich war. Seit
1710 ging er an die Wiederaufrichtung der Schleif- und Polier-
mühle, die jetzt ebenfalls an die Weisseritz verlegt wurde 139).
Man darf wohl annehmen, daß Böttger, der in persönlichem
und brieflichem Verkehr mit Kunckel gestanden hat, auch
für die Glasfabrikation Interesse gehabt hat; damals aber
hatte seine Beschäftigung mit der Schleifmühle einen beson-
deren Zweck: er ließ dort das eben erfundene braune Steingut
Glasschnitt. Sachsen. 339
schleifen und mit Schnittdekor versehen. 1710 bis 1711
arbeiteten hier für ihn Io bis 12 Glasschneider und -schleifer 140),
1712 waren IQ beschäftigt, allerdings nur 6 in Dresden selbst;
drei andere arbeiteten in Meissen und die übrigen in Böhmen,
wo ihnen von Dresden aus die Muster vorgeschrieben wurden.
Und in der Tat haben die geschnittenen braunen Kannen,
Näpfe, Krüge usw. sehr häufig einen Dekor, der sich mit dem
der böhmischen Gläser jener Zeit vollkommen deckt; beson-
ders beliebt waren die Grottesken und das Laub- und Bandel-
werk in der Art Deckers. Daher wird man vermuten dürfen,
daß auch die sächsischen Gläser jener Zeit den böhmischen
sehr ähnlich gewesen sind, denn sicherlich ist die Raffinierung
der sächsischen Gläser auch zum größten Teil von ausge-
wanderten Böhmen vorgenommen worden. Noch 1750
wird — abgesehen von der Ausfuhr von Rohmaterial —
über die Abwanderung vieler guter »Schleifer, Schneider,
Kugler und Maler« aus Böhmen nach Sachsen geklagt (Sche-
bes 370):
Wie groß die Kristallglasfabrikation in Sachsen überhaupt
war und wieviel Hütten neben der Dresdner, die in den 1750 er
Jahren wieder einging, noch im Laufe der Zeit gegründet
worden sind, läßt sich bisher nicht sagen; sicher ist nur, daß
Sachsen eine ganz beträchtliche Menge von gutem Glas im
18. Jahrh. hergestellt hat. Denn noch 1772 wurde »zur Be-
förderung der inländischen Glasindustrie« die Einfuhr fremden
Glases verboten (O’Byrn, a. a. O.). Bestimmte, immer bei
Gläsern mit Beziehung zu Sachsen wiederkehrende Merkmale
lassen zweifellos auf eine rege Fabrikation schließen. Immer-
hin ist die sichere Bestimmung sächsischer Gläser äußerst
schwierig und wohl niemals restlos durchzuführen.
Hier mögen einige der Kennzeichen zusammengestellt
werden, die durch die häufige Wiederkehr in Verbindung
mit sächsischen Wappen usw. ein gewisses Anrecht zur Lo-
kalisierung der betreffenden Gläser nach Sachsen geben.
So scheint z. B. das dichte Bedecken des ganzen
Schaftes und des Kuppaunterteils mit horizontal liegenden
Facetten ein sächsisches Charakteristikum zu sein (vol. die
Abb. 194, 2 u. 3). Derartige Gläser kommen sehr häufig
mit Beziehungen zu Sachsen vor. Einer dieser Querfacetten-
pokale — in Schloß Charlottenburg — mit sächsischem
Wappen, Trophäen und Ranken, besitzt auf dem Fuße die
mit Gold aufgeschriebene Jahreszahl 1692. Vielleicht ist es
nicht zu gewagt, diese Zahl mit dem Gründungsjahre der
Westmalschen Hütte bei Pretzsch in Verbindung zu bringen.
Weiter bevorzugt eine große Gruppe von Gläsern, be-
sonders in der Dresdner Hofkellerei, kräftig blankpolierte
Ranken auf mattiertem Grunde, wie sie ähnlich in Potsdam
22*
340 Das deutsche Glas.
Abb. 194. Sächsische Gläser. 1. Hälite 18. Jahrh.
(Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
hergestellt wurden. Große Blüten, Vögel und zuweilen auch
Putten sind in diese Ranken eingestreut (Beispiel in Schr. 545).
Die Form der Gläser ist von der der böhmischen kaum zu
unterscheiden; der Rankendekor dieser Art aber ist dort
nicht üblich gewesen.
Eine weitere Besonderheit sächsischer Gläser liegt darin,
daß das Unterteil der oft stark ausgebauchten Kuppa und
auch der Deckel sehr häufig mit einem mattierten Kelch-
ornament, in Form von Rundbögen, ovalen Augen usw.,
versehen ist, aus denen dann wieder noch polierte Kugeln
herausgeschliffen sind. Die Porzellansammlung in Dresden
besitzt z. B. eine ganze Reihe so dekorierter Gläser. Ein
leises Schielen nach Potsdamer Motiven ist dabei nicht zu
verkennen.
Bei einer andern sächsischen Gruppe scheint eine Vor-
liebe für völlig blankpolierten Figurenschnitt geherrscht zu
haben, wie ihn z. B. ein querfacettiertes Stangenglas der
Berliner Sammlung mit Allegorien der Jahreszeiten (Abb.
194, 3), ein hohes Glas im Leipziger Museum mit Neptun
und der Arche Noäh und viele andere Exemplare zeigen.
Glasschnitt. Sachsen. 341
Die Form der hohen,
spitzen Kelchgläser ist
sicherlich auch in Sachsen
heimisch gewesen. Sehr
häufig kommen derartige
Stücke mit dem Monogramm
Friedrich Augusts II. (1733
bis 1763) vor (Abb. 194, I).
Sodann sei, als auf ein
jedenfalls sächsisches Merk-
mal, aufmerksam gemacht
auf die eigenartige Form
einer kleinen, mattgeschnit-
venenseNameranlenn dien
in Abb. 194, Tersichtlich —
aus lauter stacheligen Blät-
tern mit umgeschlagener
Spitze besteht. Ferner sind
bei sächsischen Gläsern viel-
fach zu finden Monogramm-
oder Porträtkartuschen aus
eigenartigem Rollwerk mit
Kugelungen undOlivschnitt,
umgeben von Palm- und
Lorbeerzweigen oder von
festgefügten, ganz charak-
teristischen Blumenbündeln
(Abb. 194, I und 196), wie
sie auf böhmischen Pokalen
kaum zu beobachten sind.
Unter Vorbehalt sei
weiter eine große Gruppe
von Gläsern nach Sachsen
lokalisiert, die sämtlich in
der Zeit von etwa 1745 bis
1770 entstanden und fast
durchwegim Rokokostil ver-
ziert sind. Das Glasmate-
rial dieser Gruppe ist eigen-
tümlich seegrün und sticht
von den Fabrikaten aller
andern bekannten Hütten
ab Bneschr beliebtes
Ziermotiv sind gewölbte,
Abb. 195. Pokal mit Ansicht von Magde-
burg. Sachsen um 1750. (Berlin, Kunstge-
werbe-Museum.)
pfeifenartige Auflagen am Unterteil der Kuppa; auch stark
gehäufte Luftblasen ebenda und im Knauf sowie Ver-
goldung trifft man vielfach an. ° Derartige Gläser kommen
342 Das deutsche Glas.
Abb. 196. Pokal mit aufgeklebtem Relieiporträt der Königin Maria Josepha.
Sachsen um 1740. (Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
Glasschnitt. Sachsen. Hessen. 343
häufig mit Beziehung zu Sachsen, aber auch zu Rußland
(z. B. mit Porträt der Kaiserin Elisabeth in Koburg und
Flensburg) usw. vor; derbe Genreszenen (Leipzig und Märki-
sches Museum) sind nicht selten. Ein besonders stattliches
Exemplar mit reicherem Schliffdekor im Berliner Kunst-
gewerbe-Museum zeigt eine Ansicht von Magdeburg mit
Widmung an die Kgl. Preußische Nutz-Holz- Administration
in Rokokoumrahmung (Abb. 195). Aufmerksam gemacht
sei bei den in Abb. 194—196 wiedergegebenen Gläsern auf
die starke Übereinstimmung im Aufbau des Schaftes, der
sich von der festgefügten, wohl abgewogenen Form der
böhmisch -schlesischen wie auch der potsdamer Pokale ganz
beträchtlich unterscheidet.
Als sichere sächsische Spezialität, die nur sehr selten
in andern Gegenden anzutreffen ist, kann endlich das Auf-
kleben von geschnittenen Reliefporträts auf die Gefäßwan-
dung angesehen werden. Meist sind es die Brustbilder
Augusts Oi, (Friedr. Aug. 1].) und der Königin Maria Jo-
sepha (s. Abb. 196); selten kommen andere Porträts, wie
etwa das des Herzogs Victor Friedrich von Bernburg (Ballen-
stedt, Schloß), Kaiser Karls VI. (Wien) u. a. vor. Besonderes
Interesse mag ein Pokal mit dem Reliefporträt des Grafen
Brühl (Museum zu Sigmaringen) beanspruchen.
Von der ebenfalls sicher sächsischen Spezialität des
Reliefgolddekors wird später die Rede sein (S. 358).
Hessen.
Hessen, das Hauptglasgebiet im westlichen Deutschland,
hat sich natürlich auch an der Kristallelasfabrikation und
an der Raffinierung durch Schliff und Schnitt beteiligt. Von
früh an scheint allerdings seine Hauptbedeutung auf mehr
industriellem Gebiete gelegen zu haben, besonders auf dem
der Scheibenfabrikation. Das hessische Tafelglas hatte schon
zeitig einen sehr guten Ruf.
Durch die auf S. 336 angeführte Bemerkung Marpergers
vom Jahre 1708 wird der Glasschnitt für Hessen bezeugt,
und die erhaltenen Denkmäler geben seiner Behauptung recht.
Man kann eine große Menge geschnittener Gläser des 18. Jahrh.
— frühere sind nicht nachzuweisen — als hessische Fabrikate
identifizieren. In der ersten Hälfte des Jahrhunderts waren
in den hessischen Hütten besonders beliebt die Gläser mit
pseudofacettiertem Schaft, d.h. mit einem Schaft, der nicht
durch nachfolgenden Schliff, sondern durch Formung im
heißen Zustand eine eckige, meist vierkantige Form erhalten
hat. Sehr häufig sind als eigenartiges, charakteristisches
344 Das deutsche Glas.
Schmuckmotiv an der brei-
testen, oberen Stelle des
Schaftes kleine Diamant-
quader aufgelest (der in
Abb. 192, Mitte, wiederge-
gebene Pokal zeigt, beson-
ders gut am Deckel, dies
Formschema). Derartige
Gläser finden sich vielfach
in den hessischen Samm-
lungen mit Wappen von
Hessen, Fulda usw. Diese
Formen sind dannaberauch
nach Westen (Lüttich) und
nach Osten (Thüringen)
weitergetragen worden, je-
Abb. 197. Einfache hessische Glasiormen denfalls durch die wander-
des 18. Jahrh. (Kassel, Museum.) lustigen hessischen Glas-
arbeiter.
Im weiteren Verlauf des I8. Jahrh. entwickelten sich
einige Formen, die speziell für die hessischen Glashütten
typisch sind und in andern deutschen Gegenden nur selten
angetroffen werden. Charakteristisch ist bei diesen Gläsern
der hohe, glockenförmige Fuß und der gewöhnlich nach innen
umgeschlagene Fußrand. In der massiven Schwere des
Glases haben die hessischen Produkte wohl einige Ahnlich-
keit mit den brandenburgischen; diese aber besitzen fast nie
den umgeschlagenen Fußrand. Die ziemlich schlichte Schaft-
form ist aus der Abb. 197, rechts, ersichtlich; bei besseren
Stücken wird Schaft und Kuppaunterteil meist facettiert,
bei den einfachen Arbeiten bleiben sie undekoriert. Sehr
beliebt war das Einstechen von Luftblasen im Knauf und in
dem gewöhnlich sehr dicken Boden der Kuppa. Der Deckel
zeichnet sich durch eine sonst fast unbekannte Flachheit
aus (Abb. 198 bis 200).
Bei sehr vielen Gläsern, besonders aus der zweiten Hälfte
des 18. Jahrh., bemerkt man unter dem Fuß an der abge-
schliffenen Stelle des Pfeifenansatzes die mattgeschnittene
Figur eines aufrechtstehenden Löwen. Eine Tradition besagt,
daß dieser Löwe die Fabrikmarke der »Lauensteiner Hütte«
gewesen sei. Es ist jedoch bisher trotz vielfacher Nach-
forschungen nicht gelungen, eine solche Hütte in Hessen fest-
zustellen. Unter den unendlich vielen Hütten, die Landau
anführt, ist nicht davon die Rede, und die einzige alte Er-
wähnung im Leipziger Intelligenz-Blatt von 1765 (Nr. 27)
läßt uns über die Lokalität ebenfalls im Unklaren. Es heißt
da nur: »das bekannte Lauensteiner Glas wird blos bey Stein-
Glasschnitt. Hessen. 345
kohlen gebrannt« Ob
der Löwe, das hessische
Wappentier, nicht etwa
nur die Fabrikmarke der
herrschaftlichen, ver-
pachteten Altmündener
Eike saswyarı dies zeit.
weılig unter Leitung von
Mitgliedern der Familie
Gundlach stand und vor-
zugsweise für Kristallglas
(aber auch für gutesKrei-
deglas) eingerichtet war ?
Beirz einigen? "Gläsern
kommt in Verbindung
mit dem Löwen noch
eine Mondsichel vor;
auch ein Stern istin einer
Hütte gebräuchlich ge-
wesen.
Hier mag daraufhin -
gewiesen sein, daß das
Monogramm FR, das so
häufig auf Gläsern vor-
kommt, sich nicht immer
auf Friedrich den Großen
bezieht, sondern sehr oft
auch auf den Landgrafen
Friedrich I. von Hessen
(1730 bis 1751) Bezug
nimmt, der durch seine
Vermählung mit Ulrike
Leonore, der Schwester
Koanlsensllie sr seitss1720
zugleich König von
Schweden war.
Der Schnitt scheint
sich in Hessen in der
Hauptsache auf schlichte
Abb. 198. Pokal mit dem Hubertuswunder.
Hessen um 1750. (Kassel, Museum.)
Initialen usw. beschränkt zu haben; die Zahl der erhal-
tenen reicher geschnittenen Gläser ist nicht allzu groß.
Die Familie Gundlach hat sich auch an dieser Dekora-
tionsart beteilist, wie das Vorkommen des aus Almerode
stammenden, 1694 in Kassel Bürger gewordenen »Hofelas-
schneiders« Frantz Gundelach in den Kasseler Kirchenbüchern
von 1708 41) und des Hofelasschneiders Joh. Heinr. Gundlach,
der von 1717 bis 1723 Pächter der Altmündener Hütte war,
340 Das deutsche Glas.
in Landaus Berichten beweist.
Der erstgenannte hat 1716
für eine »eysskanne, ein ge-
sundheitsglassund 2 Flaschen,
die er auf gnädigsten Befehl
1715 lieferte«, die beträcht-
liche Summe von 333 Talern
bekommen 4). Die meisten
erhaltenenGläser abergehören
einer weit-späteren Zeit an.
Um 1750 etwa ist der Po-
kal mit dem Hubertuswun-
der, nach Dürers bekanntem
Kupferstich, im Kasseler Mu-
seum (Abbildung 198) ent-
standen. Der Schnitzer
nichtschlecht, reicht aber bei
weitem nicht an die böh-
misch -schlesischen oder Pots-
damer Arbeiten heran. Be-
zeichnet ist das Stück HA
AG. Ob das der Name eines
Glasschneiders Haag ist oder
etwa die Bezeichnung irgend-
einer Llütte, Jane sichusvor-
läufig nicht entscheiden.
Ausgesprochenen Roko-
kostil weist der Schnitt des
in Abb. 199 wiedergegebenen
Deckelpokalsauf. Dargestellt
ist »Das Gesicht«, wohl aus
einer Folge der fünf Sinne.
Abb. 199. Pokal mit Darstellung des Unter Sam Fuß n der
„Gesichts“. Hessen um 1760. (Kassel, Löwe und die Mondsichel uns
Museum.) geschnitten. Noch in verhält-
nismäßig später Zeit begegnen
die schweren, kräftigen Formen mit leidlich gutem Schnitt,
so auf einigen Gläsern der Löwenburg von 1786, deren eins
den Besuch des Landgrafen Wilhelm IX. in einer Glashütte
verewigt. In die Empirezeit endlich gehört eine tiefblaue
Deckelvase des Kasseler Museums mit eingeschnittenen,
vergoldeten Behangornamenten, wieder mit dem hessischen
Löwen unter dem Fuße.
Vergoldung und bunte Bemalung sind auf hessischen
Gläsern der zweiten Hälfte des 18. Jahrh. vielfach verwendet
worden; so zeigt der große Pokal in Abb. 200 das Monogramm
FL (Fridericus Lantgravius) Friedrichs Il. (1760 bis 1785)
Glasschnitt.
in reicher, goldener Ro-
kokokartusche, und meh-
rere geschnittene Gläser
typisch hessischer Form
auf der Löwenburg sind
nachträglich noch mit
Gold und bunten Ol-
farben bemalt (Frucht-
kränze, Wappen und
Genreszenen).
Braunschweig.
Wieweit die braun-
schweigischen Hütten
sich an der Kristallglas-
produktion beteiligt ha-
ben und ob inihnen oder
in der Hauptstadt des
Landes wirklich gute
Glasschneider gearbeitet
haben, ist im einzelnen
noch festzustellen 143).
Die Hütten in Grünen-
plan und Schorborn am
Solling, die erste 1740,
die zweite 1747 gegrün-
det, haben »weißes« (im
Gegensatze zum gewöhn-
lichen grünen) Glas her-
gestellt, und für Schor-
born sind Glasschleifer
und -schneider nachge-
wiesen. Ein aus Schor-
born stammender Glas-
Ixelch" von 17769, ‘mit
frommem Spruch und
Kruzifixus (jetztim Her-
zogl. Museum in Braun-
schweig) 144) zeigt keine
Braunschweig. 347
Abb. 200. Goldbemalter Pokal mit Monogramm
des Landgraien Friedrich II. Hessen um 1770.
(Kassel, Museum.)
irgendwie erheblichen Quali-
täten. Die Vermutung, daß diese braunschweigischen Hütten
wie schon früher in naher Verbindung mit den hessischen
Hütten gestanden haben, wird gestützt durch Gläser von rein
hessischer Form, die in Mattschnitt die Initialen des von
1731 bis 1735 regierenden Herzogs Ludwig Rudolf und seiner
Gemahlin Christine Luise aufweisen (Sammlung Schöller,
Berlin). Vielleicht sind diese Stücke aber auch hessisch.
348 Das deutsche Glas.
Abb. 201. Pokal von A. F. Sang. Um 1730.
(Köln, Kunstgewerbe-Museum.)
Ein sehr großer Dek-
kelpokal mitangeschraub-
tem Fuß im Hamburgi-
schen Museum zeigt eine
breite, matt und ziem-
lich plump geschnittene
Ansicht von Braunschweig.
Der untere Teilder Kuppa,
Schaft und Fuß sind ver-
schwenderisch mit geku-
gelter und eckig facettier-
ter Schleifarbeit versehen.
Die Farbe des Glases spielt
leicht ins Violette. Mög-
lich, daß man es hierbei
mit einem braunschweigi-
schen Produkt zu tun hat,
da gerade das Verschrau-
ben im Schaft und die
etwas rohe Schneidarbeit
auch an andern mehr oder
weniger sicheren Arbeiten
der betreffenden Hütten
vorkommen soll.
In der Stadt Braun-
schweig selbst sollen meh-
rere Glasschneider ansäs-
sig gewesen sein; nureiner
vonihnen ist unsals künst-
lerische Persönlichkeit
greifbar: der gegen 1747
zum Hofglasschleifer er-
nannte Joh. Heinrich
Balthasar Sang.
Drei Glasschneider des
NamensSangsindbekannt.
Der älteste von ihnen, ein
A. Br Srarnlesgehzieenocht
vollkommen ım Laub-
und Bandelwerkstil gear-
beitet. Abb. 201 gibt einen
von ihm geschnittenen
Deckelpokal von ovalem
Durchschnitt im Kölner Kunstgewerbe-Museum wieder. Die
Arbeit istsehr delikat und zierlich. Absolut gleichen Charakter
zeigt einals Flacon gebildeter Pokaldeckelim Schloß zu Dessau,
der außer der Künstlersignatur noch die Jahreszahl 1729
Glasschnitt. Braunschweig. — Sang. 349
besitzt. Und endlich darf
dem zsuieriter lol mit
»Sang 1725« bezeichnete
Pokaldes Kölner Kunst-
gewerbe-Museums eben-
falls als Werk dieses
A. F. Sang in Anspruch
genommen werden we-
gen der fast überein-
stimmenden Ornamentik
auf der Fußplatte und
wegen der Vorliebe für
gsekugelte Randborten,
während die Kuppa in
großen, ausgezeichnet
geschnittenen Figuren
ein Puttenbacchanal auf-
weist, für das bei den
andern Arbeiten keine
Vergleichsmomente zu
finden sind. Dies letz-
tere Glas hat die typisch
böhmische Form, die
andern beiden Stücke
dagegen sind völlig ab-
weichend gebildet.
Die Frage nach der Abb. 202. Pokal mit Diana und Aktäon. Unbez.
Heimat des Künstlers Arbeit des Joh, Heinr. Balthasar Sang. Braun-
a vorläufig nach ofen schweig um 1750. (Berlin, Sammlung Mühsam.)
bleiben. Auch die Ver-
mutung, daß er der Vater des Joh. Heinr. Balthasar Sang
war, steht auf schwankem Grunde.
NNokrergditesegn]Loplrs HiKe nee Bias hanszunsSyahnee
nach Braunschweig kam, ist ebenfalls noch unbekannt.
Seine ausgesprochene Rokokoornamentik ist völlig ver-
schieden von der böhmischen und schlesischen Art, und
überdies schon viel früher ausgebildet, als dort das Rokoko
in Mode kam. Denn sein frühestes, voll bezeichnetes Glas
(Museum Prag) mit kleinen Jagdszenen und Inschriften in
kräftigen Rokokoumrahmungen trägt das Datum 1745, was
für den üblichen böhmisch-schlesischen Stil unmöglich wäre.
Außerdem weicht das Glasmaterial, das stark ins Seegrüne
spielt, erheblich von der dortigen Masse ab. Auch zwei
andere, etwas früher entstandene, zwar unbezeichnete, aber
sicher von ihm geschnittene Gläser der Sammlung Mühsam
(Berlin) haben denselben eigentümlich grünlichen Ton des
Glases. Das kleinere von beiden (Abb. 202) hatte ein ge-
350 Das deutsche Glas.
naues Gegenstück in der Sammlung Lanna (Abrollung im
Aukt.-Kat. Teil II, Taf. B). 7]. H. B. Sang hat-abernieme
nur Hohlgläser dekoriert, sondern er war in größerem Maß-
stabe für die Spiegelfabrik von Körblein in Braunschweig
beschäftigt. So tragen die ganz ausgezeichneten, figürlich
und mit schwungvollem Rokokoornament geschnittenen
Glasplatten eines großen Spiegelschrankes dieser Fabrik im
Herzogl. Museum zu Braunschweig mehrfach die Signatur
Sangs und die Jahreszahl 1751. Eine weitere bezeichnete
Arbeit von ihm ist das aus vielen Spiegelplatten zusammen-
gesetzte Gehäuse einer großen Standuhr im Schloß Hedwigs-
burg bei Wolfenbüttel 145). Ahnliche Werke (Spiegel, Wand-
schränkchen usw.) sollen sich noch mehrfach in braunschweigi-
schem Privatbesitz erhalten haben. Vielleicht darf man auch
die beiden Rokokospiegel des Berliner Kunstgewerbe-
Museums (an Wand 525), in denen Bacchus und Ariadne
sowie Merkur und Psyche eingeschnitten sind — matt mit
Heraushebung einiger Glanzlichter durch Blankpolitur —,
mit dem Braunschweiger Sang in Zusammenhang bringen.
Ein drittes Mitglied der Familie, der in Amsterdam lebende
Jacob Sang, vielleicht ein Bruder des J. H. Balthasar Sang,
wird später (S. 352) Erwähnung finden.
Über die geschnittenen Produkte der unzähligen andern
deutschen Hütten, die in Holstein, in Hannover, Westfalen,
Anhalt, in Süd- und Westdeutschland während des 17. und
18. Jahrh. gearbeitet haben, wissen wir ebensowenig wie über
ihre undekorierten Fabrikate. Es mag sein, daß durch Akten-
studium oder zufällige Funde noch die eine oder andere
Hütte aus ihrer Anonymität herausgehoben wird; große
Überraschungen werden dabei kaum stattfinden. Die Haupt-
produktion von künstlerischer Qualität beschränkte sich
sicherlich auf die Hütten der im vorstehenden behandelten
deutschen Gebiete.
Belgien und Holland.
In den Niederlanden trafen sich im I&. Jahrh. zwei
verschiedene Einflüsse. Die eine Strömung kam von Osten,
aus Deutschland, die andere von Westen, aus England.
Bereits auf S. II3 war die Rede von der »Verrerie des
Allemands«, die in der zweiten Hälfte des 17. Jahrh. von
den Bonhommes in Lüttich betrieben wurde und in der
hauptsächlich hessische Glasmacher arbeiteten. So ist es
nicht verwunderlich, daß die Lütticher Gläser auch im
Glasschnitt. Braunschweig. Belgien und Holland. 351
18. Jahrh. hessische For-
men annahmen: die
schweren, dicken Formen
mit umgelegtem Fuß-
rande, wenig eleganter
Knaufbildung und dem
flachen Deckel. Ein
typisches Beispiel für
diese Lütticher Art bie-
tet der mit dem geschnit-
tenen Wappen der Bon-
hommes versehene, ‚bei
Pholien (S. 74) abgebil-
dete Pokal im Lütticher
Museum. Pholien gibt
auch sonst Beispiele, die
den Zusammenhang mit
Hessen klar erweisen.
Sehr häufig sind
weiter, und zwar nicht
nur in Lüttich, das da-
mals als Bistum noch zu
Deutschland gehörte,
sondern auch in andern
niederländischen Hütten
die Gläser mit dem pseu-
dofacettiertenSchaft, mit
oder ohne Diamantqua-
dern auf der Schulter,
hergestellt worden. Hol-
ländische, besonders auf
die Oranier bezügliche
Inschriften und Wap-
pen sind sehr oft dar-
auf eingeschnitten.
Gegen 1750 gewinnt
dann aber der englische
Einfluß, der in Einzel-
fällen schon seit dem
Ende des 17. Jahrh. be-
standen hatte, absolut
die Vorherrschaft. Die
nüchternen Formen der
meistrelativ kleinen Glä-
Abb. 203. Pokal mit Diana und Kallisto, von
Jacob Sang. Amsterdam 1752. (Berlin, Samm-
lung Mühsam.)
ser aus dem schweren, englischen Bleiglas werden besonders
vonden holländischen Hütten übernommen. Die
speziell holländische Verzierung des 18. Jahrh. bestandin dem
352 Das deutsche Glas.
meisterlich geübten Punktieren (vgl. S. 364); den Schnitt
wendete man auch an, ohne es aber zu irgendwie nennens-
werten Leistungen zu bringen. Schiffe, Freiheitssymbole
und kurze Inschriften bildeten das Hauptrepertoir der Glas-
schneider, die in ziemlich schematischem, wenn auch saube-
rem Mattschnitt arbeiteten.
Erwähnt wurde ebenfalls schon (S. 260) die große Gruppe
böhmischer Gläser mit dichtem Streublumendekor, die für
Holland im Anfang des 18. Jahrh. hergestellt wurden.
Von einem deutschen Künstler, dessen Hand die besten
geschnittenen holländischen Gläser entstammen, wissen wir
bestimmt, daß er lange Zeit in Holland selbst gearbeitet hat.
Das ist Jacob Sang, der mindestens zwischen 1752
und 1760 in Amsterdam ansässig gewesen ist und sicherlich
zu der Familie Sang gehört, von der uns schon zwei andere
Mitglieder begegnet sind (S. 348). Vielleicht war er ein Bruder
des braunschweigischen Hofelasschleifers Joh. Heinr. Balth.
Sang. Fünf von ihm geschnittene Pokale sind dem Verfasser
bisher bekannt geworden. Der früheste ist zugleich der am
reichsten und besten gearbeitete: dargestellt ist in vorzüglich
geschnittener Landschaft Diana und Kallisto; die Bezeichnung
lautet: Jacob Sang, inv: et fec: Amsterdam 1752 (Sammlung
Mühsam, Berlin; Abb. 203). Im Figürlichen zeigt sich trotz
der bedeutend feineren Arbeit eine unverkennbare Ver-
wandtschaft mit dem Braunschweiger Sang. Es folgt ein
sehr kompliziert gebildeter Pokal im "Brit. Museum von 1757,
mit Darstellung des 100. Schiffbaues der Ostindien- -Kompanie;
endlich, mit verschiedenen Allegorien, drei 1760 datierte
Gläser in Amsterdam (Rijksmuseum), im Haag (Sammlung
Snouck-Hourgronje) und in Antwerpen (Sammlung Vlees-
huis).
Doppelgläser.
Kunckel teilt in seiner Ars vitraria (Teil II, Buch I],
Kap. 27) das Rezept mit, »ein sonderliches curieuses Trink-
glas zu machen« Der Inhalt des Kapitels ist kurz folgender:
Von zwei glatten, genau ineinander passenden Gläsern wird
das größere (äußere) von innen mit Ölfarben marmorartig
bemalt. Aus dieser Bemalung radiert man mit einer Nadel
Aderungen aus. Mit Leinöl wird sodann Blattgold oder
-silber dahinter geklebt. Ebenso wird die Außenseite des
kleineren (inneren) Glases mit Gold oder Silberfolie belegt.
Beide Gläser werden dann ineinandergesetzt und am oberen
Rande durch einen Teig von pulverisierter Kreide und Lack-
firnis zusammengekittet. Statt der Ölfarben kann man auch
Doppelgläser. 353
Abb. 204. Glasteller mit Goldradierung und Marmormalerei. Schlesien 1742.
(Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
buntfarbigen »Hautschen Streuglanz« mit Leinölbindung
benutzen.
Nach diesem Rezept dekorierte Doppelgläser sind viel-
fach erhalten; sie gehören allerdings meist bereits dem 18.
Jahrh. an. Gewöhnlich hat man sich aber nicht mit der
Marmorierung allein begnügt, sondern noch figürlichen oder
ornamentalen Schmuck hinzugefügt, der in Gold — auch
wohl mit bunten Farben gehöht — auf der inneren Wandung
des äußeren Glases aufgebracht und dann mit einer marmo-
rierten Bemalung hinterlegt wurde. In dieser Art sind z. B.
zwei Deckelbecher der Berliner Sammlung behandelt, von
denen der eine goldradierte Akanthusränder und dazwischen
eine Rokokokartusche mit Spiegelmonogramm besitzt; der
andere ist ebenso mit einem Blumenbukettbemalt. (Schr. 532.)
Goldradierung gleicher Art mit hinterlegter Marmor-
bemalung zeigt ein Teller mit Trophäe und auf die Schlacht
Schmidt, Glas. 23
BE Das deutsche Glas.
bei Chotusitz (1742) bezüglicher Inschrift (Abb. 204). Hier
aber ist, wie in andern Fällen auch, auf die Bedeckung durch
eine zweite Glasschicht verzichtet.
Derartige Becher und Teller gehören jedenfalls zum
größten Teil dem böhmisch-schlesischen Glasgebiete an.
Mehr an die Kunckelsche Vorschrift hält sich ein kleiner,
hellmarmorierter und mit Adern bemalter Becher (Schr. 532),
der jedoch wegen seiner Facettierung und wegen des besonders
eingesetzten Unterbodens auch schon im 18. Jahrh. ent-
standen sein muß.
Zwischengoldgläser.
Neben diesen Doppelgläsern hat das 18. Jahrh.
dann eine in Technik und Dekor abweichende Art geschaffen,
die unter dem Namen Zwischengoldglas bekannt und ge-
schätzt ist. Die Anderung in der Technik besteht darin, daß
die Kittfuge vom oberen Lippenrand einige Millimeter herab
in die Wandung selbst verlegt wird, was für Haltbarkeit und
Reinlichkeit vorteilhaft ist. Das innere Glas nämlich wird
etwas höher als das äußere, und sein oberer Randstreifen
so dick gebildet, daß er, wenn beide Gläser zusammengefügt
sind, die Fortsetzung des niedrigen äußeren Mantels bildet.
Dieser äußere Mantel besitzt keine eigene Bodenplatte; an
deren Stelle wird eine flache Glasplatte eingefügt (s. den
Durchschnitt in Abb. 205). Der auf dem Mantel des inneren
Glases angebrachte Dekor besteht in den meisten Fällen nur
aus einer Lage radierter Goldfolie, ohne jegliche Hinter-
malung, so daß die Goldzeichnung silhouettenartig in dem
sonst durchsichtigen Glasbecher liegt. Der Boden des inneren
Glases wird ebenfalls mit Gold dekoriert; die darunter be-
festigte Glasplatte ist mit einem
roten, seltener grünen Lack über-
zogen (kein Rubin- oder Über-
fangglas!). Neben der Goldfolie
wird gern auch Silberfolie benutzt;
eine Mischung aus Gold- und Silber-
zeichnung ist nicht selten. Ferner
werden durchsichtige Farben, be-
sonders Rot, Grün, Braun und Grau
zusammen mit Gold oder Silber
verwendet. Ein Becher der Samm-
lung Mühsam (Berlin) zeigt die
sehr seltene Verbindung von Mar-
morierung und echter Zwischen-
Abb. 205. System der Zwischen- .
goldgläser. goldmalerei.
Zwischengoldgläser. 355
Abb. 206. Zwischengoldgläser. Böhmen Mitte 18. Jahrh.
(Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
Die gewöhnliche Form der Zwischengoldgläser ist ein
kleiner, schlichter Becher, dessen Außenwandung mit viel-
seitigem Facettenschliff versehen ist; die inneren, zusammen-
geschobenen Wandungen sind jedoch nicht facettiert, wie oft
fälschlich behauptet worden ist. Daneben aber kommen auch
hohe Stengelpokale der üblichen Arten vor.
Der beliebteste, bei mehr als der Hälfte aller erhaltenen
Zwischengoldgläser dargestellte Vorwurf ist die Jagd. Hirsche,
Eber und Bären werden von Kavalieren zu Fuß und zu
Pferde in waldiger Landschaft zur Strecke gebracht. Ferner
finden sich häufig Heiligenfiguren, seltener Genredarstellun -
gen, Kriegsszenen sowie rein dekorative Dinge. Meist zieht
sich oben und unten ein zierlicher Akanthusfries um das Glas.
Das Bodenmedaillon zeigt Blumen, Tiere, Freundschafts-
embleme, das Monogramm Christi und andere landläufige
Motive.
Das Berliner Kunstgewerbe-Museum besitzt eine ganze
Reihe guter Zwischengoldgläser, darunter vier Pokale von
der typischen Form der 1730 bis 1740er Jahre (Abb 206,
DR
356 Das deutsche Glas.
Mitte). Neben mehreren Jagdbechern ist zu nennen ein
Becher mit der Flucht nach Agypten und einem heiligen
Mönch mit geigespielendem Engel (Abb. 206, rechts). Oben
ringsum die Inschrift: »Gelobet sei Jesus Christus: Gelobet
sei das heilige Sacrament, in allen vir Teilen der gantzen
Welt.« Im Boden zwei Engel mit Kelch und Hostie und die
Umschrift »Haec munera post funera«. Ein anderer Becher
hat in Laub- und Bandelwerkornament bunte Darstellungen
eines Brautpaares u. a. mit der Jahreszahl 1753 (Abb. 206,
links). Ein dicker facettierter Becher mit geschnittenen
Ranken und Fruchtgehängen besitzt im Boden ein rotes
Medaillon mit goldradiertem IHS und »Benedictum sit
nomen domini« Das Innere des Bechers ist unten nach der
Mitte zu konisch ausgeschliffen, wodurch eine kaleidoskop-
artige Wirkung der roten Bodenplatte entsteht. Gold-
radierte Unterlagen haben ferner zwei Salzfäßchen, das eine
aus farblosem, das andere aus massiv rotem Glase.
Vermutlich waren es Dilettanten, vielleicht in klöster-
lichen Werkstätten, die diese sicher nicht für den gewöhn-
lichen Handel, sondern meist als Geschenke für hochgestellte
Personen verfertigten Kabinettstücke gearbeitet haben 146).
Mehrfach vorkommende böhmische Wappen, Beziehungen
zu böhmischen Klöstern (u. a. die Ansicht des Klosters Hain-
dorf im Isergebirge auf einem Becher in Frankfurt) und
häufige Darstellungen böhmischer Lokalheiliger sichern die
deutsch-böhmische Provenienz der meisten Zwischengold-
gläser. Die große Mehrzahl der Jagdgläser weist eine solche
Gleichartigkeit der Zeichnung und Ornamentik auf, daß man
sie einer Hand oder wenigstens einer Werkstatt zuschreiben
möchte, deren Bestimmung einem Zufallsfund überlassen
bleiben muß. — In diesem Zusammenhange sei auch die häufig
vorkommende Verzierung von Gläsern durch aufgeklebte,
rot und grün hintermalte Plättchen und Medaillons mit Gold-
ornamenten erwähnt, die besonders in Böhmen während der
ersten Hälftedes 18. Jahrh. beliebt war. (Beispiele in Schr. 543.)
Mildnergläser. '47)
Nach längerem Darniederliegen hat diese eigenartige
Technik in den letzten Jahren des 18. Jahrh. noch einmal
eine bemerkenswerte Blüte erlebt, die sich an den Namen
eines einzigen Mannes knüpft. In der Glashütte Guttenbrunn
im niederösterreichischen Bezirk Ottenschlag war der 1764
geborene Johann Joseph Mildner als Glasschleifer und
-maler tätig. Er besaß die dankenswerte Gewohnheit, die
Mehrzahl seiner Werke zu bezeichnen. Wir kennen Arbeiten
Zwischengoldgläser. Mildnergläser. 2337
von ihm aus der Zeit von
1788 bis 1805. Er starb
1808, am II. Februar; das
ist alles, was wir über die-
sen Mann wissen, der wohl
das Geschmackvollste ge-
arbeitet hat, was in dieser
Zeit überhaupt an Glasde-
kor hergestellt worden ist,
und dem nur der Holländer
D. Wolff mit seinen deli-
katen Punktierarbeiten an
die Seite gestellt werden
kann.
Die Mildnergläser sind
nicht im vollen Sinne des
Wortes Zwischengoldgläser;
meist sind aus ihrer ver-
hältnismäßig dicken Wan-
dung ein oder zwei Ovale
herausgeschliffen, in die der
Krümmungder Mantelfläche
entsprechend gebogeneGlas-
medaillons eingesetzt wur-
den. Bei reicheren Stücken
treten außerdem flache
Rundmedaillons im Boden Abb. 207. Deckelbecher von J. J. Mildner,
hinzu SOWIE oben und unten Guttenbrunn 1802. (Berlin, Kunstgewerbe-
schmale Friese. Die farbige res)
Dekoration schloß sich mehr
an das Schema Kunckels, als
andas derböhmischen Zwischengoldgläser an. Mildner belegte
‘den abgeschliffenen Teil der Wandung mit Blattsilber und
radierteeine Zeichnung oder Inschrift ein, die von innen her
gesehen werden sollte. Die Innenseite der einzusetzenden Glas-
stücke dagegen belegte er mit Blattgold und brachte ebenso die
Zeichnung oder Schrift an, die von außen sichtbar sein sollte.
Dann bestrich er die Rückseiten dieser Stücke mit einem
transparenten roten Lack und klebte sie in die vertieiten
Stellen der Wandung ein. So erhielten die äußeren goldenen
wie die inneren silbernen Ornamente einen roten Hintergrund.
In den Medaillons sind außen Genredarstellungen, Ve-
duten, Heiligenbilder, Porträts oder Monogramme, innen
gewöhnlich Inschriften, besonders die sehr ausführliche
Künstlersignatur, zu sehen; ähnlich ist der Boden dekoriert,
während Mund- und Fußreif meist nur zierliche Ornament-
friese im Empirecharakter aufweisen. Mehrfach kommen
358 Das deutsche Glas.
Porträtsilhouetten vor, wobei statt des roten Lackes eine
schwarze Farbe gewählt wurde, ferner bunte Porträts, welche
auf die mit Goldfolie belegten vertieften Stellen der Wandung
gemalt wurden.
Mildner hat fast nur leicht konische oder zylindrische
Becher, teilweise mit Henkeln und Deckeln, benutzt; ein
Stengelglas im Österreich. Museum in Wien steht wohl völlig
allein. Das Bayrische Gewerbe-Museum in Nürnberg besitzt
zwei große Flaschen mit Wappenmedaillons und Ansichten
aus Gutenbrunn. Endlich werden noch einige unbezeichnete
Salzfäßchen mit bunten Porträts auf ihn zurückgeführt.
Mehrfach hat er Facetten eingeschliffen; bei einigen Stücken
ist auch der Schnitt (kleine Blümchenborten) mit zu
Hilfe genommen. Sehr selten sind die von Mildner de-
korierten Milchglasbecher (zwei gute Exemplare im Brit.
Museum).
Die Berliner Sammlung besitzt zwei Becher von seiner
Hand: der eine mit Darstellung zweier Wanderer, innen die
Signatur: »Verfertiget zu Gutenbrunn im Fürnbergischen
Großen Weinspergwald Von Mildner 1788«; der andere mit
zwei Monogrammen (an der Schauseite und im Boden),
Blumenborten, Inschriften und der Bezeichnung »Mildner
fec. a Gutenbrunn 1802« (s. Abb. 207).
Reliefgoldgläser.
Eine hauptsächlich sächsische Spezialität im zweiten
Viertel des 18. Jahrh. war der Golddekor auf Emailunterlage.
Diese eigenartige Technik, die in einem Auftrage gelben oder
blauen Emails bestand, der mit Gold überzogen wurde, ist
auch auf Meißner und Wiener Porzellan angewendet worden.
Frühe Meißner Arbeiten mit derartig plastisch aufgelegten
Blumen, Vögeln usw. kommen sehr häufig vor (s. Schr. 354);
eine Porzellanschale mit Chineserien in Reliefgold und mit
der Signatur des Mitbegründers der Wiener Manufaktur,
Hunger, ist im Besitze des Herrn Karl Mayer in Wien 148).
Daß die Technik auch in Meißen sporadisch noch lange geübt
wurde, beweist eine Schale der Franks-Collection (London),
mit der Bezeichnung »C. F. Herold, invt : et fecit a meisse
1750. d. 12. Sept.« 199).
Die meisten Gläser mit Reliefgoldauflage tragen Mono-
gramme sächsischer Herrscher und Edelleute; besonders
häufig ist das Spiegelmonogramm AR 3 Augusts III. von
Sachsen-Polen (von 1733 an König; s. Abb. 208); auch für
das Herzogspaar von Sachsen-Gotha, Friedrich III. (1732
bis, 1772) und Tuise, Dorothea, (Hochzeit 1720, 1707705
Mildnergläser.
Merbe Lleis lat 1 Bien)
kommen Arbeiten dieser Art
vor BneRokal ımSklohen-
zollern-Museum trägt die
Jahreszahl 1733; die 1730 er
Jahre kommen überhaupt
am ehesten für die ganze
Gruppe ng Betracht Die
Umrahmung des Medaillons
besteht durchweg aus ziem-
lich unruhigem Gewirr klei-
ner Blumenzweige mit Vö-
geln und Jagdbildchen, auf
der Rückseite steht meist
ein sehr weitschweifiger
Spruch; mehrfach ist neben
dem Gold auch Silber ver-
wendet, ferner finden sich
kleine rote und grüne Pail-
letten eingestreut. Das Glas-
material lieferten hauptsäch -
lich die sächsischen Quer-
facettengläser, daneben die
pseudofacettierten Pokale der
hessisch-thüringischen Hüt-
ten: ein Beweis dafür, daß
der betrefiende Emailleur,
denn um einen einzigen han-
delt es sich hierbei gewiß
Dusche in einen zentle-
genen Hütte gearbeitet hat,
sondern jedenfalls in einer
bedeutenderen Stadt, viel-
leicht in Dresden, ansässig
war, wo er die verschiedenen
Glassorten sich leicht be-
schaffen konnte.
Reliefgoldgläser. 359
Abb. 208. Pokal mit Relieigolddekor.
Sachsen um 1740. (Berlin, Kunst-
gewerbe-Museum.)
VIll. Das gerissene und punktierte
holländische Glas. "°)
ie in den Niederlanden während des 17. Jahrh. sehr eifrig
betriebene Glasbläserei A la fagon de Venise (s. S. 112)
hat nicht vermocht, die altgewohnten einheimischen Trink-
Abb. 209. Becher mit gerissener Darstellung von
Christus und Papst. Holland 1604. (Amsterdam,
Rijksmuseum.)
gläser, besonders
den Römer und die
Flöte (hohes Spitz-
glas) zu verdrängen.
Auf den Stilleben
und Genrebildern
derniederländischen
Maler erscheinen
diese kräftigeren
Glasarten ebenso oft
wie die zarten, viel-
fach. nur alse rer
objekte behandelten
Gläser nach Vene-
zianer Art.
Erwähnt wurde
bereits, daß z. B. in
Lüttich eine beson-
dere »Verrerie des
Allemands« von
deutschen — meist
hessischen — Ar-
beitern betrieben
wurde und daß eine
Hütte ın Amster-
dam neben den ve-
nezianischen For-
men auch Flöten,
Röhren, Pokale,
Krüge, Flaschen
usw. herstellte. Au-
ßerdem ist auch die
Das gerissene holländische Glas. 361
Abb. 210. Römer mit gerissener Darstellung einer Reiterschlacht. Holland 1606.
(Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
Einfuhr von deutschem (vornehmlich hessischem) und, im
18. Jahrh., von böhmischem Glas schr lebhaft gewesen.
Mit besonderer Vorliebe ist in Holland eine Glasdekora-
tion geübt worden, die uns bereits in Venedig und in Deutsch-
landlpegemerst se. da, sa Keen Dienemsirsdresme Diamar
ten. In Holland, wo man die emaillierten Walzengläser des
mittleren und östlichen Deutschlands nicht schätzte, hat
dieser Dekor seinen künstlerischen Höhepunkt erreicht.
362 Das gerissene und punktierte holländische Glas.
Seine Anfänge ge-
hen auch hier bis
ins 16. Jahrh. zu-
rück; die hervor-
ragendste frühe
Arbeit, ein Becher
mit satyrischer
Darstellung von
Christus und Papst
(Rijksmuseum,
Amsterdam), trägt
das Datum 1604
(Abb2200) ln
weiteren Verlauf
des 17. Jahrh. ent-
stand dann eine
gewaltige Menge
gerissener Gläser;
besonders die oft
riesigen Römer
sind gern dazu
verwendet worden,
weil ihre grüne
Masse einen guten
Grund für die weiß
erscheinenden
Ritzornamente ab -
gibt. Ein ausge-
Abb. 211. Blaue Flasche mit gerissener Inschrift vn zeichnetes frühes
W. J. van Heemskerk, Leyden 1683. (Berlin, Kunst- Exemplar besitzt
gewerbe-Museum.) dasBerlinerKunst-
gewerbe - Museum
in dem 1606 datierten Römer mit Darstellung einer Reiter -
schlacht, Wappen und der Devise: »En dieu mon espoir, du
matin et du soir« (Abb. 210).
Die gewöhnlichen Arbeiten zeigen die Wappen der
vereinigten holländischen Provinzen, ferner Porträts, De-
visen usw. der oranischen Statthalter sowie die auch in Italien
beliebten Ranken mit Vögeln. Niemals aber sind die Borten
und die übrigen ornamentalen Elemente der mittel- und ost-
deutschen Gläser zu finden.
Weit über solcher Durchschnittsware stehen die in der
sogenannten »Kalligraphenmanier« ausgeführten Arbeiten,
von einer Anzahl Künstlerdilettanten hergestellt, die zum
großen Teil die erfreuliche Gewohnheit gehabt haben, ihre
Werke zu signieren. Schön geschwungene, oft allerdings
fast zu stark verschnörkelte Inschriften — meist morali-
Anna Roemers.
sierende Tendenzen, wie
sie dem Geschmack der
damaligen literarischen
Strömung zusagten —
bedecken die Wandungen
der Römer, Spitzgläser
und bauchigen Flaschen.
Die berühmtesten dieser
»Schreibkünstler« waren
die drei Schwestern Roe-
mers in Amsterdam,
unterssndenens /-\unEnya
Roemers besonders
hervorragte, sowie Wil-
Kemeljlalcorbrsz van
Elfeyesmesiks en linkes
den. Von Anna Roe-
mers (geb. 1583, gest.
1651) sind 5 bezeichnete,
zwischen 1621 und 1651
gerissene Römer be-
kannt; ihrer Schwester
Tesselschade ist mit
Sicherheit ein unbe-
zeichnetes Stück mit
Devise im Rijksmuse-
um in Amsterdam zuzu-
schreiben. Heemskerk
(geb. 1613, gest. 1692)
hat das Glasreißen be-
sonders von 1672 an
sehr eifrig betrieben und
am häufigsten die ty-
pisch holländischen Fla-
schen aus farbigem oder
farblosem Glase deko-
riert. Ein gutes Beispiel
seiner Artgibt diein Abb.
211 wiedergegebene tief-
blaue Flasche von 1683
mit der Inschrift: »Gaep
terwyl men u pap bied«
(Sperr’sMaulauf, wenn’s
Willem Jac. van Heemskeık. 363
Abb. 212. Punktiertes Glas von Frans Green-
wood, 1722. (Berlin, Kunstgewerbe-Muse um.)
Brei regnet). Ein vierzeiliger Vers und die volle Signatur sind
in winzigen Buchstaben unter dem Boden eingerissen.
Als sonstige Glasreißer, von denen bezeichnete Arbeiten,
und zwar nicht nur kalligraphierte, sondern auch mit figür-
364 Das gerissene und punktierte holländische Glas.
lichen Allegorien, Lie-
besszenen usw. ge-
schmückte erhalten sind,
seien genannt Jan Bot,
V. Buil, de ’Hommel, M.
Betit, Br Boerssmdae:
Koster, zu denen noch
mehrere Monogrammi-
sten sich gesellen. Einige
Nachzügler haben noch
in der NMittessdesene:
Jahrh. Gläser gerissen,
so Hl. V.; Fokhorstre%
Ci Schonck PH FmeeuS
de Boeselager und der
Antwerpener Kanonikus
Schüman.
Das Glasreißen wurde
im 18. Jahrh. abgelöst
durch das Glaspunk-
tieren oden, aynlegche
Holländer es nennen
das »Stippen«.
Es bestehe dasms
daß man nicht, wie bis-
her, zusammenhängende
Linien reißt, sondern das
ganze Bild aus einzelnen
Punkten zusammensetzt,
die mit einer Diamant-
spitze oder vermittelst
Abb. 213. Punktiertes Glas mit Porträt. Arbeit Ciner spitzen Radiernadel
von D. Wolii, Haag 1796. (Amsterdam, in die Oberfläche des
Riiksmuseum.) Glases eingehämmert
werden. Atzen durch
Säuren kommt im 18. Jahrh. nicht vor.
Die so gewonnenen Darstellungen liegen nur wie ein
Hauch auf dem Glase auf und sind oft nur bei bestimmter
Beleuchtung zu erkennen. Dieser Dekor ist jedenfalls der
delikateste, der jemals auf Glas angewendet worden ist.
Die Anfänge des Stippens gehen bis in die erste Hälfte
des 17. Jahrh. zurück, wo bereits auf 2 Gläsern der Anna
Roemers gestippte Details vorkommen. Das bleiben aber
Ausnahmen, und erst dem 18. Jahrh. war es vorbehalten,
die Technik bis zum äußersten Raffinement zu vervollkomm-
nen. Dazu gehörte natürlich ein klares, fehlerloses Glas, das
in dem englischen Flintglas (s. S. 378) in vorzüglichster
Das punktierte Glas. Greenwood. D. Wolff. 365
Qualität zur Verfü-
gung stand.
Der erste, der die
Punktiertechnik vir-
tuos beherrschte, war
Frans Greenwood,
der, 1680 in Rotter-
damgeboren, von 1726
an in Dordrecht lebte
und 1761 oder 1762
Spar Bir hat eine
Reihe vorzüglich ge-
arbeiteter Gläser be-
Zeichner Ab 2312
gibt das Exemplar
des Berliner Kunstge-
werbe-Museums von
1722 wieder. Green-
wood hatte mehrere
Nachfolger bzw.
Gleichstrebende, so
Aart Schouman, Wil-
lern Moreman, Gr ak
Kloolaane van den
Blijk, W. Sautijn und
Balken, die samt-
lich in der zweiten
Hälfte des 18. Jahrh. Abb. 214. Punktiertes Glas in der Art des D. Wolit.
gearbeitet haben. Der Holland um 1790. (Berlin, Kunstgewerbe-
berühmteste Glasstip- Museum.)
per aber, nach dem
die ganze Gattung der punktierten Gläser als Wolffgläser
bezeichnet zu werden pflegt, war D. Wolff aus Utrecht,
der als Maler im Haag lebte und nach einem absonderlichen
Lebenswandel im Jahre 1809 starb. Schon kurz nach seinem
Tode waren seine Arbeiten sehr gesucht.
Es mag auch heute noch eine gute Anzahl von Gläsern
seiner Hand existieren; durch seine Signatur beglaubigte
Stücke gibt es aber nur zwei, die sich im Besitz des Rijks-
museums zu Amsterdam befinden. Beide zeigen in minu-
tıösester Ausführung Porträts; das eine, von 1787, das Brust-
bild Wilhelms V. von Oranien, das andere, von 1796, ein un-
bekanntes Herrenporträt (Abb. 213). Was von den, übrigens
ziemlich häufigen Gläsern mit Porträts, Wappen, Putten,
Allegorien (Abb. 214) und Genreszenen, mit Freundschafts-
inschriften und Vivats auf die oranischen Herrscher auf Wolff
selbst zurückzuführen ist, läßt sich vorläufig noch nicht mit
Sicherheit feststellen.
366 Das gerissene und punktierte holländische Glas.
Einige Vorsicht ist bei den Gläsern dieser Art immerhin
angebracht, da — abgesehen von modernen Fälschungen —
auch in der ersten Hälfte des IQ. Jahrh. mehrere Glasdekora-
teure mit dem Punktieren sich befaßt haben: so Andries Melort
und der sehr fruchtbare Daniel Henriques de Castro, dessen
zum Teil unsignierte Arbeiten den alten Gläsern oft sehr
nahe kommen, wenn auch bei genauerer Kenntnis eine Ver-
wechslung mit jenen delikatesten Werken der Glaskunst des
18. Jahrh. wohl zu vermeiden ist.
Abb. 215. Spanische Gläser, 16. bis 17. Jahrh. (Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
IX. Das spanische Glas.)
'B Spanien werden sicher, trotz der verneinenden Notiz San
Isidoros im 7. Jahrh., die auf römischen Grundlagen
(vel. S. 8) basierenden Glashütten bis ins Mittelalter weiter-
gearbeitet haben. Verschiedene fremde Einflüsse haben ihnen
dann besondere Stempel aufgedrückt: im Süden, in den Pro-
vinzen Murcia, Andalusia (wo der 890 gestorbene Abü-l-abbas
Kasim Ibn Firuas mehrere Glasfabriken gegründet haben
soll 2352) und Granada, sind infolge der Maurenherrschaft orien-
talische Anregungen maßgebend geworden, während im Nord-
osten, in der Provinz Katalonien, wo ein Seefahrervolk
wohnte, das im frühen Mittelalter den italienischen Handels-
städten lebhafte Konkurrenz machte, zeitig das venezianische
Glas zum Vorbild genommen wurde.
Im Süden wurde in Pinar de la Vidriera, Castril de la
Pena, Royo Molino, Maria (Prov. Almeria) und mehreren
andern Orten, besonders aber in dem bereits im 13. Jahrh.
wegen seiner Glasindustrie berühmten Almeria, eine eigen-
tümliche Art von Gläsern hergestellt, deren Formen sich teil-
weise bis zur Gegenwart erhalten haben. Es mischen sich
darin die Formelemente des alten einheimischen Glases mit
orientalischen Formen und Dekorationsweisen. Am be-
liebtesten sind bauchige, mit Knöpfen, Fäden und Rosetten
besetzte Gefäße mit weitem, trichterförmigem Hals und einer
ganzen Anzahl Henkel, die mit einem unregelmäßigen, ge-
368 Das spanische Glas.
kniffenen Kammornament verziert sind. Analogien zu der-
artigen Glasgefäßen findet man in der spanisch-maurischen
Lüsterfayence (vgl. den Krug in Schr. 238) sowie in der
modernen Bauerntöpferei Südspaniens. Die Berliner Samm-
lung besitzt mehrere dieser bizarr-phantastischen Stücke, die
allerdings wohl sämtlich schon dem 17. bis 18. Jahrh. ent-
stammen (Abb. 215, rechts und links). Die Masse dieser
(dläser ist schlecht; die Farbe schwankt zwischen hellstem
Olivgrün und tiefstem Blaugrün; nicht selten sind violette
und braune Verzierungen.
Das bereits S. 59 erwähnte, in alten spanischen Doku-
menten häufige Beiwort irake oder iraga für Glas beweist
ebenso wıe die Form einer Flasche auf einem 1475 gemalten
Bilde des Pedro de Cordoba (vgl. S. 58) die orientalische
Abstammung der südspanischen Glasindustrie.
Die beste Sammlung dieser spanischen Glasgattung besitzt
das S. Kensington Museum.
Ganz anders ist der Charakter des katalanischen Glases.
Die Glasindustrie Barcelonas sieht auf ein sehr hohes
Alter zurück. Bereits 1324 wurde ein Edikt erlassen, durch
welches die Anlage von Glashütten innerhalb der Stadt-
mauern verboten wurde (also nur 33 Jahre nach dem gleichen
Vorgang in Venedig). 1455 bildeten die »vidrieros« eine
Zunft, deren Patron S. Bernardino war und die bis mindestens
1659 bestand. Von den vielen Zeugnissen, die bisins IS. Jahr-
hundert hinein über Ausdehnung und Ruf dieser Industrie
Aufschluß geben, seien nur einige angeführt: I491I wird er-
wähnt, daß ein umfangreicher Export nach Rom stattfand
von Glaswaren, »die sich mit denen Venedigs messen können;
bei Gelegenheit einer Besichtigung der Glashütten durch
Philipp den Schönen im Jahre 1503 wird gesagt, daß in
ihnen ausgezeichnete Kristallgläser gemacht würden.
Auch in den nahe bei Barcelona liegenden Orten Matarö,
Cervellö und Almatret wurde, besonders im 17. und I8. Jahrh.,
Glas hergestellt. Sehr häufig wird auch hier auf die Ähnlich-
keit der Gläser mit den venezianischen Waren hingewiesen;
dieser stetige Vergleich mit Venedig läßt daher eine gewisse
Abhängigkeit der katalanischen Industrie von der ton-
angebenden der Lagunenstadt vermuten. Wahrscheinlich
wird also auch heute noch viel altes spanisches Glas unter
venezianischer Flagge segeln; nur eine Gruppe von Faden-
gläsern kann man, ihrer spezifisch spanischen, ursprünglich
aber aus dem Orient übernommenen Form wegen, wohl sicher
als spanisch ansprechen, das sind vornehmlich die kegel-
förmigen Flaschen mit langer, unten ansetzender Ausguß-
röhre, die heute noch in einigen spanischen Gegenden als
Trinkflaschen in Gebrauch sind, sowie die häufiger vorkom-
Barcelona. Emailglas. 369
Abb. 216. Schale mit Emailmalerei. Barcelona Aniang 16. Jahrh.
(Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
menden Flaschen, die zwischen Eingußstelle und Tülle oben
einen Ringhenkel besitzen oder oben überhaupt geschlossen
sind (Abb. 215, Mitte). Gemeinsam ist diesen Gläsern eine
stark ins Gelbliche spielende Masse, sowie das unreine, fast
graue Weiß der Fäden, die teils auf dem Glase plastisch
aufliegen, teils in breiten, schleimig aussehenden Lagen ge-
kämmt sind (Beispiele in Schr. 553).
Weiter aber sind für Barcelona in Anspruch zu nehmen
die seltenen Glasarbeiten mit Emailmalerei. Während die
Formen dieser Gläser — Deckelvasen, flachbauchige Flaschen,
Kannen und Schalen — den venezianischen Einfluß nicht
verkennen lassen, weichen Darstellung, Farbenwahl und Art
des Emails gänzlich von den in Venedig üblichen Gepflogen-
heiten ab und weisen unzweifelhaft auf den Orient hin. Der
Dekor besteht meist in Ranken aus hellem, gelblichem Grün
mit bunten Vögeln. Neben Weiß, Gelb und Blau wird auch
noch Rot, Braun und Schwarz verwendet. Das helle Grün
Schmidt, Glas. 24
379 Das spanische Glas.
aber überwiegt durchaus und bestimmt den farbigen Ein-
druck der Gruppe. Die sarazenische Abstammung dieses
Emaildekors zeigt am besten die mehrfach vorkommende
Darstellung von hintereinander herlaufenden Hirschen und
Hunden mit regelmäßig dahinter stehenden Blumenstauden
und Bäumen, auf denen symmetrisch rechts und links Vögel
sitzen (Abb. 216; ein ähnliches Exemplar in der Sammlung
Bourgeois, Kat.-Nr. 309). Diese Darstellung findet ihre
nächsten Analogien in Seidenstoffmustern des 14. Jahrh. mit
mamlukischen Inschriften. Trotzdem aber kommen die
maurischen Hütten Südspaniens für diese Gläser nicht in
Betracht, da die Glasformen absolut abendländischen Cha-
rakter tragen. Die erhaltenen Gläser dieser katalanischen
Mischindustrie gehen zwar nicht weiter zurück alsbisans Ende
des 15. Jahrh., ja sie gehören der großen Mehrzahl nach be-
reits ins 16. Jahrh.;man muß sie als die Enderzeugnisse einer
älteren Industrie ansehen. Gute Stücke besitzen u.a. die Mu-
seen von London, Paris, Venedig, Amsterdam und Hamburg.
Im 18. Jahrh. produzierte Barcelona besonders Flaschen
aus Milchglas mit recht roher Emailmalerei für den Export
nach Indien und Persien.
Glas & la fagon de Venise wurde auch an vielen Orten
im Innern Spaniens geblasen, soin Cadalso in Castilien, Toledo,
Cebreros bei Madrid, Recuenco und in San Martin de Val-
deiglesias, wo 1680 unter der Leitung des Diodonet Lambot
aus Namur eine Hütte errichtet wurde.
Seit etwa 1712 bestand in Villanueva de Alcorcon und
dann in La Granja de San Ildefonso eine Manufaktur, die
außer allen Arten Hohlglas auch Lüstres und große Spiegel
herstellte. Sie war von 1734 bis 1828 in königlichem Besitz
und ging 1849 ein. Viele ausländische Arbeiter, Franzosen,
Deutsche und Schweden, waren dort beschäftigt; es soll in
der Art des französischen und deutschen Glases gearbeitet
worden sein. Die Veredlung der klar-durchsichtigen Masse
bestand in Schliff und Schnitt (Inschriften, Ansichten,
Blumen usw.), in Vergoldung und Bemalung. Schliff und
Schnitt waren in Mode gekommen durch die Einfuhr deut-
schen Glases durch die böhmischen Glashandlungs-Kom-
pagnien, die in Spanien und Portugal blühende Niederlassun-
gen besaßen (vgl. S. 262).
Über die Glasfabrikation in Portugal sind wir
schlecht unterrichtet. Wir wissen, daß im 17. Jahrh. Mura-
nesen, Altaristen und Vlamen in Lissabon arbeiteten; die
Hütten müssen leistungsfähig gewesen sein, da, wie aus einer
Beschwerde der böhmischen Glashändler hervorgeht, 1739
die Einfuhr fremden Glases verboten werden konnte (Schebek,
S. 177). Allerdings war diese Maßnahmenicht von langer Dauer.
X. Das französische Glas.
ee .. ist unter den großen Kulturländern Europas das-
jenige, das bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrh. hinein
einer künstlerischen Entwicklung der Glasindustrie das ge-
ringste Interesse entgegengebracht hat. Aber auch hier sind
die Fäden der Tradition nie abgerissen von der römischen
Zeit an; das ganze Mittelalter hindurch wurde das übliche
gewöhnliche grüne Waldglas hergestellt. In Frankreich be-
nutzte man als Alkali die aus Farrnkraut gebrannte Asche ;das
»verre de fougere« steht dort stets im Gegensatze zu dem seit
dem 16. Jahrh. viel gearbeiteten »cristallo« in Venezianer Art.
Während wir über die äußerst zahlreichen französischen
Glashütten und über die Glasbläser selbst durch viele und
umfangreiche Spezialstudien besser unterrichtet sind wie über
die analogen Verhältnisse irgendeines andern Landes, ist von
Erzeugnissen, die in Form oder Dekor einem selbständigen
künstlerischen Empfinden Rechnung tragen, unendlich wenig
erhalten, so daß man annehmen muß, daß in Frankreich der
rein industrielle Charakter der Glashütten überwogen hat,
daß man sich in der Hauptsache auf die »verrerie grosse«,
d.h. auf die Herstellung von Fensterglas und gewöhnlichen
Flaschen, sowie auf kunstlose Gebrauchsware beschränkt hat.
Allerdings darf man nicht vergessen, daß das mittelalterliche
Frankreich daneben die glänzendsten Leistungen auf dem
Gebiete der monumentalen Glasmalerei aufzuweisen hatte.
Wie seine Nachbarländer, verschloß sich auch Frank-
reich den Errungenschaften der italienischen Hütten nicht;
seit dem 15. Jahrh. läßt sich der Zuzug italienischer Arbeiter,
aus Murano und besonders aus Altare, nachweisen. Unter
König Rene (7 1480) etablierte sich ein Ferro in der Provence,
und in der zweiten Hälfte des 16. Jahrh. scheint das Land
mit Italienern bereits überschwemmt. Meist wanderten sie
von Ort zu Ort, ängstlich das Geheimnis ihrer Kristallmasse
hütend; dann aber, im 17. Jahrh., findet man sie an vielen
Plätzen fest ansässig, als Leiter großer Etablissements, von
denen einige heute noch im Besitz ihrer direkten Nachkommen
sind. Neben dieser Produktion & la fagon de Venise oder
2
372 Das französische Glas.
ala fagon des sieurs Altaristes, die man von der in den Nach-
barländern hergestellten italienisierenden Ware nicht unter-
scheiden kann, ging für die gewöhnliche Gebrauchsware
immer das einheimische verre de fougere her.
Eine einzige — allerdings sehr kleine — Gruppe von
künstlerisch beachtenswerten Gläsern läßt sich mit Bestimmt-
heit den französischen Hütten des 16. Jahrh. zuschreiben:
die sehr seltenen emaillierten Gläser mit französi-
schen Darstellungen und Inschriften. Zweifellos ist auch für
diese der Zusammenhang mit den emaillierten Arbeiten der
venezianischen Botegen, die ja bis ins 16. Jahrh. hinein
diesen Zweig der Glasveredlung kultiviert haben.
Wenn man an die eben erwähnte Glashütte des Ferro
in der Provenge (vor 1480) denkt und wenn man hört, daß
bereits ı5II in Lyon Glas a la fagon de Venise hergestellt
wurde, so kann man ohne Bedenken der französischen Glas-
fabrikation eine Anzahl stattlicher Schalen mit Emailmalerei
zuteilen, deren Hauptstück (im Cluny) durch das Doppel-
wappen von Ludwig XII. und Anna von Bretagne auf die
Jahre zwischen 1499 und 1514 datiert ist (Abb. bei Gerspach
S. 197). Die flache, unten mit Rippen versehene Schale ruht
auf einem hohen Schaft, der außer durch den Knauf noch
durch vier Ringe gegliedert ist. Um die Ränder von Fuß
und Schale ziehen sich Punktmuster aus blauem und weißem
Email; Knauf und Ringe sind vergoldet. Die Profile sind
sehr unregelmäßig, und das Ganze hat ein ungeschickteres
Aussehen als die gleichzeitigen venezianischen Arbeiten. (Das
Wappen allein würde natürlich für den französischen Ur-
sprung kein Beweis sein.)
Ein sehr ähnliches Stück, nur mit blauen, roten und
weißen Emailpunkten und Vergoldung dekoriert, besitzt die
Collection Dutuit; ein drittes Exemplar befand sich in der
Sammlung Spitzer. Die reiche Gliederung des Schaftes, die
diesen Stücken gemeinsam ist, wird man bei sicher veneziani-
schen Schalen dieser Zeit vergeblich suchen. Eine ebenfalls
sehr reiche, unvenezianische Schaftbildung besitzt ein Kelch
der Wallace Collection. - Sein Knauf ist von erhabenen, sechs-
eckigen Zellen bedeckt, deren Umrisse gelb emailliert sind,
während ihr Inneres kleine blauweiße Strahlensterne auf-
weist. Über dem Knauf ist wieder ein Ringprofil angebracht;
Strahlenzacken sind auf dem unteren Teile der Kuppa auf-
gemalt, während sich um ihren oberen Rand ein Goldorna-
ment, begleitet von blau-rot-weißen Linien und Punkten,
hinzieht. Auf dem Fuße ist einerseits ein Kruzifix und ein
Spruchband: »Sine me nichil«, anderseits Ranken mit Füll-
hörnern gemalt. Die vorzügliche Malerei deutet auf die Zeit
um 1530 hin.
Französische Emailgläser des 16. Jahrhunderts. 278
Die Mehrzahl der
sonstigen, sicher franzö-
sischen Arbeiten dieser
Gattung gehört bereits
der zweiten Hälfte des 16.
Jahrh. an. Es sind Glä-
ser mit vielfach reicher,
aber wenig eleganter
Knaufbildung, bei deren
Bemalung wiederum fast
ausschließlich die Farben
Blau, Rotund Weiß ver-
wendet sind. Außer
Punktborten und Ran-
ken zeigen sie meist
Brustbilder oder ganze
Figuren in Zeittracht
mit Namen, Devisen usw.
Die Hauptstücke, im
Louvre, Cluny und Brit.
Museum, sind bei Gers-
pach abgebildet; eine
sehr gute Kanne besitzt
das Kunstgewerbe-Muse-
um in Köln (Abb. 217).
Eine präzise Lokali-
sierung dieser Gläser läßt
sich bis jetzt nicht vor-
nehmen. Nach dem Vor-
gange Fillons hat man
vielfach als ihre Heimat
das Poitou angesprochen,
wo bereits vor 1572 ein
Fabiano Salviati aus Abb. 217. Blaue Kanne mit Emailmalerei.
Murano eine Glashütte Frankreich 2. Hälite 16. Jahrh. (Köln,
5 EN - Kunstgewerbe-Museum.)
(in Argentieres) errich-
tet hatte!53); dagegen soll z. B. der Name Boucau, der auf
einem Glas der Slade Collection vorkommt, nach der Provence
weisen. Und da auch noch andere Städte bereits im 16. Jahrh.
Hütten A la facon de Venise besaßen, wird man die Frage
nach der engeren Heimat dieser Gläser often lassen müssen.
Im Jahre 1551 beschäftigte Heinrich II. in Saint Germain
en Laye den italienischen Glasmacher Theseo Mutio; in Nantes
ließ sich 1588 ein Jean Ferro nieder, um »en verre et vaisselle
blanche ou faience« zu arbeiten, und in Machecoul (Dep.
Loire-Inferieure) stellten 1590 Jac. und Lodov. Ridolfi aus
Caffagiolo Glas und »terre de Faenze« her.
374 Das französische Glas.
1585 begründete ein Sarode (Saroldi) aus Altare, der
vorher bereits in Lyon etabliert gewesen war, die Glasmanu-
faktur vonNevers, unter dem Schutze desfeinsinnigen Lodo-
vico Gonzaga, des Herzogs von Nevers, der zu Altare be-
sondere Beziehungen hatte, da es in dem zu Mantua gehören-
den Marquisat Monferrat lag. Wie üblich, zog Saroldi mehrere
seiner Verwandten nach sich, denen er später die Hütte über-
ließ, nachdem er selbst in Melun (1597) und Paris (1603)
neue Fabriken angelegt hatte. (Seit 1645 waren die Saroldi
auch im Poitou etabliert.) 1647 wurde die Hütte in Nevers
von dem Altaristen Jean Castellani (früher in Lüttich) über-
nommen; in seiner Familie blieb sie bis 1726, wonach bis
gegen Ende des 18. Jahrh. die Borniol aus Altare die Leitung
hatten. Die Leistungen dieser Hütte scheinen nicht unbe-
deutend gewesen zu sein; sie hatte in ihrer ersten Zeit bereits
große Lieferungen an den Hof des Königs; man hört 1622 u. a.
von der Herstellung von Jaspisglas, von Tierfiguren und
andern vergoldeten und emaillierten Glaswaren. Eine Be-
stätigung für das Blasen bzw. Formen von Tieren gibt der
Bericht des Jean Heroard, daß Ludwig XIII. als Kind mit
»petits chiens de verre et autres aniımaux faits a Nevers«
spielte. Derartige Figuren — auch menschliche — sind noch
vielfach erhalten, z. B. im Brit. Museum (Dillon, Taf. 35),
in Sevres und im Musee des Arts decoratifs in Paris; unter
Vorbehalt kann man sie für Nevers in Anspruch nehmen,
denn hergestellt sind solche Dinge allerdings auch an vielen
andern Orten, so in Venedig, in Amsterdam usw. Sicherlich
aus Venedig stammen z. B. die Komödiantenfiguren im
Wiener Hofmuseum (aus der Ambraser Sammlung des Erz-
herzogs Ferdinand von Tirol (f 1595); abgeb. bei I. v. Schlosser,
Kunst-und Wunderkammern der Spätrenaissance, Fig. 48) und
die Gruppe der sogenannten Morraspieler in Schloß Rosenborg
(Kopenhagen). — Nevers hat sich seinen guten Ruf bis ins
18. Jahrh. bewahrt, wo es noch »le petit Muran de Venise«
genannt wird.
Wo die — meist hellblauen — Flaschen, deren Ober-
fläche eine bunte Marmorierung in der Art gefleckter Vorsatz-
papiere aufweist, herstammen, ist ungewiß. Gewöhnlich
werden auch sie französischen Hütten zugeteilt.
Im 17. Jahrh. mehrten sich die Glashüttenanlagen in
Frankreich beträchtlich; hier sei nur auf das Interessanteste
hingewiesen. 1662 erhielt ein Bernard Perrot, der Neffe des
J. Castellani in Nevers, die Konzession für eine Hütte in
Orl&ans. Er erfand 1687 einMittel, »de couler le cristal ou
le verre en tables, et de le rendre creux en maniere de cama-
yeux. On y peut representer toutes sortes de figures et
d’ornemens, des armoiries et des inscriptions, etc.«154). Mög-
Nevers. Orleans. Normandie. Lothringen. 375
lich, daß seiner Fabrik die kleinen Fläschchen mit gegossenen
oder gepreßten Lilienauflagen angehören, die in mehreren
französischen Sammlungen erhalten sind; das Wichtige an
der Notiz ist, daß er das Gießen des Scheibenglases erfunden
hat. Schon IQ Jahre früher wird berichtet, er verstehe »rendre
le verre interieurement et dans sa substance en couleur rouge,
transparent ...«, wobei aber sicher nicht an Goldrubinglas
gedacht werden darf.
Colbert gründete 1665 in Paris, Faubourg St. Antoine,
eine »Manufacture des verres & la fagon de Venise«, in der
Gläser, Spiegel, Scheiben, Lüstres, Edelsteinimitationen u. a.
hergestellt wurden und aus der sich später das großartige
Etablissement von St. Gobain entwickelte, das in der
Spiegel- und Scheibenfabrikation bald die erste Stelle in der
Welt einnahm.
Wegen der schon wiederholt hervorgetretenen Wechsel-
beziehung zwischen Glas und Fayence sei noch erwähnt, daß
ein Angehöriger der bekannten Töpferfamilie der Clerissy
aus Moustiers noch 1740 in Fontainebleau eine »verrerie
a la fagon de Venise« errichtete 155), also zu einer Zeit, als
man anderorts, z. B. in St. Quirin, bereits »verres de Boh&me«
und »cristaux«, d.h. jetzt jedenfalls englisches Kristallglas,
nachahmte.
Die Normandie, in deren Wäldern seit dem Mittel-
alter viele Glashütten bestanden haben und aus der ja auch
die späteren Altaristen ausgewandert sein sollen, scheint sich
von dem Einfluß des venezianischen Glases ziemlich frei-
gehalten und — nach Ausweis erhaltener Stücke in fran-
zösischen Sammlungen — eigene kräftige, wenn auch wenig
elegante Formen gebildet zu haben. Einige Altaristen haben
allerdings auch hier, z. B. von 1598 an in Rouen, gearbeitet,
haben jedoch, abgesehen vielleicht von einer Verbesserung
der Masse, keinen Einfluß auf die einheimische Produktion
ausgeübt. Die Mehrzahl der normannischen Hütten aber
waren »verreries grosses«, die nur Scheibenglas (»verre de
France« oder »plasts de verre«) und gewöhnliche Flaschen
herstellten. Um 1615 war hier schon teilweise Steinkohlen-
feuerung nach englischem Vorbilde eingeführt.
Lothringen war seit dem Mittelalter stark mit
Glashütten besetzt. 1448 wurde den lothringischen Glas-
bläsern das berühmte Privileg erteilt, durch das ihnen
die Rechte und Freiheiten von Edelleuten eingeräumt wurden.
Das Rittertum der »gentilshommes verriers« spielt seit dem
15. Jahrhundert in ganz Frankreich eine große Rolle; auch
den Muranesen und Altaristen wurde dieser Titel stets zu-
erkannt. Sehr viel ist bis in die neueste Zeit darüber ge-
schrieben und gestritten, ob in Frankreich das Handwerk als
376 Das französische Glas.
solches adelte, d.h. ob eine Person durch ihre Eigenschaft
als Glasbläser bereits Anrecht auf den Rang eines Edelmannes
hatte oder ob das Glasblasen nur für eine Tätigkeit gehalten
wurde, die sich mit der Würde eines Edelmannes vertrug.
Letztere Ansicht ist sicher die richtige. Jedenfalls steht fest,
daß viele, meist verarmte Mitglieder adeliger Familien sich
der Glasindustrie zugewendet haben, und daß diese verriers
stets eifersüchtig ob ihrer Anerkennung als gentilshommes
gewacht haben. — Das Verhältnis von Glasbläserei und Adel
hat am besten Garnier in folgendem Satze formuliert: In
Frankreich blieb man Edelmann, obgleich man Glasbläser
war, in Venedig war man Edelmann, weil man Glasbläser
war, und in Altare konnte man nur Glasbläser werden, wenn
man Edelmann war.
Ob das lothringische Glas sich irgendwie von den Pro-
dukten der benachbarten Landschaften unterschieden hat
und insbesondere, ob es mehr den französischen oder deutschen
Waren nahestand, wissen wir nicht. In der Hauptsache
scheint kunstloses Gebrauchsglas hergestellt zu sein, das in
großen Mengen ins Ausland verschickt wurde; 1556 z. B.
schloß ein Händler Johann Lange in Basel mit den lothringi-
schen Glashütten einen Kontrakt ab auf Lieferung der ge-
samten Produktion. Auch von starkem Vertrieb nach den
Niederlanden und England wird berichtet. Die bedeutend-
sten Glasmacherfamilien in Lothringen waren die Thiery,
Tisac, Finance und besonders die Hennezel.
Im 18. Jahrh. war Frankreich in Bezug auf das Luxus-
glas ganz vom Ausland abhängig geworden. 1760 erließ die
Academie des sciences ein Preisausschreiben, um Vorschläge
zur Verbesserung der Glasindustrie zu erhalten. Den Preis
trug eine Schrift des Arztes Bosc d’Antic davon, der in der
Einleitung klagt, das französische Glas sei schlecht und
teuer 156). Zum Vergleiche zieht er die Produkte auswärtiger
Hütten an: »So verkommen die Glaskunst Venedigs ist«,
schreibt er u. a., »so groß ist neuerdings der Ruf der englischen
Glashütten, die vier Fünftel ihrer Produktion exportieren.
Das englische Kristallscheibenglas wird nur noch von dem
aus Neustadtan der Dosse und Nürnberg übertroffen. Sachsen,
Böhmen, Franken und die Pfalz liefern nach Frankreich für
beträchtliche Summen Kronleuchter, Wandleuchter, Flakons,
Flaschen, Gläser und Becher, Scheibenglas, Fensterglas usw.«
Angeregt durch die Vorschläge dieser Preisschrift hat
sich dann das Glaswesen Frankreichs merklich gehoben. Aber
Deutschland und England blieben weiterhin an der Spitze.
Erst im 19. Jahrh. hat Frankreich einen ganz gewaltigen
Aufschwung genommen, so daß es heute in vielen Zweigen
der Luxusglasindustrie tonangebend ist.
XI. Das englische Glas.
ID® Modernisierung der in den alten mittelalterlichen Tradi-
tionen arbeitenden englischen Waldglashütten erfolgte
gegen 1570 durch Zuzug französischer Glasarbeiter aus Loth-
ringen und der Normandie. Ein Antwerpener Kaufherr,
Jean Carr&, brachte die ersten Franzosen herüber, die sich
in der Landschaft Surrey (zwischen Hastings und London),
später bei Salisbury (Hampshire) und weiter nördlich in
Worcestershire und bei Newcastle ansiedelten, je nach Bedarf
ihre Hütten in andere Waldbestände verlegend. Immer
wieder tauchen hier die Namen der berühmten französi-
schen Glasmacherfamilien auf. Das Schwergewicht ihrer
Tätigkeit lag aber wohl auf dem Gebiete der Fensterglas-
fabrikation.
Von mehr episodischem Wert scheint die Niederlassung
einiger Venezianer im 16. Jahrh. gewesen zu sein. Im Jahre
1550 hören wir zum ersten Male von venezianischen Glas-
bläsern in London; ob der kleine Henkelbecher aus Fadenglas
mit englischer Silbermontierung vom Jahre 1548 im Brit.
Museum (Franks Coll.) in England selbst gearbeitet ist, muß
fraglich bleiben. Allerdings weicht er mit seinen ganz breiten
Fäden (fast Bändern), zwischen denen nur eine ganz schmale
Lage farblosen Glases liegt, erheblich von allen sonst be-
kannten Arbeiten der venezianischen Hütten ab. Dann wird
1564 Cornelius de Lannoy (der jedenfalls Glas & la fagon de
Venise herstellte) genannt; der einzige, der längere Zeit in
London gearbeitet hat, war der Venezianer Jacopo Verzelini,
der wahrscheinlich aus Antwerpen kam, 1575 ein Patent auf
venezianisches Trinkglas erhielt, seine Werkstatt in Friars
Hall hatte und 1606 starb, nachdem 1592 seine Konzession
für 21 Jahre an Sir Jerome Bowes übergegangen war 157).
Das Brit. Museum besitzt ein niedriges Kelchglas, das in
Diamantritzung außer der Jahreszahl 1586 und den Initialen
G. S. die Inschrift »In God is al mi trust« und ornamentale
Ranken trägt (Abb. bei Bate, »English Table Glass«, Taf. 2).
Dies Stück — das einzige bekannte sicher englische Glas des
378 Das englische Glas.
16. Jahrh. — darf mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit dem
J. Verzelini zugeschrieben werden.
In den Beginn des folgenden Jahrhunderts fallen dann,
angeregt durch die Klagen über Verwüstung der Wälder, die
ersten Versuche, die Steinkohle als Feuerungsmaterial für
die Glasöfen zu benutzen. Da England stets die Priorität
dieser Erfindung zugeteilt wird, mag hier daran erinnert werden,
daß bereits 1579 bis 1585 in Hessen von einigem Erfolg
gekrönte Versuche in dieser Richtung unternommen worden
waren (vgl. S. 133). In England hat sich vor allem Thomas
Percivall um die Vervollkommnung der Steinkohlenfeuerung
verdient gemacht, und um 1615 erhielt der Admiral Sir Robert
Mansell ein Monopol zur Verwendung dieser wirtschaftlich
höchst wichtigen Neuerung. Mansell schlug die gesamte
Konkurrenz aus dem Felde und brachte die ganze Glasindu-
strie in seine Hand. Durch seinen geschickten Agenten
James Howell ließ er außer französischen Arbeitern auch
Venezianer und Altaristen anwerben und fabrizierte an ver-
schiedenen Orten alle Arten Gläser, Wein- und Biergläser in
ordinärem und in Kristallglas, Spiegel, Brillen, Fensterglas
und »grünes Glas«. Unter diesem grünen Glas sind hier viel-
leicht auch Römer zu verstehen, die übrigens um 1670 sogar
aus Venedig nach England importiert wurden 158). Überhaupt
war die venezianische Einfuhr bis gegen 1680 noch sehr be-
deutend; von da ab erst scheint die Leistungsfähigkeit der
englischen Hütten zur Versorgung des Landes stark genug
geworden zu sein.
In diese Zeit fällt auch die epochemachende englische
Erfindung des Bleiglases. Der Bleizusatz erhöht zwar das
Gewicht und die Weichheit des Materials, verschafft dem
Glase aber eine absolute Durchsichtigkeit und einen bis dahin
unbekannten prachtvollen Glanz, der sich besonders stark
entfaltet, wenn durch Facettenschliff das Licht gebrochen
und reflektiert wird. Chr. Merret sagt allerdings noch in
seinen 1662 erschienenen Anmerkungen zu Neris Arte Vetraria
ausdrücklich, daß das Bleiglas in England nicht in Gebrauch
sei, aber bereits 1680 wird in Lüttich von den Bonhommes
»flint-glass & l’Anglaise« hergestellt. Der Name »Flintglas«
(Kieselsteinglas) trifft nicht das Entscheidende; er wurde
für das neuerfundene Bleiglas übernommen, ebenso wie etwa
in Deutschland der Ausdruck Kristallglas, der bisher für das
Glas & la fagon de Venise gebräuchlich war, am Ende des
17. Jahrh. auf die beste Sorte des Kreideglases überging.
Kreybich (vgl. S. 262) erzählt, daß 1688 in London
6 Glashütten bestanden, die »machten schöner Glas, als wir
hineinbrachten, nur dass unseres geschnitten und gemalt war«.
1696 existierten in England bereits 90 Glashütten, davon
Steinkohlenfeuerung. Bleiglas, 379
24 allein in London, 9 in Bristol, 17 in Stourbridge und II
in Newcastle, wobei allerdings auch die Hütten mitgezählt
sind, die nur Fensterglas herstellten.
Die herrschende Form der englischen Trinkgläser in
dieser Zeit war noch die in Venedig statuierte, d. h. das Kelch-
glas mit kurzem Balusterschaft. Um 1700 traten an dessen
Stelle nun einige neue Formen, die dann auch bald von den
niederländischen Glashütten übernommen wurden (s. S. 351).
Die englische und holländische Glasfabrikation hat überhaupt
während des ganzen 18. Jahrh. in engen Wechselbeziehungen
gestanden, so daß die Produkte selbst in den Fällen nicht
mit Sicherheit zu bestimmen sind, wo die besondere Ver-
zierung einen Anhaltspunkt gibt. Die Gläser der Abb. 212 bis
214 können ebensogut in England wie in Holland ent-
standen sein.
Den Ruhmestitel des englischen Glases im 18. Jahrh.
bildet das Material mit seiner wundervollen Klarheit; Schliff
und Schnitt, die man vom Kontinent durch Vermittlung der
Holländer übernahm, haben nie eine große künstlerische
Höhe erreicht, und auch die Formen sind weder mannigfaltig
noch elegant, vielmehr praktisch und solid. Das Haupt-
charakteristikum der englischen Trinkgläser, die sich in
Wein-, Bier- und Liqueurgläser trennen und nie über eine für
deutsche Verhältnisse sehr mäßige Größe hinausgehen, ist
der hohe Stiel, der im Anfang noch mit Balusterknäufen
ausstaffiert wird, bald aber als völlig glatte, runde Glasstange
gebildet wird, auf der, meist ohne jedes Ansatzprofil, der
Kelch aufsitzt. Die beliebteste Verzierungsart der Stiele
besteht in opak-weißen (seltener bunten) Spiralfäden oder in
hohlen Luftfäden, die in die Masse eingebettet sind. Die
Füße sind meist schlicht und niedrig, nur in der ersten Hälfte
des 18. Jahrh. treten noch häufig gewölbte Füße mit umge-
schlagenem Rand auf, wie sie auch für die hessischen Gläser
charakteristisch sind. Die Formen der Kelche varieren zwi-
schen zylindrischen, geschweiften und glockenförmigen Bil-
dungen; das üblichste Motiv des meist recht handwerklichen
Schnittdekors ist ein Rosenzweig und ein Schmetterling.
Ferner kommt häufig vor Weinlaub auf Weingläsern und
Gerstenähren auf Biergläsern; sonst hat man gern politische
Mottos und Embleme, gegen Ende des Jahrhunderts beson-
ders Schiffsdarstellungen angebracht. Die Facettierung des
Stieles ist erst gegen 1760 bis 1770 in Aufnahme gekommen.
Am Ende des Jahrhunderts ging man dann zu dem dicken,
quadratischen Fuß über, von dem ein kurzer, verjüngter
Schaft zu dem weiten Kelch überleitet. Der Hauptdekor
dieser späten Gläser besteht in einem völligen Überspinnen
aller irgend dazu geeigneten Flächen mit Facettenschliff
380 Das englische Glas.
(Brillantschliff), der von den deutschen Hütten, besonders
in Böhmen und Schlesien, sehr bald übernommen wurde
(s. S. 293). Dies war der Beginn einer Mode, die auch jetzt
wieder einen starken Prozentsatz aller Glasveredlung bildet
und durch die Entwicklung der besten Eigenschaften des
Kristallglases auch sicher Daseinsberechtigung hat.
Eine Sonderstellung nimmt im 18. Jahrh. das in Bristol
und seit 1788 auch in Nailsea (Somerset) 259) hergestellte
Milchglas ein, das als Porzellanimitation entweder mit Email-
farben oder aber einfach mit Ölfarben bemalt wurde. Be-
sonders häufig findet man in englischen Sammlungen Essig-,
Ol- und Mostrichfläschehen mit teilweise sehr feinem Blu-
mendekor und Aufschriften. Auch Leuchter und Vasen
mit Dekor »3 la famille rose« sind nicht selten, ebenso Stücke
mit Landschafts- und Genremalerei.
Abb. 218. Chinesisches Überiangglas. 18. Jahrh. (Berlin, Kunstgewerbe-Museum.)
XI. Das chinesische Glas”.
BR nimmt in der Geschichte der Glaskunst eine völlige
Sonderstellung ein. Obgleich ihm eine selbständige Fr-
findung des Rohstoffes nicht zugeschrieben werden kann, hatees
sich doch von den importiertenVorbildern gänzlich ferngehalten
und eigene Wege in der Gestaltung und Raffinierung des
Glases eingeschlagen. Die Haupttechnik, der Schnitt mehr-
schichtigen Überfangglases, hat seine einzige Parallele in
den Werken der antiken Glaskunst, deren edelste Vertreterin
die Portlandvase ist (vgl. S. 26); allein ein Zusammenhang
zwischen diesen und den chinesischen Produkten ist aus-
geschlossen.
Über die Geschichte des Glases in China wissen wir sehr
wenig. Es ist auch erst einige Jahrzehnte her, daß Beispiele
chinesischer Glaskunst in Europa bekannt wurden. Die
Sammlung des Berliner Kunstgewerbe-Museums, die von dem
Kaiserlichen Gesandten in Peking, Herrn v. Brandt, zu-
sammengebracht worden ist und in den Jahren 1879 und 1884
in den Besitz des Museums überging, war die erste, die eine
genauere Kenntnis von der Eigenart und Schönheit des chine-
382 Das chinesische Glas.
sischen Glases in Europa vermittelte. Sie ist mit ihren etwa
400 Exemplaren noch heute die bedeutendste Kollektion im
Auslande. Aber auch in ihr befindet sich kein Stück, das
vor dem zweiten Drittel des ı8. Jahrh. entstanden ist; die
Mehrzahl besteht aus Arbeiten vom Ende des I8. sowie aus
dem 19. Jahrh.
Die frühesten Erwähnungen des Glases in China beziehen
sich auf importierte Waren. So sollen während der Han-
Dynastie (206 vor bis 220 nach Chr.) Glaswaren aus dem
Westen (Syrien, Alexandria) nach China gekommen sein,
und ein historisches Werk aus der Zeit zwischen 22I und 264
n. Chr. führt 10 Farben von opakem Glase auf, das aus dem
Abendlande eingeführt wurde 6),
Erst im 5. Jahrh. wurde Glas in China selbst hergestellt,
und zwar im nördlichen China durch Kaufleute, die aus einem
nordwestlich von Indien gelegenen Lande, »Ta-yüeh-chih«,
gekommen waren. Für Südchina (mit der Hauptstadt Nan-
king) wird um dieselbe Zeit berichtet, daß der Herrscher von
Ta-tsin (vermutlich mit Byzanz identisch) dem Kaiser Tai-
tsou von Südchina kostbare Glasgeschenke machte und ihm
später einen Glaskünstler schickte, der »Steine in Kristall« um -
wandeln konnte und das Geheimnis seinen Schülern hinterließ.
In der Folgezeit werden dann Schalen und Becher, Nach-
ahmungen von Jade und andern Steinarten als einheimische
Produkte angeführt. Immerhin aber scheint die Glasfabrika-
tion sich nicht zu besonderer Höhe aufgeschwungen zu haben:
das Porzellan ließ keinen Nebenbuhler neben sich aufkommen.
Erst am Ende des 17. Jahrh. kam das Glas zu erneuter
Wertschätzung, als 1680 der Kaiser Kang-hi im Palast zu
Peking, wohl auf Anregung jesuitischer Missionare, eine Glas-
hütte errichten ließ, die aber fast nur für den kaiserlichen Hof
gearbeitet hat. Ihre Produkte wurden mit dem eingravierten
Nien-hao versehen, das im Gegensatze zu den Porzellan-
marken nur aus vier Zeichen (unter Weglassung der die
Dynastie angebenden Zeichen) besteht. Hergestellt wurde
einfarbiges Glas, geschnittenes Überfangglas sowie farbloses
und opakweißes "Glas mit Emaildekor. Besonderer Berühmt-
heit erfreute sich zu Beginn der Herrschaft Kien-Lungs ein
Manufakturdirektor Hu, von dessen Werken einzelne auf
Befehl des Kaisers in Porzellan nachgebildet wurden.
In der Neuzeit hat sich zum Zentrum der chinesischen
Glasfabrikation Poshan-hsien in der Provinz Shantung ent-
wickelt. Von dort wird das Rohmaterial in Form viereckiger
Ziegel (Proben in Schr. 409) hauptsächlich nach Peking
versandt, wo die bedeutendsten Werkstätten für die künst-
lerische Bearbeitung des Rohstoffes sich befinden. Auch
Canton hat eine rege Glasfabrikation.
Farbenglas. Überfangglas. 383
Der gewöhnliche Name für Glas ist liao, für Glaswaren
liao ch’i.
In hervorragender Weise beherrschten die chinesischen
Glasarbeiter die durch Zusätze von Mineraloxyden bewirkte
Färbung des Glases. Die beliebtesten Farben sind Blau,
Grün und Gelb in den verschiedensten Nüancen; von der
großen Menge fein abgestufter Töne auch in vielen andern
Farben legt die Sammlung des Museums Zeugnis ab. Selbst
die tiefrote Rubinfarbe war den Chinesen bereits im IS. Jahrh.
bekannt; von dem Kunckel-Rubin unterscheidet sie sich aber
dadurch, daß das Glas bei auffallendem Lichte einen stumpfen,
fettigen Glanz und meist eine leicht gewölkte Oberfläche zeigt.
Das Aventuringlas (»Goldsternglas«) wurde bis vor nicht zu
langer Zeit lediglich aus Europa eingeführt. Eine besondere,
im Abendlande nicht bekannte Glasart ist das Scherbenglas
(tschapoli), das durch und durch von Rissen durchzogen ist,
dessen Oberfläche aber, im Gegensatze zu dem Eisglas der
Venezianer, völlig glatt ist (mehrere Proben im Pultschrank
409). Endlich ist auch das sogenannte Reisglas, dessen
trübweiße Masse von opakweißen Punkten durchsetzt er-
scheint, eine chinesische Erfindung.
Das Blasen, diese Haupttechnik der europäischen Glas-
hütten, wurde in China fast gar nicht geübt und scheint erst
in neuester Zeit in Aufnahme gekommen zu sein. Eine einzige
moderne Schale von blauem, blasigem Glase in Schr. 416
ist durch Blasen hergestellt. Fast ausschließlich wurde sonst
das Gießen in die Form gehandhabt. Und eben hierin liegt
der große Unterschied der chinesischen von den europäischen
Glaswaren begründet. Während im Abendlande gerade durch
das Blasen der besondere Glasstil sich ausbildete, der auf
der einzigartigen Eigenschaft des Glases, seiner Dehnbarkeit
in heißem Zustande, beruht, und der seine höchsten Triumphe
in den graziösen leichten Formen Venedigs feierte, sind in
China niemals spezielle Glasformen entstanden; jede chinesi-
sche Glasarbeit könnte — ihrer Form nach — auch aus einem
beliebigen andern Material bestehen. Neben den Formen
von Metall-, besonders Bronzearbeiten wurden hauptsächlich
Porzellangefäße und Arbeiten aus Jade und andern Stein-
arten nachgebildet. Darin liegt auch die ausgesprochene
Vorliebe der Chinesen für opakes Glas begründet.
Die in China am meisten gepflegte und zu virtuoser
Meisterschaft entwickelte Technik ist der Schnitt des Über-
fangglases. Das Steinschneiden war den Chinesen ja seit
Jahrhunderten geläufig; so war es natürlich, daß sie diese
Technik auch auf das weichere und daher viel leichter zu
bearbeitende Material des Glases übertrugen, zumal die farbi-
gen Effekte, die etwa der Achat und ähnliche Steinarten bieten,
334 Das chinesische Glas.
in der künstlichen Masse durch Übereinanderschmelzen ver-
schiedenfarbiger Schichten weit übertrumpft werden können.
Als Grundfarbe dient in den meisten Fällen opakweißes
Glas; darüber werden eine oder zwei Schichten andersfarbigen
opaken Glases geschmolzen, aus denen die Verzierungen so
ausgeschnitten werden, daß sie erhaben auf der nun wieder
zum Vorschein kommenden Grundmasse stehen. Bei kleine-
ren Gefäßen werden diese Grundflächen gewöhnlich geglättet,
bei größeren bleiben sie meist in all der Unregelmäßigkeit,
die durch das Schneiden hervorgerufen ist. Von solchen
selten vorkommenden größeren Stücken besitzt die Berliner
Sammlung eine ganze Anzahl (in Schr. 413 und 416), meist
mit blauem oder rotem Überfang (Abb. 218). Von der Viel-
fältigkeit der Farbenzusammenstellungen aber gibt die große
Sammlung von Tabaksfläschehen (in Schr. 413 und Pult-
schrank 409) einen guten Begriff. Der ganze Ornamenten-
schatz, der vom chinesischen Porzellan, Lack usw. genugsam
bekannt ist, findet auf diesen Fläschchen Verwendung; einige
Stücke sind besonders reizvoll und kompliziert durch die
Ausnutzung mehrerer verschiedenfarbiger Überfangschichten.
Daneben hat man es auch verstanden, mehrere Farb-
schichten neben einander auf die Grundmasse aufzutragen,
so daß in der gleichen Fläche Ornamente in drei, vier und
noch mehr Farben nebeneinander stehen (einige Tabaks-
fläschchen dieser Art in Schr. 413 und Pultschr. 409).
Hinter dem Schneiden treten alle übrigen Verzierungs-
arten stark zurück. 5
Ein dem geschnittenen Überfangglas ähnlicher Effekt wird
durch Aufschmelzen einer andersfarbigenVerzierung gewonnen.
Dieser, den antiken Schlangenfadengläsern im Prinzip ver-
wandte Dekor ist auf einem kleinen, gelben Fläschehenmit auf-
geschm olzenem grünen Zweige verwendet (Pultschrank 409).
Emailmalerei auf Glas ist in Anlehnung an die beim
Porzellan verwendete Technik ebenfalls im I®. Jahrh. geübt
worden; neben einigen so verzierten Opalglasschalen verdient
besonders eine kleine Flasche aus opakweißem Glase (Schr.
416) mit sehr fein gemalten Bambuszweigen Beachtung. Fer-
ner tritt Lackmalerei, meist auf opakweißem Glase, auf, sowie
das mehr wegen der technischen Geschicklichkeit alswegen der
künstlerischen Ausführung bemerkenswerte Bemalen enghal-
siger Tabaksfläschchen von innen her (Beispiele in Schr. 413).
Endlich sei noch das Gravieren mit dem Diamanten
erwähnt, wozu sicherlich holländische Arbeiten das Vorbild
geliefert haben. Es wurde vom 18. Jahrh. an mit großer
Zartheit gehandhabt; mehrere kleine, viereckige Platten in
Holzrahmen (Schr. 416), zwei Täßchen (Pultschr. 409) und
einige andere Stücke legen davon Zeugnis ab.
Anmerkungen.
ı) Das früheste, aus dem 19. Jahrh. v. Chr. stammende Stück —
ein 4 cm langes Stabbruchstück mit Schriftzeichen des Königs Amenem-
het III. — besitzt die ägyptische Abteilung der Berliner Museen (Amt!l.
Berichte 29. Jahrg. 1908, S. 134).
2) Lethaby, Sancta Sophia. New York 1894. 5. 50.
3) Quellenschriften für Kunstgeschichte. Wien 1874. Bd. V1l.
4) Ausführlich vom Verfasser behandelt in »Schlesiens Vorzeit in
Bild und Schrift“ Neue Folge, Bd. VI. 1912. S. 53H.
5) Nützel, Embleme und Wappen auf muhammedanischen
Münzen, in der Festschrift der Numismat. Gesellschaft, Berlin 1893, S. 136.
6)M. van Berchem und J. Strzygowski, Amida.
Heidelberg 1910. S. 90 u. 93.
7) Abb. bei Lessing, Die Gewebesammlung des Kgl. Kunst-
gewerbe-Museums zu Berlin, Taf. 83 u. 89.
8) Abb. bei Migeon, Manuel d’art Musulman. Paris 1908.
ISSEESENSS:
9) Abb. bee M. van Berchem und ]J. Strzygowski,
a.a. O. S.82 u. 83.
10) Abb.bei Sarre-Herzfeld, Archäolog. Reise ım Euphrat-
und Tigrisgebiet. Berlin ıgı1ı. Bd. I, S. 13.
ır) Abb. ebenda, Bd. III, Taf. 97.
22) Die Zuweisung der Flasche der Sammlung Hakkey-Bey (Paris)
an einen Ortokidenherrscher durch Schmoranz (Fig. 6) ist falsch.
13) Heyd, Histoire du commerce du Levante. Leipzig 1886.
Bd. II, S. 7ı1.
14) Voyages d’Ibn Batoutah, Ausg. von Defremery u. Sanguinetti.
Paris 1854. Bd. II, S. 263 u. Bd. III, S. S u. 11.
15) Abb. ı. Münchner Jahrbuch der bild. Kunst, 1907, S. 19.
16) In dem 1345 verfaßten Libro d’oltramare des Fra Niccolö
Poggibonsi (Bologna 1881, Bd. 2, S. 21) wird eine Straße ın Damaskus
erwähnt, »che si chiama la strada che si dipigne ivi il vetro«. — Vgl.
auch die »Verres de Damas« der französischen Inventare des 14. u.
15. Jahrh.
7) Hafiz Abrü von Herat sagt im Beginn des 15. Jahrh.: »Eine
besondere Industrie in Aleppo ist die des Glases. In der ganzen Welt
sieht man keine schöneren Glaswaren. Wenn man in den Bazar eintritt,
kann man sich nicht entschließen, wieder wegzugehen, so sehr ist man
von der Schönheit der Gefäße verführt, die mit einer wunderbaren
Eleganz und ebensolchem Geschmack dekoriert sind. Die Glasarbeiten
von Aleppo werden in alle Länder zu Geschenkzwecken exportiert.«
Schmidt, Glas. 25
386 Anmerkungen.
15) Nach Benjamin v. Tudela (1173; Edit. Lempereur S. 31) gab
es ım 12. Jahrh. in Antiochia Io Glasfabrikanten.
19) Nach Heyd, a.a.O. Bd. I, S. 180, waren auch Juden
durch Generationen hindurch in der venezianischen Kolonie von Tyrus
als Glasmacher ansässig.
2) Dozy und Engelmann, Glossaire des mots espagnols
et portugais derives de l’arabe. Leyde 1869, S. 287.
27) Voyages de M. le chevalier Chardin en Perse et autres lieux,
1, I8V, 195 2578
22) Jahresbericht des Hamb. Museums f. Kunst u. Gew. für 1906,
S. 91.
233) Fr. Trautmann, Kunst und Kunstgewerbe vom frühe-
sten Mittelalter bis Ende des 18. Jahrh., Nördlingen 1869. S. 112.
24) Nach Biringuecio wurden dazu Bronzeformen, »cavi di bronzo«,
verwendet.
25) Vgl. besonders die Schriften von Alberti, Garzoni und Rene
Frangois (s. S. 109).
26) Vgl. das Musterbuch des John Greene, bei Hartshorne,
Old English Glasses, Taf. 30—32.
27) Archaeological Journal, vol. 18 (1861), p. 143 ft.
28) Abb. bei Falke-Frauberger, Deutsche Schmelzarbei-
ten des Mittelalters. Frankfurt 1904. Taf. 126.
29) Ausführlich vom Verfasser behandelt im Jahrbuch der Kgl.
Preuß. Kunstsammlungen, 1911, Heft 4.
30) Jahrbuch des Allerh. Kaiserhauses Bd. 2 (1884); Innsbrucker
Urkunden Nr. 2036.
32) Vgl. Franz Pohl, Über die Darstellung der reticulirten
venetianischen Gläser. Im Berliner Gewerbe-, Industrie- und Handels-
blatt Bd. 8 (1843), Nr. 3 u. 4. — Pohl hatte sich damit erfolgreich
um einen Preis beworben, den der »Verein zur Beförderung des Gewerbe-
fleißes in Preußen« 1839 für die Wiederfindung dieser Technik gesetzt
hatte.
32) Verschiedene Aufsätze in den »Bulletins des Commissions
Royales« Bruxelles 1883—1891.
3) S. Jan Wagenaar, Amsterdam, in zijne opkomst...
Amsterdam 1766. IX Stuck, S. 271 ff.
3) S. Joh. Isaac Pontanus, Historische Beschryvinghe
der seer wyt beroemde Coop-stadt. Amsterdam. Amsterdam. 1614.
Buch@i2S W228 x
35) Ss. Wagemaar, ara. 0. nz
3%) S. Filips von Zesen, Beschreibung der Stadt Amster-
dam.. Amsterdam 1664. S.. 210—211.
37) David von Schönherrs Gesammelte Schriften. Inns-
bruck 1900. Bd. I, S. 406 ff.
39) Jahrb. der Kunstsammlungen des A. H. Kaiserhauses Bd. ı1;
Urkunden und Regesten aus d. K. K. Statthalterei-Archiv Innsbruck,
Nr. 7071.
59) Ebenda Nr. 7505 und. Bd. 14, Nr. 10 177.
40) Die Hauptstücke abgeb. in »Ausgewählte Gegenstände der
Kuünstindustriellen Sammlung des Allerh. Kaiserhauses<. Herausgeg.
v.. Jul. von Schlosser, Wien 1901. Taf. 40.
41) S, Anzeiger f. Schweizer. Altertumskunde. N. F., Bd. IX (1907),
S. 168.
Anmerkungen. 387
#) S. Genard, im Bulletin.des archives d’Anvers XIII, p. 434.
#3) S. A. von Drach, Die Casseler Weißglashütte von 1583.
In d. Bayr. Gewerbe-Zeitung 1893, S. 95. fi.
#4) Nyrop (Danmarks Glasindustri indtil 1750, Kopenhagen
1879) berichtet noch von mehreren Versuchen, Glashütten ın Dänemark
anzulegen, so in den Jahren 1580, 1584, 1652, 1690 und 1694 mit Hilfe
von böhmischen, hessischen und französischen Arbeitern, die jedoch alle
nicht von bemerkenswertem Erfolg gekrönt waren. Ähnlich erging es
mit den norwegischen Hüttengründungen seit 1742 (vgl. Grosch,
De norske Glasvaerker Historie, in Christiania Glas Magasins Udstilling
1899). S. auch S. 128.
4) Vol. auch Gerda Cederblom in »Fataburen« Stock-
holm 1910, Heft 3, S. 155.
#) S. Landau, Geschichte der Glashütten in Hessen. In der
Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde. Kassel
Tag Bd2, 85280...
47) Kölner Ratsprotokolle Bd. 57.
48) Ebenda Bd. 66.
49) Mitteilung des Kgl. Staatsarchivs in Düsseldorf. — Die betr.
Akten sind verloren gegangen.
50) 5. D. van de Casteele, L’ancienne verrerie Liegeoise.
Im Bulletin de l’institut archeol. Liegeois, T. XIV (1878), p. 215.
DYESEE Gerda @erdlershr konn ara 0 STE
5) S. Berling, Die sächsischen Hofkellereigläser. In der
Festschrift des Kgl. Sächs. Altertumsvereins. Dresden 1900. S. 197 ff.
53) S. Festschrift zum 300 jährigen Jubiläum von Lauscha. Lauscha
1897.
54) »De Subtilitate.« Lyon 1550, Buch V, S. 244; »De rerum
varietate«. Basel 1557. Buch X, S. 409.
55) „De re metallica«e. Basel 1556. Buch XII, S. 470 ff.
56) Vgl. dazuauch Pazaurek, Aus Böhmens alter Glashütten-
praxis. In den Mitteilungen des Nordböhm. Gewerbe-Museums, 1903,
S. 63 fi., wo verschiedene alte Glassätze mitgeteilt sind.
E 57) Der Name Kristallglas hat im Laufe der Zeit die verschiedensten
Glassorten bezeichnet, und zwar stets die Sorte, die jeweils am voll-
kommensten war, d. h. in den Augen der Zeitgenossen die größte Ähnlich-
keit mit dem Bergkristall hatte. So nannten die Venezianer ihr bestes
Glas cristallo, die zweite Qualität cristallino, während die gewöhnliche
Sorte einfach vetro bianco oder commune hieß (Neri). Die deutschen
Hütten übernahmen die Bezeichnungen Kristallglas und Kristallinenglas
zuerst für die auf Venezianer Art hergestellten Produkte, dann ging der
Name Kristallglas auf die besten Sorten des Kreideglases über. Aber
auch dieses hat den Namen nach etwa 100 Jahren wieder abgeben müssen
an das englische, bald überall nachgeahmte Bleiglas, dem es bis heute
nicht wieder genommen ist.
58) Ob hier ein Zusammenhang mit Kunckel bestanden hat, ist sehr
fraglich. Die Annahme Pazaureks (Großindustrie«, 1898, S. 148), daß
der kurbrandenburgische Agent Bläsendorf zwischen 1666 und 1668 das
von Kunckel ihm mitgeteilte Geheimnis nach Helmbach gebracht habe,
ist unhaltbar, da Kunckel überhaupt erst 1678 in brandenburgische
Dienste trat.
59) Vgl. auch Beckmann, Beyträge zur Geschichte der Er-
findungen. Leipzig 1782. Bd. I, S, 388.
25*
388 Anmerkungen.
60) In Sigmaringen, Nürnberg (Bayr. Gew.-Museum), Prag, Brit.
Museum und in der früheren Sammlung Campe (Hamburg).
6) S. Stockbauer, Die Kunstbestrebungen am bayerische
Hofe. Quellenschriften für Kunstgeschichte Bd. VIII, S. 130.
%2) S.G. Steinhausen, Deutsche Privatbriefe des Mittel-
alters. Berlin 1899. Bd. I, S. 120 fi. e
6) Abb. bei O. von Falke, Das rheinische Steinzeug. Berlin
19080 BdI1.2S207.
64) Auf die »Predigt vom Glasmachen« des Joachimsthaler Pfarrers
Joh. Mathesius (in der 1562 in Nürnberg erschienenen Bergpostille;
auszugsweise abgedruckt in den Mitteilungen des Nordböhm. Gewerbe-
Museums Jahrg. VII, 1889, Nr. 3—5) sei hier besonders hingewiesen.
Sie ist eine der wichtigsten Quellen für unsere Kenntnis der damaligen
deutschen Glaskunst.
65) Auch die Nebenform »Spechtzer« spricht für die Ableitung
des Namens vom Spessart (Grimms Deutsches Wörterbuch).
66) S. Zeitschrift des Vereins für hamburgische Geschichte, Bd. I,
Se 5
67) Publiziert von E. Zimmermann in »Kunst und Hand-
werk«, 1899, S. 271.
16) Höhlbaum, Mitteilungen aus dem Stadtarchiv zu Köln,
DE te
6) de Stoppelaer, Het Schuttengilde... te Middelburg,
1886. S. 174.
70), S. Rriedrich, S. 79: v. Czihak, S. 76; Pazauree same
72) S. Deutsches Wörterbuch, 1906, Bd. III, S. 134.
72) S. Friedrich, S. 91; v. Czihak, S. 82; Pazaurek, S. 4. — Die
Hypothese des letzteren von dem urinale feminini generis ist absolut
unhaltbar. Man denke nur an die Massenfabrikation des Kuttrolf im
Spessart (vgl. S. 132).
73) Seibt, Deutsche Trinkgläser des 16. u. 17. Jahrh. Frank-
furt a. M. 1882. S. 57.
74) Abb. in der Zeitschr. des Münchner Altertumsvereins, 1895, S. 3.
75) Ausführliches über diese bizarren Formen gibt Friedrich,
S. ıız fi., und v. Czihak, S. 87 ft.
76) In Schedels Weltchronik (1493; Bl. 184) sind die Herzöge direkt
durch Säulen unter dem Throne des Kaisers symbolisiert.
77) Vgl. hierzu die Ausführungen Brinckmanns im Jahres-
bericht des Hamb. Museums für 1906, S. 89 ff., sowie Karl Peter
Lepsius, Kleine Schriften, Magdeburg 1855, Bd. III, S. 197 ff.
78) Abb. im Anzeiger f. d. Kunde, der deutschen Vorzeit, 1879,
S. 69 u. 70.
79) Ebenso verhält es sich mit dem von Ilg angeführten Humpen
der Geizkofler von 1553.
80) Aus den Akten des Geh. Staatsarchivs in Berlin, die demnächst
ausführlich veröffentlicht werden sollen.
&) Abb. bei Koula, Denkmäler des Kunstgewerbes in Böhmen
und Mähren. Prag 1888. Serie II, Bl. ıı.
%) Abb. ebenda, Bl. 19.
83) Abb. in »Großindustrie«, 1898, S. 145.
%4) Abb. bei Koula,a.a. O. Bl. 46.
85) Abb. im Aukt.-Kat. Lanna Teil II. Berlin ıgı1. Nr. 845
86) Abb. im »Führer« S. 117.
Anmerkungen. 389
37) Abb. in Auswahl kunstgewerbl. Gegenstände aus der Retro-
spektiven Ausstellung in Prag 1891, Taf. 83 2.
58) Ein 1910 im Kunsthandel befindliches Fichtelberger Glas von
1687 trug die Signatur I. W. (wohl Wander).
VE lVgorpie Eee Sn 72. Dr As] DE Sce/himnder, Die
Glas- und Perlenfabrikation im Fichtelgebirge (Bayr. Gew.-Zeitung 1884,
Nr. 17) und Leist, Die Fichtelberger Gläser (Kunst und Gewerbe,
1873, Nr. 40).
39) Wal, Dir Aue, Dein tar, er es (OL © 00.
9%) S. Bau- und Kunstdenkmäler Thüringens, Bd. III, 3, S. 42.
9%) Abb. in der Zeitschr. des Münchner Altertumsvereins, 1895, S. 5.
3) Vgl. Höck, Statist. Darstellung des deutschen Fabrik- und
Handelswesens. Schmalkalden 1822.
%) Karl von Weber, Anna, Churfürstin zu Sachsen. Leip-
zig 1865. S. 455.
95) Von derselben Hand Adlerhumpen in der Sammlung Gumprecht
(Berlin) von 1685 und in Weimar von 1702.
9%) Ausführlich behandelt im Jahresbericht des Hamb. Museums
für 1903, S. 36 fi.
97) Fortsetzung von Neudörfiers Nachrichten (Wien 1875), S. 203.
98) Nürnberger Glaserlade (German. Museum) Nr. 15.
9) S. Schinnerer, Kat. der Glasgemälde des Bayr. Nat.-
Museums, München 1908 (Nr. 274—-326).
100) Über die letztgenannten Künstler vg. Doppelmayr,
Histor. Nachricht von den Nürnbergischen Mathematicis und Künstlern.
Nürnberg 1730. S. 233 u. 313.
zor) Vier davon abgeb. im Kat. der Histor. Ausst. der Stadt Nürn-
berg, 1906, S. 428. — Dort alle zu spät datiert.
102) Verfasser hat das Glas nicht selbst gesehen.
103) Vgl. des Verfassers Aufsatz im »Cicerone«, IgII, Heft 21.
104) Jahrb. d. Kunstsammlungen d. A. H. Kaiserhauses, Bd. 19,
Anhang, Nr. 16 878.
15) Sandrart, Teutsche Academie. Nürnberg 1675. Teil II,
S. 345.
106) Von mehreren Seiten abgeb. in »Auswahl v. kunstgew. Gegenst.
aus d. retrosp. Ausst. in Prag, 1891«, Taf. 73 u. 74; daselbst auch der
Stich Sadelers.
17) Lessing und Brüning, Der pommersche Kunstschrank
Berlin 1905, S. 29.
108) Vgl. (O’Byrn), Die Hofsilberkammer und die Hofkellerei zu
Dresden. Dresden 1880. S. 179.
109) Ebenda S. 63.
110) Abb. im Catalogue of the Coll. of Jewels and precious works
of Art. London 1910. Taf. 36.
ım) Abb. im Kat. d. Hist. Ausst. Nürnberg 1906, S. 427.
22) Vgl. den Führer von 1884, S. 22.
23) Vgl. A. Humbert, Nachrichten von verschiedenen Künst-
lern. 1768. S. 120.
214) Vgl. Fr. Trautmann, a.a.O. S.113 u. 142; und Gers-
pach, a. a. O. S. 264. — Gerspach schreibt ihm fälschlich den von Joh.
Keyll 1675 gemalten Becher im Berliner Kunstgew.-Museum zu.
15) Abb. in den Mitteilungen des K. K. Österr. Museums f. Kunst
u. Industrie. N. F. ı1. Jahrg. 1896. Fig. ı.
390 Anmerkungen.
116) Abb. in „Auswahl kunstgew. Gegenst. a. d. retrosp. Ausst. Prag
1891«, Taf. 772.
ı7) Vgl. W. Stengel, in den Mitteilungen des German. Nat.
Museums, 1908, S. 28.
218), Vel. D. von Schönherr, a.a.0. S. A.
119) Veröffentlicht von Dr. Schlesinger in den Mitteilungen des
Ver. für d. Gesch. der Deutschen in Böhmen, Jahrg. VIII, 1870, S. 220 fi.
120) Taf. 28 der Berliner Neuausgabe von Claesen.
122) Das beste Material dazu ist im Besitze des Breslauer Museums.
122) Abb. in Auswahl kunstgew. Gegenst. a. d. retrosp. Ausst. Prag
1891, Taf. 81.
23) Mitteilung von Herrn Dr. E. Hintze, Breslau.
124) Abb. im Jahrb. des Schles. Museums f. Kunstgew. u. Alter-
tümer, Bd. 2, 1902, S. 176.
125) Beschrieben und zum Teil abgeb. im Jahresber. d. Hamb. Mus.
für 1908, S. 48 ft.
126) Vgl. Joh. Friedr. Zöllner, Briefe über Schlesien. Berlin 1792.
IN2Bd., 5.269.
227) Wir beschränken uns hier auf die allerwichtigsten Angaben.
Eine ausführliche aktenmäßige Geschichte der Brandenburgischen Glas-
hütten wird vom Verfasser vorbereitet. — Verwiesen seı vorläufig auf:
L. Schneider, Kunkel von Löwenstern, in den Mitteilungen des
Vereins zur Geschichte Potsdams. Potsdam 1866. Teil II, S. 318 ff.;
Wilh. Gundlach, Friedrich Wilhelm I. und die Potsdamer Glas-
hütte, in der Keram. Rundschau 1901, S. 574 ff.,,und Bölsche, Joh.
Kunckel, der Glasmacher und Alchymist des Großen Kurfürsten in »Alt-
Berlin« (Mitteilungen des Vereins für d. Gesch. Berlins), 1909, S. 163 f.
— Im übrigen bedarf es noch der Aufklärung, ob nicht ein Teil der An-
lage in Drewitz selbst, ein anderer Teil auf dem Hackendamm gelegen hat.
228) Dlabacz, Böhmisches Künstlerlexikon Bd. III, S. 139.
29) Nicolai, Beschreibung von Berlin und Potsdam. 1786.
Bd. III, Anh. S. 32.
130) Abb. in »Ausgew. kunstgew. Gegenst. a. d. retrosp. Ausst. in
Prag 1891«. Tat. 78.
131) Mitteilung des Herrn Archivrat Mummenhoft.
132) Festschrift zum 300 jährigen Jubiläum von Lauscha. Lauscha
TSG AEESE 3
133) Ars vitraria experimentalis. Teil II, Buch I, Kap. 9.
134) Vgl. Stieda, Deutsche Fayencefabriken des 18. Jahrh. In
den Keram. Monatsheften 1903, S. I6.
135) Vgl. Acta eruditerum Lips. 1696. S. 345 u. 554.
136) Ebenda 1699, S. 445.
17) H. Weißenborn, Lebensbeschreibung des Ehrenfried W.
von Tschirnhaus. Eisenach 1866. S. 9.
13) H. A. von Ziegler, Historischer Schauplatz und Laby-
rinth der Zeit. Leipzig 1718. S. 188.
139) Vgl. Zimmermann, Die Erfindung und Frühzeit des
Meißner Porzellans. Berlin 1908. S. 95.
1) Vgl. Engelhardt, ]J. F. Böttger. Leipzig 1837. S. 342.
. 4) Mitteilung des Herrn Dr. Berrer in Kassel.
142) Ebenso.
143) Herr Prof. Chr. Scherer bereitet eine Arbeit darüber vor; die
meisten der folgenden Angaben werden seiner gütigen Mitteilung verdankt.
Anmerkungen. 391
144) Abb. in »Bau- u. Kunstdenkmäler Braunschweigs«, Bd. IV,
S. 198.
= Abb. in »Bau- u. Kunstdenkmäler des Kreises Wolfenbüttel«,
8. 32 UL 82.
146) Vgl. Pazaurek, Die Heimat der Zwischengoldgläser. In
den Mitteilungen d. Nordböhm. Gew.-Museums, 1898, S. 53 fl.
147) Über Mildner vgl. Fritz Minkus, Die Zwischenvergol-
dungstechnik und ihr letzter Vertreter Joseph Mildner zu Gutenbrunn
in Niederösterreich. In den Mitteilungen des K. K. Österr. Museums für
Kunst u. Gew. N. F., XII. Jahrg., S. 511 ff.
148) Abb. in den Mitteilungen des Nordböhm. Gew.-Museums, 1902,
S. 103.
2 Vgl. Cat. ofa Collection of continental Porcelain. London 1896.
Nr. 71. ö
150) Vgl. des Verfassers Aufsatz im »Cicerone<, 19II, Heft 21, und
die dort angeführte Literatur.
st) Vgl. Juan F. Riano, The industrial arts in Spain
(S. Kens. Museum, Art Handbooks). London 1879.
12) S. Gayangos, Thehistory ofthemuhammedan dynasties
in Spain. London 1840. Bd. I, S. 148.
1533) S. Fillon, L’art de terre chez les Poitevins. Niort 1864.
S. 208.
154) S. E. Fremy, Histoire de la manufacture Royale des glaces
de France au XVII et au XVIlIle siecle. Paris 1909. S. 263.
155) Vgl. Schuermans. Im Bulletin des Commissions Royales.
Brüssel 1884. p. 290.
156) Oeuvresde M. Bosc d’Antic. Parisı780. Bd.1,S.58f.
1577) Vgl. Schuermans. Im Bulletin des Commiss. Royales.
Brüssel 1890. S. 121.
158) Sehr interessantsinddievon Hartshorne in yOld English
Glasses«, Taf. 30— 32, abgeb. Musterzeichnungen, nach denen ein englischer
Händler um 1670 in Venedig Gläser für England anfertigen ließ.
159) Vgl. H, St. George Gray, Nailsea Glass. In The Con-
noisseur, IQII, S. 85. fl.
160) Vgl. Artur Pabst, Chines. Glasarbeiten, im Kunst-
gewerbeblatt, 1885, S. 40ff.; Bushell, Chinese Art, II. Aufl.,
London 1909, Bd. II, S.60 ff. und M. von Brandt, Das chinesi-
sche Glas, im Oriental. Archiv Jahrg. II, 1912, S. 77.
167) S. Fr. Hirth, China and the Roman Orient. Leipzig u.
München 1885. S. 228.
Literatur.
(Vgl. auch die im Text und in den Anmerkungen angeführten Schriften.)
Percy Bate, English Table Glass. London (1906).
M. Beaupr&, Les gentilshommes verriers ... dans l’ancienne
Lorraine Nancy 1846.
Rich. Borrmann, Geschnittene Gläser des 17. und 18. Jahr-
hunderts (Nr. 27 der Vorbilderhefte aus dem Kgl. Kunstgewerbe-
museum). Berlin 1901.
L’Abbe Boutillier, La verrerie et les gentilshommes verriers
de Nevers. Nevers 1885.
J-. Brinekmann, Führer durch das Hamburgische Museum für
Kunst und Gewerbe. Hamburg 1894.
Bruno Bucher, Die Glassammlung des K.K. Österreich. Museums.
Wien 1888.
Bart. Cecechetti (und Vinc. Zanetti), Monografia della
vetraria veneziana e muranese. Venezia 1874.
E. von Czihak, Schlesische Gläser. Breslau 1891.
A. Deville, Histoire de l’art de la verrerie dans l’antiquite. Paris
1873.
Edward Dillon, Glass. London 1907.
Carl Friedrich, Die altdeutschen Gläser. Nürnberg 1884.
W. Froehner, La verrerie antique. Le Pecq 1879.
Ed. Garnier, Histoire de la verrerie et de l’&maillerie. Tours 1886.
Gerspach, L’art de la verrerie. Paris 1885.
A. de Girancourt, Nouvelle etude sur la verrerie de Rouen.
Rouen 1886.
Alb. Hartshorne, Old English Glasses. London 1897.
Haudicquer de Blancourt, De }’art de la verrerie. Paris
1697.
Pieter d’Hondt, Venise. L’art dela verrerie. Paris, o. J. (nach
1889).
J- Houdoy, Verreries & la fagon de Venise. Paris 1873.
Albert Ilg, s. Lobmeyr.
Anton Kisa, Das Glas im Altertume. Leipzig 1908.
Johann Kunckel, Ars vitraria experimentalis, oder Vollkommene
Glasmacher-Kunst. Amsterdam und Danzig 1679. (II. Aufl.
1689.
Jules 3 arte, Histoire des arts industriels. Paris 1866. (Bd. IV
und Album Bd. II.)
L. Lobmeyr, Die Glasindustrie. (Darin Geschichte des Glases von
Albert Ilg.) Stuttgart 1374.
Literatur. 393
Ad. Marcus, Les verreries du Comte de Bitche. Nancy 1887.
Frant. Mares, Cesk& Sklo. (Darin viele sehr wichtige Dokumente
in deutscher Sprache.) Prag 1893.
Alex. Nesbitt, Catalogue of the Collection of Glass formed by
Felix Siade. London 1871.
—, A descriptive Cataloguc of the Glass Vessels in the South Kensington
Museum. London 1878.
C. Nyrop, Danmarks Glasindustri indtil 1750. Kopenhagen 1879.
Gust. E Pazaurek, Die Gläsersammlung des Nordböhmischen
Gewerbemuseums in Reichenberg. Leipzig 1902.
P. Pelietier, Les verriers dans le Lyonnais et le Forez. Paris 1887.
Fl. Pholien, La verrerie au pays de Liege. Liege 1899.
Edm. Schebek, Böhmens Glasindustrie und Glashandel. Prag
1878.
Gustav Schmoranz, Altorientalische Glasgefäße. Wien 1898.
O0. Le Vaillant dela Fieffe, Les verreries de la Normandie.
Rouen 1873.
Hermann Vopel, Die altchristlichen Goldgläser. Freiburg ı. B.
1899.
Ed. Vopelius, Entwicklungsgeschichte der Glasindustrie Bayerns.
Stuttgart 1895.
Vorbilderheft, s. Borrmann.
Zanetti, Ss. Cecchetti.
Gustav E. Pazaurek, Kranke Gläser. Reichenberg 1902.
(Privatdruck.)
Register.
Abu-l-abbas Käsim Ibn Firuäs 367.
Achatglas 80. 328.
Achmunein 7.
Achtmännerglas 192.
Aelst 148.
Aggriperlen 85.
Agricola 3. 136.
Agypten 7. 40. 42. 43.
Ala 118.
Alabastron 10.
Albinus, P. 134.
Aldrevandın, Magister 37.
Aieppo 53.
Alexandrıen 7. 8.
Allori, Aless. 72.
Almatret 368.
Almeria 367.
AltaresS nero:
Altaristen-Kollegium 286.
Altmünden 338. 345.
Al-“Umari 53.
Ambras 119.
Ambrosia-Schälchen 281.
Amida 50. 51.
Amiens 9.
Amman, Jost 72. 151. 216.
Amsterdam II6. 117. 374.
Andalusia 367.
Andernach 9.
Andlau, Peter von 162.
Andre 305.
Angster 151.
Antiochia 53. 62.
Antwerpen I12. 123.
Apian 134.
Apostelhumpen 166.
Argentieres 373.
Assyrien 7.
Atzen 237. 294.
Aventurin 86. 383.
Aziz-Billah 44.
18. 62.
224.
Badis, Joh. Peter de 122.
Bagdad 51. 52.
Baireuth 180.
Balbinus 136. 137.
Bang 231.
Balsamarien 10.
Balsamarıum von Torrita 27.
Barbaro, Marc Antonio 56.
Barcelona 63. 368.
Basdorf 84. 207.
Bassano, Jacopo 211.
Baumgartner, Joh. Wolfigang 288.
Bayrischer Wald 170.
Becker, Engelhardt 133.
Beham, H. S. 72.
Beinglas 292.
Belgien 9. 350.
Bellini, Jac. 68.
Belzer, Zacharias 227.
Bencherlt, Hermann 210.
Berain, Jean 269.
Berensdorff, Sebastian 254.
Bergamo III.
Bergkristallarbeiten 44. 222.
Berlin 129.
Berliner Glasschneider 301.
Beınardi 222.
Beroviero, Angelo 87.
Beuthen a. O. 179.
Bichel, Ägidius 267. 271.
Biedermeiergläser 294. 324.
Bigaglia, Pietro 65.
Birckenhultz, P. 231.
Biringuccio 100.
Bischofsgrün 134. 183.
Bitsch 135.
Blasser, Joh. Christoph 185. 187.
Bleiglas 293. 351. 378.
van den Blijk 365.
Blondio, Onossorius de II®.
Blottendorf 139. 172. 292.
‚Register.
Bode, Joh. Chr. 303. 322.
Bohemund VI. von Antiochia 62
Böhmen 84. 133. 136. 140. 172.
212. 216. 218. 246. 350.
Böhmerwald 134.
Böhmischer Glashandel im Aus-
land 261. 301. 370.
Bois-le-Duc 113. 117.
Bologna 63. 110.
Bonhommes I13. 117. 350. 351.
378.
Bontalenti 222.
Bontemps 105.
Bordone 69.
Borniol 374.
Boers, B. 364.
Bose d’Antie 376.
de Boeselager 364.
Bot, Jan 364.
Böttger, Joh. Fr. 338.
Boulogne 9.
Bouts, Dirk 142. 143.
Bowes, Sir Jerome 377.
Brandenburg 135. 203. 294.
Braunschweig 347.
Brescia III.
Breslau 179. 275.
Briati, Giuseppe 65. IO1.
Bristol 84. 379. 380.
Brunaro, Caspar 128.
Brüssel 113.
Bruyninck, Jehan 112.
Büchelein, Joh. 330.
Buil, V. 364.
Bupolin, D. 65.
Busch, Kanonikus v. d. 222.
Byzantinisches Glas 35. 62.
Byzanz 382.
Cadalso 370.
Cadıx 262.
Calvart, Joanne Baptista 127.
Canale, Martino da 62.
Canne ritorte 101.
Canton 382.
Caradosso 222.
Carafia, J. Ant. 65.
Cardanus 136.
Carpaccio 92.
Carre, Jean 377.
Carzig 299.
Cassıus, Andreas 138.
Castellani, Jean 374. _
395
Castellano 117.
Castel Trosino 31.
Castille, Anthonius. de 128.
| Castril de la Pena 367.
| Castro, Daniel Henriques de 366.
Catena, V. 68.
Cebreros 370.
Cellin 299.
Cervellö 368.
Chardin 59.
China 381.
Clerissy 375.
Colbert 375.
Collaert, Adrian 248.
| Confitur-Schalgel 281.
Contarinı 56.
Conterien 63. 64. 123.
Cordoba, Pedro de 58. 368.
Cordova 58.
Cornachini, Jean Mich. 123.
Coucke, Pieter 147.
Crivelli 68.
Cron, Joh. Gg. Chr. Gottl. 330.
Cuthbert, Abt von Wearmouth 32.
Damaskus 53. 55. 56.
Daum, Mich. 330.
Decker, Paul 269. 330. 339.
Dessau 129. 154. 204. 295.
Diamantgravierung 99. 119.
2172 3607 384.
Diatreton 24.
Dijarbekr 50.
2un,
| Doppelgläser 352.
Dorsch, Erhard 241.
Dreißighufen 297.
Dresden 198. 337.
Drewitz 203.
Düsseldorf 297.
Edelsteinimitation 34. 62. 375.
Edenhall, Glück von 49.
Eder, Paulus 241.
Egermann 139.
Eisglas 108.
El Kab 7.
Emailglas, antik 18.
—, byzantinisch 36,
—, orientalisch 47.
—, venezianisch 87.
—, deutsch 157.
—, spanisch 370.
396 Register,
Emailglas, französisch 372.
Engelhardt, David 227.
Engelhart 113.
England 9. 377.
Ennion 12.
Entfärbungsmittel 2.
Eysler, Joh. Leonh. 270. 271.
Ez-Zahir 44.
Faber, Joh. Ludwig 211.
Fadenauflagen 21. 31..43. 106.
Fadeneinlagen 14.
Fadenglas I5. IO0. 124. 125. 129.
139. 198.
Falkenau 134. 135. 172. 177
Farbenglas 2. 14. 77. 227. 3
Ferdinand, Erzherzog 119.
Feilner 324.
Ferrara 63. IIO.
Ferrari, Gaudenzio 72.
Nano, ze Sue 712%
ER] Jean 373-
Fichtelberger Gläser 168. 185.
Fichtelgebirge 134. 180.
Finance 3796.
Fino, Abraham 76.
Fioravanti, Leonardo 114.
Fischart 151.
Flandern 64. I1I.
Flintglas 364. 378.
Florenz I11.
Flöte ı1®. 360.
82.
Flügelgläser 73. 75. 104. I14. 126.
128.
Fondi d’oro 19.
Fontainebleau 375.
Fortuijn, Willem 365.
Foscari, Alvise 65.
Franckenberger, Tobias 248.
Franken ISo.
Frankfurt a. M. 243.
Fränkisches Glas 30.
Französisches Glas 83. 371.
Fremel, Constantin 337.
—, Georg 337.
— , Maximilian 337. 338.
Friedrichsgrund 275. 293.
Friedrichswald 177.
Friedrichswerder 300.
Frizer, Gregorio 125.
—, Tiberius 125. 126.
Fugger, Marx 76.
Fürth 331.
Gallien 9.
Gallische Zirkusbecher 12
Gampe, Daniel 295.
— , Gottfried 204: 295.
—, Hans Gregor 203. 295.
Garzoni 86. 114.
Gelsdorf 9.
Gentile da Fabriano 88.
Gentilshommes verriers 375.
Genua III.
Gipsreliefs 324.
Glasblasen, Erfindung 10.
Glaser Lorenz 185.
—, Michael 185.
Glasfiguren 76. 374:
Glas in Venezianer Art 74. IIO.
Glaskrankheit 28.
Glasofen 3.
Glatz 133. 179. 287.
Globsow 207.
Glockenthon, Albrecht 95. 157-
Glücksburg 337.
Goldgläser 19. 34. 36.
Goldrubinglas 138.
Götz, Adam IQ91.
Gral 41.
Granada 367.
Gratzen 139.
Graz 118.
Greene, John 147-
Greenwood, Frans 365.
Greiner I34. 135.
—, Johann 188.
—, Stephan 185.
Gridolphi, Philippe de ı12. 127. '
Griechenland 8.
Grießbeck, Daniel 227.
Grim 132.
Grimnitz 135. 140. 147. 172. 203.
204. 294.
Großalmerode 131. 189. 191.
192.
Grünenplan 347.
Grünewald, Matthias 70.
Grüssau, Kloster 277. 286.
Guagnini 127. 129. ä
Guineische Compagnie 296.
Gundelach, Augustin Ig1.
— (Cunnelach), Frantz 190. 192.
—, Familie 113. 132.
—, Frantz 345.
—, Gg. 129. 295.
Gundlach, Joh. Heinr. 345.
Register. 397
Guttenberger, Gg. 211.
Guttenbrunn 356.
Haag 117.
Haarlem 117.
Hackendamm 295.
Haıda 294.
Elattde, 1]. 62288.
Haindorf, Kloster 356.
Hall in Tirol 100. 118. 215. 261.
Hallorengläser 168. 200.
Heda 148.
Hedwigsgläser 45.
Hecl, Johannes 241.
de Heem 148.
Heemskerk, Will. Jacobsz van 116.
363.
Heilbrun 130. 248.
Helmbach 139.
Helmhack, Abraham 211.
Helsingör 128.
Hennezel 376.
Hensel 280.
Heraklıus 20. 33.
Herold 298.
—, C. F. 358.
Herrisvad 125.
Hertel, Gg. 288.
Herwig, Joh. Casp. 302.
Herzknöpfgen 147.
Heß, Johannes 243.
—, Johann Benedikt d. Ä. 243.
243.
— , Joh. Benedikt d. J. 243.
—, Peter 244.
— , Sebastian 243.
Hessen 131. 189. 343.
Hille, Peter 140.
Hinterglasmalerei 97.
Hirschvogel, Augustin 95. 122. 157.
Hochgesang, G. L. 151.
Hochmark 9.
Hochschnitt 24. 222. 250. 310.
Hochstetter, Sebastian 118.
Hock, Christoph 185.
Hofemann, Martinus 178.
Hofkellereigläser 188. 19I. 194.
Holbein 70.
Holland 221. 351. 360.
Hollar, W. 283.
de ’Hommel 364.
Hoolaart, G. W. 365.
Howell, James 378.
Hrabanus Maurus 34.
Hu 382.
Humpen 146.
Hunger 358.
Huober, Heinrich 211.
Hütten 205.
Huy 113.
Hyalıth 139. 292.
Jacomo dı Francisco 112.
Jaffa 56.
Jagdhumpen 167.
Jaspisglas 79. 374.
Ibn Batoutah 531.
Igel 146.
Innsbruck 118.
Johann-Georgenstadt 192. 194.
Josephinenhütte 103.
Irak 47. 51. 58.
Irisierung 28.
Isidoro, San 367.
Jugeler Hütte 134.
Jung, Melchior 128.
Kadesia 51. 59.
Kahl, Gottfried 275.
Kaıfa 50.
Kalf 148.
Kalligraphenschnörkel 265.
Kaltbemaltes Glas 97. 119. 205.
213.
Kämmen 13. 107. 369.
Karel, Jan Janszoon 117.
Karlsreliquiar in Halberstadt 39.
Karneolglas 82.
Kartengläser 168. 196.
Kassel 124. 129. 154. 193. 331.
Katalonien 367.
Kaufelt (Kauffelt) 113. 132.
Käul, Joh. Leonh. 241. 330.
Keyl, Michael 241.
Keyll, Johann 211. 241.
Khosroesschale 40.
Kiel 128.
Killinger 241. 328.
Knye, J. M. 337.
Koelhoff, Johann 162.
Köln 9. 63. 112. 127. 128.
Könlen, Albertus 162.
Konstantin d. Gr. 35.
Konstantinopel 35. 56.
Kopenhagen 128.
Körbin bei Pretzsch 198. 337.
398 Register.
Körbleinsche Spiegelfabrik 350.
Koster, C. 364.
Kothgasser, Anton 213.
Krakau 64.
Krause, Andr. Gottl. 305.
—, Joh. Jac. Phil. 305.
Krautstrunk 143.
Kreibitz 135. 172.
Kreichauf, Seb. Magnus 330.
Kreideglas 137.
Kreussen I80.
Kreybich, Gg. Franz 137. 262. 378.
Krieger, Ehrenfried 259. 327.
Kristallschnitt 44. 222.
Krombach (Krompach) 178.
Kunckel (Glasmacherfamilie) 132.
133. 336.
—, G. E. 332.
—. Johann 84. 137. 295. 301. 327.
352.
—, Marx 295.
Kupferrubinglas 138.
Kurfürstenhumpen 164.
Kuttrolf 132. FR
Labarte 101. 105.
Lackmalerei 97. IIQ. 205. 213. 215.
384.
La Granja de San Ildefonso 370.
Laibach 118.
Lambot, Diodonet 370.
de Lame, Jean 112.
Lamination 15.
Landi, Nicolo 111.
Landshut 123. 154.
Langem, Bernardus de 64.
Langer, Casper Gottlieb 285.
Lannoy, Cornelius de 377.
Latticino 83. IO1.
Lattimo 83. 101.
Laub- und Bandelwerk 265. 272.
Lauensteiner Hütte 344.
Lauer, Johann 295. 296. 297.
Lauscha 134. 184. 188.
Lebensalterhumpen 167.
Lehmann, Caspar 223. 229.
Lencker, Engelhardt 191.
—, Frantz 191.
Lesbos 8. .
Leygebe, Gottfried 01.
Liemer (Liehn), H. G.
Lippert 132.
192. 330.
Lippi, Fra Filippo 68.
Lissana 124.
Lithyalin 139. 292.
Locarno 122.
Lokhorst, H. V. 364.
London 378. 379.
Lothringen 133. 375.
Lotzen 207.
Ludwig, Jobst 295. 296. 297.
Luna ıı1.
Luntz 146.
Lullo, Bischof von Mainz 32.
Lutherbecher, sog. 49.
Lüttich IIı. I12. 113.
350. 360. 378.
Luyten, P. 365.
Lykurgosbecher 26.
Lyon III. 372..
156. 344.
Machecoul 373.
Maigelein 142.
Mailand ı11.
Mansell, Sir Robert 378.
Mantua 63. IIO.
Maria (Prov. Almeria) 367.
Marienwalde 203. 206. 294.
Marinelli, Berardo 118.
Marinetti, Bernardo 129.
Marmoriertes Glas 79. 204.
Marot, Daniel 269.
Marperger, P..J. 336. 343.
Martiniere, Pierre 128.
Marziale 69.
Maso da Finiguerra 90.
Maestricht 113.
Mataro 368.
Mathesius 139. 145. 146. 151. 217.
223.
Mäuerl, Anton Wilhelm 328.
Maywald, Benjamin 275.
—, Joh. Gottfried 275.
Mazar, Sebastian 298.
Meißen 339.
Meister der nmeliahrt Marıä
144.
Meister der Lyversberg. Passion
142.
Meister des Todes Mariä 152.
Melort, Andries > £
Melun 374.
Merkurfläschchen 13.
Merret, Chr. 378. -
Mesopotamien 47. 50. 51. 59.
Register.
Meßkelch 32.
Metzger 299.
Mezieres 112.
Milchglas 83.
Mildner, Johann Joseph 356.
Millehoriglas 17. 85.
Ming Oi 40.
Miotti 87.
—, Antonio II3.
Miseroni 223.
Mohn, Gottlob Samuel 212.
‚ Sieismund 212.
Mongarda, Ambrosio 112.
Montbassault, Joh. Ferd. 338.
Morosini, Francesco 65.
Morron (Moroni), Ferrante 112.
Mosaikglas 16.
Moscheelampen 47. 53. 54. 56.
Mostaert, Jan 144.
Mosul 51.
Müller 182. 185. 188.
—, Christoph 134.
—, Michael 137.
—_, Sal. Christ. 330.
München 124. 154.
Münden 189. 192.
Murano 63.
Murcia 367.
Mutio, Theseo 373.
Mykene 8.
Nailsea 380.
Namur 9.
Nantes 373.
Nara, Schatzhaus zu 38.
Neapel ııı.
Necker, Davıd de 162.
Neri 77. 78. 79. 84. 111.
Nerlich, Nickel 162.
Netzglas 24. 104.
Neudörfichen 297.
Neustadt a. d. Dosse 376.
Neuville 113.
Nevers 76. III.
Newcastle 379.
Niccolö da Foligno 68.
Nickel, Hanns 95. 122.
Nicolas der Welche 118.
Niels, Glaspuster 124.
Nocera Umbra 31.
Noor, Erich Nicolaus 338.
Normandie IIT. 375.
Nuppengläser 22. 30. 143
136.
374.
10.
138. 324. 370. 380.
399
Nürnberg 122. 156. 208. 215. 210.
328. 3706.
Obisii, Antonio 117.
Oebisfelde 298.
Officma Frontiniana 13.
Onyxgläser 15.
Opalglas 84.
Oranienbaum 129. 150.
Orientalisches Glas 35.
Orleans 374.
Ornamentstiche 266. 288.
Ortokiden 50.
Padua 63. 110.
Pallada, Giovannı 129. 298.
Dans nun. 27 37i9e
Parma Iı1.
Pasquetti, Jacomo 112.
Paßglas 132. 145. 196.
Pedro de Cordoba 58. 368.
Peking 382.
Penez, Georg 109. _
Peranda 124.
Percivall, Thomas 378.
Perogini, Petrus 128.
Perrot, Bernard 374.
Persien 7. 47. 55. 58.
Petersdorf 253.
Petit, M. 364.
Pettenkofer 37.
Pfalz 376.
Pfaueninsel 296. 297.
Phönizien 7:
Pinar de la Vidriera 367.
Pinnow 297.
Pisa 111.
Plinius 34.
Pohl, Franz 103.
Poitou 373. 374. °
Ponte, Jacopo da 101.
Portlandvase 26. 27. 381.
Portugal 8. 262. 370.
Poshan-hsien 382.
Potsdam 129. 137. 138. 203.
254. 295.
Praun (Nürnberger Familie) 96.
214.
Preisler (Preußler), Bastian 134.
—, Joh. Daniel 271.
Preisler (Preußler), Georg 196.
Pretzsch 198. 337. 339.
Preuseler (Preußler), Georg 204.
204
400
Preußler 192. 212.
— , Christian 177. 178.
—, Wolfgang 179.
Provence 37I. 372. 373.
Punktieren 364.
Purschenstein 192.
Puteoli S. 23.
Radi, Lorenzo 65.
Raffaelschule 98.
Rauter 139.
Ravenna 63. 110.
Recknagel, David 303.
Recuenco 370.
Rehnen, Heinrich von 203.
Reichenberg am Rachel 171.
Reichsadlerhumpen 160. 170.
Reiff, Joh. Conradt 268. 269.
Reinhart, Oswald 95. 122. 157.
Reisglas 383.
Reliefgoldgläser 353.
Reliefschnitt 24.
Remagen 9.
Reuttimann, Joh. Conrad 267.
Rheims 9.
Rheinische Goldemailgläser 20.
Rheinsberg 304.
Rhenanus, J. 133.
Rhodos 8.
Riario von Savona 81.
Ridolfi, Jac. 373.
—, Lodov. 373.
Ritter, Christian 330.
Rohrbeck, W. ]J. 299.
Rom 8. 111.
Romanino 69. 70.
Römer 113. 116. 146.
Roemers, Anna 3953. 364.
—, Tesselschade 363.
Rösel, Pıus 337.
Roßbach, Elias 302. 303. 322.
Rost, Gg. 330.
Rouen 375.
Royo Molino 367.
Rubinglas 296. 324. 325. 383.
Rüel, Gottfried 129. 204. 295.
Rugendas 283.
Rump, Joh. 288.
Rüsselbecher 31. 150.
Sabellicus, M. A. 71. 86.
Sachse, Gottfried 304.
Sachsen 134. 140. 192. 218. 337.
Register.
Sadeler, Johann 226.
—, Raphael 211.
Sagan 179.
Saint Germain en Laye 373.
Salısbury 377.
Salvatorhumpen 166.
Salviatiı, Antonio 65.
—, Fabiano 373.
Samarra 5I. 59.
Sang, A. F. 348.
—, Jacob 350. 352.
—, Joh. Heinr. Balthasar 348. 349.
San Martin de Valdeiglesias 370.
Santino, Francesco 128.
Sarode (Saroldi) 374.
Saroldı 127.
Sarroda, Antonio 127.
Sassanidisches Glas 40.
Sautijn, W. 365.
Savonetti, Francesco I12.
—, Jean 113.
—, Ludovico II8. 129.
Scapitta, Giac. Bern. 129.
Scarpoggiato, Giovanni 124.
Schackert, Gebr. 84. 207.
—, Carl Christian 303.
—, Joh. Er. 304.
—, Joh. Gottl. Jonathan 305.
Schafigotsch, Graf 253.
Schapergläser 208.
Schaper, Johann 185. 209.
Schedel, Hartmann 162. 164.
Scheidemantel, Joh. Christoph 302.
Schindeler, Wolf 204.
Schirrensee 296.
Schlabendorf, von 3.
Schlangenfadengläser 22.
Schlesien 133. 137. 139. 179. 212.
216. 218. 246. 250. 272.
Schleusingen 135. 189. 336.
Schliff 6. 22. 250. 379.
Schlosser, Zacharıas 229.
Schlurch, Johann 303.
Schmidt, Elias 330.
—, H. W. 240.
—, Joh. George 302.
—, Stephan 240.
Schneider, Christian 275. 280. 289.
Schnitt 6. 22. 38.
Schönau unter dem Lusen 171.
Schonck, A. C. 364.
Schopp 207.
Schorborn 347.
Register.
Schouman, Aart 365.
Schreiberhau 133. 137. 179.
Schüman, Kanonikus 364.
Schumann, Andreas 303.
Schurich 303.
Schürer von Waldheim 177. 192.
—, Blias 204.
—, Florentinus 177.
—, Jean 135.
—, Paul 134. 177.
—, Simon Gotfreidt 177.
Schwaben 135.
Schwäbisch-Gmünd 123.
Schwanhardt, Georg d. A. 227. 236.
—, Geo dL j: 23%
—rleimwchW>gAr 23/8:
—, Maria 237.
—, Sophia 237.
—, Susanna 237.
Schwartz, S. 331.
Schwarz, Bernhard 123. 134. 142.
Schwarzbach 178.
Schwarzburger Strafglas ı51.
Schwarzburger Willkomm 189.
Schweinichen, Hans von 76. 179.
Schwinger, Hermann 238.
Senff, Joh. Gge. 302.
Shosoin zu Nara 38. 41.
Sidon 10.
Sidonische Reliefgläser 12.
Siebel 213.
Siebenhaar, Friedrich 280. 289.
Silhouetten 288. 292. 324.
Situla von S. Marco 25.
Sitz 132.
Soop, Jan Henrikszoon 117.
Sophienkirche 35. 38.
Spanien 8. 59. 107. 262. 367.
Spechter 145.
Spessart 131.
Spiegelfabrikation 63. 331. 370. 375.
Spiller, Gottfried 300. 308. 310.
Stangengläser 145.
Steinkohlenfeuerung 2. 133. 375.
378.
Steinschönau 172. 292.
Sten Bille 124.
Stenger 132.
Stennewitz 207.
St. Gobain 375.
Stippen 364.
Stockholm 128.
Stourbridge 379.
Schmidt, Glas.
401
St. Quirin 375.
Strauch, Georg 208.
Stropp, Siegfried 299. 304.
Struden, Paul 238.
| Surrey 377.
Syrien 47. 53. 58. 59.
Taracco 9.
Taubmann, Daniel 302.
Tell el Amarna 7.
Tensino, Silvio 127.
Theben 7.
Theodelinde, Becher der 41.
Theophilus 20. 32. 34. 36.
Thiery 376.
Thüringen 134. 188. 336. 344.
Tiefschnitt 223. 256.
Tiepolo, Lorenzo 62.
Tierüiguren aus Glas 152.
Tille, Christof 129. 295. 300.
Timurleng 50. 53.
Tisac 376.
Tischberger, Conr. 330.
Tizian 69. 70.
Toledo 370.
Tongerlo, Abrah. van 117.
Tornow 304.
Tournay, Simon de 297. 298.
Treviso 63. IIO.
Trient ıır. I18.
Trier 9.
Trümper 299.
Tschapoli 383.
Tschirnhaus, E. W. von 82. 337.
Tschirnhausglas 337.
Turin I11.
Tyrus 8.
Überfangglas 18. 26. 381. 383.
Valerio Vicentino 222.
Vasa murrina IS.
Vası a ritorti 102.
Veckerhagen 191.
Venedig ı. 56. 59. 61. 374. 376.
Verdun 113.
Vergoldung 19.
Vermand 9.
Verona 111.
Veronese 69. 72.
Verre de France 375.
Verzelini, Jacopo 377.
Vexiergläser 154.
26
402 Register.
Vicenza 63. | Westmal, Baron de 337.
Vico, Enea 121. , Wien 64. 118.
Villach 118. | Wiesauer Hütte 274.
Villanueva de Alcorcon 370. Wilhelmsberg 140. 173. 216. 218.
Vincx, Sara I12. ı Willkomm 149.
Vitl, Wolfgang 118.
Vivarini, Alvise So.
Wind, Tonnis 124.
Winter, Friedrich 253. 300.
—, Antonio 88. | —, Martin 254. 300. 308. 310.
Vogel, Hans 164. \ Winterberger Hütte 137.
Vogtland 193. \ Witz, Konrad 148.
von der Lausch 135. 185. Wolfersdorf 178.
Volperszdorf 177. | Wolft, D. 357. 365.
Voß, Martin de 260. | —, Peter 221.
\ Worcestershire 377.
Waldenburger Gebirge 179. \ Worms 9.
Waldglas 135. |
Wander(er) 185. | Xanten 9.
—, Georg 177. |
Wappengläser 159. I Zach, Hl 238.
Zahn, David Heinrich 299.
Zechlin 138. 284. 299. 319. 327.
Warisco, Franciscus 124. 125.
Warmbrunn 274.
Warzenbecher 143. Zeilberg 177.
Weidlingen 118. Zerpenschleuse 297. 298.
Weigel, Joh. Christoph 270 ı Zillbach 336.
Weiterer Hütte 192. | Zimmermann 304.
Wellner, Johann 180. Zunftgläser 159.
Wendt, Joh. David 305. Zürn, Carl Ludwig 305.
Wentzel 113. 132. 189. ı —, Joh. Gge. 304.
Wessler, Hans 227. \ Zweerts, H. 364.
Westfälische Friedensgläser 165. _Zwengel, Joh. Peter 162.
182. Zwischengoldgläser 354-